Lichtblick

2012-09-17 19.39.28Gustav findet in einer E-Mail, Absender unbekannt, mit dem Betreff „Souvenirs“ eine Fotocollage: Die ehemalige Stasiburg von Lauterberg, ein weiter Blick über die Stadt und die Berge – er kann nur aus dem Fenster des Turms geschossen sein −, die Herbstfarben der Insel im Liepnitzsee, eine Haarsträhne im Gegenlicht: Kupfer und Silber, dazu Verse, ein Satz:

 

 

„ ‚Ein tiefstes Weh vermählt

die Liebe dem Verlust

im Schlaf, im Traum, zum Tod

so wird er dir bewusst.‘ –

Du erinnerst Dich – oder?“

Es ist kein Erinnern. Es ist ein Blitz, es ist tiefe Scham über alles Versagen seines Lebens, ein atemloser Moment zugleich: Ein Film läuft, beginnt 1974, seine Szenen wurden nie gedreht, überblenden nun alles reale Geschehen, wollen auf einen Schluss hinaus, der alles sein kann außer einem Happy End. Will er wissen, wie es ausgeht?

Er will.

Der Ärger mit dem Nachwuchs – anno 1974

StasikindOberst Hofrichter, Leiter der MfS-Behörde in Lauterberg hat eine hübsche Tochter, kaum 18, mit kupferrotem Haar. Leider sind die Gedanken im Kopf darunter nicht unter Kontrolle zu bringen. Noch ein Problem, das mit der Stasi nicht aussterben wird.

Neuerliche Inspektion ihres Zimmers hatte rote Nebel der Wut in seinen Kopf getrieben: Silvia wollte nicht lassen von der Verführung durch ein feindlich-negatives Subjekt. Begonnen hatte das Anfang der siebziger Jahre, sie war gerade sechzehn, vorigen Sommer hatte sie den Abschaum wiedergesehen, bei den Weltfestspielen in Berlin. Es waren Briefe gewechselt worden, nun war gar ein Foto aufgetaucht. Er hatte darauf vertraut, dass die Entfernung die Leidenschaft erkalten ließe, hatte keine Reisen nach Berlin erlaubt, Ausgangssperren verhängt, sobald die operativ kontrollierte Person in Lauterberg zu erscheinen drohte. Es hatte nicht geholfen, das Kind wurde aufsässig.

Schlimmer noch, dass ein Schreiben aus Berlin eingegangen war, den Horbel, Gustav, betreffend. Er hatte sich zum Komplizen eines Westberliner Schreiberlings gemacht, eine HS-Beziehung höchstwahrscheinlich. Nachfragen kamen aus der Hauptstadt, „ob und inwiefern der Observierte … “; natürlich gab es einen Vorlauf. Hofrichter hatte die Akte kommen lassen. Der Knabe war mit vierzehn notorisch: Kirchgänger, feindlich-negative Einstellung, verweigert die Werbung als Reserveoffizier der NVA, fällt bei schulischen Veranstaltungen durch bürgerliche Abweichungen auf, letzter Höhepunkt 1969: eine westlich-pennälerhafte Abiturzeitung mit dem Titel „Mülldeckel“, verdiente Genossen Lehrer darin verspottet, ein mindestens ebenso unverschämter, dieselben parodierender Auftritt beim Abiturball.

Sie hatten die Schulleitung dafür maßgenommen, dass sie den Horbel überhaupt zuließ zum Studium. Aber eigentlich waren dann alle froh, dass er weg war, er selbst, Hofrichter, am meisten. Mochten sich die Genossen in der Hauptstadt mit dem Abschaum herumärgern. Doch nun kam das Problem gleich zwiefach zurück, als offizieller Vorgang und Familienzwist, ein Scheißproblem.

Als er hörte, wie sich die Wohnungstür schloss, der leichte Schritt der Tochter sich über den Korridor näherte, begann der Oberstleutnant, auf den Stiefelspitzen zu wippen. Er wandte sich nicht um, als sie das Wohnzimmer betrat, presste die Lippen aufeinander, als sie hallote. Er schwieg.

„Ist was?“

Das Wippen verhielt, Verachtung zischte durch die Zähne: „Was ist? Schluss ist, Schluss mit meiner Geduld!“

Gefährliche Spiele

Als Gabi ihre Tochter zum ersten Mal mit einer tanzenden Untertasse erwischte, nahm sie es von der heiteren Seite. Dass spielende Kinder Gegenstände zweckentfremdeten, war normal. Es war also auch normal, einen Teller auf den Rand zu stellen, ihn um die eigene Achse kreiseln zu lassen, zuzusehen, wie die Kreiselbewegung ins Schlingern kam, Frequenz und Geräusch sich steigerten, bis das Ding platt auf dem Boden lag. Sie fragte sich nur, wie Carla darauf gestoßen war: Sie selbst hatte ihr den Trick nie gezeigt. Er gehörte zur Vergangenheit, zu den Liebesnächten mit Anton, zum Aufstieg in den Spitzenkader des DDR-Sports, zum Absturz ins Leben als Geschiedener mit Kind. Sie hatte nie mehr versucht, ihre besondere Gabe beim Umgang mit rotierenden Scheiben wiederzufinden. Im Augenblick, da die Rotation von Carlas Untertasse auf dem Küchentisch erstarb, fiel ihr ein, dass gerade zehn Jahre seit jener Nacht im Studentenheim vergangen waren, in der sie über sich hinausgewachsen, in deren Folge sie vom Physiker Fürbringer erobert worden war. Hatte Anton der Tochter irgendwann gezeigt, was sie mit Tellern, Münzen, jeder Art Scheiben anstellen konnte?

„Hast du das im Hort gelernt?“

„Nö, das konnte ich schon immer.“

Freiheit heißt: Da ist nichts mehr, was zu verlieren ist

“Freedom’s just another word for nothing left to lose …”

Herrenstraße26Horbel ist immer noch daran gewöhnt, von der Hand in den Mund zu leben. Dass die Aufträge vom Radio kaum reichen werden, die Fixkosten zu decken, nimmt er hin. Seine Familie hat allen Besitz, alles was Sicherheit verhieß, im Laufe von anderthalb Jahrhunderten deutscher Politik verloren: Immobilien, Aktien, Geldvermögen.

Der Sozialismus befreite Gustav Horbels Mutter und Großmutter vom letzten Rest Eigentum: sie mussten das alte Haus in der Herrengasse samt Grundstück, den Garten mit der Turmruine neben der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit zu einem Spottpreis verkaufen, den der Staat diktierte. Die Alternative wäre Enteignung gewesen; die beiden Frauen waren nicht verrückt genug, 1971 auf deutsche Einheit und Restitution zu wetten. Sie hatten Angst.

So wurde Gustav Horbel von der Verpflichtung auf ererbten Grundbesitz befreit. Auch von Illusionen über Zusammenhänge von Staat, politischen Parteien, Recht und Gerechtigkeit. Er las viel, er träumte, nahm seine Luftschlösser mit nach Berlin, in den Westen: überallhin. Versuche, diese Luftschlösser zu enteignen, schlugen überall fehl. Die Chinesin versucht es manchmal noch, sie ist die einzige, der Gustav dazu ein Recht einräumt.

Ihr gemeinsamer Freundeskreis ist klein. Am liebsten ist Gustav in der Gesellschaft jener, für die er sich einmal entschieden hat, teilt mit ihnen die Erfahrung des glücklichen Scheiterns. Hans ist einer seiner frühesten Freunde, er hat ihn tanzend neben einem Brunnen getroffen, Hans hatte gerade seinen Mühlstein darin versenkt. Anselmus, Peregrinus Tys, der Meister Floh gesellen sich ihnen zu, der erfolglose Komponist Kreisler und sein alter Ego, der Gespenster-Hoffmann, Bodmer, der Grabsteinverkäufer ist mit von der Partie, dazu Harry Haller, der müde Jerry aus New York, der sich irgendwann von einem verschreckten Kleinbürger abstechen lassen wird. Mit dem kleinen Häwelmann ist Gustav lange vor Armstrong und Aldrin auf dem Mond gewesen, mit Robert teilt er sich den Schirm für den Flug in die Freiheit, einziges Ziel: Fliegen. Wohin? „Wo der Wind sie hingetragen…“, wo das Wunder wartet: einfach nur zu überleben ist ein Wunder.

Vom Thüringer zum Schwarzwald

Schwarzwald

Es ist kein Zufall, dass er im Schwarzwald gelandet ist. Der Kreis will sich schließen, das Alter sich der Kindheit versichern, der schönen Tage, der geschönten vielleicht auch. Aber der Wald ist darin untrüglich, eine feste Größe, tröstliche An-Wesenheit, der Ort, zu sich zu kommen.

Kaum dass er laufen konnte, hatte das Wandern begonnen: hinauf auf den Hügel mit dem Turm, oder entgegengesetzt zur Kapelle zwischen hundertjährigen Buchen, bemoosten Felsen, grünsamtenen Arabesken in rötlichem Quarzporphyr. Aus dem Stein springt ein Quell, Gustav hört ihn wispern und plätschern, hört Amseln, Buchfinken, sieht silbergrau die Stämme mit dunklen Spuren darin, geheimnisvollen Zeichen. Mit zehn konnte er sie lesen: russische Namen von den Soldaten, die 45 einmarschiert waren. Die Ränder der Inschriften, mit Bajonetten tief in die Rinde geschnitten, wuchsen immer wulstiger aus, die Zeichen verschwammen: Boris, Nikolai 1946 … Weiter oben, in drei, vier Metern Höhe, hatte die Waldzeit deutsche Ornamente fast wegradiert: Herzen mit Initialen vom Anfang des Jahrhunderts, aus der Blütezeit vor dem Ersten Krieg. Der Wald hat seine eigene Zeit, wer sich ihr anvertrauen kann, findet Frieden.

Über dreißig Jahre lang konnte Gustav sich der Waldzeit überlassen, wenn er zurückkam nach Lauterberg, zerrissen von Ängsten, in Konflikten verirrt. Aus Wegen hinauf, hinab zwischen Fichten und Buchen, aus dem Nachwuchs von Birken, Ahorn, goldstrotzendem Ginster, den leuchtenden Korallen der Ebereschen, aus den mühsam in Milchkannen gepickten Heidelbeeren, seinen liebsten Blaumachern, aus duftenden Schwämmen im Schatten wurden Landkarten seiner Träume. Sie sind unfehlbar. Die Wege im Schwarzwald kann er gehen wie im Schlaf, weil fast alles sich wiederfindet. Die Hänge sind steiler, im Juni mischen sich Elfenbeinrispen blühender Maronen ins Grün, die gibt’s nicht in Thüringen. Aber alle Blüten, Farben, Gesänge, Geräusche umfangen ihn wieder, der Grund in den er seine Wurzeln senken möchte – Buntsandstein, Keuper, die Granitlagen dazwischen: das alles liegt ihm zu Füßen, dazu die Weinberge und das Rheintal, fast so weit wie das Meer, übern hohen Himmel hin schweift die Sonne westwärts. Wo in Thüringen die Welt an einem Todesstreifen endete, ein unerreichbar nahes, anderes Deutschland lag, westwärts, grüßen nun die Vogesen, Frankreich ist Inland.

Die Pforte der Erkenntnis (I)

Anton Fürbringer ist Physiker mit Leidenschaft. Unterm “Raketenschirm” wie schon auf “Babels Berg” überdenkt er philosophische Konsequenzen seiner Arbeit. Er gerät dadurch in Konflikte – nicht nur mit der etablierten Wissenschaft. Die Abbildung zeigt, wie man sich die “Akkretionsscheibe” eines “Schwarzen Lochs” vorstellt.

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Seit Heisenbergs Tod hatte Anton die Hoffnung, es könne ihm jemand mit angemessener naturwissenschaftlicher Qualifikation auch nur zuhören, fast aufgegeben. Die Kollegen in der Akademie taten es nicht; ihre Spezialisierungen lagen seinen mathematischen Modellen fern, sie hätten gehörige Mühe gehabt, sich mit allem vertraut zu machen, was er berechnete. Selbst sein Gönner ließ sich nur angelegentlich und auf die erkennbare Richtung ein, in die sich Antons Überlegungen bewegten.

Antons philosophische Exkurse wehrte er strikt ab: „Folgte ich Ihren Gedanken“, meinte er, „ließe sich so etwas wie eine Universalkonstante fürs ganze physikalische Geschehen vorstellen, damit wäre zugleich die Physik als Wissenschaft am Ende, wir dürften nur noch die Konsequenzen dieses Sachverhalts auf unsere alltäglichen Anwendungen herunterrechnen, was menschliche Handlungsräume auf schwer vorstellbare Art eingrenzen würde. Nehmen Sie’s mir nicht krumm, aber diese Botschaft ist nicht nur politisch unverkäuflich, sie nimmt mir persönlich die Lust an der Arbeit. Bleiben sie mir damit vom Hals.“

Anton wäre nicht eingefallen, die Grundfesten des Marxismus-Leninismus zu erschüttern, er stieß nur an eine Grenze des Denkens, die ihm als das Natürlichste von der Welt erschien: dass Objektivität Fiktion war, dass ein von menschlichem Handeln unabhängiger Blick – von einem Standpunkt im letztlich menschenleeren Universum aus, einer Gott ähnlichen Position also – nur sehr begrenzte Einsichten zeugte, dass „Objektivität“ für die Physik der Elementarteilchen gar nicht, für die Astrophysik eingeschränkt zu brauchen war. Niemand konnte schließlich mit einem menschenleeren Universum irgendeine Erfahrung machen. Es existierte nur als Spekulation, als Konstrukt des Denkens, in menschlichen Köpfen – dort möglicherweise aufgrund einer allüberall wirkenden universellen Mathematik, die aber letztlich wieder nur im und durch den Menschen vollständig war. Das Universum, in dem die Physiker, Astronomen, Chemiker Biologen mit ihren Instrumenten sich tummelten, für das Mathematiker kühnste Modell entwarfen, sie von gigantischen Rechenmaschinen als Simulationen ausspucken ließen, war ohne Gedanken, Gehirne, die zugehörigen Körper samt den ihnen vorausgegangenen Vorfahren, deren Vorgeschichte bis zu den ersten organischen Molekülen nicht zu verstehen. Diese „Vorgeschichte“ war ihrerseits aber jedenfalls nichts als Konstrukt menschlichen Denkens, denn eine direkte Interaktion mit Vergangenheit war nach aller Erfahrung ausgeschlossen. Zu keiner Zeit ließ sich ein Eindringling von jenseits des Ereignishorizonts, also von jenseits der mit Lichtgeschwindigkeit Zukunft von Vergangenheit scheidenden Barriere auffinden – Invasoren aus dem Übermorgen oder Vorgestern gab es nur in blöden Science-Fiction-Stories.

Das Vergangene lebte – untrennbar von der Gegenwart – bis in alle Zukunft fort, aber nur und ausschließlich als fortwährende Verwandlung, und deren Urgrößen waren komplementär: Trägheit und Flüchtigkeit. Oder noch elementarer: Nichts und Etwas. Dieses Urpaar aus Null und Eins gebar die Zeit – und war von da an unauffindbar, weil es zugleich die Grenze des Universums markierte, die es mit allem, was in irgendeiner Form an Zeit gebunden war, unumkehrbar dem Ursprung entrückte. Die Grenze war und blieb die Lichtgeschwindigkeit. Keine Messung würde zum Ausgangspunkt gelangen, kein Denken ihn fassen, weil Denken ebenso an die Physis und ihre Zeit gebunden war wie jede andere Bewegung.

Vom Nutzen und der Qual, dem Theater des BB anzuhängen

Gustav Horbel hat nach allerlei Turbulenzen das vierte Jahr seines Regiestudiums erreicht, fast alles über das Theater Bertolt Brechts gelernt, das Meiste mag er, z.B. den Satz “Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein”. Seine Diplominszenierung steht an, nur ein einziges Theater will das Experiment mit dem Diplomanden wagen. Das Stück, das er inszenieren soll, hat den Titel “Söhne des Stahls”, verfasst hat es der Nationalpreisträger Claus H. Grandel.

Er konnte die Geschichte hin und her wälzen so oft er wollte – Horbel bekam nicht den Kern zu fassen, aus dem heraus sich dramatische Widerborstigkeiten hätten entwickeln lassen. Die Dialoge der Figuren strotzten vor Nettigkeit oder Pathos, lauter harmlose Angestellte neckten sich gegenseitig oder gingen ernsthaft ihren sozialistischen Geschäften im Stahlwerk nach, als Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets die Langeweile schafft.

Der Konflikt war genaugenommen ein klassisches Dreieck: junge, hübsche Kranführerin wird vom Parteisekretär angebetet, der ist aber verheiratet mit einer so kreuzbraven wie eifersüchtigen Christel von der Post. Eines Tages taucht in der Poststelle ein Brief aus dem Westen an das Kranmädel auf, fällt der Rivalin in die Hände, wird dampfgestrahlt, offenbart ein Geheimnis: das Kranmädel ward einstens adoptiert, die natürlichen Eltern erkundigen sich nach dem seitherigen Ergehen, deuten die Möglichkeit einer Familienzusammenführung Richtung Ruhrgebiet an. Triumphierend hält die Postfrau ihrem Gatten den Schrieb vom Klassenfeind unter die Nase. Der ist natürlich pikiert, sorgt aber ebenso natürlich dafür, dass der Brief die Empfängerin erreicht.

Was aber tut die Bestarbeiterin am Hebezeug? Sie – obwohl der führenden Klasse zugehörig – schwankt! Aber nicht etwa aus politischen Gründen, sondern weil sie beleidigt ist. Der Galan mit Führungsrolle gesteht ihr nämlich neben seiner Liebe auch den Übergriff gegen’s Postgeheimnis; nicht seinetwegen, so die Rede, habe er sich stasiartig verhalten, sondern um die Hoffnungsträgerin am verhängnisvollen Schritt gen Westen zu hindern. Folgt die Gretchenfrage: Soll ich deinetwegen hierbleiben oder für die Planerfüllung im Stahlwerk?

Der Mann ist ein Held und wählt das Stahlwerk nebst Christel, woraufhin Gretchen nach einigem Hin und Her Richtung Duisburg entschwindet. Pause.

Danach wird’s auf nicht weniger erwartbare Weise dramatisch: die Westeltern sind reich, aber mit dem Gemüt einer emanzipierten Heldin der sozialistischen Arbeit inkompatibel. Sie versuchen andauernd, sie standesgemäß zu verheiraten. Das Ostkind büxt aus, trifft einen kernigen Stahlarbeiter, der nach ihrem Geschmack ist, lässt sich von ihm ein Westkind machen. Naja – der Titel ließ etwas Derartiges erwarten. Statt sich nun übers kommende Enkelchen zu freuen, machen die West-groß-eltern der armen Gretel das Leben sauer, weil der Schwiegersohn nicht standesgemäß ist. Die zischt daraufhin gemeinsam mit ihrem Stahlwerker ab Richtung Arbeiter-und-Bauern-Staat. Das sieht nach einem Happyend aus, wird es aber nicht, und genau dafür wurde das Stück 1969 von der Presse gelobt, verfilmt, der Autor bekam einen Nationalpreis, Gustav Horbel von einem Theater im Norden der DDR den Auftrag, es zum 30sten Jahrestag der Staatsgründung wiederzubeleben, obwohl sich die Familienzusammenführerei seit den Helsinki-Verträgen Mitte der 70er Jahre zu einem veritablen Ärgernis für den Staat von Erich & Erich ausgewachsen hatte. Die “Söhne des Stahls” sollten dennoch aufrütteln.

Der Autor nämlich, Claus H. Grandel, wusste den dramatischen Knoten zu schürzen: Die Westeltern setzen im letzten Akt mit Unterstützung einer ebenso bösartigen wie bestechlichen Figur, der Losbudenbesitzerin Edda, ein Gerücht in die heile Welt der Stahlkocher: der Parteiarbeiter, nicht der an der Walzstraße hat das Gretel geschwängert. Der Duisburger Kraftkerl fährt daraufhin in seinem mitgebrachten Manta den Rivalen zum Krüppel. Natürlich kommt alles heraus. Edda beichtet in einem Heulkrampf, der Klassenkämpfer, im Rollstuhl von seiner Christel zum Finale geschoben, nimmt ein gerüttelt Maß Schuld auf sich, der Stahlarbeiter, immer noch zweifelnd an der Liebe der Kindsmutter, verordnet ihr und sich drei Bewährungsjahre, in denen er bei der Nationalen Volksarmee dienen wird „Dat unsa Kind vor Omma, Oppa un Ihresjleischen sischa is!“. Vorhang.

Gustav fragte sich, ob von den Verantwortlichen ernsthaft jemand daran glaubte, irgendeine von Erich & Erich enttäuschte Krantante, Kellnerin oder Verfasserin unveröffentlichter Poesie zöge nach Ansicht einer Vorstellung von „Söhne des Stahls“ anno 1979 ihren Ausreiseantrag zurück. Falls das die Botschaft war, hätte sie schon zur Premiere niemand hören wollen – außer den von Berufs wegen ins Theater Abgeordneten. Tine hatte Recht: Es war Kitsch, es war vielleicht halbwegs erträglich gewesen, wenn man Schauspieler wie sie mit ihrer abgefeimten Naivität und Obentraut mit seinem bulligen Charme hatte. Gustav Horbel würde sie nicht haben. Er musste die Botschaft ändern, ohne die Figuren zu verraten. Das war unmöglich, also begann er, sich an einer akribischen Konzeption abzuarbeiten – vom Bühnenbild über die Dramaturgie bis zu den Vorgängen in jeder einzelnen Szene, Charakteranalysen bis in Nebenrollen hinein. Er wollte, ganz im Sinne des großen Bertolt Brecht, die Geschichte historisieren, verfremden, sie ins „seltsam ferne Jahr 1969“ versetzen und dadurch den Zuschauern das „Dazwischenkommen“ ermöglichen, das Mit- und selber Denken. Und das Denken gehörte ja nach Brecht zu den größten Vergnügungen der Menschheit. Darin folgte Gustav Horbel, der ehemalige Physiker und Regiestudent, gar zu gern BB, dem Lehrer seiner Regielehrer.

Im Herbst legte er dem zuständigen Dozenten das Ergebnis in einem dicken Aktenordner vor. Der nickte überraschenderweise, drückte Gustav das Paket nach drei Tagen wieder in die Hand und sprach: „Na, dann machen’se mal, Horbel. Bin gespannt, was dabei rauskommt.“