Gestelle

Der Kunst ergeht es längst wie der Wirtschaft, der Politik, der Wissenschaft: sie entkommt nicht mehr den sprachlichen Kodierungen ihrer in Geldmaschinen verzahnten Korporationen. Die Inhaltsleere des Neusprechs wird mit Wortgeschwüren überdeckt, die nur eines zeigen: wie besoffen die Verfasser vom Gefühl des Dazugehörens, vom pausenlosen Nuckeln an ihrer eigenen Wichtigkeit sind.
(Kommentar zu einem Artikel von Durs Grünbein in der FAZ)

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Unendlich sicher

Einstein meinte, dass gemeinhin zwei Dinge als unendlich gelten: der Kosmos und die menschliche Dummheit, aber beim Kosmos sei man sich nicht sicher. Es läuft nun in Deutschland seit längerem ein Versuch, ob nicht auch die Langmut deutscher Steuer-, Beitrags- und Gebührenzahler den Unendlichkeits- Status beanspruchen darf.
Möglicherweise endet diese Langmut genau da, wo sich die Einsicht ausbreitet, dass nicht vor allem die anderen, sondern tatsächlich man (oder frau) selbst den Löwenanteil der Zeche für den gesamtstaatlich organisierten Wahn von der Versorgung aller mit Fastfood, Fastkultur und Fußball und der Versicherung aller gegen alles und gegen alle zahlt, dass den Profit davon aber hauptsächlich die Steuer-, Beitrags- und Gebühreneintreiber haben.
Dieser deutsche Menschenversuch – das Land darf ja, Menschenversuche betreffend, eine historische Spitzenposition beanspruchen – bleibt spannend, ein klares Resultat ist nicht in Sicht, weil ja eben die menschliche Dummheit jeder Einsicht entgegensteht. Und diese – nicht einmal genuin deutsche – Dummheit ist…

Neues vom tollen Hecht


Der Forschungsverbund Berlin e.V. lässt uns wissen, dass Hechte sich nicht immer „arttypisch“ verhalten. In einer Pressemitteilung heißt es:
„In der Berufswelt gibt es viele Strategien, um zum Ziel zu gelangen. Während sich die einen durch Beständigkeit behaupten, trumpfen andere mit ihrem Charisma auf. Bis jetzt ist weitgehend ungeklärt, ob auch bei niederen Wirbeltieren, wie Fischen, unterschiedliche Verhaltensweisen innerhalb einer Art vergleichbare Folgen für das Überleben und den Fortpflanzungserfolg haben. Forscher am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben nun herausgefunden, dass der Raubfisch Hecht in der Lage ist, bei mangelndem Nahrungsangebot alte Gewohnheiten aufzugeben.“
Das Aufgeben alter Gewohnheiten führt „in der Berufswelt“ nicht unbedingt zu einer Verbesserung der eigenen Situation, aber wir haben uns doch gefreut für den Hecht: er ist toll, weil anpassungsfähig. Er braucht nichtmal einen Karpfenteich, um groß in Form zu kommen.
Wer den ganzen Artikel lesen möchte, klicke auf das zugehörige Foto von Andreas Hartl.

Copykill – ein Gossenroman

Fräulein Hegemann, 17-jährige Nymphoman-Selbstdarstellerin wird als Plagiatorin ”enttarnt”, was ihr nix ausmacht, weil’s alle machen. Klar: um Literatur geht’s nicht, nur ums Auffallen. ”Bürgerschreck” lässt sich am besten vermarkten, wenn Sex, Drugs und fäkale- bzw. genitale Gossensprache von pubertierenden Lolitas in Druck gegeben werden und – durch die Feuilletons gepeitscht – ordentlich Kohle bringen. Der plagiierte Blogger, von dem vorher niemand Notiz nahm, darf auf eine nette Geste des Ullstein-Verlags hoffen, der ihm nun von dem Kuchen der ertappten Abschreiberin ein Stückchen abschneidet.
Die Medien leben von diesen Stories – auch ”Spiegel”, ”Süddeutsche”, FAZ, taz, ”Zeit” … Das zum Ritual gehörige Wehgeschrei über die Sittenverderbnis der Jugend hat Gott sei Dank den Kanon der Weltliteratur ebensowenig beeinflusst wie alle Moden und Spektakel. Bedauerlich ist, dass den Werten dieses Kanons kaum Platz in der Erziehung zukommt. Das drückt sich dann in Gewalt- und Drogenexzessen der ”Unterschicht” ebenso aus, wie im Verhalten asozialer Geldmaschinenbetreiber. Vorwärts in die Feuchtgebiete, vorwärts in die nächste Schlammschlacht! Hauptsache, die Quote stimmt!

Alltag, Tod und Traum

Pest, Cholera, Angestellt
Kann einer heute noch Balladen schreiben? Schillersches Pathos hilft sicher nicht weiter, aber wo steht geschrieben, dass Balladen nicht schräg, komisch, bissig sein dürfen?
Moral ist nicht mehr unbedingt Ansichtssache angesichts kollabierender Geldmaschinen, staatlicher Hehlerei, massenhafter Fürsorge als Milliardengeschäft. Moral könnte dem Überleben dienen.