Ikarus mit Bleigürtel

Die Galerie Queen Anne in der Leipziger Spinnerei lädt zusammen mit dem Salier Verlag zur Lesung am 26.1. ein – aus allen Teilen des Romanzyklus werden Texte vorgestellt. Hier eine Probe aus “Babels Berg” im Video:

Ein Berliner Währungsspekulant

“40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte im Roman oder Wie Stasiakten und andere Beschwernisse meiner Literaturproduktion voran halfen” – so habe ich die Veranstaltung untertitelt.
Ob meine Romantrilogie zustande gekommen wäre, hätte ich mich nicht der Aufmerksamkeit aller möglicher „Sicherheitsorgane“ in der DDR erfreut, bleibt Spekulation; dass von der Kindheit an erfahrene Rand- und Querständigkeit der Phantasie auf die Sprünge half, ist unbestreitbar, und dass Verletzungen früh erlebter Konflikte ausheilen konnten, verdanke ich ohne Zweifel der Literatur.
Fliegen lernen, wozu Wünsche und Träume seit Jahrhunderten – womöglich seit Erschaffung der Welt – die Lebenden, die Liebenden und die literarisch Vorwegstürmenden treiben: beim Schreiben konnte ich’s.
Darum handeln der „Blick vom Turm“, „Babels Berg“ und der „Raketenschirm“ von Flugversuchen, Bauchlandungen, der unentbehrlichen Hilfe vieler Menschen bei neuen Starts und davon, wie einer lernt, hinderlichen Ballast abzuwerfen – egal ob er aus Akten, Heilsversprechen oder buntscheckigen Waren besteht.
Für die Lesung habe ich entsprechende Texte gewählt; das Gespräch zwischendurch und hinterher nehme ich mindestens ebenso wichtig.

Advertisements

Zuchthaus als Freizeitpark

Um nach Gabi Fürbringer zu suchen, hat sich Gustav das schmale Büchlein einer Zeitzeugin über Hoheneck beschafft, das größte und schlimmste der Frauengefängnisse in der DDR.

Fast zeitgleich mit der Lektüre läuft im Fernsehen ein Spielfilm über das Zuchthaus. Eine junge Pianistin, die wegen eines Ausreiseantrags dort inhaftiert ist, wird von einem IM-Arzt unter Psychopharmaka gesetzt, sie soll den Antrag widerrufen, verliert unter Medikamenteneinfluss bei einem Arbeitsunfall zwei Finger, ihr Leben in der Musik ist amputiert. Den Arzt trifft sie zwei Jahrzehnte später als Klinikchef im Westen wieder.

Es ist Fiktion. Die Wirklichkeit von Hoheneck war schlimmer: Edeltraut Eckert, eine 25 Jahre alte Dichterin, zu 25 Jahren Haft verurteilt, weil sie Plakate „Für Freiheit und Demokratie“ angeklebt hatte, geriet während einer Nachtschicht mit den Haaren in eine Maschine, ihre gesamte Kopfhaut wurde abgerissen, medizinische Nothilfe erhielt sie viel zu spät, sie starb fünf Tage nach dem Unfall im Krankenhaus. Gustav hat ihre Gedichte gelesen, sie erschienen 50 Jahre nach ihrem Tod. Edeltraut Eckert wird in der Fernsehdokumentation über Hoheneck, ausgestrahlt nach dem Spielfilm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht erwähnt. Keiner ihrer Richter, Ermittler, Gefängniswärter wurde je zur Verantwortung gezogen.

„Gefängnis Schloss Hoheneck“ ist im Internet jahrelang als lohnende Investition gepriesen worden, als passendes Objekt für ein „Kultur- und Eventzentrum“ mit vielversprechendem Einzugsgebiet. Demonstrationen gab es in Deutschland nur gegen Bahnhöfe, Landebahnen und Atomkraftwerke.

Die Pforte der Erkenntnis (I)

Anton Fürbringer ist Physiker mit Leidenschaft. Unterm “Raketenschirm” wie schon auf “Babels Berg” überdenkt er philosophische Konsequenzen seiner Arbeit. Er gerät dadurch in Konflikte – nicht nur mit der etablierten Wissenschaft. Die Abbildung zeigt, wie man sich die “Akkretionsscheibe” eines “Schwarzen Lochs” vorstellt.

750px-Accretion_disk

Seit Heisenbergs Tod hatte Anton die Hoffnung, es könne ihm jemand mit angemessener naturwissenschaftlicher Qualifikation auch nur zuhören, fast aufgegeben. Die Kollegen in der Akademie taten es nicht; ihre Spezialisierungen lagen seinen mathematischen Modellen fern, sie hätten gehörige Mühe gehabt, sich mit allem vertraut zu machen, was er berechnete. Selbst sein Gönner ließ sich nur angelegentlich und auf die erkennbare Richtung ein, in die sich Antons Überlegungen bewegten.

Antons philosophische Exkurse wehrte er strikt ab: „Folgte ich Ihren Gedanken“, meinte er, „ließe sich so etwas wie eine Universalkonstante fürs ganze physikalische Geschehen vorstellen, damit wäre zugleich die Physik als Wissenschaft am Ende, wir dürften nur noch die Konsequenzen dieses Sachverhalts auf unsere alltäglichen Anwendungen herunterrechnen, was menschliche Handlungsräume auf schwer vorstellbare Art eingrenzen würde. Nehmen Sie’s mir nicht krumm, aber diese Botschaft ist nicht nur politisch unverkäuflich, sie nimmt mir persönlich die Lust an der Arbeit. Bleiben sie mir damit vom Hals.“

Anton wäre nicht eingefallen, die Grundfesten des Marxismus-Leninismus zu erschüttern, er stieß nur an eine Grenze des Denkens, die ihm als das Natürlichste von der Welt erschien: dass Objektivität Fiktion war, dass ein von menschlichem Handeln unabhängiger Blick – von einem Standpunkt im letztlich menschenleeren Universum aus, einer Gott ähnlichen Position also – nur sehr begrenzte Einsichten zeugte, dass „Objektivität“ für die Physik der Elementarteilchen gar nicht, für die Astrophysik eingeschränkt zu brauchen war. Niemand konnte schließlich mit einem menschenleeren Universum irgendeine Erfahrung machen. Es existierte nur als Spekulation, als Konstrukt des Denkens, in menschlichen Köpfen – dort möglicherweise aufgrund einer allüberall wirkenden universellen Mathematik, die aber letztlich wieder nur im und durch den Menschen vollständig war. Das Universum, in dem die Physiker, Astronomen, Chemiker Biologen mit ihren Instrumenten sich tummelten, für das Mathematiker kühnste Modell entwarfen, sie von gigantischen Rechenmaschinen als Simulationen ausspucken ließen, war ohne Gedanken, Gehirne, die zugehörigen Körper samt den ihnen vorausgegangenen Vorfahren, deren Vorgeschichte bis zu den ersten organischen Molekülen nicht zu verstehen. Diese „Vorgeschichte“ war ihrerseits aber jedenfalls nichts als Konstrukt menschlichen Denkens, denn eine direkte Interaktion mit Vergangenheit war nach aller Erfahrung ausgeschlossen. Zu keiner Zeit ließ sich ein Eindringling von jenseits des Ereignishorizonts, also von jenseits der mit Lichtgeschwindigkeit Zukunft von Vergangenheit scheidenden Barriere auffinden – Invasoren aus dem Übermorgen oder Vorgestern gab es nur in blöden Science-Fiction-Stories.

Das Vergangene lebte – untrennbar von der Gegenwart – bis in alle Zukunft fort, aber nur und ausschließlich als fortwährende Verwandlung, und deren Urgrößen waren komplementär: Trägheit und Flüchtigkeit. Oder noch elementarer: Nichts und Etwas. Dieses Urpaar aus Null und Eins gebar die Zeit – und war von da an unauffindbar, weil es zugleich die Grenze des Universums markierte, die es mit allem, was in irgendeiner Form an Zeit gebunden war, unumkehrbar dem Ursprung entrückte. Die Grenze war und blieb die Lichtgeschwindigkeit. Keine Messung würde zum Ausgangspunkt gelangen, kein Denken ihn fassen, weil Denken ebenso an die Physis und ihre Zeit gebunden war wie jede andere Bewegung.

Der Turm zum Blick

TurmpaarNkstark

Das Bild entstand Anfang der 50er Jahre: Meine Großeltern schauen vom “Bornmüllers Turm” auf dem Hofleite-Hügel über die Stadt. Vor 42 Jahren habe ich selbst zum letzten Mal diesen Blick genossen: kurz vorm Abitur, kurz bevor die Suhler Stasizentrale ihre Allmacht demonstrierte und die Bornmüller-Erben zwang, das Gartengrundstück mit dem romantischen Turm aus dem 19. Jahrhundert abzutreten. Es war die Zeit, als meine Wurzeln abgeschnitten wurden, denn wenig später griff der real existierende Sozialismus auch nach dem 200 Jahre alten Fachwerkhaus, in dem ich aufgewachsen war, es fiel wie die ganze Altstadt. Kein Zugang mehr zum Garten, kein Blick vom Turm, kein Zuhause mehr, wo die Familiengeschichte fast 300 Jahre lang in die Stadtgeschichte eingewachsen war.

Herrenstraße Vorderansicht

Verfallendes Fachwerk: Die Herrenstraße in den 60er Jahren

Im Namen des Fortschritts marschierten die Führer und Hilfstruppen des Sozialismus in die Pleite. Heute werden Plattenbauten abgerissen, die gerade einmal 30 Jahre überdauerten. Beton erwies sich als mürber Stoff, weil die ethischen Fundamente unterm grandiosen neuen Städtebau nichts taugten. Der Turm aus dem Jahr 1848 aber – als Kollateralschaden der DäDäÄrr-Implosion ruiniert – bekommt vielleicht ein neues Leben. Er steht unter Denkmalschutz, der neue Besitzer will ihn – vielleicht als originelle Ferienwohnung – ausbauen.

P1020239

“Tag des Offenen Denkmals”: Die Suhler entdecken ihre Geschichte

Zu wünschen ist, dass Horst Köhler – seltsame Namensverwandtschaft – die ursprüngliche architektonische Form mit dem hölzernen Dachreiter überm kreuzförmigen First wiederherstellt; vielleicht mit Hilfe des Denkmalschutzes, vielleicht dank eines neu erwachten Bürgersinns. Suhl, meiner alten Heimat, wäre das zu wünschen. Denn der Turm wurde von Edmund Bornmüller erbaut, um arbeitslosen Barchentwebern in der Krise ein Einkommen zu verschaffen. Er entstand, weil ein Unternehmer Gemeinsinn entwickelte. Angesichts globaler Finanzkrisen durch heimatlos marodierende Milliardenspekulanten werden wir solche Männer und Frauen dringend brauchen.

Wen die Geschichte interessiert: “Rennsteig TV” hat einen Film über den Tag des Offenen Denkmals online gestellt. Ab Minute 10:10 geht’s um “Bornmüllers Turm”

Vom Nutzen und der Qual, dem Theater des BB anzuhängen

Gustav Horbel hat nach allerlei Turbulenzen das vierte Jahr seines Regiestudiums erreicht, fast alles über das Theater Bertolt Brechts gelernt, das Meiste mag er, z.B. den Satz “Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein”. Seine Diplominszenierung steht an, nur ein einziges Theater will das Experiment mit dem Diplomanden wagen. Das Stück, das er inszenieren soll, hat den Titel “Söhne des Stahls”, verfasst hat es der Nationalpreisträger Claus H. Grandel.

Er konnte die Geschichte hin und her wälzen so oft er wollte – Horbel bekam nicht den Kern zu fassen, aus dem heraus sich dramatische Widerborstigkeiten hätten entwickeln lassen. Die Dialoge der Figuren strotzten vor Nettigkeit oder Pathos, lauter harmlose Angestellte neckten sich gegenseitig oder gingen ernsthaft ihren sozialistischen Geschäften im Stahlwerk nach, als Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets die Langeweile schafft.

Der Konflikt war genaugenommen ein klassisches Dreieck: junge, hübsche Kranführerin wird vom Parteisekretär angebetet, der ist aber verheiratet mit einer so kreuzbraven wie eifersüchtigen Christel von der Post. Eines Tages taucht in der Poststelle ein Brief aus dem Westen an das Kranmädel auf, fällt der Rivalin in die Hände, wird dampfgestrahlt, offenbart ein Geheimnis: das Kranmädel ward einstens adoptiert, die natürlichen Eltern erkundigen sich nach dem seitherigen Ergehen, deuten die Möglichkeit einer Familienzusammenführung Richtung Ruhrgebiet an. Triumphierend hält die Postfrau ihrem Gatten den Schrieb vom Klassenfeind unter die Nase. Der ist natürlich pikiert, sorgt aber ebenso natürlich dafür, dass der Brief die Empfängerin erreicht.

Was aber tut die Bestarbeiterin am Hebezeug? Sie – obwohl der führenden Klasse zugehörig – schwankt! Aber nicht etwa aus politischen Gründen, sondern weil sie beleidigt ist. Der Galan mit Führungsrolle gesteht ihr nämlich neben seiner Liebe auch den Übergriff gegen’s Postgeheimnis; nicht seinetwegen, so die Rede, habe er sich stasiartig verhalten, sondern um die Hoffnungsträgerin am verhängnisvollen Schritt gen Westen zu hindern. Folgt die Gretchenfrage: Soll ich deinetwegen hierbleiben oder für die Planerfüllung im Stahlwerk?

Der Mann ist ein Held und wählt das Stahlwerk nebst Christel, woraufhin Gretchen nach einigem Hin und Her Richtung Duisburg entschwindet. Pause.

Danach wird’s auf nicht weniger erwartbare Weise dramatisch: die Westeltern sind reich, aber mit dem Gemüt einer emanzipierten Heldin der sozialistischen Arbeit inkompatibel. Sie versuchen andauernd, sie standesgemäß zu verheiraten. Das Ostkind büxt aus, trifft einen kernigen Stahlarbeiter, der nach ihrem Geschmack ist, lässt sich von ihm ein Westkind machen. Naja – der Titel ließ etwas Derartiges erwarten. Statt sich nun übers kommende Enkelchen zu freuen, machen die West-groß-eltern der armen Gretel das Leben sauer, weil der Schwiegersohn nicht standesgemäß ist. Die zischt daraufhin gemeinsam mit ihrem Stahlwerker ab Richtung Arbeiter-und-Bauern-Staat. Das sieht nach einem Happyend aus, wird es aber nicht, und genau dafür wurde das Stück 1969 von der Presse gelobt, verfilmt, der Autor bekam einen Nationalpreis, Gustav Horbel von einem Theater im Norden der DDR den Auftrag, es zum 30sten Jahrestag der Staatsgründung wiederzubeleben, obwohl sich die Familienzusammenführerei seit den Helsinki-Verträgen Mitte der 70er Jahre zu einem veritablen Ärgernis für den Staat von Erich & Erich ausgewachsen hatte. Die “Söhne des Stahls” sollten dennoch aufrütteln.

Der Autor nämlich, Claus H. Grandel, wusste den dramatischen Knoten zu schürzen: Die Westeltern setzen im letzten Akt mit Unterstützung einer ebenso bösartigen wie bestechlichen Figur, der Losbudenbesitzerin Edda, ein Gerücht in die heile Welt der Stahlkocher: der Parteiarbeiter, nicht der an der Walzstraße hat das Gretel geschwängert. Der Duisburger Kraftkerl fährt daraufhin in seinem mitgebrachten Manta den Rivalen zum Krüppel. Natürlich kommt alles heraus. Edda beichtet in einem Heulkrampf, der Klassenkämpfer, im Rollstuhl von seiner Christel zum Finale geschoben, nimmt ein gerüttelt Maß Schuld auf sich, der Stahlarbeiter, immer noch zweifelnd an der Liebe der Kindsmutter, verordnet ihr und sich drei Bewährungsjahre, in denen er bei der Nationalen Volksarmee dienen wird „Dat unsa Kind vor Omma, Oppa un Ihresjleischen sischa is!“. Vorhang.

Gustav fragte sich, ob von den Verantwortlichen ernsthaft jemand daran glaubte, irgendeine von Erich & Erich enttäuschte Krantante, Kellnerin oder Verfasserin unveröffentlichter Poesie zöge nach Ansicht einer Vorstellung von „Söhne des Stahls“ anno 1979 ihren Ausreiseantrag zurück. Falls das die Botschaft war, hätte sie schon zur Premiere niemand hören wollen – außer den von Berufs wegen ins Theater Abgeordneten. Tine hatte Recht: Es war Kitsch, es war vielleicht halbwegs erträglich gewesen, wenn man Schauspieler wie sie mit ihrer abgefeimten Naivität und Obentraut mit seinem bulligen Charme hatte. Gustav Horbel würde sie nicht haben. Er musste die Botschaft ändern, ohne die Figuren zu verraten. Das war unmöglich, also begann er, sich an einer akribischen Konzeption abzuarbeiten – vom Bühnenbild über die Dramaturgie bis zu den Vorgängen in jeder einzelnen Szene, Charakteranalysen bis in Nebenrollen hinein. Er wollte, ganz im Sinne des großen Bertolt Brecht, die Geschichte historisieren, verfremden, sie ins „seltsam ferne Jahr 1969“ versetzen und dadurch den Zuschauern das „Dazwischenkommen“ ermöglichen, das Mit- und selber Denken. Und das Denken gehörte ja nach Brecht zu den größten Vergnügungen der Menschheit. Darin folgte Gustav Horbel, der ehemalige Physiker und Regiestudent, gar zu gern BB, dem Lehrer seiner Regielehrer.

Im Herbst legte er dem zuständigen Dozenten das Ergebnis in einem dicken Aktenordner vor. Der nickte überraschenderweise, drückte Gustav das Paket nach drei Tagen wieder in die Hand und sprach: „Na, dann machen’se mal, Horbel. Bin gespannt, was dabei rauskommt.“

Bis zur Vergasung

Chemische Formel des Giftgases Tabun

Dass die Armeen beider Seiten im Kalten Krieg nicht nur Gedankenspielchen mit der Hundertausend-Tote-Technik machten, war mir nicht neu. Da unterm “Raketenschirm” nicht nur der kleine Gustav, sondern jede Menge Kriegsgerät zu finden ist, entdecke ich dennoch bei Recherchen manch schauriges Detail. So auch in zwei Ausgaben des “Spiegel” aus dem Jahr 1978.

Ich habe hier diese Artikel – sie erschienen unter dem Titel “Giftwolken – dort wäre die Hölle los” – vom 12.6.1978 bzw. vom 19.6.1978 verlinkt.

Nach Lektüre wächst die Überzeugung, dass die vielen Massen-Vernichtungs-Pläne nur deshalb um Haaresbreite an uns und anderen Erdteilen vorbeigegangen sind, weil  der liebe Gott dem Menschen neben dem Erfindergeist auch einen unüberwindlichen Hang zur Schlamperei und manchen sogar den Mut mitgegeben hat, nicht einfach Plänen und Befehlen zu folgen.

Beängstigend bleibt, dass andere bereit sind, aus schierer Bequemlichkeit mitzumarschieren – bis zur Vergasung.

Leben trifft Staatstheater

Die DDR nahm politisch und wirtschaftlich ein ruhmloses Ende. Kulturelle Kollateralschäden des totalitären Systems interessieren im Westen angesichts der Kosten der deutschen Einheit bis heute kaum jemanden. Theater, Verlage, Galerien, künstlerische Ausbildungsstätten wurden nach 1990 zu Orten, an denen SED- und Stasikader nur ausnahmsweise ihre Positionen verloren. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf das Mediengeschäft; selbst dort konnten sich – wie Dutzende Fälle bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten beweisen – Karrieristen und Mitläufer behaupten. Wenn junge Menschen es in den erhaltenen und verbissen verteidigten Strukturen unternahmen, den Geist des konservierten Realsozialismus in Frage zu stellen, stießen sie auf erbitterten Widerstand. Bis heute ist etwa die Rolle der “Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch” in Berlin und des angeschlossenen Regieinstituts nicht hinterfragt, die Schauspielstars und ihre Lehrer von gestern mögen keine unbequemen Analysen. Im “Raketenschirm” waren sie unvermeidlich: Der Autor hat die Konflikte seit Anfang der 70er Jahre erlebt.

Während sich Gustav bis zum Frühsommer 1977 durch ein theorielastiges Semester quälte, hoffte er, dass im anschließenden dritten Studienjahr ihn endlich eine praktische Arbeit dem Beruf des Regisseurs ein wenig näher bringen würde als Vorlesungen und Seminare in marxistisch-leninistischer Philosophie, Theaterwissenschaft, Dramaturgie. Gemeinsam mit einem Kommilitonen wollte er zwei Einakter von Saul Bellow einstudieren; die Texte hatte er beim Henschelverlag ausbaldowert. Mit den bis dahin auf deutschen Bühnen ungespielten Stücken des Literaturnobelpreisträgers hofften beide, besonders gute Schauspieler der Berliner Bühnen für ihr Vorhaben ködern zu können: „Das Mal“ und „Orangen-Sofflé“ elektrisierten Gustav, denn es ging darin um sexuelle Obsessionen.

Hauptfigur in „Das Mal“ war ein Physiker. Der hochdotierte Wissenschaftler steckte in einer Schaffenskrise, er wähnte, durch die Wiederbegegnung mit einer Jugendfreundin, durch eine erlösende erotische Erfahrung neue Kreativität zu erlangen. Seine Phantasie hatte sich während der Pubertät an einem Muttermal des Mädchens entzündet; mit wachsender Leidenschaft versucht er nun, der inzwischen vierzigjährigen Zahnarztgattin beim tête-à-tête in der Lobby eines etwas heruntergekommenen Hotels auf den Leib zu rücken. Die Matrone hat dem Treffen, gelangweilt von der Ehe, geschmeichelt vom Interesse des berühmten Mannes, zugestimmt, will sich aber auf die absonderliche Neigung für das Mal an ihrem Oberschenkel nicht einlassen. Erst als der Herr Professor sie unterm Siegel höchster Verschwiegenheit in geheime staatliche Vorhaben einweiht, deren Gelingen von der erotischen Initialzündung abhängt, wird sie kirre. Der folgende orgiastische Akt geht im Einsturz des Hotels infolge eines Hurrikans unter.

Gustav dachte bei der Lektüre natürlich an Anton Fürbringer, dessen Muse die unwiderstehliche, tellerdrehende Russischlehrerin Gabi aus dem Studentenheim in Biesdorf gewesen war. Antons physikalischen Forschungen führten den wahrhaft staatstragenden Leistungssport der DDR nur deshalb zu neuen Goldmedaillen, weil Gabi ihn, die zuvor kaum wahrnehmbare Laborratte, zum Superstar der Sportgeräteforschung wachgeküsst hatte.