Das Geschenk des Lebens – mit Gebrauchsanweisung?

Alexis de Tocqueville 1805 – 1859

Egal ob einer an Gott oder an die Unerschöpflichkeit und Allgegenwart des Universums glaubt: Das Leben ist sein Geschenk. Freiheit bedeutet, sich im Gebrauch dieses Geschenks zu üben, das geht nur in Gesellschaft, es geht nicht ohne Konflikte und nur begrenzte Zeit.
Erfreulicherweise hat die Menschheit gelernt, sich über Erfahrungen mit Konflikten auszutauschen – man nennt das Kommunikation. Wie alle Lebensprozesse folgt freilich auch sie Wünschen, Ängsten, unbewussten mehr als bewussten Zielen, sie sind so unterschiedlich wie die Individuen, deren Wahrnehmung sie formen. Ebenso verhält es sich mit der Wahrnehmung all jener sozialen Verbünde, in die der Einzelne hineingeboren wird, in denen er heranwächst und die seiner Freiheit Grenzen setzen. Neben den Konflikten zwischen Individuen wird es folglich ebenso Konflikte zwischen dem Einzelnen und seinem Sozialverbund geben wie zwischen verschiedenen Sozialverbünden. Gewalt und Krieg sind naturwüchsige Strategien, solche Konflikte zu lösen, Gewalt – Macht – Lust ist ein tief verwurzelter Impuls, der sie treibt. Sein Erfolg hat ein enormes Repertoire an Formen und Instrumenten hervorgebracht, sie sind allesamt in Kulturen aufgehoben, mir ist keine einzige bekannt, die als „ausgestorben“ gelten dürfte.
Gewalt schafft Leiden. So unvermeidlich es zum Leben gehört, so unvermeidlich wächst der Wunsch nach dem Ende des Leidens, der Wunsch es doch zu vermeiden.
„Weh spricht vergeh‘, Weh spricht vergeh‘ – doch alle Lust will Ewigkeit“, heißt es in Nietzsches „Zarathustra“ – Gustav Mahler hat diese tiefste Strebung in Musik gefasst. Der Traum vom Paradies, vom ewigen Frieden ist so unzerstörbar wie die großen Kunstwerke, die ihm nachgehen und Gestalt verleihen.
Alles Bemühen, aus dem Traum Realität werden zu lassen, führte indessen zur Hölle auf Erden. Oder – wie Georg Trakl schrieb – „in schwarze Verwesung“. Der ewige Frieden ist nichts anderes als Bewegungslosigkeit. Konflikt- und gewaltfrei ist nur eine Gesellschaft ohne Freiheit, unsterblich nur der Tod. Wer Gebrauchsanweisungen fürs Leben an Aussichten auf Unsterblichkeit (bzw. eine beliebige Verlängerung des Lebens) oder auf ewigen Frieden knüpft, bescheinigt allen, die sich an seine Gebrauchsanweisung nicht zu halten bereit sind, ihre Minderwertigkeit. Er signalisiert, dass es durchaus erhabener Lebenszweck sein kann, sie auszurotten. Er wird, sagt die Erfahrung, Gefolgschaft finden, und deren Impuls zu Gewalt – Macht – Lust freisetzen: Massenhaft werden sie sich als geweihtes Kollektiv erleben, als von individueller Verantwortung fürs Denunzieren, Diffamieren, Anprangern, Abschlachten befreit. Gläubige werden zu Soldaten „für das Gute“, zu Mördern, Vergewaltigern, Plünderern – bis der Krieg sie frisst.

Buchcover zu Peter H. Wilson Der Dreißigjährige Krieg

Entstehen und Dynamik des 30jährigen Krieges sind von bestürzender Aktualität

Was sie über Jahrhunderte im Namen einer Ethnie, Religion oder Nation wurden und werden, steigert sich seit Marx, Engels, Lenin und all ihren schrägen Schülern unter den „Anti“-Transparenten zum Totalitarismus: Die ideologisch aufgeladene Meute gewinnt nicht mehr nur Territorien oder Güter, sondern den „Ewigen Frieden“, die „lichte Zukunft der Menschheit“, den Gipfel des „Humanismus“. Dafür wird das ganze Instrumentarium mobilisiert: Total bis zur Massenvernichtung des modernen Zeitalters, nuklear, chemisch, biologisch.
Vor allen anderen Instrumenten mobilisiert diese „Mission Imbecile“ zunächst die total einseitige Kommunikation, die Gut und Böse unterscheidet, entsprechende Feindbilder konstruiert und ausmalt, den Gegner aufs äußerste bepöbelt, ihn zum Abschaum ausruft, vernichten will, so er sich nicht unterwirft.
Diese Art Kommunikation schmeichelt dem Selbstgefühl der Gläubigen. Jede einzelne Gegenstimme – sei sie noch so ehrwürdig – ersticken zu können, nährt Allmachtsphantasien bei Spitzeln und Blockwarten. Kommunisten, Nationalsozialisten und dem „real existierender Sozialismus“ verdanken wir einschüchternde Gebrauchsanweisungen zum Leben im „Ewigen Frieden“. Interessanterweise gab es schon zur Entstehungszeit des „Kommunistischen Manifests“ deutliche Hinweise, wie eine Gesellschaft, wenn sie in den Totalitarismus abgleitet, den sozialen Tod des Individuums vorausschickt:
„Der Machthaber sagt hier nicht mehr: ‚Du denkst wie ich, oder du stirbst‘, er sagt: ‚Du hast die Freiheit, nicht zu denken wie ich; Leben, Vermögen und alles bleibt dir erhalten: aber von dem Tage an bist du ein Fremder unter uns. Du wirst dein Bürgerrecht behalten, aber es wird dir nicht mehr nützen; denn wenn du von deinen Mitbürgern gewählt werden willst, werden sie dir ihre Stimme verweigern, ja, wenn du nur ihre Achtung begehrst, werden sie so tun, als versagten sie sie dir. Du wirst weiter bei den Menschen wohnen, aber deine Rechte auf menschlichen Umgang verlieren. Wenn du dich einem unter deinesgleichen nähern wirst, so wird er dich fliehen wie einen Aussätzigen; und selbst wer an deine Unschuld glaubt, wird dich verlassen, sonst meidet man auch ihn. Gehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, aber es ist schlimmer als der Tod.'“
Der Text stammt von Alexis de Tocqueville aus seiner Schrift „Über die Demokratie in Amerika“ (1835/1840). Eine genaue Vorstellung vom sozialen Tod hat, wer eine totalitäre Gesellschaft erlebt. Kommunismus, Nationalsozialismus, Islamischer Staat scheuten und scheuen sich nicht, dem sozialen Tod die physische Vernichtung folgen zu lassen.
Wer über Tocquevilles Worte nachdenkt, wird in den derzeit zu beobachtenden Kämpfen um Deutungshoheiten in den global wachsenden Kommunikationsnetzen das Wetterleuchten totalitärer Herrschaft erkennen. Wenn er kann und will, wird er den Wert der Meinungsfreiheit umso höher schätzen. Er wird sich mit aller Kraft gegen das Eiapopeia eines falschen Friedens wehren, der sie ihm nimmt: Um seines begrenzten Lebens und der Nachkommen willen.

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Liebe auf den ersten Ton

Matthias Montag, Offizier im besonderen Einsatz beim Fernsehen der DDR, hat sich einer eigenen Form der Nachwuchsförderung verschrieben und braucht, um den jungen Damen zu imponieren, eine Lebensgefährtin zum Herzeigen. Der Zufall kommt ihm zu Hilfe – in der Gestalt von “Frau Elster”

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Im Casino des Fernsehens erregte sich eine prominente Schauspielerin darüber, dass „die strohdämliche Frau Elster“ nicht nur mit einer Gesangsausbildung im Fach Chanson an der Musikhochschule, sondern auch mit einem nigelnagelneuen Auto bedacht worden sei, obwohl sie weder stimmliche Begabung noch die von Autokäufern im Sozialismus zu absolvierenden Wartejahre habe vorweisen können. Matthias wurde hellhörig. Dass „Frau Elster“ der Spitzname einer Eiskunstläuferin war, wusste er: Sie hatte in den sechziger Jahren etliche Medaillen gewonnen, nach einer unglücklichen Affäre mit einem Kanadier Federn lassen müssen, sich einem Kollegen ver- und entlobt, schließlich den Sohn eines Lederwarenhändlers aus Lauterberg geheiratet. Die Ehe war ebenso verunglückt wie alle sängerischen und schauspielerischen Versuche dieser Katja Günzler – der Spitzname verriet es. Matthias Montag stellte sich vor, wie die einstmals Umjubelte sich fühlen musste, während kübelweise Häme sich über sie ergoss. Der Frau könnte geholfen werden, dachte er sich, denn ihre Rachegefühle waren zu befriedigen, das Bedürfnis nach Trost, die Sucht nach Bewunderung zu stillen. Er rief sie an.

„Hallo“, tönte es aus dem Hörer, „wer ist da bitte?“

„Guten Tag, gnädige Frau“, Mathias schluckte am eigenen Schleim, „verzeihen Sie bitte den Überfall, aber meine Genossen vom Fernsehen haben mich ein wenig … nun, wie soll ich sagen … verärgert durch ihren Mangel an Sensibilität im Umgang mit Ihnen. Montag mein Name, Matthias Montag. Ich bin ein Fan, ein langjähriger Verehrer, wenn ich so sagen darf, und es schmerzt mich zu sehen, wie Sie von neidischen, missgünstigen Leuten verfolgt werden. Glücklicherweise kann ich dem aufgrund meiner Position in Adlershof entgegentreten.“

„Da sinn Se Gott sei Dank ni dor Eenzsche!“, kam es zurück, „un was wolln Se jetze von mir?“

„Ich bin zu einem Empfang beim Genossen Minister eingeladen, es wäre mir eine Ehre, wenn Sie mich begleiteten.“ Das war eine glatte Lüge, aber sie machte Eindruck.

„Isch kenn Sie doch gor ni. Minister. Welscher denn? Kultur oder …?“

„Maschinenbau“, Matthias beglückwünschte sich zu der Eingebung. „Ministerium für Allgemeinen Maschinen-, Landmaschinen- und Fahrzeugbau. Wir vom Fernsehen haben ja einen großen eigenen Fuhrpark und deshalb besondere Beziehungen zum Ministerium, Sie verstehen. Verzeihen Sie – es ist gewissermaßen ein Traum für mich, bei einer solchen Gelegenheit in Ihrer Begleitung … und es wäre ja für Sie auch durchaus interessant, wenn ein offizieller Vertreter des Fernsehens mit Ihnen aufträte, nicht wahr. Der Genosse Intendant sieht das übrigens ebenso.“ Mit der Kühnheit des letzten Satzes schwang sich Matthias Montag auf eine Höhe, für die er sich selbst bewunderte. Es konnte ihm das Genick brechen, falls Frau Elster je mit Heinz Adameck darüber sprach. In der Leitung blieb es still, der Moment dehnte sich unerträglich, Furcht kroch ihm in die Kehle – was, wenn sie auflegte?

„Nu, da solltn mr uns obr vorhär schon emol beschnubbrn, odr?“

„Das hatte ich kaum zu hoffen gewagt – nun, da Sie es vorschlagen: je eher, je lieber! Wann passt es Ihnen denn?“

„Donnerstag um Fünfe im Café vom Ballasthotel. Woran erkenn ich Sie?“

„Ich bin ganz sicher vor Ihnen da, liebe Frau Günzler und komme auf Sie zu – vielen, vielen Dank, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue!“

Überleben: Nazis, Stasis und wir

Die Spuren der Vergangenheit führen Gustav in lichtlose Verliese, wo die Gespenster lauern. Natürlich sind sie genauso real wie die von Millionen an Millionen begangenen Diebstähle, Einbrüche, Erpressungen, Nötigungen, Überfälle, Vergewaltigungen, Morde, wie Bestechungen, Drohungen, Folter, Betrug und Verrat eines jeden Tages, der da wird auf Gottes Erdboden. Die Verbrechen hausen unaustilgbar als Gespenster in den virtuellen Räumen der Erzählungen, Filme, Computerspiele, in Gemälden, Tönen, Träumen. Sie geilen sich aneinander auf, kopulieren, werden gezeugt als Vorstellung, Wunsch, Wille, geboren als neue Gewalt.

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Gebäude der ehemaligen Bezirksverwaltung der Staatssicherheit in Suhl, genannt “Die Burg”

Der Mensch ist nicht gut. Er ist zum Guten fähig und zum Schlimmsten. Wohin die Kugel rollt, ist unbestimmbar. Es ist Quantenphysik. Gustav kann nicht herausfinden, wer die Kugel von Gabriele Fürbringer Richtung Zuchthaus Hoheneck stieß. Die Figuren, von denen sie dort misshandelt wurde, haben keine Gesichter.

Die Mehrheit will von solchen Gespenstern ohnehin lieber nichts wissen, erst recht nicht, wenn sie nebenan hausen, in Behörden oder hinterm Schreibtisch eines Vorgesetzten. „Ein unauffälliger, netter Nachbar“ ist das, “der freundliche Herr Doktor”, „ein bei allen beliebter Kollege“. Und wer will schließlich gar die eigenen Züge an einem der Dämonen wiedererkennen, die sich als Verbreiter übler Nachrede, Spitzel, Zuträger, Wächter, Buchhalter um den Erhalt des Unrechts, um Gefängnis, Folter, Mord verdient gemacht haben?

Wer will sich für eigene Fehlbarkeit verantwortlich fühlen müssen, hinnehmen, dass er Schaden, Leid und Schmerzen verursacht hat, da er sich doch in den Schutz, in die Deckung einer Korporation flüchten kann, wo Verantwortung abgenommen, delegiert wird, an eine Gemeinschaft übergeht, die von keinem Menschen mehr in Haftung zu nehmen ist? Dort finden sich Rechtfertigungen und Ausreden als Uniform: „Man konnte doch nicht anders.“ „Befehlsnotstand“. „Gruppenzwang“. „Wenn ich’s nicht getan hätte, hätte ’s ein anderer getan“.

Aber die Welt, in der “es ein anderer getan hat” gibt es nicht. Diese Welt ist eine Fiktion zum Selbstbetrug. Es gibt nur die Welt, in der du entweder die Maske der Macht anlegst, wenn sie dir angeboten wird, und “es tust”,  oder in der du Nein! zur Maske sagst und Ja! – dir selbst ins Gesicht. 

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Der Beton der “Burg” stammt aus den 70er Jahren, die älteren Gebäudeteile haben eine Nazi-Vorgeschichte

“Masken der Macht …

… Gesichter der Ohnmacht” heißt ein Workshop, in dem das untergegangene System und der in Vergessenheit geratene Alltag der DDR zu erleben ist – für alle, die im Westen aus sicherer Entfernung zusahen, für alle die zu jung sind für eigene Erfahrungen mit SED und Stasi, mit Schulen, Arbeitswelt, Karrieren und Konflikten des Ostens.

Die meisten können sich nicht vorstellen, dass Ärzte, dass Krankenschwestern nicht mehr den elementaren Verpflichtungen ihres Berufsstandes folgen und Patienten als hilfsbedürftige Menschen behandeln.  Sie können sich nicht vorstellen, dass Ziel einer Behandlung nicht Heilung ist, sondern nur und ausschließlich die Fortsetzung von Verhören, der Erfolg von Maßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit “im Dienste der Arbeiter- und Bauernmacht” gegen vermeintliche Staatsfeinde, deren einziges Vergehen meist darin bestand, dass sie nicht länger DDR-Bürger sein mochten, dass sie der Heilslehre der Kommunisten nicht folgten.

Der Workshop verschafft jedem, der sich darauf einlässt, einen Eindruck davon, wie aus Menschen nummerierte Objekte, wie aus Angestellten Folterknechte, wie aus Therapien Verhörmethoden werden.

Im November ist ein Buch erschienen, das historische Fakten dazu aufarbeitet.

Peter Erler und Tobias Voigt haben die Geschichte des Stasi-Haftkrankenhauses in Berlin-Hohenschönhausen untersucht. Sie zeigen eindringlich, wie aus Ärzten Hilfskräfte psychischer und physischer Folter werden, wie Mediziner aus Karrieregründen den Hippokratischen Eid brechen, Psychologen helfen, den seelischen Widerstand von Gefangenen zu zerstören, Krankenschwestern mittels kollektivem Druck dazu gebracht werden, jegliche Regung von Mitleid zu blockieren. Sie alle legen die Masken der Macht an, sie treten den Leidenden als anonyme Vollstrecker eines Machtwillens gegenüber, der jeden Widerstand ersticken soll, der den Gedemütigten die medizinische Behandlung als gnadenhalber verabreichte Notration für sozial Geächtete erscheinen lässt.

Die Autoren haben genau recherchiert; sie lassen Menschen zu Wort kommen, die unheilbar verletzt sind an Leib und Seele. Jeder Einzelne hätte verdient, gehört zu werden – stattdessen dröhnen in den Medien, subkutan begleitet durch unterhaltenden Ostalgiekitsch,  die Schwadroneure des Sozialismus: als sei nicht das rechte und linke Handwerk der Menschenverachtung in diesen Krankenstationen zwischen Hohenschönhausen, Workuta, Sachsenhausen, Santiago de Chile, ein für alle Male in Beton, Stacheldraht, Überwachungs- und Zersetzungstechnik verewigt.

Die Täter, Täterinnen schweigen – bis auf wenige. Sie wollen gesichtslos bleiben, sie wollen die Masken der Macht nicht abstreifen. Sie dürfen sich leider darauf verlassen, dass ihre Rechte mehr zählen als das Anrecht der Opfer auf Offenbarung, auf Reue, auf einen sozial heilsamen Kniefall. Wer Reue verweigert, ohne Gesicht leben will, den schützt der Rechtsstaat. In den Kulturen Asiens ist Leben mit verlorenem Gesicht eine furchtbare Strafe.

“Medizin hinter Gittern” ist mehr als ein Bericht über dem Missbrauch medizinischer Kompetenz durch den SED-Staat. Das Buch fragt eindringlich – nicht nur Ärzte – wohin sich unsere Aufmerksamkeit richtet: auf die Gesichter der Ohnmacht oder auf die Masken der Macht.

Zuchthaus als Freizeitpark

Um nach Gabi Fürbringer zu suchen, hat sich Gustav das schmale Büchlein einer Zeitzeugin über Hoheneck beschafft, das größte und schlimmste der Frauengefängnisse in der DDR.

Fast zeitgleich mit der Lektüre läuft im Fernsehen ein Spielfilm über das Zuchthaus. Eine junge Pianistin, die wegen eines Ausreiseantrags dort inhaftiert ist, wird von einem IM-Arzt unter Psychopharmaka gesetzt, sie soll den Antrag widerrufen, verliert unter Medikamenteneinfluss bei einem Arbeitsunfall zwei Finger, ihr Leben in der Musik ist amputiert. Den Arzt trifft sie zwei Jahrzehnte später als Klinikchef im Westen wieder.

Es ist Fiktion. Die Wirklichkeit von Hoheneck war schlimmer: Edeltraut Eckert, eine 25 Jahre alte Dichterin, zu 25 Jahren Haft verurteilt, weil sie Plakate „Für Freiheit und Demokratie“ angeklebt hatte, geriet während einer Nachtschicht mit den Haaren in eine Maschine, ihre gesamte Kopfhaut wurde abgerissen, medizinische Nothilfe erhielt sie viel zu spät, sie starb fünf Tage nach dem Unfall im Krankenhaus. Gustav hat ihre Gedichte gelesen, sie erschienen 50 Jahre nach ihrem Tod. Edeltraut Eckert wird in der Fernsehdokumentation über Hoheneck, ausgestrahlt nach dem Spielfilm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht erwähnt. Keiner ihrer Richter, Ermittler, Gefängniswärter wurde je zur Verantwortung gezogen.

„Gefängnis Schloss Hoheneck“ ist im Internet jahrelang als lohnende Investition gepriesen worden, als passendes Objekt für ein „Kultur- und Eventzentrum“ mit vielversprechendem Einzugsgebiet. Demonstrationen gab es in Deutschland nur gegen Bahnhöfe, Landebahnen und Atomkraftwerke.

Illegal statt Wohnregal

 

Dach überm Kopf in der Mangelwirtschaft

Dach überm Kopf in der Mangelwirtschaft

Helden und Heldinnen des “Raketenschirms” leben in Plattenbauten in Thüringen, in Luxusvillen zwischen Tel Aviv und Baden-Baden, in Kasernen der Nationalen Volksarmee direkt neben deren Raketenbasen, in einstürzenden Altbauten im Prenzlauer Berg, Ostberlin. Der  Raketenschirm trägt den Autor durch die Zeiten, sein Treibstoff sind Erinnerung und Phantasie. Immer wieder einmal braucht er eine Zwischenlandung zum Auftanken: ein guter Ort dafür ist Udo Grashoffs Buch übers Schwarzwohnen in der DDR. Ich empfehle es, nicht nur weil’s den Recherchetank gefüllt hat.

“Ruinen schaffen ohne Waffen” war die sarkastische Verballhornung einer seit 1978 von der Friedensbewegung in Ost und West gebrauchten Losung. Sie stellte die heuchlerische Friedenspose des SED-Staats ebenso bloß wie dessen Wohnungsbauprogramm, das Regale aus Beton in gesichtslose Vororte klotzte, während historische Innenstädte verrotteten – eines der Indizien für den unabwendbaren wirtschaftlichen und politischen Bankrott des realen Sozialismus.

Eine schöne Ironie liegt darin, dass ausgerechnet in den abrissreifen Buden von Erfurt, Jena, Leipzig, Halle, Berlin und Rostock die Keime des Neuen heranreiften: Zu selbständigem Handeln entschlossene Leute unterschiedlicher Herkunft und Altersstufen sagten dem System der organisierten Verantwortungslosigkeit den Kampf an und zogen ein in den “Leerstand”, “schwarz”, also ohne die vorgeschriebene Zuweisung durchs Wohnungsamt. Anders als bei den fast gleichzeitig im Westen stattfindenden Hausbesetzungen verbanden sie damit nur ausnahmsweise politische Absichten, nicht selten genügte aber derart ungeplantes, eigenmächtiges Vorgehen, die “Organe”, einschließlich Polizei und Stasi auf den Plan zu rufen, es wurde spätestens dann politisch, wenn unangepasste Kunstaktionen, Punkertreffen oder Zusammenkünfte von Umwelt- und Friedensgruppen in den jenseits der Planwirtschaft ausgebauten Unterkünften stattfanden.

Eine Ironie ist das insofern, als Marx meinte “neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.” Nun entwickelte sich unter den “Schwarzwohnern” im Schoß des vermeintlich dem Bürgertum überlegenen Sozialismus nicht mehr und nicht weniger als eine Bürgergesellschaft. Freilich überlebten die meisten dieser Selbsthilfe-Unternehmen den Zustrom westlicher Immobilienverwerter nach dem Untergang der DDR nicht – dafür überleben Altstädte und Baudenkmäler, während die Plattenbauten verschwinden.

Udo Grashoff hat schon mit seinem Buch “In einem Anfall von Depression…“ über Selbsttötungen in der DDR eine lesenswerte, kenntnisreiche Arbeit zum Verständnis sowohl des Alltags wie der politischen Entwicklungen daselbst vorgelegt. “Schwarzwohnen” setzt diese ganz eigene Form der Dokumentation fort. Sie ist weniger auf Daten und Statistik aus – eine solche Untersuchung wäre mangels verlässlicher Unterlagen wohl auch kaum möglich – als auf die Befragung von Zeitzeugen, auf das Zusammentragen von Fotos und Protokollen. Er vergleicht nebenher Ähnlichkeiten und Unterschiede zu westlichen Hausbesetzern seit den 70er bis zu den 90er Jahren. Es kommen erstaunliche Ideen und Schicksale ans Licht, es ist vieles zu erfahren, was in offiziellen Darstellungen der DDR-Geschichte fehlt. Ich habe mich mit Vergnügen dieser Exkursion in die einstürzenden Altbauten meiner Jugend angeschlossen.

Das Buch gehört zur Schriftenreihe des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung und ist bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen. Paperback, 200 Seiten, 19,90 €

Der Turm zum Blick

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Das Bild entstand Anfang der 50er Jahre: Meine Großeltern schauen vom “Bornmüllers Turm” auf dem Hofleite-Hügel über die Stadt. Vor 42 Jahren habe ich selbst zum letzten Mal diesen Blick genossen: kurz vorm Abitur, kurz bevor die Suhler Stasizentrale ihre Allmacht demonstrierte und die Bornmüller-Erben zwang, das Gartengrundstück mit dem romantischen Turm aus dem 19. Jahrhundert abzutreten. Es war die Zeit, als meine Wurzeln abgeschnitten wurden, denn wenig später griff der real existierende Sozialismus auch nach dem 200 Jahre alten Fachwerkhaus, in dem ich aufgewachsen war, es fiel wie die ganze Altstadt. Kein Zugang mehr zum Garten, kein Blick vom Turm, kein Zuhause mehr, wo die Familiengeschichte fast 300 Jahre lang in die Stadtgeschichte eingewachsen war.

Herrenstraße Vorderansicht

Verfallendes Fachwerk: Die Herrenstraße in den 60er Jahren

Im Namen des Fortschritts marschierten die Führer und Hilfstruppen des Sozialismus in die Pleite. Heute werden Plattenbauten abgerissen, die gerade einmal 30 Jahre überdauerten. Beton erwies sich als mürber Stoff, weil die ethischen Fundamente unterm grandiosen neuen Städtebau nichts taugten. Der Turm aus dem Jahr 1848 aber – als Kollateralschaden der DäDäÄrr-Implosion ruiniert – bekommt vielleicht ein neues Leben. Er steht unter Denkmalschutz, der neue Besitzer will ihn – vielleicht als originelle Ferienwohnung – ausbauen.

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“Tag des Offenen Denkmals”: Die Suhler entdecken ihre Geschichte

Zu wünschen ist, dass Horst Köhler – seltsame Namensverwandtschaft – die ursprüngliche architektonische Form mit dem hölzernen Dachreiter überm kreuzförmigen First wiederherstellt; vielleicht mit Hilfe des Denkmalschutzes, vielleicht dank eines neu erwachten Bürgersinns. Suhl, meiner alten Heimat, wäre das zu wünschen. Denn der Turm wurde von Edmund Bornmüller erbaut, um arbeitslosen Barchentwebern in der Krise ein Einkommen zu verschaffen. Er entstand, weil ein Unternehmer Gemeinsinn entwickelte. Angesichts globaler Finanzkrisen durch heimatlos marodierende Milliardenspekulanten werden wir solche Männer und Frauen dringend brauchen.

Wen die Geschichte interessiert: “Rennsteig TV” hat einen Film über den Tag des Offenen Denkmals online gestellt. Ab Minute 10:10 geht’s um “Bornmüllers Turm”