Die Stasiwende

Die „Wendejahre der Stasi“, als viele Tschekisten es ihrem Vorbild Markus Wolf gleichtun und den Kommunismus über die „Perestroika“ retten wollten, sind ein Handlungsstrang in „Raketenschirm“.

Wolf trat 1986 als Stellvertreter Erich Mielkes zurück. Matthias Montag, Günstling des Pensionärs, will sich “seinen Dissidenten” als Rückendeckung organisieren und trifft sich deshalb mit Gustav Horbel auf dem “Mont Klamott”, dem Berg aus Schutt bombardierter Berliner Häuser überm gesprengten Bunker im Volkspark Friedrichshain. Das Foto stammt aus dem Bundesarchiv:  Bild 183-M1203-316 vom Fotografen Otto Donath wurde im August 1949 aufgenommen und ist in der Wikipedia unter CC-BY-SA veröffentlicht.

„Wir beide wollten immer was bewegen – jeder auf seine Weise. Für mich ist es natürlich einfacher, innerhalb des Apparates. Du hast bestimmt ganz falsche Vorstellungen davon, was uns dort beschäftigt, welche Freiheiten ich habe, meine Meinung zu sagen. Es gibt eigentlich keine Tabus, und seit Gorbatschow sind die Diskussionen noch lebendiger, spannender, offener. Ein paar alte Betonköpfe mauern, glasklar, aber glaub mir: die Zeit für Reformen ist gekommen. Schade, wenn dann kluge Leute wie du einfach ausfallen.“

„Was erwartest du von mir?“ Gustav Horbel bekam den Hals frei: „Dass ich die Stasi auch großartig finde und meine Meinung künftig bei euch in der Kantine oder auf der Parteiversammlung sage?“

„Wäre das denn so abwegig? Wir sind Künstlern gegenüber aufgeschlossen, viel mehr als manche Kleingeister in den Parteiorganisationen oder Kulturbehörden. Jeder, der entsprechende Leistungen vorweisen kann, wird von uns unterstützt, kann seine Arbeiten auch im westlichen Ausland zeigen, reisen – nur öffentliche, feindselige Stellungnahmen dulden wir nicht. Du würdest ebenso wenig akzeptieren, wenn dir nahestehende Menschen, etwa deine Frau, dich vor allen anderen bloßstellte – oder?“

„Ich würde sie totschlagen.“ Matthias lachte wieder: „Das ist gar nicht dein Stil, unserer auch nicht. Der Staat wirbt doch um Künstler, die es verdienen, selbst wenn sie Fehler machen. Das ist im Westen anders, das weißt du. Dort herrscht das Gesetz des Stärkeren. Bist du was, hast du was – und es kommt immer noch was dazu. Konkurrenz kennt keine Gnade. Fühlst du dich als Habenichts und unbekannter Regisseur dieser Konkurrenz nicht hilflos ausgeliefert?“

„Doch“, sagte Horbel, merkte, wie er wütend wurde, denn er hatte reichlich Filmbeiträge mit gescheiterten DDR-Übersiedlern gesehen, „doch. Aber ich lasse ’s auf Probleme mit dem Gelderwerb ankommen. Wirklich ausgeliefert fühle ich mich einem Wohlwollen, dessen Entzug mir fortwährend angedroht wird.“

„Das kann dir an jedem Ort der Welt passieren.“

„Mag sein, aber diese Erfahrung will ich auf eigene Rechnung machen. Null Bock auf Gnade.”

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