Träume, Flüge, Abstürze

H Hoffmann Struwwel 25
Bei den Buchpräsentationen von „Babels Berg“ werde ich immer wieder nach der Fortsetzung gefragt und wie denn der Titel „Raketenschirm“ zu verstehen sei. Dann verweise ich natürlich auf die militärische Idee, allfällige Raketenangriffe eines Gegners mit elektronischen, Laser-, Hyperschall- oder anderen Maßnahmen abzuwehren. Die am weitesten reichende Spirale dieses Wettrüstens dürfte das noch von Ronald Reagan favorisierte System einer Raketenabwehr im Weltraum – SDI – gewesen sein. Es wurde nicht mehr gebaut.
Die NATO brachte inzwischen die russische Führung mit Plänen gegen sich auf, in Osteuropa an mehreren Standorten einen Abwehrschild gegen Raketen aus dem Mittleren Osten zu installieren; in Moskau sah man das als Bedrohung eigenen Territoriums bzw. Einflussgebiets. Die Kontroverse ist nicht abgeschlossen, so lange irgendwer irgendwo in der Welt mit Raketen seine Nachbarn bedroht.
Allerdings assoziiere ich mit „Raketenschirm“ mehr als nukleare Mordwaffen der Auschwitzklasse. Vor allem kommt mir jene als Abschreckung gegen zuviel Neugier und Abenteuerlust von Herrn Dr. Hoffmann erfundene und illustrierte Geschichte in den Sinn, die ich nebenstehend aus der „Wikipedia“ übernommen habe. Ich liebe sie, weil sie zeigt, wie sich ein Objekt verselbstängt, das als Instrument Lust und Begierde dienen soll, wie aus Spiel Ernst wird, aus Patschen in Pfützen ein Flug in die Welt.
Den wahrscheinlichen Absturz blendet Dr. Hoffmann – sonst um grausige Details nicht verlegen – seltsamerweise in dieser Struwwelpetergeschichte aus. Ob er ausnahmsweise den Traum vom Fliegen wichtiger nahm als die Erziehung zum Bravsein?
Die unvorhersehbaren Raketen des Sturmwindes unterm scheinbar harmlosen Schirm, dessen Verwandlung Robert ins Reich der Sehnsucht entführt, wohin, „das vermag kein Mensch zu sagen“, ist ein Motiv der Trilogie über Gustav, der geradeso abenteuerlustig, unvernünftig, widersetzlich durch die Welt stromert wie Robert.

Die Qualen der Exzellenz

Rosarose

Rosen, Tulpen, Nelken ...

Immer mal wieder ruft mich ein Stammtischbruder der 70er Jahre an, ein schon damals graumelierter Mann mit seriöser Ausstrahlung, von dem viele meinten, er habe es bis zum Offizier im besonderen Einsatz des Ministeriums für Staatssicherheit gebracht. Um als “Romeo” in Bundesministerien in Bonn oder in NATO-Generalstäben Sekretärinnen einzuwickeln, war er wohl seinerzeit schon zu bequem oder trank etwas zu viel, einerlei: Seine Erfolge bei anlehnungsbedürftigen Frauen mittleren Alters konnten sich sehen lassen.

Ausgerechnet eine seiner Gespielinnen von ehedem behauptet hartnäckig, der Typ sei verlogen bis in die letzte Windung seiner Epididymis (sie drückte sich derart unflätig aus, dass ich das Originalzitat etwas abwandle), er habe heute noch Angst davor, dass aus den Säcken mit Geschreddertem oder Zerrissenem im Bestand der Behörde sich eines Tages seine Missetaten zusammen puzzeln ließen. Ich mag das nicht glauben. Seine Erkundigungen über mein Wohlbefinden erscheinen allerdings in einem etwas seltsamen Licht, denn sie häufen sich, seit ich in der DäDäÄrr Erlebtes in Romanform publiziere. Möchte er sich davon überzeugen, dass anhaltendes Lebensglück die Folgen seinerzeitiger Denunziationen und Zersetzungsmaßnahmen ausgeglichen hat, dass seine Beteiligung an einem diesbezüglichen “Operativen Vorgang” in den Fluten des Styx versunken und er damit entschuldigt ist?

Was meine Zweifel nährt ist, dass er immer wieder einmal darauf zu sprechen kommt, ich sei ja zeitweise ein strammer Parteigänger gewesen (was nicht stimmt; Hierarchen, selbst Werbern der SED war ich ebenso tief zuwider, wie sie mir), ich habe ihn sogar in Diskussionen links überholt. Das stimmt allerdings. Meine Konflikte mit der Sozialistischen Einheitspartei und ihren Helden an der unsichtbaren Front der ideologischen Subversion beruhten wesentlich darauf, dass dä DäDäÄrr mit einer Entwicklung zur “Freien Assoziation emanzipierter Individuen” – von Marxengels im “Kommunistischen Manifest” ersehnt – so viel zu tun hatte, wie Erich Mielkes Menschenliebe mit Mutter Teresa. Na ja; ich hatte eine Menge Illusionen darüber, wie viel ich in diesem Staat durch selbstausbeuterische Arbeit an den Theatern in Richtung freier Individuen würde bewegen können. Am Ende war ich froh, nach ein paar Jahren als Hilfskellner in den Westen zu entkommen, ohne in Zellen von Hohenschönhausen, Bautzen oder sonstwo als Devisenbringer der Firma “Kommerzielle Koordinierung des Menschenhandels” zwischengelagert zu werden. Mein Stasi bei der Innenbehörde gab mir, als ich nach vier trostlosen Wartejahren gehen durfte, mit auf den Weg, ich werde mich, als Arbeitsloser am Hamburger Hafen sitzend, noch zurücksehnen in dä DäDäÄrr, aber darin irrte er. Im Frühling 1989 saß ich “arbeitslos” am Hamburger Hafen, es ging mir prächtig, meine Sehnsucht entsprach der nach einer Leberzirrhose.

Mein Stammtischbruder kam wenig später ebenfalls im Westen an. Dank seiner technischen Qualifikation fand er binnen kurzem eine Arbeit, seine Tätigkeiten im Osten spielten keine Rolle, lange Zeit hörte ich nichts von ihm. Mir wäre nie eingefallen, den Kontakt von einst wieder zu beleben; weder zog es mich zu den Stammtischbrüdern, noch trieb mich der Wunsch, einstigen Denunzianten und “Zersetzungsbeauftragten” auf die Spur zu kommen. Dazu gab es viel zu viele Konflikte im Westen, die zu erkennen und womöglich zu lösen mir als sinnvoll erschien. Insofern geriet ich niemals in Gefahr, arbeitslos zu werden, auch wenn allfällige Anstellungen nicht lange währten. Sie dauerten genau so lange, wie sie es verdienten. Das war zwar ein Dilemma für den Verdienst, füllte aber mein Leben mit sehr viel sinnvollen, lehr- und erfolgreichen Unternehmungen. Ich lernte großartige Menschen kennen, und die Frauen meines Lebens hinderten mich daran, größenwahnsinnig zu werden.

Jetzt, kurz bevor mein zweiter Roman seine Premiere feiert, meldete sich mein – inzwischen längst pensionierter und ganz silberweißer – Gefährte wieder, um von den geplanten Lesungen ins Vergangene abzuschweifen. Tat er es, um herauszuhören, wie viel von seiner Verstrickung ich herausgefunden hatte, recherchiert in den Akten der Behörde, hernach verwandelt, literarisch zur Kenntlichkeit entstellt? Quälten ihn um dessentwillen Ängste? Oder suchte er immer noch nach dem in jenen Jahren greifbaren, dann ausgebliebenen Erfolg: den Jüngeren, Freizügigen, Mutwilligen in der Tiefe mit dem Keim der Zersetzung infiziert zu haben, der ihm zwanzig Jahre später, da seine Bücher allesamt kaum gelesen werden, das Dasein zur Hölle macht, die Prophezeiung von der Erfolglosigkeit im Westen erfüllend, den seelischen Krebs der Depression nährend wie einst in der DäDäÄrr? Auch die Geheimdienstspezialisten des Westens bescheinigen solchen Zersetzungsplänen der Mielke-Armee psychologische Exzellenz.

Diese Exzellenz der zu höheren Zwecken berufenen Angestellten und ihre Qual, nicht ans Ziel zu gelangen, werde ich allerdings nie verstehen. Aufrichtig gesprochen: es regt sich kein Mitleid. Es wäre auch unsinnig. Womöglich sehe ich Gespenster, und der Mann war lebenslang ein harmloser Mitläufer. Woran es nur liegen mag, dass mich das überhaupt nicht beruhigt?

Traumsterben

Felsen in Baden-Baden

Steter Tropfen höhlt den Stein ...


„Meine Liebste“, presste Gustav Horbel heraus, „jeder sieht, dass wir beide unzufrieden sind. Vielleicht liebst Du mich so wie ich Dich, vielleicht sogar noch mehr, wir wünschen uns beide nichts inniger, als miteinander glücklich zu werden. Was uns daran hindert, sind in Deinen Augen meine Unzulänglichkeiten, ich aber bin nicht mit Dir unzufrieden, sondern mit der Welt. Das ist schlimm, weil Du in dieser Welt zufrieden leben könntest, gäbe es nur meine Unzulänglichkeiten nicht. Du müsstest mich erziehen. Ich liebe Dich. Mir würde nie einfallen, Dich erziehen zu wollen. Aber ich will auch nicht von Dir erzogen werden.“
(Aus Kapitel 2 im „Raketenschirm“)

Worauf ich mich freue …

Der Verlag macht wieder ein schönes Hardcover – Teil zwei der Reihe.

Aufstiege und Abstürze

Mondlicht und Hexenwerk …
..wieso Männer und Frauen perfekt nicht zueinander passen

Die abenteuerliche Zeit des „Wandels durch Annäherung“

Alles ist möglich: Menschen landen auf dem Mond, zwischen West- und Ostberlin kann man wieder telefonieren, ein Diskus fliegt kilometerweit, ein Deutscher bekommt den Friedensnobelpreis, in einer Thüringer Kleinstadt gibt es das europaweit beste Japan-Restaurant: Anfang der 70er Jahre sprechen viele Zeichen für Aufbruch, Fortschritt – und unbegrenztes Vergnügen bei erotischen Abenteuern jenseits der Familienplanung.

Gustav Horbel aus Lauterberg ist in der Hauptstadt Berlin gelandet, um Physik zu studieren, denn er ist sehr neugierig darauf, was die Welt im Innersten zusammenhält. In Berlins Straßen, in Bars und Theatern, im Thüringer Wald und in den Reichsbahnzügen dazwischen lernt er dann viel mehr darüber als in Labors und Hörsälen. Während er mit Prüfungen an der Universität wenig Scherereien hat, macht er in den Prüfungen des Lebens keine besonders gute Figur, er will einfach zu hoch hinaus. Ob das am Geist dieser 70er Jahre liegt, in denen alles möglich scheint?

Zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit stolpert Gustav durch eine bewegte Zeit. Gott sei Dank nimmt ihn immer wieder jemand bei der Hand, manchmal ein berühmter Mann, manchmal die schönste Frau der Welt.

Probelesen können Sie jetzt schon, „Babels Berg“ erscheint im Herbst 2010 im Salier Verlag Leipzig

Read more at immediator.de