Fragen nach Sinn und Ziel

RaedernThetriumphofdeath_-_detailKrisenherde, Gewalttätigkeiten, Kriege und Massaker in „Failed States“ treiben Bilderwogen hoch, der politische Einfluss von Nationalstaaten aufs wirtschaftliche Geschehen schwindet, die #EU ist eher ein Sanierungsfall als gestaltende Kraft im globalen Geschehen. Vor der Bundestagswahl werfen sich Parteien in Pose, ihre Programme bestehen hauptsächlich aus Worthülsen. Um ihre Handlungsunfähigkeit auf den wesentlichen Feldern wie Energie-, Migrations-, Finanz-, Abrüstungspolitik zu kaschieren, füttern sie mit Steuergeldern Korporationen – darunter zahllose sogenannte NGO -, die sie folgerichtig als willige Helfer für den Machterhalt und Schutzschild gegen unerwünschte Kritik dienstbar machen.

Statt Konflikte zu benennen und nach Lösungen zu suchen, gebrauchen fast alle Protagonisten der Wahlkämpfe den dicken Zeigefinger, der immer auf die anderen weist, und gegenüber den Wählern die bevormundende Moralkeule in der Art von Aufklebern auf Tabakverpackungen (Tödlich! Gefährlich! Klimaschädlich! Arm- und krankmachend…!). Sie mobilisieren den Versicherungs- und Vermeidungsimpuls der Wähler. Selbständigen Handlungs- und Entscheidungswillen, Meinungsfreiheit und Verantwortungsbereitschaft bremsen solche Organisationen gern aus, denn sie dienen nicht ihrem wichtigsten Ziel: Selbsterhaltung – koste es das Gemeinwesen, was es wolle.

Schauen Sie sich daraufhin die vertrauten „Gestelle“ (die Bezeichnung weist aus, dass vor allem ihre An-Gestellten nutznießen) einmal an.kosmos_200

Wenn Sie sich für Zusammenhänge, Strukturen und Handlungsmuster interessieren, ihre eigene Position daraufhin befragen wollen, ob und wieviel sinnvolles und erfülltes Erleben sich damit verbindet, dann lesen Sie “Der menschliche Kosmos” einfach online – so viel Sie mögen – und stellen Sie Ihre Fragen.

„Der menschliche Kosmos“ ist nämlich Ihrer.

Advertisements

Quellen literarischer Phantasie

Gelbflussgeister
Die Ausgabe des Greifenverlages aus den 50er Jahren

Eine Leseratte war ich zeitlebens. Natürlich haben sich die von der Großmutter vorgelesenen, erst recht die selbst verschlungenen Bücher besonders tief eingeprägt. Zu ihnen gehört “Die Geister des Gelben Flusses”, eine Sammlung chinesischer Märchen und Legenden. Der deutsche Sinologe Richard Wilhelm hatte sie 1914 bei Eugen Diederichs herausgegeben, eine gekürzte Lizenz-Ausgabe des Greifenverlags Rudolstadt bekam ich zu Weihnachten 1959 geschenkt. Namentlich die letzte Geschichte, “Der Affe Sun Wu Kung”, grub sich mir ins Gedächtnis und blieb dort, obwohl kurz danach der politische Bruch zwischen Maos China und Chruschtschows Sowjetunion die Kultur des Reiches der Mitte weitgehend aus Bibliotheken und Schulbüchern der DDR verbannte – keine Nachauflagen für “Die Geister des Gelben Flusses”. Daran konnte auch das Nachwort der treuen Kommunistin Klara Blum (chinesisch 朱白兰) nichts ändern, die mit Zitaten Maos und eines damaligen Vizekulturministers die uralten Texte von der Schlacke feudalen Aberglaubens reinigen und dem “jahrtausendelangen revolutionären Traum des Volkes, den es schließlich aus eigener Kraft verwirklicht hat” zuschlagen möchte. Sie lobt Richard Wilhelm als Übersetzer, wirft ihm zugleich vor, in patriarchalischer und bürgerlicher Begrenztheit nicht zu erkennen, dass Sun Wu Kung “die Verkörperung der unterdrückten Klassen in der Ming-Zeit” sei. Die Marxistin fordert im Fahrwasser von Mao und seinen Apparatschiks die Deutungshoheit über das “kulturelle Erbe”. Ihre Erfahrungen in Stalins Russland, wo ihr chinesischer Ehemann sein Leben 1943 in einem Lager verloren hat, erschüttern diesen Glauben nicht.
Die Ironie der Geschichte will, dass Mao und seine “Roten Garden” – von ihrer Mission besonders begeisterte jugendliche Kommunisten – während der “Kulturrevolution” fast die gesamte klassische chinesische Literatur – die westliche Kultur sowieso – buchstäblich vernichten wollten. Zehn Jahre lang, von 1966 bis 1976, rotteten sie alles aus, was nicht zum Bild der einzig wahren Volksherrschaft nach vollendetem Klassenkampf und zu deren vollkommener Harmonie passen mochte. Menschen mit abweichender Meinung wurden denunziert, gedemütigt, in Gefängnisse und Arbeitslager deportiert, ermordet. Tempel, Museen und andere Kulturstätten verwüsteten die Revolutionäre, sie ruinierten das Bildungssystem, indem sie jegliche Wissenschaft, vor allem die Geschichte, an die Bedürfnisse Maos und seiner Gefolgschaft anpassten. Erst nach Maos Tod begann ein mühsamer und widersprüchlicher Weg der Rückbesinnung auf die chinesische Tradition. Der Affe Sun Wu Kung allerdings hatte überlebt, wurde sehr schnell wieder zum Volkshelden; zahllose Filme, Spiele, Kitschprodukte bezeugen seine Unsterblichkeit.
JadekaiserWeihnachten 1959 fesselten mich, den damals Neunjährigen, all die Märchen aus China: Götter und Göttinnen, Dämonen und Gespenster, Flussgeister, Drachen, Hexen und Zauberer verwoben sich darin zwischen Traum und Wirklichkeit so selbstverständlich mit lebendigen Menschen, wie ich es aus Märchen der Gebrüder Grimm und vielen anderen kannte: In Großmut, Liebe und Niedertracht. Ich bestaunte Holzschnitte, die mir im Vergleich zu den Aquarellen meiner Mutter nüchtern, gleichwohl exotisch und geheimnisvoll erschienen. Es gab einen Jadekaiser als Herrn des Himmels, eine Göttin der Barmherzigkeit, einen “göttlichen Landmann” – und alle diese Figuren konkurrierten nicht mit meinem kindlichen Glauben an christliche Verhältnisse von Heiligkeit. Sie waren anders, sehr fern, wohingegen die irdischen Verhältnisse – Neid, Habgier, Zwietracht, Eitelkeit, Herrschsucht, Gewalttätigkeit, Heuchelei, Feigheit… in Konkurrenz zu (auch von meiner Großmutter beschworener) Hilfsbereitschaft, Redlichkeit, Mut, Aufrichtigkeit, Geduld, Höflichkeit… – sich offenbar im fernen China seit alten Zeiten nicht anders gestalteten als in Suhl, einer Bezirkshauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates DDR. Dort ging ich zur Schule und machte auf dem Pausenhof satirisch meiner Empörung über sozialistische Kulturvernichtung in der Volksrepublik Luft. Natürlich gab es Parallelen: Das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 – auch als “Kahlschlag-Plenum” bezeichnet – hatte eine radikale, dogmatische Parteilinie für die gesamte künstlerische und wissenschaftliche Arbeit durchgesetzt. Das war auch im Unterricht deutlich spürbar.
Der 16jährige Pennäler erfand den “Genossen WU” (leicht als Initial des Spitzbarts an der Spitze zu erkennen), führte absurde Erlasse, blödsinnige Verbote und ideologische Flohknackereien vor. Unterm Gelächter und Applaus von Mitschülern fühlte er sich als Affenkönig Sun Wu Kung aus dem Märchenbuch, der den Himmelsherren herausfordert. Tatsächlich brachten ihm seine Heldentaten eine Einladung zur Schulleitung ein, es war nicht die letzte Strafmaßnahme hochmögender Tempelwächter des Sozialismus. 1989 erlaubten sie ihm schließlich “Die Reise nach Westen”, aber anders als der Sun Wu Kung im klassischen Chinesischen Roman der Ming-Zeit trat er sie nicht als Begleiter einer Delegation an, die weise Schriften des Buddha gen Osten holen sollte, auf dass verkommene Verhältnisse und ehrlos Regierende geläutert würden. Im Osten war Hopfen und Malz verloren. Das einzige was vom Reich der Moskauer Kommunisten und ihrer Statthalter in Ostberlin übrig blieb, war der Aberglaube, ihre Lehre brächte das Heil auf Erden. Meine Reise führte in den folgenden Jahren auch nach China, wo ich Vielfalt und Reichtum überkommener Kulturen bestaunte und verfilmte, zugleich die Schattenseiten der politischen Herrschaft daselbst erfuhr.
Guanyin_GeisterWelche Gottheit mich mit meiner chinesischen Lebensgefährtin zusammengeführt hat, ist bis heute zwischen uns umstritten. Shiqin behauptet, es sei Guanyin, die Göttin der Barmherzigkeit gewesen, ich würde auf Sun Wu Kung wetten. Zum einen demonstriert die Chinesin gern, dass sie mich jederzeit zum Narren halten kann, zum anderen ist sie im Jahr des Affen geboren, und schon als wir uns kennenlernten waren der alte Sun und seine Streiche Gesprächsthema. Wir sind seither einige Mal in China gewesen, haben viele dicke Bücher zusammen gelesen – vor allem zeitgenössische wie die des großartigen Liao Yiwu – aber auch Klassiker wie den “Traum der roten Kammer”.
Als kürzlich “Die Reise nach Westen” bei Reclam in einer vortreffliche Neuübersetzung der Schweizer Sinologin Eva Lüdi Kong erschien, waren wir hocherfreut. Der Wälzer von über 1300 Seiten unterhält uns seit Wochen, nicht nur wegen der drolligen Affengeschichten, über die wir uns schon als Kinder amüsierten, sondern wegen der vielen Querverbindungen zu chinesischer Kultur, Mythologie, Geschichte, die sich Dank der Kommentare und Anmerkungen von Eva Lüdi Kong verfolgen lassen. Wer Chinesisch lernt, kommt an diesem Klassiker kaum vorbei – und wird eine Menge Spaß haben, wenn er in Sun Wu Kungs Abenteuer, allerlei Konflikte von Göttern und Menschen und in die Lehren von Konfuzius, der Buddhisten und Daoisten eintaucht.
Mag sein, dass auch “Die Reise nach Westen“ Objekt von Kämpfen um die Deutungshoheit bleibt – zwischen Anhängern von Religionen und von Mao, Feministinnen, Genderbewegten, Fachwissenschaftlern. Sie alle werden – wie der Vizekulturminister – längst vergessen sein, wenn die alten Texte jedem, der sie zu lesen versteht, immer noch ihre Weisheit und ihren Humor offenbaren.

Vom Glück des Alterns

IMG_20161002_153302Müsste ich mich morgen aus dem Leben verabschieden, täte ich ’s mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit. Es war köstlich, Mühe und Arbeit waren erwünscht, die Liebste, die Freunde, die Wege durch Kunst und Wissenschaft, begleitet von sehr verschiedenen Menschen – Persönlichkeiten – beglückendes und erfüllendes Sich-Begegnen, konfliktreiches Geschehen: Fluss, Sturz und Rausch. So konnte ich meine Bücher schreiben, meine Filme und Radiofeatures machen. Wer immer mich kritisch begleitete, mich zu Veränderungen zwang, weil er gute Argumente hatte, mir die Leviten las, war ein Helfer zum Glück.

Das Altern sagt – auf andere Art als äußere Umstände nicht nur in früheren Jahren: Erkenne deine Grenzen. Die äußeren Umstände sind indessen – heute so wenig wie damals – nicht das Wichtigste. Mag sein, dass deine einstigen Hoffnungen nicht die der Jungen sind – so wenig wie die Hoffnungen deiner Eltern die deinen waren. Und das bedeutet: Halte deine Augen offen fürs Wesentliche. Falls doch einmal ein Kind oder ein heranwachsender, naturgemäß krisenanfälliger Mensch mit dem ganzen gewaltigen Gebirge der Zukunft vor Augen dich fragen sollte: Du kannst, musst ihn nicht von eigenen Fehlern abhalten, aber Hinweise auf Rettungsanker und verlässliche Wegweiser kannst du geben.

Ist es nicht eine wunderbare Aussicht, für solche Fälle aus Bücherregalen und Mediatheken schöpfen zu können, die ihren Wert im eigenen Erleben bewährt haben, einem Erleben, das von sich sagen kann: Ich möchte – auch und gerade wegen der Bauchlandungen – mit niemandem tauschen?

Die Macht der Träume

IMG_0317Wie kostbar diese jenseitigen Welten sind. Das Bewusstsein befasst sich dort nur noch eingeschränkt mit unmittelbaren Reizen; es wird vom Unbewussten, vom Erinnern, von Wünschen und Ängsten bewegt. Es muss ihnen folgen in gegenstandslose, phantastische, manchmal furchterregende Geschehnisse. Was im Alltag nicht zu merken ist – dass hinter Entscheidungen nur selten vernünftiges Abwägen steht – wird hier und jetzt universelles Programm. Alles ist möglich. Es muss nur einen Kondensationskeim geben, an den sich chaotisch schweifende Erinnerungen anlagern können, egal ob sie frühkindlichem Erleben oder einer Fernsehserie entspringen. Von diesem Keim aus vernetzen und verweben sich Landschaften, Figuren, Situationen innerhalb von Hundertstelsekunden. Sie sind flüchtig, aber sie können stärker wirken als real Erlebtes.

Hirnforscher wollen aufklären, was da “wirklich” geschieht. Sie wollen mittels hochpräziser Messung elektromagnetischer, hormoneller, zellbiologischer Abläufe die Traum und Gedankenwelten vermessen. Aber dieses “wirklich”  bedeutet doch immer nur, dass aus apparativ begrenzten Methoden des Erfassens von Daten Modelle konstruiert werden. Diese Modelle müssten in irgendeiner Form verifizierbar sein – etwa indem man aus mit ihrer Hilfe entworfenem elektromagnetischen Geschehen einen vorhersagbaren Traum entstehen ließe, also einen Film ins Traumgeschehen einspielte, dem der Träumer nicht entfliehen kann.

So etwas ist der Traum aller Despoten, Geheimdienste, vieler Produzenten mehr oder weniger schlechter Sci-Fi-Texte, Filme, Spiele. Vermutlich steckt schon viel Geld in einschlägigen Forschungen. Ihre Konsequenzen gehen – was  ökonomische und politische Macht anlangt – über Kernkraft, Gentechnik, IT und Internet hinaus. Sie verschärfen alle Fragen nach menschlicher Verantwortung bis tief ins Persönliche. Stirbt infolge solcher “digitaler Transparenz” des Individuums nicht jedes Vertrauen, sogar das zu sich selbst?

Einstweilen freue ich mich an allen Abenteuern, zu denen ich ins Universum der Träume eingeladen – oder sollte ich besser sagen: entführt? – werde. Manchmal freue ich mich auch, von dort unversehrt zurückzukehren in eine Realität voller Überraschungen. Gott sei Dank wird sie sich nie ganz kontrollieren lassen, und das bedeutet: überhaupt nicht.

Helden

Callot_GalgenFür mich gibt es keine Geschichte. Für mich ist alles Gegenwart. Wenn Frauen die Nase abgeschnitten wird, weil sie einem Mann nicht zu willen sind, ist das Sklaverei in der Gegenwart, wenn Fußballer zu Nationalhelden werden, ist das Steinzeit in der Gegenwart, wenn „Wir sind Papst!“ oder „Wir sind Weltmeister!“ aus den Schlagzeilen knallt, ist das 19tes Jahrhundert, Kaiserzeit von Willem zwo oder Tausendjahrerreich mit unversenkbaren Panzerkreuzern und U-Booten. Wir sind irgendwie… Herren! Naja: der HerrInnen-Ehrgeiz passt schon dazu: die weltbesten Gender-Mainstreamer.

Jedenfalls sind das Wahnvorstellungen, die eines gemeinsam haben: den Wunsch nach Dominanz, möglichst weltweiter. Ob in muselmanischen Träumen, christlichem Missionseifer, kommunistischer Ignoranz: Nichts davon ist – trotz erwiesener Menschen-, Natur-, vor allem Lernfeindlichkeit – „vergangen“.

Das ist auch gut so. Für Freunde der Religion: Gott sei Dank! Für alle anderen: Weil menschliche Vernunft erfahrungsgemäß andauernd korrigiert werden muss.

Wir leben in einer Zeit, die meint, von allem sehr viel zu wissen, das Vergangene zu beherrschen, gar überwunden zu haben. Bibliotheken und online-Foren sind voll furioser Abrechnungen mit den Verbrechen und den Verbrechern der Vergangenheit. Die Deutschen insbesondere, weil sie sich in keiner andern als der Rolle des Musterschülers wirklich wohl fühlen, möchten gar zu gern als Vorbilder der „Aufarbeitung“ wahrgenommen werden.

Aber da ist nichts „aufzuarbeiten“. Die Toten bleiben tot, zerschmetterte Körper sind nicht reparabel. Ja, traumatisierte Seelen können trotz aller Verletzungen in ein erfülltes Leben finden – sie werden dabei nur ausnahmsweise erleben, dass Folterer, Vergewaltiger, Mörder, Spitzel, Denunzianten sich ihnen als reumütige Sünder zu Füßen werfen. Sie sollten keinesfalls darauf zählen, denn nach dieser Sorte Mensch gibt es eine unstillbare Nachfrage.

Gerüchte als Geschäftsmodell

Chinesisch für "Gerücht"700 000 $ (525 000 €) – so berichtet unter anderem der österreichische Standard – kostete es McDonalds und einen seiner Franchise-Nehmer, dass ein Kunde muslimischen Glaubens sich durch Werbung für ein Hühner-Sandwich getäuscht sah. Das Fleisch war nicht von „ḥalāl“ geschlachteten Hühnern, d.h. sie hatten ihren Kopf nicht nach islamischem Ritus verloren . Damit waren sie ungenießbar wie Schweine. Im November 2011 verklagte der Kunde die Fast-Food-Kette.

Die Klage hatte Erfolg; McDonalds zahlte außergerichtlich 15 000 € an den Kunden, den Rest erhielten muslimische Einrichtungen und die Anwälte. Alle sind zufrieden – der Konzern konnte sich das vermutlich locker leisten. Schwerer hatten ihn schon frühere Millionenzahlungen getroffen – wegen angeblich “vegetarischer” Pommes und unerlaubter Gratisbeigaben von Spielzeug zu Werbezwecken.

Immerhin ist der Erlös aus dem “unreinen” Sandwich erklecklich. Ein von mir wegen seiner Kommentare zum deutschen Qualitätsjournalismus geschätzter Blogger witzelte, das entspreche der DDR-Losung: „Aus jeder Mark, jeder Stunde Arbeitszeit, jedem Gramm Material einen höheren Nutzeffekt“.

Tatsächlich eröffnet sich hier eine ungeahnte Möglichkeit, Weltkonzerne zu schröpfen: Organisationen, die internetweite Boykotte auslösen können, indem sie – echte oder gefakte – Skandale “aufdecken”, haben gute Aussichten, dabei schöne Schweigegelder zu erlösen. Schon Plutarch fasste das Geschäftsprinzip in den Satz: “Audacter calumniare, semper aliquid haeret” – Nur keck verleumden, es bleibt immer etwas hängen. Kein noch so solventer Konzern schafft es, sich reinzuwaschen, ehe ihn ein Boykott, sei er auch unberechtigt wie der gegen Shell anlässlich der “Brent Spar”-Affäre, Millionen gekostet hat. Schweigegeld kommt billiger.

Im “Raketenschirm” wird erzählt, wie sich auf diese Weise Organisationen finanzieren. Sie segeln unter vielen verschiedenen bunten Flaggen in Richtung “bessere Welt”. Ihr Ziel ist, innerhalb kürzester Zeit Massen an Bord zu holen, sie virtuelle Schlachten gegen menschen- und naturfeindliche Popanze schlagen zu lassen, während sie – gut getarnt – vom sicheren Hafen aus Profite kassieren und den Kern ihrer Macht festigen.

“Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie?”, fragte einst Bert Brecht und weiter: “Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?” Seine dritte Frage wird beim Zitieren regelmäßig unterschlagen: “Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Einstellung eines Mannes?” Die Frage ließe sich ergänzen: “Was ist die Ermordung eines Mannes gegen seine Umerziehung zum Mitläufer?” Beides ist nicht rhetorisch: Ein Toter stört nicht, verursacht aber Aufwendungen. Ein Angestellter macht sich bezahlt – kostet allerdings immer noch mehr als einer, der sich Feinden gegenüber als besserer Mensch fühlen darf, weil er hehren Zielen nachjagt.

Die Kraft der Heilslehren

Wrack im ausgetrockneten AralseeGustav Horbel beunruhigt seit seiner Jugend in der DDR, wie anfällig Menschenmassen für Ideologien sind – trotz der von Religionen, Kommunismus, Faschismus bewirkten Katastrophen. Sie sind es auch noch im XXI. Jahrhundert. Er beginnt zu verstehen, dass diese Anfälligkeit tief in der Selbstwahrnehmung begründet ist: „Das hast du getan, sagt mein Gedächtnis. Das kannst du nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.“ So beschrieb es Nietzsche. So trickst der Massenmensch das Gewissen aus :

Das Heil der Welt sucht die Masse – trotz aberwitziger Staatsschulden, absehbarer Verknappung von Wasser, Böden, sauberer Luft, Rohstoffen, Nahrung nicht in einer veränderten Kultur, in der Menschen endlich lernen, die Verantwortung für ihr Handeln selbst zu übernehmen. Stattdessen tritt der Massenmensch seine Verantwortung mit Blick auf deren Versprechen an Parteien, an Bewegungen, Organisationen ab, die ihm verheißen, dass er zu den Guten gehören wird. Er unterschreibt Arbeitsverträge, die ihn von jeder Haftung für Müll, Schmutz, Krieg infolge der Tätigkeit seines Unternehmens freistellen. Dann kassiert er reinen Gewissens seinen Lebensunterhalt bei Waffenhändlern, kauft bei Textildiscountern, die sich von Sklaventreibern beliefern lassen, beweihräuchert sich mit Wind-, Solar- und Bioenergie, deren Umweltverträglichkeit ins Reich der Ammenmärchen gehört.

Das Heil der Welt sucht er in staatlichen Maßnahmen für die Gesundheit, gegen die Banken – dann dürfen alle fit bis zum 100sten Geburtstag mit gerechter verteiltem Geld weitermachen wie gehabt, ein einig Weltvolk fast unsterblicher Warenfetischisten. Zwischen Peking, Berlin und Rio rasen die Geldmaschinen – alle haben von allem genug, das Traumziel des Kommunismus „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ zeigt, was es immer war: Gewächs und Vollstrecker des Kapitalismus, des mechanischen Zeitalters, der Ökonomisierung und Versachlichung.

Wer auf der Strecke bleibt, darf allenfalls auf Mitleidsrituale hoffen. Sie gehören zur Grundversorgung durch die Massenmedien – genauso wie die Sündenbockrituale, die der Masse jederzeit Schuldige für jegliches Malheur liefern. Nur Verantwortliche, die zu ihrer Verantwortung stehen, kommen sehr, sehr selten vor. Etwa so häufig wie Einhörner. Trotzdem muss es sie geben. Die Literatur, die  Malerei wissen das ganz genau.