Deuter und Diktatoren

Vierbeiner gut – Zweibeiner schlecht!
 

Wenn Politiker im Kampf um die Deutungshoheit auf dem Weg zur Macht Herdenimpulse nutzen – tut das die Gegenseite, wird sie gern als „populistisch“ geschmäht – leisten immer noch die Methoden der Schweine in Orwells „Farm der Tiere“ gute Dienste. Allerdings zeigt sich, wie bei Orwell nachzulesen, dass die Realität ziemlich hartnäckig widersteht, wenn Ideologen sie schweinemäßig umzulügen versuchen.

Das Wort „Freunde“ erlebte in der DäDäÄrr auf diese Weise einen Bedeutungswandel. Stalinismusverträglich wurde es von der Politbürokratie auf jeden beliebigen Einwohner der Sowjetunion gemünzt. Es gab eine „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“, wer nicht berufliche Nachteile in Kauf nehmen wollte, wurde Zwangsmitglied – „freiwillig gezwungen“ nannte das der Volksmund. Da insbesondere die Chefs der KPdSU wenig freundschaftliche Gefühle weckten, drückte „die Freunde“ umgangssprachlich das Gegenteil aus: Misstrauen, Hohn, Spott.

Die meisten Russen haben nicht verdient, in diesem Sinn als „Freunde“ bezeichnet zu werden. Das legt die Frage nahe, ob es nicht als zu verfolgende „hate speech“ einzuordnen ist, überhaupt irgendeine Menschengruppe so zu bezeichnen.

Oder anders gewendet: Darf jemand wie Heiko Maas es als „hate speech“ einordnen, wenn ich ihn als Freund, als hm, äußerst honorigen Volksvertreter oder leuchtenden Verfechter des Grundgesetztes bezeichne? In Kenntnis meiner Denkweise könnte er sich womöglich beleidigt fühlen. Das Problem hat E.T.A. Hoffmann im „Meister Floh“ schon einmal illustriert: der Geheime Rat Knarrpanti sah sich jederzeit imstande, Personen zu kriminalisieren. Habe man einen Delinquenten erst einmal inhaftiert, meinte er, fände sich schon das passende Delikt, ihn auch gerichtsfest beliebig lange hinter Gitter zu bringen. Die böse Satire Hoffmanns auf den seinerzeitigen Berliner Polizeidirektor fiel folgerichtig unter Zensur, der Autor entging selbst strafrechtlicher Verfolgung nur, weil ihn der Alkoholtod dahinraffte.

Ich überlege, ein „Dschungelbuch der Deutungen“ zu schreiben, das die ganze Komplexität solcher tierisch-menschlichen Phänomene zumindest aufscheinen lässt. Aber womöglich wäre das nur ein ebenso hoffnungsloser Versuch wie die Texte von Peter Panther, Theobald Tiger,… alias Kurt Tucholsky, den Erich Kästner einmal als kleinen dicken Berliner beschrieb, der versucht habe, mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufzuhalten. Die Umdeutungen haben wieder Konjunktur in der Politbürokratie und ihrer ideologischen und journalistischen Gefolgschaft.

Die Einwohner der DäDäÄrr durften zwar Tucho lesen, der war ja Antifa, aber nicht Orwell. Manchmal frage ich mich, ob der Applaus für die Weisen von damals nicht den heutigen Herden als Ersatz fürs Nachdenken über die Verhältnisse im eigenen Gatter dient. In der Regel befreit sie von ihrem Schicksal nur der Schlachter oder ein Wirbelsturm. Aber in stürmischen Zeiten der Freiheit sind Herdentiere meist ratlos, sie wecken nostalgische Wünsche nach verlorener Stallwärme. Zu besichtigen etwa bei den ihrer Sowjetunion beraubten Freunden.

Was bleibt? Tiefes Misstrauen gegenüber Deutern. Tieferes Misstrauen gegenüber Deutern von Gut und Böse. Tiefstes Misstrauen gegenüber Deutern, die Herdenimpulse in Dienst nehmen wollen, indem sie Propaganda als Heilsversprechen ausgeben.

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Rauch ohne Moral

Als Kind beeindruckte mich mein Großonkel Walter schwer, weil er aus seiner Zigarre – meistens waren das ziemlich übelriechende Stumpen – mit nur einem einzigen Zug ein Dutzend sehr wohlgeformte Kringel produzieren konnte. Sein zu einem “O” geformter, schmallippiger Mund entließ Serien makelloser hellgrauer Ringe in den Raum, meine Schwester und ich staunten, der alte Mann genoss die Show. Sie findet heute noch unter jungen Leuten Bewunderer, das Internet ist voller Bilder, Videos, Anleitungen, wie’s geht. Die Shisha wird ebenso gern eingesetzt wie die E-Zigarette, dagegen sind klassische Tabakpfeife und Zigarren in dieser Generation nicht angesagt: Die Welt des Rauchens hat sich in 50 Jahren sehr gewandelt.

IMMO_1967Rahmen Auf der Wartburg 1967

Damals kaufte ich mir meine erste Pfeife. Ich bin dieser Form des Tabakkonsums treu geblieben, die Stasi vermerkte in meiner Akte alsbald, dass ich mir derart wohl ein besonderes Ansehen geben wolle, wie auch durchs Tragen vor allem schwarzer Kleidung westlicher Herkunft. Wie so etwas ausgehen kann, ist in einem kurzen Film zu sehen.

Tragen kann einer hier und heute was er will. Rauchen wird von der Politbürokratie bekämpft, obwohl die Tabaksteuer immer noch ihren Wohlstand mitfinanziert. In den Printmedien, auf den Fernsehschirmen – namentlich öffentlich-rechtlichen – wagt es kaum mehr jemand, sich im Stile von Helmut Schmidt oder Ludwig Erhard zu präsentieren. Ein später Sieg nichtrauchender Vorbilder wie John D. Rockefeller, Adolf Hitler, Nelson Mandela und der Dalai Lama. Individuellen Lebensstil über genussvolle Tabak-Kultur in Form exzellenter Zigarren, kunstvoll aus Holz oder Meerschaum gefertigter Pfeifen zu pflegen: So etwas machen nur alte weiße Männer oder spleenige Selbstdarsteller beiderlei Geschlechts. Noch lässt es der Tugendfuror bei diesem Blick über die Schulter bewenden. Und ich werde’s halten wie meine Mutter, eine Raucherin vom Kaliber Helmut Schmidt, mit dem sie auch die Initialen teilt.

Kringel um Kringel rauch‘ ich mich ans SterbenWIN_20170216_16_43_22_cut
Dem Grabe näher bringt mich jedes Glas.
So tu ich Gutes allen meinen Erben
Wer schneller stirbt, der gönnt auch anderen was.

Der Tabakvorrat reicht, die Bar voll Flaschen
Solange mir kein Arzt den Spaß verdirbt
Das letzte Hemd hat schließlich keine Taschen;
Sei ‘s drum, dass Lust mir Höllenqual erwirbt.

Sei ‘s drum, dass üble Krankheitsherde glimmen
Dass der Gevatter seine Sense wetzt
Wer lustvoll lebt, lacht jedenfalls zuletzt;
Es gilt am Ende: Die Bilanz muss stimmen.

Die letzte Wahrheit lass ich gern den Moralisten
Mein Leben wird sie – wie meine Tod – ent-Rüsten.

Wettlauf der Killer

20170518_BalkonLebenslang musste sich mein Körper mit Gästen beschäftigen. Auch mit sich selbst, und er hat das wunderbar gemacht. Ich darf sagen, dass ich ein Mordsglück mit ihm hatte, ihn mag und gern noch viele vergnügte Jahre mit ihm zubringen möchte. Nicht alle Gäste waren willkommen, manche hatten allzu eigennützige und besitzergreifende Absichten, dann mussten Arzt und Apotheker helfen, die lästigen Besucher loszuwerden. Niemals wird sich feststellen lassen, ob solche gewaltsamen Hinauswürfe – für zahllose Viren, Bakterien, Pilze endeten sie tödlich – nicht auch Schrammen im Organismus hinterließen, die langfristig meine Lebenszeit verkürzen, aber sei’s drum: Auch ohne Arznei war mein Körper in dieser Richtung allzeit wehrhaft, er erwarb Resistenzen, das Immunsystem hat eine Menge Probleme weggeschafft. Es hat weitgehend unbemerkt sogar Krebszellen entsorgt, viele, viele Jahre lang: Ein enormer Berg Arbeit, zahllose Lernprozesse, und jetzt, da das Leben sich immer mehr der Kategorie “Rest” zuordnen lassen muss, bin ich dafür aus tiefstem Herzen dankbar.

Mir ist klar, dass der treue alte Bursche – die Geräusche von Schultern, Knien, Sprunggelenken, Wirbeln etc. legen den Ausdruck „Knacker“ nahe – es immer schwerer haben wird, nicht nur die Attacken aus dem Mikrokosmos abzuwehren, er wird auch wachsende Müllberge seines Stoffwechsels schlechter bewältigen, wird hinnehmen, wenn sich in der reichlich strapazierten Außenhülle beulenförmige Nichtsnutze einquartieren, wird in den Verdauungskanälen unerwünschte Stoffe schwerer beherrschen, wegen mürber Nervenbahnen später und weniger zuverlässig reagieren, kurz: Er wird schwächer werden, verletzbarer, während die Schmarotzer an Zahl und Diversität zunehmen. Ihnen ist egal, dass sein Tod fast immer auch den ihren zur Folge hat – sein Ende ist gewiss. Nur der genaue Zeitpunkt und der Name dessen, der den entscheidenden Treffer setzt, bleiben im Dunkel, es sei denn, Gerichtsmediziner sind gehalten, behufs gerichtlicher Auswertung einen Killer namhaft zu machen. Dann ist das Rennen aber längst gelaufen.

Hier nun stellt sich die Frage, ob ich in diesen voll entbrannten Wettlauf der Killer eingreifen sollte, und – wenn ja – wie. Ganz einfach werden Sie sagen, gehen Sie zu einem Arzt, lassen Sie sich gründlich checken, tun Sie etwas gegen erkannte Probleme und leben Sie fortan gesundheitsbewusster. Ein paar Dinge sprechen dagegen:

  • „Wer als gesund gilt, ist nur nicht genau genug untersucht“, hat irgendwann ein abgeklärter Weiser des Medizinbetriebs gesagt, und das trifft mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu
  • Ärzte werden entweder reich, weil sie brillant sind – dann haben sie andere Patienten als ich es bin – oder reich,  weil sie nicht brillant, aber versiert im Umgang mit bürokratischen Verhältnissen und Geldmaschinen sind, dann könnte es sein, dass sie mich besonders genau untersuchen und manches behandlungsbedürftig finden, womit mein Körper ganz gut alleine zurechtkäme. Ich habe solche zum Glück kaum kennengelernt, aber es soll sie geben, anders ist das Wachstum von Kontrollmechanismen und der Gesundheitsbürokratie kaum erklärbar. Das Wort „Krebswachstum“ drängt sich auf. Ärzte schließlich, die brillant aber nicht reich sind, gelten als aussterbende Spezies. Ich verdanke ihnen viel, vor allem, weil sie erkannten, wann sie wirklich meinem Körper zu Hilfe kommen mussten. Sie haben ebenso wie die schlecht bezahlten Pflegeberufe ein Nachwuchsproblem.
  • Die Wissenschaft tappt bei einer auf die individuelle Biographie von Patienten zielenden Medizin noch weitgehend im Dunkeln, das ist kein Wunder, denn sie sprengt alle von der Bürokratie vorgegebenen Budgets. Wo sie es versucht – folgerichtig bei den größten Killern wie dem Krebs – werden Therapien schnell unbezahlbar. Nur sehr, sehr Reiche oder Mächtige dürfen also auf Heilung hoffen, wo Ärmere einfach sterben. Böse Kenner des Fürsorgestaates nennen das „sozialverträgliches Frühableben“.

Letzteres überlasse ich gern Leuten, die Anderen vorschreiben, wie sie gesundheitsverträglich zu leben haben, damit die Sozialkosten gedeckelt werden können. Ich kenne einige, die damit unerschütterliche Heilslehren für die Welt verbinden. In der Regel ist ihre eigene Versorgung mit ärztlichen Leistungen brillant. Ob ihre Lebensfreude größer ist als meine, sei dahingestellt – ich bin wieder bei meinem Körper und seiner Biographie voller Freuden und: Wunder!

Weniger ist es nicht, was in diesem Kosmos molekularen, mikrobiologischen, physiologischen, psychischen Geschehens im Laufe der Jahrzehnte ablief und jede Sekunde abläuft. Auf bis zu drei Kilogramm wird die Masse der Kleinstlebewesen veranschlagt, die unser Dasein jederzeit teilen. Und unter ihnen gibt es – wie überall sonst in der Welt – neben Fressen und gefressen Werden, neben Konkurrenz und Verdrängung auch Symbiosen, Lernprozesse, Anpassung und Integration. Helfen nicht manche Viren dem Immunsystem, neue Strategien zu entwickeln, ohne dass wir es merken? Vom Mikrokosmos genetischer und epigenetischer Dynamik ist so viel oder so wenig bekannt wie vom Universum. Der Wissenschaft gehen die Rätsel nicht aus, eher die Mittel. Zu beobachten ist, dass ihre Grenzen weniger vom Forscherdrang als von Geldmaschinen und Bürokratie gesetzt werden.

Die Lust am Spielen ist nicht gealtert

Seltsamerweise beunruhigt mich das umso weniger, je älter ich werde. Ich habe meinem wundertätigen Körper viel Auslauf gegeben, lustvoll drauflos gelebt, und die Naturwissenschaften haben mich gelehrt, dass die auf Sicherheit programmierte Mechanik von Geldmaschinen und Bürokratie, Planwirtschaft und Heilslehren es verdienen, radikal in Frage gestellt zu werden. Wenn ich Grenzen überschritt, erwies sich das meist als großes Glück, jedenfalls als unschätzbare Erfahrung. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, sagt Erich Kästner. Konflikte waren so unvermeidlich wie förderlich. Für den Rest meines Lebens werde ich also auf meinen Körper hören wie bisher, so wenig wie möglich Zeit in Wartezimmern, Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen verbringen. Es sei denn, ich kann dort Menschen mit Literatur Vergnügen machen und sie ermutigen: Im Wettlauf mit den Killern, in der Beschränktheit des „Gesundheitswesens“.

Fragen nach Sinn und Ziel

RaedernThetriumphofdeath_-_detailKrisenherde, Gewalttätigkeiten, Kriege und Massaker in „Failed States“ treiben Bilderwogen hoch, der politische Einfluss von Nationalstaaten aufs wirtschaftliche Geschehen schwindet, die #EU ist eher ein Sanierungsfall als gestaltende Kraft im globalen Geschehen. Vor der Bundestagswahl werfen sich Parteien in Pose, ihre Programme bestehen hauptsächlich aus Worthülsen. Um ihre Handlungsunfähigkeit auf den wesentlichen Feldern wie Energie-, Migrations-, Finanz-, Abrüstungspolitik zu kaschieren, füttern sie mit Steuergeldern Korporationen – darunter zahllose sogenannte NGO -, die sie folgerichtig als willige Helfer für den Machterhalt und Schutzschild gegen unerwünschte Kritik dienstbar machen.

Statt Konflikte zu benennen und nach Lösungen zu suchen, gebrauchen fast alle Protagonisten der Wahlkämpfe den dicken Zeigefinger, der immer auf die anderen weist, und gegenüber den Wählern die bevormundende Moralkeule in der Art von Aufklebern auf Tabakverpackungen (Tödlich! Gefährlich! Klimaschädlich! Arm- und krankmachend…!). Sie mobilisieren den Versicherungs- und Vermeidungsimpuls der Wähler. Selbständigen Handlungs- und Entscheidungswillen, Meinungsfreiheit und Verantwortungsbereitschaft bremsen solche Organisationen gern aus, denn sie dienen nicht ihrem wichtigsten Ziel: Selbsterhaltung – koste es das Gemeinwesen, was es wolle.

Schauen Sie sich daraufhin die vertrauten „Gestelle“ (die Bezeichnung weist aus, dass vor allem ihre An-Gestellten nutznießen) einmal an.kosmos_200

Wenn Sie sich für Zusammenhänge, Strukturen und Handlungsmuster interessieren, ihre eigene Position daraufhin befragen wollen, ob und wieviel sinnvolles und erfülltes Erleben sich damit verbindet, dann lesen Sie “Der menschliche Kosmos” einfach online – so viel Sie mögen – und stellen Sie Ihre Fragen.

„Der menschliche Kosmos“ ist nämlich Ihrer.

Die unsichtbaren Führer

Erwin_Schrödinger[2]Das ist Erwin Schrödinger, ein brillanter Autor und Physiker.

Verhältnismäßig wenige Menschen kennen ihn, noch weniger verstehen seine Quantentheorie. Sie hat gleichwohl und dank der Arbeit zahlloser Wissenschaftler und Ingenieure mit und ohne Namen unser Leben völlig umgekrempelt – für die meisten unsichtbar. Die digitale Welt von heute basiert auf Erkenntnissen der Quantenphysik und der Relativitätstheorie von Albert Einstein, gewaltige Lebensleistungen von vielen anderen skalierten sie zum Menschheitspotential wie einst die Physik Newtons und die Dampfmaschine James Watts.

Schaut einer darauf, welche Macht digitale Medien heute im Alltag haben, wird er über die Kluft stolpern. die sich zwischen dem Wissen, der Erfahrung und der Weltsicht eines Erwin Schrödinger und den Wahnideen von Quoten und Umfragen auftut, die sich heute für Wissenschaft ausgeben. Massenhaft laufen Menschen, den Blick starr aufs Smartphone gerichtet, Botschaften nach, deren Macher nicht einmal versucht haben, physikalische Essentials des Mikro- und Makrokosmos, geschweige des Universums zu verstehen. „Urknall“ ist für sie nicht mehr und nicht weniger als ein gut zu bebilderndes Feuerwerk mit einigem Geräusch. Sofern sie nicht der Quote dient, entledigen sich solche Medien der Wissenschaft und ihrer aufklärerischen Bestimmung, sie wird zum Etikett. Ihre Erkenntnisse dürfen – “heruntergebrochen” auf beliebig mangelhafte Wahrnehmung – von jedem Deppen in Dienst genommen werden. Jeder Depp fühlt sich folglich auf der Höhe der ihm vom fürsorglichen Redakteur übereigneten Wissenschaftlichkeit, noch wenn er im Supermarkt seine Karotten kauft.

Nein, ich rede hier nicht von den Dominanzbotschaften religiösen Wahns, denen noch die Kernwaffe zum Instrument ihrer heiligen Bessermenschlichkeit wird: Alle andern dürfen ausgerottet werden, ehe sie sowieso in der Hölle landen, das Paradies gehört den Glaubenskriegern. Ich rede nur vom Halbwissen einer Journaille, die “Erkenntnisse” nur dann aufsucht und publiziert, wenn sie zu ihrem Brötchengeber passen. Sie geht mit Konflikten dieser Welt lässig um, solange es keine Tarifkonflikte sind. Sie brandmarkt Übeltäter umso schonungsloser, je weiter sie davon entfernt sind, karriereschädlich zu wirken.

Solche Leute zeigen mit Fingern auf Trump, ihren eigenen Anteil an der Verblödung von Wählern blenden sie gewohnheitsmäßig aus: Sie werden dafür bezahlt. Der Donald im White House wird vermutlich dem Donald des Wahlkampfes so ähnlich sehen, wie der am Zaun des Kanzleramts rüttelnde Gerhard dem Agenda-2010- und Northstream-Profiteur. „Im engen Kreis verenget sich der Sinn, es wächst der Mensch an seinen größeren Zwecken.“ – meinte Schiller, und so wurden aus Kommunisten Nazis, aus der Physikerin Merkel die Totengräberin der deutschen Kernforschung, aus allen möglichen vermeintlichen Rettern und Retterinnen der Nation, der Umwelt, der Menschenrechte, der Frauen, Minderheiten, sonstwie Benachteiligten, kurz: den Weltverbesserern aller Rassen, Religionen und Ideologien normalerweise ziemlich erfolgreiche und mächtige Profiteure oder die Opfer der nächsten Wahnideen. Ja, es gibt Ausnahmen. Die meisten machten einfach ihre Arbeit, manche wurden dadurch sogar berühmt, obwohl sie keine Anpasser waren.

Vom Glück des Alterns

IMG_20161002_153302Müsste ich mich morgen aus dem Leben verabschieden, täte ich ’s mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit. Es war köstlich, Mühe und Arbeit waren erwünscht, die Liebste, die Freunde, die Wege durch Kunst und Wissenschaft, begleitet von sehr verschiedenen Menschen – Persönlichkeiten – beglückendes und erfüllendes Sich-Begegnen, konfliktreiches Geschehen: Fluss, Sturz und Rausch. So konnte ich meine Bücher schreiben, meine Filme und Radiofeatures machen. Wer immer mich kritisch begleitete, mich zu Veränderungen zwang, weil er gute Argumente hatte, mir die Leviten las, war ein Helfer zum Glück.

Das Altern sagt – auf andere Art als äußere Umstände nicht nur in früheren Jahren: Erkenne deine Grenzen. Die äußeren Umstände sind indessen – heute so wenig wie damals – nicht das Wichtigste. Mag sein, dass deine einstigen Hoffnungen nicht die der Jungen sind – so wenig wie die Hoffnungen deiner Eltern die deinen waren. Und das bedeutet: Halte deine Augen offen fürs Wesentliche. Falls doch einmal ein Kind oder ein heranwachsender, naturgemäß krisenanfälliger Mensch mit dem ganzen gewaltigen Gebirge der Zukunft vor Augen dich fragen sollte: Du kannst, musst ihn nicht von eigenen Fehlern abhalten, aber Hinweise auf Rettungsanker und verlässliche Wegweiser kannst du geben.

Ist es nicht eine wunderbare Aussicht, für solche Fälle aus Bücherregalen und Mediatheken schöpfen zu können, die ihren Wert im eigenen Erleben bewährt haben, einem Erleben, das von sich sagen kann: Ich möchte – auch und gerade wegen der Bauchlandungen – mit niemandem tauschen?

Lechtsrinks auf dem Vormarsch

Wahlrecht_-_Das_Illustrierte_Blatt_-_Januar_1919Dass ehemalige Anhänger der Linkspartei im Berliner Osten ebenso wie in Meckpomm massenhaft zur AfD überlaufen, ist vollkommen verständlich. Ebenso wie – schon fast vergessen – Wählerwanderungen von bürgerlichen Parteien (dazu gehörte die SPD) in Richtung „Protest“ bei den absterbenden „Piraten“. Glaubte ich daran, dass der Staat gefälligst für mein Wohlergehen zu sorgen habe, wählte ich vermutlich auch eine Partei (oder schlüge mich einer stellvertretenden NGO zu), die mir verspricht, den Staat und die Gesellschaft dahingehend zu ändern, dass er seine Fürsorge vor allem meinen Interessen angedeihen ließe. An dieser subjektiven Wahrnehmung, zum Herdenimpuls verdichtet, starb nicht nur die Weimarer Republik.

Demokratie und Rechtsstaat sind ein verdammt schwieriges Geschäft. Leute, die gern Probleme im Interesse des Gemeinwesens – relativ unabhängig vom eigenen Vorteil – lösen, lassen sich darauf ein, aber auch Karrieristen. Für sie kommt dann selten ein schneller Profit des Typs „Mir nützt, was anderen schadet“ in Sicht. Mit solcher Erwartung ist indessen das Wesen des Menschen tief imprägniert. Manche Kulturen bewahren es sorgsam, indem sie ihren Anhängern die Überzeugung vermitteln „Du bist erhaben, die anderen minderwertig“. Sie haben eine beinahe unwiderstehliche historische Wucht auf ihrer Seite, schneller, massenhafter Zulauf war stets garantiert. Vernunft und Logik spielen einfach keine Rolle, wenn jeder blutige Depp sich gebenedeit fühlen darf, vielleicht sogar Führer werden. Religionen – natürlich auch Ersatzreligionen – rekrutieren so ihre Anhänger und Aktivisten.

Der säkulare Staat wandelt solche überkommenen, tief verwurzelten Gefühle von eigener Höchstwertigkeit ab. An ihre Stelle tritt die staatlich garantierte Anspruchsberechtigung. Der Bürger des fürsorglichen Staats erwartet, dass er jedem anderen gegenüber zumindest gleiche, gern etwas privilegierte Ansprüche hat – und die „Staatsdiener“ leben ihm das vor. Wer weniger brav ist, hat weniger zu beanspruchen, meint der Wähler, und macht sein Kreuz dort, wo ihm seine private Werteskala nicht durcheinander gerät. Im günstigsten Fall – bei wirtschaftlicher Prosperität und persönlichem Wohlstand – kommt dabei eine Demokratie liberaler Prägung unter dem Motto „Leben und leben lassen“ heraus.

Keine Gesellschaftsordnung hat indessen vermocht, elementare Strebungen wie Neid, Missgunst, Eifersucht, Argwohn, Machtgier und Habsucht zu eliminieren. Demokratie und Rechtsstaat ziehen Grenzen und lassen menschlichen Regungen wie Großmut, Hilfsbereitschaft, Zuwendung, Vertrauen, Demut, Bescheidenheit einigen Raum, sich zu entfalten. Das sind Rettungsanker noch in schlimmsten Formen der Gewaltherrschaft, sie sind gleichwohl keine Selbstverständlichkeit, wenn Meinungsfreiheit gerade nicht durch Folterkeller und Sippenhaft bedroht ist. Die Wahl der Mittel bleibt jedenfalls subjektivem Empfinden anheim gestellt, und wo Konkurrenz und Anpassung den Alltag bestimmen, werden sie manchem Anspruchsberechtigten einfach lästig. Wenn der öffentliche Diskurs obendrein vom Nachdenken über individuelle Verpflichtungen aufs Gemeinwohl entbindet, der Staat zwar Vieles verspricht, aber in unvermeidlichen Krisen und Konflikten immer weniger halten kann, dann kommt die Stunde der Rebellen, der Revolutionäre und charismatischen Führer. Der Anspruchsberechtigte macht sein Kreuz dort, wo seine Ansprüche vermeintlich wahrgenommen werden. Der Staat, den er will, soll gefälligst zu ihm passen.

In der Art hat das Houellebecq in seiner „Unterwerfung“ zugespitzt erzählt. Was Demokratie gefährdet, lässt sich ziemlich genau beschreiben. Was massenhaft erwünscht ist, auch. Mit Blick auf IOC, FIFA, EU, UNO, die meisten NGO, ihre medialen Hilfstruppen frage ich mich: Wer will eigentlich noch Demokratie und Rechtsstaat? Wer will mehr als die Freiheit der eigenen „Bedürfnisbefriedigung“ und „Anspruchsberechtigung?