Per Achterbahn ins Nirgendwo?

KershawAchterbahn2dDieses Buch ist ein Solitär in der Vermittlung jüngerer europäischer Geschichte. Am Ehesten würde man ihm gerecht, wenn man es zum Ausgangspunkt möglichst vieler Debatten zwischen Generationen, Nationalitäten, politischen Einstellungen machte – eine Hoffnung, die in scharfem Kontrast zum herrschenden Geist in der Politik, in den Medien und leider auch zur mangelnden Sorgfalt in der Gestaltung von Schulbüchern und Lehrplänen steht.

Den Titel hat Ian Kershaw trefflich gewählt. Sowohl was das schwindelerregende Auf und Ab, das Tempo und die Rasanz anlangt, mit der seit 1950 Geschichte „erfahren“ wird, als auch die rasch wechselnden Perspektiven und atemberaubenden Momente nahe am Absturz: Der Zeitgenosse bestätigt ihm, dass er ihn zu einer großartigen Reise einlud. Sie führte durch erschreckende und bezaubernde Landschaften, lenkte den Blick auf unbekannte Details, schärfte das Gefühl für abrupte Wendungen. Sie ist noch nicht zu Ende.

Die Bibliographie belegt ein veritables Gebirge an Informationen, das Ian Kershaw durchforscht hat, er hat dort hinein klug die Trasse seiner Achterbahn konstruiert, er baut Ausblicke auf Krisen und Umbrüche, Personen und Parteien, Ökonomie, Politik und Kultur, auf Nationen, Europa und die Welt ein und setzt sie zueinander in Beziehung. So wird etwa das Panorama des Kalten Krieges zugleich breit und tiefenscharf. Beim Betrachten desselben ebenso wie beim Passieren von Abgründen möglicher nuklearer Konflikte oder des hochbrandenden Jubels nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs erlebte ich meine eigene Vergangenheit als sehr präsent – wie viel Glück ich hatte, dem DDR-Sozialismus zu entkommen! – und doch sehr, sehr fern. Das liegt wohl an der klaren, unverschnörkelten Sprache des Erzählers, sie ist frei von Effekten, aber keineswegs ermüdend. Dafür ist gewiss auch dem Übersetzer Klaus-Dieter Schmidt zu danken.

Freilich: Wer Höhen und Tiefen der Historie selbst “durchwandert” hat, schaut mit anderen Augen auf die Bilder dieser Berg- und Talfahrt als Jüngere. Ihnen mögen sie wie Kulissen erscheinen, die sich mit anderen Geschichtsbildern vergleichen lassen. Ian Kershaw verhehlt nicht, dass er seine Route durchs zurückliegende Jahrzehnt an offiziösen Sichtachsen ausrichtet. So erscheinen etwa Klimawandel und Energiepolitik in allzu bekanntem Ausschnitt. Der Sachverstand von Naturwissenschaftlern und Technikern (nicht einmal der des IPCC) blendet die Chancen der Nukleartechnik für eine gewünschte Begrenzung des Kohlendioxyds in der Atmosphäre längst nicht mehr aus. Kershaw verweilt dagegen beim populistischen Ruf nach “Atomausstieg” – wegen der in Tschernobyl und Fukushima offenbarten Gefahren dieser Technik. Aber wenn dieser Ruf auch ein langes Echo hat: Der vermeintliche Echofelsen ist aus Medienmaché.

Ian Kershaw ist klug genug, kritische Fragen an die Zukunft seiner britischen Heimat und der EU zu stellen, er ermahnt dringlich zu Reformen. Was er sich dabei vom Walten der Bundeskanzlerin Merkel und des Präsidenten Macron verspricht, blieb mir rätselhaft. Bisweilen verengt er die Perspektive, etwa wenn er zunehmenden Islamistischen Terror auf Kolonialismus und fraglos verderbliche Interventionen des Westens im Nahen Osten bzw. in Afrika sowie Benachteiligungen von Moslems in Europa zurückführt. Innersystemische Impulse religiös grundierten Machtwillens kommen kaum ins Blickfeld.

Zeit, einen Blick auf eine zweite Metapher des Autors zu werfen, den “Schraubstock”. Er verwendet sie für die totalitären Regimes des Ostblocks, sie ist einprägsam aber etwas simpel. Es drehten ja nicht nur ein Stalin, Breshnew, Honecker und ihre Gefolgschaft an der Schraube gesellschaftlicher Kontrolle. Da sind Hunderttausende von Rädchen und Hebeln im Gestell des Staates und der Medien, “An-Gestellte”, und was sie treibt, ist nicht nur Einkommen, sondern auch informelle Teilhabe an der Macht. Sie gehören dazu, und Konformität ist der Eintrittspreis.

Solche Organisationen, gern auch als Bürokratie bezeichnet, waren in der Geschichte erstaunlich resilient gegenüber Machtwechseln: Deutsche Beamte blieben nach Hitlers Ermächtigung ebenso in Lohn und Brot wie nach dessen Untergang. Jüngstes Beispiel sind fast problemlos vom IS übernommene Behörden in Teilen des Irak; Houellebecqs Roman “Soumission” (“Die Unterwerfung”) beschreibt den Übergang zur Herrschaft des Islam in Frankreich aus der Sicht eines Hochschul-Angestellten. Ian Kershaw beweist auf der Fahrt mit der Achterbahn auch seine Sachkenntnis in Kunst, Literatur, Musik. Erstaunlicherweise deutet er nur an, welche Fragen sich insbesondere für die Kultur stellen, wenn in der EU, aber auch den UN und zahllosen immer mächtigeren NGO eine supranationale Bürokratie heranwächst, deren Anspruch auf Konformität schon sichtbar, deren Kompetenz zur Lösung der entscheidenden Konflikte in der Welt aber genau deshalb durchaus zweifelhaft ist.

Am Anfang ihrer Amtszeit verkündete Angela Merkel, sie wolle der Bürokratie Schranken setzen. Inzwischen treffen planwirtschaftliche Ausflüge der Bundeskanzlerin – etwa in der Klima-, Energie- und Migrationspolitik – auf ein erstaunliches Einvernehmen bei fast allen Parteien. Auch die Medien gehen gern konform. Widerspruch gegen die uneinlösbaren Wechsel auf europäische, gar globale Lösungen wird gern mit politischem Extremismus in Verbindung gebracht: “Rechts” und “populistisch” sei das. Auch Kershaw zeigt mit dem Finger in diese Richtung. Dass aber in Polen, Ungarn, Österreich konservative Regierungen großen Rückhalt finden, eben weil Frau Merkel und die EU-Bürokratie versagen, klärt er gar nicht als systemischen Mangel auf. Kurz und Orban haben nicht seine Sympathien – anders als der “grüne” Österreichische Präsident Van der Bellen. Das ist schön subjektiv, schmälert nicht das Vergnügen und ist mir viel lieber als vorgebliche „Objektivität“.

Am Schluss der “Achterbahnfahrt” spricht Kershaw vor allem von der Unsicherheit, Unvorhersagbarkeit und Unwägbarkeit aktueller Entwicklungen. Nein, eine EUdSSR wird es nicht geben, schon gar kein neues Nazireich. Aber bewegen wir uns nicht derzeit auf den Gleitkissen politischer Korruption weiter Richtung Konformismus? Viktor Frankl hat ihn als ebenso gefährlich für die Demokratie bezeichnet, wie den Totalitarismus, und mit dem Blick auf China, wo der Staat mit totaler Überwachung Konsens und Konformität der Meinungen durchsetzt, ist das beklemmend aktuell.

Unvermeidlich sind und bleiben Konflikte mit solchen Staaten, wenn individuelle Freiheit und Menschenrechte verteidigt werden sollen. Werden die westlichen Demokratien standhalten oder sich – wie auch immer ideologisch fundierten – kollektivistischen Diktaten unterwerfen? Sie haben – z.B. in den KSZE-Verhandlungen – Stärke bewiesen, als sie Menschen- und Bürgerrechte gegen den totalitären Konsens von der Überlegenheit sozialistischer Gesellschaften vertraglich durchsetzten. Vielen Europäern brachte das die Freiheit. Dass ein solcher Prozess in globalen Konflikten möglich wird, ist nicht mehr als eine Hoffnung. Sie zerbräche, wenn in den europäischen Staaten selbst Überwachung und Kontrolle durch bürokratische Apparate – seien es Behörden oder “outgesourcte” Zensur-, Spitzel- und Denunziations-Kollektive – die Freiheit der Bürger auf konforme Schienen zwänge.

 

Ian Kershaw Achterbahn

Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

Originaltitel: Roller-Coaster. Europe 1950-2017

Originalverlag: Allen Lane

Hardcover mit Schutzumschlag, 832 Seiten, 15,0 x 22,7 cm

mit Abbildungen

ISBN: 978-3-421-04734-2

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Startup in Freiheit und Absturz der Lügner (Schluss)

Zurück zu Teil 3

Stasi und KSZEDas KSZE-Nachfolgetreffen in Madrid war noch beeinträchtigt vom Afghanistan-Krieg und dem NATO-Doppelbeschluss. Aber seit 1984 wurde in Stockholm über „Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen” verhandelt (VSBM), und politisch verbindliche Zugeständnisse – vor allem im Militärischen – begünstigten die Vorbereitungen zur nächsten KSZE-Konferenz in Wien. Diese letzten Kapitel von “Staatssicherheit und KSZE-Prozess” sind gewiss die aufregendsten. Denn als im März 1985 Michail Sergejewtisch Gorbatschow an die Spitze der KPdSU rückte, wendete sich das Geschehen zwar nicht sofort, aber je weiter er seine Reformen gegen den Widerstand im Apparat – nicht zuletzt des KGB – durchsetzen konnte, desto dynamischer verliefen auch die Prozesse der Entspannung. Die SED und ihre Stasi waren ratlos. International sahen sie sich zunehmend isoliert, im Inneren wuchs der Widerstand parallel zur Zahl der Ausreiseersuchen.

Selvage und Süß zeichnen in vielen Facetten jene Erstarrung der DDR-Institutionen, die den Sturz von Honecker, Mielke, Krenz, den Fall der Mauer und das Ende der DDR herbeiführte. Ein Blick auf die personelle Struktur der DDR-Delegationen, auf den Mangel an Entscheidungsfähigkeit jenseits der von “ganz oben” verordneten Direktiven, die piefige und duckmäuserische Subalternität, die sich in der Figur Mielkes manifestiert, beweist: Diese Hierarchien der organisierten Verantwortungslosigkeit waren schlechterdings nicht lernfähig. Dass sich sogar innerhalb des Apparates – etwa an der Stasi-Hochschule in Potsdam – kritische Stimmen regten, blieb einfach unbeachtet.

So bildeten sich letztlich auch in der DDR oppositionelle Gruppen, die sich mit tschechischen (“Charta 77”), polnischen, westeuropäischen vernetzten. Die Stasi konnte zwar noch Druck ausüben, dass sie bekannt wurden, war in den 80er Jahren längst nicht mehr zu kontrollieren. In Schwedt an der Oder – außerhalb des Empfangsbereichs der Westberliner Sender – ließ die Kreisleitung der SED in neugebauten Wohnblocks sogar Kabelfernsehen installieren, “Feindsender” inklusive, um qualifizierte Arbeitskräfte für das Petrolchemische Kombinat anzulocken.

TitelVon dort stammen die letzten auffindbaren Akten meiner Karriere als “feindlich-negative Person”. Beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) fand sich nichts aus den Jahren 1983 bis 89, alles spricht dafür, dass sie mit dem Gros der Unterlagen bei der “Hauptabteilung Aufklärung” vernichtet wurden, denn spätestens mit meiner Ausreise wurde ich wegen meiner Kontakte in die Bundesrepublik zur Zielperson für die HVA.

Die bis 1987 von Markus Wolf geführte Auslandsorganisation war – vielleicht als einzige – imstande, einen “Plan B” für einen eventuellen Machtwechsel zu erstellen, und die Verbindungen zum KGB rissen nicht ab. Kräften, die von sozialistischen Ideen zur Weltverbesserung nicht lassen mochten, erschlossen die globalen Entwicklungen seit 1990 viel Raum, neue Formen der Organisation und Einflussnahme auf Wirtschaft und Regierungen. China und Russland haben gelernt, und was dort an Überwachung und Verfolgung auf oppositionelle wartet, ist kaum vorstellbar. Und wie steht es bei uns mit den Bürgerrechten, die im KSZE-Prozess dem sozialistischen Lager abgetrotzt wurden?

Brauchen mehr oder weniger sozialistische Parteien in Europa nur deshalb keinen offiziellen Staatsfunk, keine “Presseorgane” und keine Stasi mehr, weil sie sich auf einen wohligen Konformismus verlassen können, der nicht mehr wahrnimmt, wie Freiheiten und Rechte des Einzelnen von etatistischen und korporativen Übergriffen paralysiert werden? In den nicht selten aus Steuern finanzierten “NGO” finden sich reichlich Partner für Kollektivintereressen aller Art. Es entstehen die seltsamsten Bündnisse zur informellen und materiellen Machtübernahme. In den Medien gilt es als ehrenhaft, sich selbst zum Moralapostel und Schallverstärker politischer Strömungen zu erheben, abweichende Meinungen zu schmähen und einer Zensur das Wort zu reden, die jeweils den anderen trifft. Worte wie „durchregieren“ und „alternativlos“ machen Karriere, als deuteten sie nicht auf oligarchische, gar totalitäre Absichten.

Was die KSZE, was Politiker von Format wie Willy Brandt, Egon Bahr, Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt, Gorbatschow, Schewardnadse und Dissidenten wie Sacharow, Vaclav Havel, Lech Walesa erreichten, ist erstaunlich. Aber alle Konflikte, die auszutragen waren, um Rechte des Einzelnen gegenüber dem Staat verpflichtend festzuschreiben, sind  heute weltweit nur in wenigen Regionen lösbar. Und so viel belegt dieses lesenswerte und als Quelle unschätzbare Buch: Jede Politbürokratie, sei es die von Regierenden oder NGO, versagt an dieser Aufgabe so jämmerlich wie das „moralisch bessere Deutschland“ von Erich & Erich.

Startup in Freiheit und Absturz der Lügner (3)

Zurück zu Teil 2

Die Kapitel 5 bis 7 in “Staatssicherheit und KSZE-Prozess” arbeiten detailreich diplomatische Grabenkämpfe während der Vorbereitung und im Verlauf der Konferenzen in Belgrad und Madrid auf. In all den langwierigen Verhandlungen bleiben grundsätzliche Frontverläufe unverändert: Der Westen will mehr Reise- und Meinungsfreiheit heraushandeln, macht wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit von besserem Informationsaustausch, vor allem aber von der Behandlung oppositioneller Menschenrechtler, etwa des Atomphysikers Sacharow abhängig. Die UdSSR-Führung und die ihr gefügigen Vertreter der Staaten des “Warschauer Vertrages” zielen auf Abrüstungs- und Entspannungspolitik. Sie soll die konventionelle und nukleare Überlegenheit des Ostblocks ebenso festschreiben , wie die politischen Dominanzen mindestens in Europa. Langfristig soll der Sozialismus seinen Siegeszug in der Welt fortsetzen – etwa indem die “jungen Nationalstaaten” Afrikas einbezogen werden.

Die Stasi war dabei vor allem Dienstleister. Sie war personell in den Delegationen der DDR stark vertreten, sorgte mit Hilfe hochrangiger Quellen im Westen dafür, dass dessen Standpunkte, Ziele und Absprachen bekannt und einzuordnen waren, infiltrierte und beeinflusste westliche Friedensbewegungen dahingehend, die Überlegenheit der konventionellen und nuklearen Bewaffnung des Warschauer Paktes zu ignorieren. DDR-Bürgern suggerierte die Propaganda derweil vom Kindergarten an, es gäbe „gute“ eigene und „böse“ Nuklearwaffen des Klassenfeindes. Insbesondere die Debatte um die „Neutronenbombe“ war auszuschlachten. Nebeneffekt im Westen: „Strahlungsrisiken“ friedlicher Nutzung der Kernkraft wurden zur ideologische Waffe der Atomkraftgegner in NGO und bei den „Grünen“. Der „Atomstaat“ passte in die östliche Gegenoffensive, wenn um Menschenrechte gestritten wurde, ebenso wie Frauenrechte, Arbeitslosigkeit und die Ausbeutung von Gastarbeitern. Sogar NATO-Generäle ließen sich einspannen für Friedensinitiativen samt Stasi-gesteuerten, publikumswirksamen Kampagnen.

Eher unerwünscht für SED und Stasi: Auch in der DDR erstarkte eine unabhängige Friedensbewegung, die mit dem Emblem „Schwerter zu Pflugscharen“ Abrüstung einforderte – vor allem die der lange vor dem „NATO-Doppelbeschluss“  im Osten stationierten Mittelstreckenraketen. Obendrein protestierte sie gegen gegen die Militarisierung in Schulen und anderen gesellschaftlichen Bereichen. Erich Mielkes Apparat hatte alle Hände voll zu tun, auch meine Akte als „feindlich-negative Person“ wuchs wegen „pazfistischer Tendenzen“ kräftig.

Das Schlussdokument des Treffens von Madrid 1983 zeigt gleichwohl die in wenigen Jahren zuungunsten des Ostens verschobenen Kräfteverhältnisse. Die Versuche, einen Keil zwischen die USA und die westeuropäischen Staaten zu treiben, brachten wenig, am Ende blieb ein von den neutralen und nicht-paktgebundenen Staaten (N+N) eingebrachter, von Spanien ergänzter Kompromiss, bei dem die UdSSR und ihre Verbündeten Zugeständnisse in Menschenrechtsfragen machten: Wegen der Ausgaben für Bewaffnung und die Engagements in Afghanistan und Afrika brach ihre Wirtschaft ein. Die Konferenzen zur Abrüstung und Entspannung durfte man nicht gefährden.

KPTreffen1976

Danach gingen die „Eurokommunisten“ von der Fahne

Die Lage war anders als noch 1974: In Portugal wurde damals die Diktatur von einem Militärputsch ab- und das Kolonialreich aufgelöst, bald darauf ging nach dem Tode Francos auch in Spanien die Macht in neue Hände über. Gleichzeitig gewannen sozialistische und kommunistische Strömungen in Westeuropa an Attraktivität. Ein hochrangiger SED-Funktionär aus der “Zentralverwaltung für Statistik”, mit dem ich im “Mocca-Eck” seines Amtsgebäudes saß, fragte mich, ob nicht vielleicht Portugal bald zu den “Warschauer Staaten” gehören werde. Ich wunderte mich über soviel Optimismus, denn die “Eurokommunisten” waren zur KPdSU auf  Distanz, genossen Sympathien, weil sie die Militärinvasion gegen den “Prager Frühling” verurteilt hatten. Portugal war Gründungsmitglied der NATO seit 1949, ich konnte mir nicht vorstellen, dass selbst der niedrigste Lebensstandard einen Portugiesen dazu treiben würde, jene Freiheiten aufzugeben, die ihm just mit dem Sieg über eine jahrzehntelange Diktatur zugefallen waren. Mein Gesprächspartner lachte mich aus.

Ende der 70er Jahre war seine Zuversicht durch katastrophale Wirtschaftsdaten merklich angeschlagen – wenn er auch nicht offen darüber sprechen durfte. Aber im “Mocca-Eck” wurde statt Bohnenkaffee “Mocca-Fix”, ein Gemisch mit Kaffee-Ersatz gebrüht. Devisen waren knapp, also auch Importgüter wie Kaffee, die Lage der DDR wurde immer prekärer. Die Bevölkerung war dank Westfernsehen und Besuchsreisen von Freunden und Verwandten über die Standards ihrer bundesdeutschen Landsleute auf dem Laufenden. Das Kaffee-Problem schaffte besondere Unruhe. Ein Militärputsch in Äthiopien kam zu Hilfe: Die DDR lieferte dem blutigen Diktator Mengistu Haile Mariam Waffen und bekam Kaffee. “Blaue gegen rote Bohnen” hieß das Geschäft bei Insidern.

Unterdessen bestätigten sich die größten Befürchtungen von SED und Stasi bezüglich des KSZE-Prozesses: Die “Ausreisebewegung” schwoll an, war auch mit rigiden Maßnahmen nur vorübergehend einzudämmen.

Hier entstanden Konflikte zur KPdSU-Führung. Sie wollte Zugeständnisse zum “Korb 3” der Verträge, also “menschlichen Erleichterungen” wie etwa Ehen mit Ausländern aus dem “NSW” (dem nicht-sozialistischen Währungsgebiet”) machen, um beim Thema Abrüstung und „vertrauensbildende Maßnahmen“ voranzukommen. Andererseits missfielen ihr innerdeutsche Annäherungen. Wachsender Reiseverkehr, Milliardenkredite aus Bonn – vermittelt durch Franz-Josef Strauß – das war nicht nach dem Geschmack von Breshnew und seinem Nachfolger Andropow, dem vormaligen Chef des KGB. Douglas Selvage und Walter Süß gehen solchen komplizierten Spannungen in vielen Details nach. Für den Zeitzeugen werden die Atmosphäre der Verhandlungen und die Geschehnisse jener Zeit noch einmal erlebbar.

Weiter zum Schluss

Das Geschenk des Lebens – mit Gebrauchsanweisung?

Alexis de Tocqueville 1805 – 1859

Egal ob einer an Gott oder an die Unerschöpflichkeit und Allgegenwart des Universums glaubt: Das Leben ist sein Geschenk. Freiheit bedeutet, sich im Gebrauch dieses Geschenks zu üben, das geht nur in Gesellschaft, es geht nicht ohne Konflikte und nur begrenzte Zeit.
Erfreulicherweise hat die Menschheit gelernt, sich über Erfahrungen mit Konflikten auszutauschen – man nennt das Kommunikation. Wie alle Lebensprozesse folgt freilich auch sie Wünschen, Ängsten, unbewussten mehr als bewussten Zielen, sie sind so unterschiedlich wie die Individuen, deren Wahrnehmung sie formen. Ebenso verhält es sich mit der Wahrnehmung all jener sozialen Verbünde, in die der Einzelne hineingeboren wird, in denen er heranwächst und die seiner Freiheit Grenzen setzen. Neben den Konflikten zwischen Individuen wird es folglich ebenso Konflikte zwischen dem Einzelnen und seinem Sozialverbund geben wie zwischen verschiedenen Sozialverbünden. Gewalt und Krieg sind naturwüchsige Strategien, solche Konflikte zu lösen, Gewalt – Macht – Lust ist ein tief verwurzelter Impuls, der sie treibt. Sein Erfolg hat ein enormes Repertoire an Formen und Instrumenten hervorgebracht, sie sind allesamt in Kulturen aufgehoben, mir ist keine einzige bekannt, die als „ausgestorben“ gelten dürfte.
Gewalt schafft Leiden. So unvermeidlich es zum Leben gehört, so unvermeidlich wächst der Wunsch nach dem Ende des Leidens, der Wunsch es doch zu vermeiden.
„Weh spricht vergeh‘, Weh spricht vergeh‘ – doch alle Lust will Ewigkeit“, heißt es in Nietzsches „Zarathustra“ – Gustav Mahler hat diese tiefste Strebung in Musik gefasst. Der Traum vom Paradies, vom ewigen Frieden ist so unzerstörbar wie die großen Kunstwerke, die ihm nachgehen und Gestalt verleihen.
Alles Bemühen, aus dem Traum Realität werden zu lassen, führte indessen zur Hölle auf Erden. Oder – wie Georg Trakl schrieb – „in schwarze Verwesung“. Der ewige Frieden ist nichts anderes als Bewegungslosigkeit. Konflikt- und gewaltfrei ist nur eine Gesellschaft ohne Freiheit, unsterblich nur der Tod. Wer Gebrauchsanweisungen fürs Leben an Aussichten auf Unsterblichkeit (bzw. eine beliebige Verlängerung des Lebens) oder auf ewigen Frieden knüpft, bescheinigt allen, die sich an seine Gebrauchsanweisung nicht zu halten bereit sind, ihre Minderwertigkeit. Er signalisiert, dass es durchaus erhabener Lebenszweck sein kann, sie auszurotten. Er wird, sagt die Erfahrung, Gefolgschaft finden, und deren Impuls zu Gewalt – Macht – Lust freisetzen: Massenhaft werden sie sich als geweihtes Kollektiv erleben, als von individueller Verantwortung fürs Denunzieren, Diffamieren, Anprangern, Abschlachten befreit. Gläubige werden zu Soldaten „für das Gute“, zu Mördern, Vergewaltigern, Plünderern – bis der Krieg sie frisst.

Buchcover zu Peter H. Wilson Der Dreißigjährige Krieg

Entstehen und Dynamik des 30jährigen Krieges sind von bestürzender Aktualität

Was sie über Jahrhunderte im Namen einer Ethnie, Religion oder Nation wurden und werden, steigert sich seit Marx, Engels, Lenin und all ihren schrägen Schülern unter den „Anti“-Transparenten zum Totalitarismus: Die ideologisch aufgeladene Meute gewinnt nicht mehr nur Territorien oder Güter, sondern den „Ewigen Frieden“, die „lichte Zukunft der Menschheit“, den Gipfel des „Humanismus“. Dafür wird das ganze Instrumentarium mobilisiert: Total bis zur Massenvernichtung des modernen Zeitalters, nuklear, chemisch, biologisch.
Vor allen anderen Instrumenten mobilisiert diese „Mission Imbecile“ zunächst die total einseitige Kommunikation, die Gut und Böse unterscheidet, entsprechende Feindbilder konstruiert und ausmalt, den Gegner aufs äußerste bepöbelt, ihn zum Abschaum ausruft, vernichten will, so er sich nicht unterwirft.
Diese Art Kommunikation schmeichelt dem Selbstgefühl der Gläubigen. Jede einzelne Gegenstimme – sei sie noch so ehrwürdig – ersticken zu können, nährt Allmachtsphantasien bei Spitzeln und Blockwarten. Kommunisten, Nationalsozialisten und dem „real existierender Sozialismus“ verdanken wir einschüchternde Gebrauchsanweisungen zum Leben im „Ewigen Frieden“. Interessanterweise gab es schon zur Entstehungszeit des „Kommunistischen Manifests“ deutliche Hinweise, wie eine Gesellschaft, wenn sie in den Totalitarismus abgleitet, den sozialen Tod des Individuums vorausschickt:
„Der Machthaber sagt hier nicht mehr: ‚Du denkst wie ich, oder du stirbst‘, er sagt: ‚Du hast die Freiheit, nicht zu denken wie ich; Leben, Vermögen und alles bleibt dir erhalten: aber von dem Tage an bist du ein Fremder unter uns. Du wirst dein Bürgerrecht behalten, aber es wird dir nicht mehr nützen; denn wenn du von deinen Mitbürgern gewählt werden willst, werden sie dir ihre Stimme verweigern, ja, wenn du nur ihre Achtung begehrst, werden sie so tun, als versagten sie sie dir. Du wirst weiter bei den Menschen wohnen, aber deine Rechte auf menschlichen Umgang verlieren. Wenn du dich einem unter deinesgleichen nähern wirst, so wird er dich fliehen wie einen Aussätzigen; und selbst wer an deine Unschuld glaubt, wird dich verlassen, sonst meidet man auch ihn. Gehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, aber es ist schlimmer als der Tod.'“
Der Text stammt von Alexis de Tocqueville aus seiner Schrift „Über die Demokratie in Amerika“ (1835/1840). Eine genaue Vorstellung vom sozialen Tod hat, wer eine totalitäre Gesellschaft erlebt. Kommunismus, Nationalsozialismus, Islamischer Staat scheuten und scheuen sich nicht, dem sozialen Tod die physische Vernichtung folgen zu lassen.
Wer über Tocquevilles Worte nachdenkt, wird in den derzeit zu beobachtenden Kämpfen um Deutungshoheiten in den global wachsenden Kommunikationsnetzen das Wetterleuchten totalitärer Herrschaft erkennen. Wenn er kann und will, wird er den Wert der Meinungsfreiheit umso höher schätzen. Er wird sich mit aller Kraft gegen das Eiapopeia eines falschen Friedens wehren, der sie ihm nimmt: Um seines begrenzten Lebens und der Nachkommen willen.

Lechtsrinks auf dem Vormarsch

Wahlrecht_-_Das_Illustrierte_Blatt_-_Januar_1919Dass ehemalige Anhänger der Linkspartei im Berliner Osten ebenso wie in Meckpomm massenhaft zur AfD überlaufen, ist vollkommen verständlich. Ebenso wie – schon fast vergessen – Wählerwanderungen von bürgerlichen Parteien (dazu gehörte die SPD) in Richtung „Protest“ bei den absterbenden „Piraten“. Glaubte ich daran, dass der Staat gefälligst für mein Wohlergehen zu sorgen habe, wählte ich vermutlich auch eine Partei (oder schlüge mich einer stellvertretenden NGO zu), die mir verspricht, den Staat und die Gesellschaft dahingehend zu ändern, dass er seine Fürsorge vor allem meinen Interessen angedeihen ließe. An dieser subjektiven Wahrnehmung, zum Herdenimpuls verdichtet, starb nicht nur die Weimarer Republik.

Demokratie und Rechtsstaat sind ein verdammt schwieriges Geschäft. Leute, die gern Probleme im Interesse des Gemeinwesens – relativ unabhängig vom eigenen Vorteil – lösen, lassen sich darauf ein, aber auch Karrieristen. Für sie kommt dann selten ein schneller Profit des Typs „Mir nützt, was anderen schadet“ in Sicht. Mit solcher Erwartung ist indessen das Wesen des Menschen tief imprägniert. Manche Kulturen bewahren es sorgsam, indem sie ihren Anhängern die Überzeugung vermitteln „Du bist erhaben, die anderen minderwertig“. Sie haben eine beinahe unwiderstehliche historische Wucht auf ihrer Seite, schneller, massenhafter Zulauf war stets garantiert. Vernunft und Logik spielen einfach keine Rolle, wenn jeder blutige Depp sich gebenedeit fühlen darf, vielleicht sogar Führer werden. Religionen – natürlich auch Ersatzreligionen – rekrutieren so ihre Anhänger und Aktivisten.

Der säkulare Staat wandelt solche überkommenen, tief verwurzelten Gefühle von eigener Höchstwertigkeit ab. An ihre Stelle tritt die staatlich garantierte Anspruchsberechtigung. Der Bürger des fürsorglichen Staats erwartet, dass er jedem anderen gegenüber zumindest gleiche, gern etwas privilegierte Ansprüche hat – und die „Staatsdiener“ leben ihm das vor. Wer weniger brav ist, hat weniger zu beanspruchen, meint der Wähler, und macht sein Kreuz dort, wo ihm seine private Werteskala nicht durcheinander gerät. Im günstigsten Fall – bei wirtschaftlicher Prosperität und persönlichem Wohlstand – kommt dabei eine Demokratie liberaler Prägung unter dem Motto „Leben und leben lassen“ heraus.

Keine Gesellschaftsordnung hat indessen vermocht, elementare Strebungen wie Neid, Missgunst, Eifersucht, Argwohn, Machtgier und Habsucht zu eliminieren. Demokratie und Rechtsstaat ziehen Grenzen und lassen menschlichen Regungen wie Großmut, Hilfsbereitschaft, Zuwendung, Vertrauen, Demut, Bescheidenheit einigen Raum, sich zu entfalten. Das sind Rettungsanker noch in schlimmsten Formen der Gewaltherrschaft, sie sind gleichwohl keine Selbstverständlichkeit, wenn Meinungsfreiheit gerade nicht durch Folterkeller und Sippenhaft bedroht ist. Die Wahl der Mittel bleibt jedenfalls subjektivem Empfinden anheim gestellt, und wo Konkurrenz und Anpassung den Alltag bestimmen, werden sie manchem Anspruchsberechtigten einfach lästig. Wenn der öffentliche Diskurs obendrein vom Nachdenken über individuelle Verpflichtungen aufs Gemeinwohl entbindet, der Staat zwar Vieles verspricht, aber in unvermeidlichen Krisen und Konflikten immer weniger halten kann, dann kommt die Stunde der Rebellen, der Revolutionäre und charismatischen Führer. Der Anspruchsberechtigte macht sein Kreuz dort, wo seine Ansprüche vermeintlich wahrgenommen werden. Der Staat, den er will, soll gefälligst zu ihm passen.

In der Art hat das Houellebecq in seiner „Unterwerfung“ zugespitzt erzählt. Was Demokratie gefährdet, lässt sich ziemlich genau beschreiben. Was massenhaft erwünscht ist, auch. Mit Blick auf IOC, FIFA, EU, UNO, die meisten NGO, ihre medialen Hilfstruppen frage ich mich: Wer will eigentlich noch Demokratie und Rechtsstaat? Wer will mehr als die Freiheit der eigenen „Bedürfnisbefriedigung“ und „Anspruchsberechtigung?

Die Freiheit zu altern

2014-04-26 12.30.06Wenn einer in halbwegs erträglicher Verfassung über die Sechzig gekommen – also kurz vorm “Renteneintrittsalter” – ist, dann muss er vor allem eins nicht mehr: Vom Gesundheitswahn geblendeten Weltenrettern erlauben, ihm Vorschriften über seine Lebensführung zu machen. Diese großartigen Leute verdanken ihm schließlich ihre Existenz und befinden sich in der komfortablen Situation, verbessern zu dürfen, was er ihnen hinterlässt. Sie wollen ihm trotzdem nicht gestatten, sich zu Tode zu rauchen, zu kiffen oder zu saufen, weil das auf Kosten der Volksgemeinschaft – äääääh Solidargemeinschaft – geht. Hier nun wird es amüsant, weil die Kosten der Suchtkranken gegen die der Gesundheitsbürokratie aufzurechnen wären. Meines Wissens hat das noch keiner versucht, es wäre ein ziemliches Wagnis.

Der Erblasser wähnt immer den Erben im Soll, der Erbe ist nur dann zufrieden, wenn das Ererbte seinen Wünschen entspricht. Das kommt selten vor. Gegenseitiges Misstrauen hat die Generationen durch die Weltgeschichte gepeitscht – ohne je die untrennbare Abhängigkeit der Nachfahren von den Vorläufern abschaffen zu können. Es ist eine alte Geschichte. Doch wird sie täglich neu. Und wer da unzufrieden, schlägt gerne was entzwei.

Die Strategien haben sich – betrachtet man das Ganze einigermaßen unvoreingenommen – nicht verändert. Es geschieht viel Gewalt, es geht um Dominanz, natürlich auch um die Deutungshoheit. Ich freue mich jedenfalls, all diesen großartigen Nachfahren da draußen jede Menge schlimme, behebenswerte Defekte zu hinterlassen. Sie haben reichlich Stoff, sich dem Erblasser gegenüber erhaben zu fühlen. Ich vermute, dass sie trotzdem ziemlich viele Fehler wiederholen, die schon meine Urgroßeltern begingen.

Ist es nicht traurig, dass die Welt trotz so vieler berühmter Narren wie Shakespeare, Chaplin oder Dario Fo partout nicht lustiger wird? Friedlicher wird sie sowieso nicht. Wenn ich mir anschaue, was da Anspruch aufs ganz große Regiment erhebt, sieht das der Fratze des Krieges deutlich ähnlicher als der Spielfreude sportlicher Wettkämpfe, von vergnügter Selbstverjuxung zu schweigen. Das uralte Prinzip Gewalt Macht Lust treibt den Mob, es finden sich jederzeit passende Anführer im Namen Gottes, der Nation, der Überzeugung von rassischer, ethnischer oder sonst irgendwie zu begründender Höherwertigkeit. Samt ihren – gern weiblichen – Einpeitschern bestätigen An-Führer die marodierenden Massen unwiderlegbar darin , dass just ihre Keulen, Brandsätze, Kalaschnikows, Panzer, Granaten, Raketen im Recht sind – und ihr mörderischer Auftritt ein Akt historischer Gerechtigkeit ist. Manche schaffen sogar die perfekte Volte, sich als pazifistische Friedensengel auszugeben: Weg mit den Waffen! – der anderen.

Weg mit den Suchtmitteln – der anderen. Das eigene Suchtmittel bleibt unsichtbar: Dominanz. Gibt es ein Land, wo der Einfallsreichtum an Verbotsschildern, wo das Denunzieren als – oft genug krimineller – Weg zur Deutungshoheit so elaboriert wäre wie in Deutschland? In Russland, in China vielleicht – ich lasse mich da gern aufklären. Ich will auch den europäischen und deutschen Bürokraten gern Abbitte leisten, wenn sie die Putins, Islamisten, Schlepperbanden und andere Großkriminelle dieser Welt lahmlegen. Ich glaube nur nicht dran. Mir scheint eher, dass wir den folgenden Generationen mindestens ebenso viele Ruinen, ebenso viele ungelöste Konflikte hinterlassen, wie wir sie von unseren Eltern und Großeltern geerbt haben. Das Beste daran war vielleicht die Einsicht, dass es keine Pat(End)lösungen geben kann.

Und deshalb rauche und trinke ich, gehe auf keine Demos und bin sicher, dass – falls die Menschheit im Allgemeinen und der Einzelne im Besonderen von Süchten zu heilen sein sollte – auch die Kernenergie locker zu beherrschen sein wird.

 

Internetwirtschaft macht reich

Die Vorhersagen im „Raketenschirm“ erweisen sich als zuverlässig: Jeder Konzern, der seine Produkte über das Vertrauen in Marken verkauft, muss fürchten, von einer “Wir sind die Guten”-Community als profitgieriger Verteiler giftiger (mindestens gesundheits- oder umweltschädlicher) Ware markiert und ausgeschrien zu werden. So treffen wir auf eine seit alters her verlässliche Methode, sich Vorteile – in Form von Geld, gern als Ausbeute öffentlicher Aufmerksamkeit – zu verschaffen: DAS GERÜCHT. Es kann Einzelnen mit Unterstützung einer Community sehr, sehr viel Aufmerksamkeit und Geld bringen, wenn der Konzern um die Zugkraft seiner Marke fürchten muss. Das Kapitel 10 zeigt, wie’s gehen kann – Ähnlichkeiten mit aktuellen Kampagnen sind rein zufällig – falls nicht deren Initiatoren sich vom “Raketenschirm” inspirieren ließen

HWODer Schnauzbart irritiert sie, die runde Brille erinnert an historische Vorbilder aus den Jahren der Oktoberrevolution, der Anzug am fülligen, dennoch fest und sportlich trainiert wirkenden Leib stammt von einer Nobelmarke, unterm Doppelkinn ist der Kragen offen, keine Krawatte, ein Dreitagebart, kahle Stellen im grauschwarzen Stoppelhaar: Als sich Hermann Hofrichter zu Silvia an den Tisch setzt, mit „Freundschaft“ grüßt, grinst, wirkt er entspannt und locker. Er muss bald 65 sein.

„Du siehst nicht aus wie ein Rentner“, sagt seine Halbschwester. (…)

Hermann nickt versonnen: „Das Tolle an diesem Land: es lässt seine Spinner nicht verhungern. Mal sehen, wie lange ’s noch funktioniert.“ Silvia ahnt, dass jetzt der Katechismus folgt. Hermann fasst nach einer schmalen Mappe, holt ein Notepad heraus, macht ein paar Fingergesten. „Die Spinner haben sogar genug Geld, es in die Revolution zu investieren. Schau mal: das ist in den letzten drei Tagen hereingekommen.“ Er hält ihr den glänzenden Bildschirm hin. Sie überfliegt Tabellen, eine Grafik. „Möchtest du nicht auch spenden? ,Heal the World, Make It A Better Place … For You and For Me … And the Entire Human Race’ …“, summt er.

„Wusste nicht, dass du singen kannst. Was macht ihr mit diesem riesigen Haufen Geld? Möchtest du nicht etwas davon in eine Kulturstiftung für – sagen wir: meine Mösengalerie – stecken?“

„Klar.“ Hermann beobachtet Silvias Reaktion. „Nur nicht sofort. Schau – es ist so: Wir haben dir geholfen, jetzt könntest du für uns etwas tun. Dein Ziel, den Mädchen und Frauen dieser Welt Beschneidungen, Zwangsehen, Sklavenhandel und so weiter zu ersparen, ist auch eines der Ziele unserer NGO, eines nur, aber die anderen werden dir auch gefallen.“

„Du redest jetzt nicht vom ‚Leninistischen Aufbruch‘?“ Silvia ist platt.

„Ach was. Solche kindischen Etiketten kleben sich nur Schwachköpfe und verkalkte Veteranen des Kalten Krieges an. Im Zeitalter des Internets verlaufen Revolutionen vollkommen anders – oder hast du den ‚Arabischen Frühling‘ verschlafen?“

„Natürlich nicht, und ich bin besonders gespannt darauf, wie er sich auf die Lage der Frauen auswirken wird.“

„Siehst du. Frauensolidarität bleibt wichtig. Wir haben sehr renommierte Aktivistinnen, die einschlägige Foren betreuen, neue Kräfte gewinnen, starke Argumente – vor allem Bilder – beisteuern. Die Welt muss sich ändern, Nachhaltigkeit, Klimawandel, soziale Gerechtigkeit … du weißt schon. (…) Es muss niemand mehr auf die Straße gehen, sich als fahnenschwenkender Märtyrer niederschießen lassen, wenn er eine Chemiefabrik kaputtmachen, einen Banker zum Kniefall bringen will. Informationen über eine verseuchte Landschaft, einige Dutzend betrogene Anleger reichen: Sie müssen nur groß genug sein für Nachrichten in den Leitmedien, eine große Zahl von Menschen dazu bringen, sich uns anzuschließen: Dominanz in den Medien ist das neue Kapital, und das Internet ist die Methode der Akkumulation. Wir sind die Guten, wer zu uns gehört, gehört an die Macht.“

„Und wie nennt sich das Ganze? Nicht mehr Kommunistische Partei?“

„Tu nie alle Eier in einen Korb. Auch Utopisten, Grüne, Tierschützer, jede Sorte sozialistischer Bewegungen konkurrieren in dieser Welt. Sogar Religionen.“ Hermann bläst einen verächtlichen Lacher durch die Nase. „Die Kunst besteht darin, ständig neue Netze zu knüpfen, den Leuten die Überzeugung zu vermitteln, dass sie auf der richtigen Seite stehen, zur ‚Heal-the-World‘-Bewegung gehören, die Kunst ist, dabei als Bewegung so groß wie irgend möglich zu werden. Und natürlich das Geld dafür einzusammeln.“

„Bei den Spinnern.“

„Und bei denen mit schlechtem Gewissen, bei denen im Hintergrund, im Dunkeln wenn ’s sein muss …“

„Erpressung.“

„Quatsch. Wiedergutmachung. Wenn du die Moralinsäure weglässt, kriegst du vielleicht endlich eine Mahlzeit hin, die überall auf der Welt gegessen wird. Oder möchtest du auf eine große Kosmetikfirma als Sponsor für deine Muschibildchen verzichten?“

„Der Kommunist rettet die Frauen der Welt mit L’Orèal – oder isses Beiersdorf?“