Weltrevolution im Biedermeier

Anna Knauth mit Söhnen als 38jährige

Anna Knauth mit Söhnen als 38jährige


Im gleichen Jahr wie Karl Marx – 1818 – ist meine Ururgroßmutter Anna Knauth geboren. In Tagebüchern hat sie Alltagsrituale ihres Lebens in Naumburg an der Saale während der 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts festgehalten, ihre Jungmädchenträume, ihre Verliebtheit in Julius, den Gitarrenspieler, eine Begegnung mit der 16jährigen, schon als Pianistin berühmten Clara Wieck, die bald darauf Robert Schumann heiratete, die Tragödie ihrer Ehe mit einem psychisch Kranken (hier dürfen Witze auf Folgen beim Ururenkel platziert werden), kurz: ihr ganzes Leben. Sie starb mit kaum 39 Jahren an der Tuberkulose; eine Daguerreotypie zeigt sie kurz vor ihrem Tod.
Ihre Tagebücher waren eine wichtige Quelle für den „Blick vom Turm“; Annas Leben ist dem meinen gewissermaßen eingeschrieben – nicht nur in Form genetischer Disposition zum Wahnsinn. Julius, die unerfüllte Jugendliebe, studierte übrigens zur gleichen Zeit wie Marx in Berlin.

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Menschengeist – Weltgeist

Anatole France, Literaturnobelpreisträger 1921
Anatole France schrieb 1904 den Roman „Komödiantengeschichte“; er steht im Œuvre des Literaturnobelpreisträgers hinter „Die Götter dürsten“ oder dem  „Aufruhr der Engel“, einer leidenschaftliche Satire gegen den Klerus und die Bigotterie des Christentums von 1914 etwas zurück. Weshalb er mir im Gedächtnis blieb, ist eine Szene, in der die Protagonisten über die Wege des Sternenlichts nachdenken und dabei Gedankengängen der speziellen Relativitätstheorie von Einstein folgen. Das Besondere daran: Einstein veröffentlichte seine Arbeit erst ein Jahr später. Wie es scheint, lagen zumindest einige seiner Überlegungen in der Luft. das verwundert nicht, hatte doch der französische Mathematiker Poincaré den mathematischen Apparat zu Einsteins Theorie schon entwickelt. Möglicherweise kannten sich der Mathematiker und der Romancier – ich habe bisher keinen Hinweis darauf gefunden.

Die Geschichte beschäftigt mich insofern, als ich vor einiger Zeit nach einer Lesung gefragt wurde, wieso ich mir nicht den Umweg über die Physik erspart habe, da doch mein Weg schließlich zum Theater, zum Film und zur Literatur verlaufen sei. Die Frage konnte ich leicht beantworten, weil mein Interesse an der Physik und Philosophie nie ermüdet war. Den Weg zum Theater schlug ich ein, weil mir die Lebensweise des Spezialisten nicht behagte. Ich habe das lebenslange Bemühen um den Brückenbau zwischen Kunst und Wissenschaft niemals bereut. Deshalb findet sich das Denken der modernen Physik nicht nur in „Der menschliche Kosmos„, sondern in den Träumen von Gustav Horbel ebenso wie in den Reflexionen des Physikers Anton Fürbringer in „Babels Berg„. Ich bin dankbar und glücklich, dass meine Wünsche, mein Streben nach Verbindungen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften – so wie beider Verbindung zur Kunst – in unseren Tagen Teil einer allgemeinen und unausweichlichen Bewegung werden.

Auf die erhellende Begegnung mit Alva Noë und seinem Buch „Du bist nicht Dein Gehirn“ folgt demnächst die Lektüre von „Zyklen der Zeit„, dessen Autor Roger Penrose zu den bedeutenden Mathematikern und Kosmologen unserer Zeit gehört. Und diese wundersamen Zusammentreffen machen die Arbeit am „Raketenschirm“ zum Aufregendsten, was sich einer wie ich für seine alten Tage vorstellen kann.

Feinde, Schmutz und sauberer Schnee

Binsenwasen bei Baden-Baden

Sonne und Schnee - Symbole der Reinheit

Aus China kommt eine Erfolgsmeldung: Der “Spiegel” und andere Publikationen geben eine Information des chinesischen Staatsfernsehens weiter, wonach Wissenschaftler daselbst einen entscheidenden Schritt bei der Aufbereitung benutzter Brennstäbe aus Atomreaktoren voran gekommen sind.

Das wäre ein Durchbruch für die Nutzung von Energie aus der Spaltung von Atomkernen. Sie ist seit dem Unfall im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl im April 1986 zum Symbol für “schmutzige” Energie geworden, weil die Explosion eines Reaktors damals unbeherrschbar große Mengen radioaktiver – also für menschliches Leben gefährlicher – Partikel in die Atmosphäre schleuderte. In Deutschland starb kein einziger Mensch, nur die Forschung an dieser Form der Energieerzeugung; Diskussionen zum Thema nahmen religiöse Züge an. Massenhaft wurde das Mantra: “Sonne und Wind sauber, Kohle, Öl und Kernenergie schmutzig” wiederholt; sich an Bahngeleise zu ketten, Transporte von radioaktivem Müll zu verhindern gilt manchen als Heldentat.

Solche Transporte würden die Chinesen künftig nicht mehr brauchen, denn sie könnten direkt neben den Kernspaltungs-Reaktoren Anlagen zur Aufbereitung von Brennstäben betreiben. Sie werden das bestimmt tun, schon um die begrenzten Reserven an spaltbarem Uran um den Faktor 60 (!) besser zu nutzen. Sie werden die bösen, schmutzigen Chinesen sein.

Unsere Grünen, unsere politischen Saubermänner aller möglichen Parteien aber werden ihrer Gemeinde die frohe Botschaft verkünden: ihr seid sauber! Denn bei der Produktion von Solarzellen  (aus Kostengründen gern in China), Windrädern, Biogasanlagen, bei deren Transport an Einsatzorte, bei deren Wartung, Reparatur, Erneuerung, bei der Produktion von wärmedämmenden Kunststoffen für die Sanierung unzähliger Altbauten nebst deren Erneuerung, weil sie sich als Schimmelbrüter erweisen, bei Monokulturen aus die Landschaften verwüstenden Mais- Raps- und Werweißwas-für-Energiepflanzen, bei der klimaverändernden Wirkung von Windparks für die atmosphärischen Strömungen bleibt es sauber, sauber, sauber – das Gewissen. Gefährlich sind immer die anderen.

Ein guter Freund hob auf die “Spiegel”-Meldung hin beschwörend die Hände: “Wiederaufbereitung! Das schmutzige Strahlungszeug könnte ja dann direkt am Weltmarkt gehandelt werden, auch von Schurkenstaaten!” Könnte es. Wird es vermutlich auch. Ich bin nur nicht sicher, ob aus einem Schurkenstaat durch das Aufstellen von Windrädern ein achtbares Gemeinwesen wird, mal abgesehen davon, dass für solche Sozialgebilde – in der Regel durch religiöse Wahnvorstellungen zusammengehalten – wir die Schurken sind.

Jetzt fragen Sie mich mal, welche Wahnvorstellungen uns zusammen halten. Es ist – neben anderen – die, Probleme der Zivilisation, also vor allem , mit technischen Mitteln lösen zu können. Man nennt das auch “Versachlichen”. Abgesehen davon, dass diese Wahnvorstellung täglich neue Katastrophen hervorbringt – sie ist nur eine Form des Herrschaftswahns, dessen Ziel die ist. Herrschaftswahn ist vor allem an einem Symptom zu erkennen: Schmutzig sind die anderen; jede Frage wie schmutzig die eigenen Geschäfte sind, jede Diskussion, ob Schmutz womöglich zum Leben gehört, wird ausgeblendet. Aber “Reinheit” ist keine Kategorie der Natur, nur eine Hervorbringung jener Kultur, die sich selbst als “sauber” deklariert, um alles “Schmutzige” dominieren bzw. ausrotten zu dürfen.

Der Schnee ist nicht sauber. Die Sonnenstrahlen sind es auch nicht.