Gefährliche Spiele

Als Gabi ihre Tochter zum ersten Mal mit einer tanzenden Untertasse erwischte, nahm sie es von der heiteren Seite. Dass spielende Kinder Gegenstände zweckentfremdeten, war normal. Es war also auch normal, einen Teller auf den Rand zu stellen, ihn um die eigene Achse kreiseln zu lassen, zuzusehen, wie die Kreiselbewegung ins Schlingern kam, Frequenz und Geräusch sich steigerten, bis das Ding platt auf dem Boden lag. Sie fragte sich nur, wie Carla darauf gestoßen war: Sie selbst hatte ihr den Trick nie gezeigt. Er gehörte zur Vergangenheit, zu den Liebesnächten mit Anton, zum Aufstieg in den Spitzenkader des DDR-Sports, zum Absturz ins Leben als Geschiedener mit Kind. Sie hatte nie mehr versucht, ihre besondere Gabe beim Umgang mit rotierenden Scheiben wiederzufinden. Im Augenblick, da die Rotation von Carlas Untertasse auf dem Küchentisch erstarb, fiel ihr ein, dass gerade zehn Jahre seit jener Nacht im Studentenheim vergangen waren, in der sie über sich hinausgewachsen, in deren Folge sie vom Physiker Fürbringer erobert worden war. Hatte Anton der Tochter irgendwann gezeigt, was sie mit Tellern, Münzen, jeder Art Scheiben anstellen konnte?

„Hast du das im Hort gelernt?“

„Nö, das konnte ich schon immer.“

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Hundert Jahre Fernweh

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Gustav Horbels Großvater Karl hat in Stuttgart Schiffsmaschinenbau studiert, wurde Ingenieur, bereiste die Welt. Zwei Kriege haben seither das Land der Ingenieure verheert; Scharen von Naturwissenschaftlern und Technikbegabten folgten jedes Mal wieder Wahnvorstellungen und Herdenimpulsen, Deutsche trieben sich und ihre Nachbarn ins Verderben. Wenige widerstanden.

Karl Rossberg hatte Glück. Mit dem ersten Krieg traf er nur zusammen, als 1914 ein britischer Kreuzer im Indischen Ozean das deutsche Handelsschiff aufbrachte, in dessen Maschinenraum er Dienst tat. Danach saß er 5 Jahre in einem Lager hinter Stacheldraht in der Australischen Wüste, weit genug weg von den Fronten. Den zweiten Krieg überlebte er, zu alt und zu krank für den Heldentod, daheim in Lauterberg. Aber er hatte das Fernweh dorthin mitgebracht. In Bücherschränken, auf Regalen, in Vitrinen standen Blickfänge: hauchdünnes Porzellan aus Japan, Buddhafiguren aus Singapur, ein Ebenholztisch aus Indien. Ein ausgestopfter Kugelfisch und ein Haifischgebiss waren von Hand beschriftet: „Madras 1911”.

Mit diesen geheimnisvollen Utensilien war Gustav aufgewachsen. Kaum dass er lesen konnte, verschlang er „Köhlers Deutschen Flottenkalender”, bestaunte die Panzerkreuzer, bedauerte, dass die Riesenschiffe, auf deren Decks sich Matrosen reihten, befehligt von würdig dreinblickenden Backenbärten über Uniformbrüsten voller Orden, dass all diese Pracht und Herrlichkeit mit dem Kaiserreich untergegangen war. Die deutschen Ingenieure – waren ihre Schiffe, Zeppeline, Automobile nicht die besten? Hatten sie nicht immer wieder Land und Leute emporgebracht, ganz nach vorn? Nur im Krieg hatten sie kein Glück – das beschäftigte den kaum zehnjährigen Gustav. Was es damit auf sich hatte, erfuhr er weder von der Mutter noch von der Großmutter; was letztlich entschieden hatte über Sieg oder Niederlage, blieb ein dunkles Geheimnis, blieb Pech, das an den Deutschen klebte, mit den Russen ins Land sickerte, die Lauterberger Familie von den Verwandten im Westen isolierte.

Einsteins Geheimnis

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Anton Fürbringer ist Physiker, ein Sonderling, der in den 70er Jahren an der Akademie der Wissenschaften der DDR eigene Wege beschreitet. Das Foto zeigt Erwin Schrödinger, einen seiner geistigen Väter, Autor des Buchs “Geist und Materie”. Leser von “Babels Berg” kennen Anton schon – im “Raketenschirm” treffen sie ihn wieder. Wer mag, folgt ihm sogar bei seinem Nachdenken über den Menschen und sein Universum …

Anton wäre nicht eingefallen, die Grundfesten des Marxismus-Leninismus zu erschüttern, er stieß nur an eine Grenze des Denkens, die ihm als das Natürlichste von der Welt erschien: dass Objektivität Fiktion war, dass ein von menschlichem Handeln unabhängiger Blick – von einem Standpunkt im letztlich menschenleeren Universum aus, einer Gott ähnlichen Position also – nur sehr begrenzte Einsichten zeugte, dass „Objektivität“ für die Physik der Elementarteilchen gar nicht, für die Astrophysik eingeschränkt zu brauchen war. Niemand konnte schließlich mit einem menschenleeren Universum irgendeine Erfahrung machen. Es existierte nur als Spekulation, als Konstrukt des Denkens, in menschlichen Köpfen – dort möglicherweise aufgrund einer allüberall wirkenden universellen Mathematik, die aber letztlich wieder nur im und durch den Menschen vollständig war. Das Universum, in dem die Physiker, Astronomen, Chemiker Biologen mit ihren Instrumenten sich tummelten, für das Mathematiker kühnste Modell entwarfen, sie von gigantischen Rechenmaschinen als Simulationen ausspucken ließen, war ohne Gedanken, Gehirne, die zugehörigen Körper samt den ihnen vorausgegangenen Vorfahren, deren Vorgeschichte bis zu den ersten organischen Molekülen nicht zu verstehen. Diese „Vorgeschichte“ war ihrerseits aber jedenfalls nichts als Konstrukt menschlichen Denkens, denn eine direkte Interaktion mit Vergangenheit war nach aller Erfahrung ausgeschlossen. Zu keiner Zeit ließ sich ein Eindringling von jenseits des Ereignishorizonts, also von jenseits der mit Lichtgeschwindigkeit Zukunft von Vergangenheit scheidenden Barriere auffinden – Invasoren aus dem Übermorgen oder Vorgestern gab es nur in blöden Science-Fiction-Stories.

Das Vergangene lebte – untrennbar von der Gegenwart – bis in alle Zukunft fort, aber nur und ausschließlich als fortwährende Verwandlung, und deren Urgrößen waren komplementär: Trägheit und Flüchtigkeit. Oder noch elementarer: Nichts und Etwas. Dieses Urpaar aus Null und Eins gebar die Zeit – und war von da an unauffindbar, weil es zugleich die Grenze des Universums markierte, die es mit allem, was in irgendeiner Form an Zeit gebunden war, unumkehrbar dem Ursprung entrückte. Die Grenze war und blieb die Lichtgeschwindigkeit. Keine Messung würde zum Ausgangspunkt gelangen, kein Denken ihn fassen, weil Denken ebenso an die Physis und ihre Zeit gebunden war wie jede andere Bewegung.

Der Symmetriebruch, also die vom Menschen erlebte, nur in eine Richtung laufende Zeit, war unheilbar, der Mensch lebte diesen Symmetriebruch fortwährend, trieb ihn durch alles hindurch, was er ersann, war selbst zugleich eine spezielle Form des Getrieben-Seins im universellen Gegeneinander, im Zusammenwirken von Träge und Flüchtig. Alle anderen Dimensionen – sowohl die im Alltäglichen vertrauten des Raums wie auch die imaginärer Räume der Mathematik – besaßen Symmetrien, aber selbst der Umgang mit noch so hoch dimensionierten Universen entließ den mathematisierenden, modellierenden Menschen nicht aus dem Eingebettet-Sein in die asymmetrische Zeit, aus dem Eingebettet-Sein in just seine physischen und sozialen Umfelder.

Die Zeit war nicht nur ein Gefängnis, die Zeit war der Stoff, aus dem recht eigentlich die Welt bestand, fand Anton, ihr gegenüber nahmen sich andere Fragestellungen von Physik und Philosophie übersichtlich aus.

Goethes Gretchen und Horbels Stasikind

GoetheGeorgOswaldMay1779

Goethe 1779 als junger Jurist in Diensten des Weimarischen Herzogs. Vier Jahre zuvor hatte er den “Urfaust” geschrieben – darin die Tragödie von Gretchen. Sie hatte ein historisches Vorbild

Susanna Margaretha Brandt, Waise eines Soldaten, Dienstmagd in Frankfurt, verliebte sich – einmal in ihrem aussichts- und trostlosen Leben – in einen, der viel versprach: in einen Goldschmiedegesellen aus Holland, einen der herumkam, nicht aus dem heimischen Stallmief stammte. Er war gleich wieder weg, sie war schwanger. Niemand konnte sie schützen, ihr helfen, das Kind kam am 1. August 1771 als Sturzgeburt in der Waschküche zur Welt, sie tötete es, floh ins noch Aussichtslosere, schaffte es nicht weiter als bis Mainz, kehrte nach Tagen aussichtslos zurück, wurde eingesperrt, verurteilt, auf dem Blutstuhl enthauptet: „Der Nachrichter führte die Maleficantin mit der Hand nach dem Stuhl, setzte sie darauf nieder, band sie in zweyen Ort am Stuhl fest, entblösete den Hals und Kopf, und unter beständigem zurufen der Herren Geistlichen wurde ihr durch einen Streich der Kopf glücklich abgesetzt.“

Dem jungen Goethe mit all seinen Liebeleien, dem sorglosen Galan, frischgebackenen Rechtsanwalt ging die Sache derart unter die Haut, dass er sie mit sich fortschleppte; Abschriften der Prozessakten fanden sich noch in seinem Nachlass. Freilich hinderte ihn das nicht, 1783 als Herzoglich-Weimarischer Minister das Todesurteil gegen eine andere Kindsmörderin gutzuheißen.

Horbel fragte sich, wie feige er selbst sich vor sechs Jahren aus dem Leben von Silvia, dem Stasikind, verabschiedet, wie sorglos er sie ihrem Schicksal überlassen hatte. Was wäre geschehen, wenn er sie damals geschwängert hätte? Hätte er sie zur Abtreibung genötigt wie sein Freund Matthias Montag die minderjährige Doris? Hätte er wie jener sie lebensgefährlich verletzt beim Versuch, selbst den Abort herbeizuführen?

Solche Fragen stellten sich eigentlich so wenig wie die nach dem Kranzgeld, denn Abtreibungen waren in der DDR seit Anfang der 70er Jahre während der ersten drei Schwangerschaftsmonate legal; in den Kliniken wurden unerwünschte Embryos am Fließband entsorgt. Auch das Stasikind hätte sich des Problems entledigen können, falls die Eltern gehörigen Druck aufbauten. War das der Grund, weshalb sie sich nie bei ihm gemeldet hatte?

Er musste sich nicht grämen wegen einer jungen Frau, die vermutlich längst verheiratet war, Kinder aufzog, keinen Gedanken mehr an ihn verschwendete. Aber aus dem Traum einer Liebe, unerfüllt, unaufgelöst, wucherten Phantome von abgeschnittenen Gefühlen, amputierten Leidenschaften, die sich im „Urfaust“ wiederfanden – und Horbel hätte gern etwas von der weiblichen Sicht auf solche Tragödien erfahren. Das hätte ihn von manchen Ängsten und Nöten erlöst.

Stattdessen schickte ihm die Hochschule für Schauspielkunst eine Studentin, der er noch weniger gewachsen war als dem ganzen Urfaust.

Zuchthaus als Freizeitpark

Um nach Gabi Fürbringer zu suchen, hat sich Gustav das schmale Büchlein einer Zeitzeugin über Hoheneck beschafft, das größte und schlimmste der Frauengefängnisse in der DDR.

Fast zeitgleich mit der Lektüre läuft im Fernsehen ein Spielfilm über das Zuchthaus. Eine junge Pianistin, die wegen eines Ausreiseantrags dort inhaftiert ist, wird von einem IM-Arzt unter Psychopharmaka gesetzt, sie soll den Antrag widerrufen, verliert unter Medikamenteneinfluss bei einem Arbeitsunfall zwei Finger, ihr Leben in der Musik ist amputiert. Den Arzt trifft sie zwei Jahrzehnte später als Klinikchef im Westen wieder.

Es ist Fiktion. Die Wirklichkeit von Hoheneck war schlimmer: Edeltraut Eckert, eine 25 Jahre alte Dichterin, zu 25 Jahren Haft verurteilt, weil sie Plakate „Für Freiheit und Demokratie“ angeklebt hatte, geriet während einer Nachtschicht mit den Haaren in eine Maschine, ihre gesamte Kopfhaut wurde abgerissen, medizinische Nothilfe erhielt sie viel zu spät, sie starb fünf Tage nach dem Unfall im Krankenhaus. Gustav hat ihre Gedichte gelesen, sie erschienen 50 Jahre nach ihrem Tod. Edeltraut Eckert wird in der Fernsehdokumentation über Hoheneck, ausgestrahlt nach dem Spielfilm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht erwähnt. Keiner ihrer Richter, Ermittler, Gefängniswärter wurde je zur Verantwortung gezogen.

„Gefängnis Schloss Hoheneck“ ist im Internet jahrelang als lohnende Investition gepriesen worden, als passendes Objekt für ein „Kultur- und Eventzentrum“ mit vielversprechendem Einzugsgebiet. Demonstrationen gab es in Deutschland nur gegen Bahnhöfe, Landebahnen und Atomkraftwerke.

Bis zur Vergasung

Chemische Formel des Giftgases Tabun

Dass die Armeen beider Seiten im Kalten Krieg nicht nur Gedankenspielchen mit der Hundertausend-Tote-Technik machten, war mir nicht neu. Da unterm “Raketenschirm” nicht nur der kleine Gustav, sondern jede Menge Kriegsgerät zu finden ist, entdecke ich dennoch bei Recherchen manch schauriges Detail. So auch in zwei Ausgaben des “Spiegel” aus dem Jahr 1978.

Ich habe hier diese Artikel – sie erschienen unter dem Titel “Giftwolken – dort wäre die Hölle los” – vom 12.6.1978 bzw. vom 19.6.1978 verlinkt.

Nach Lektüre wächst die Überzeugung, dass die vielen Massen-Vernichtungs-Pläne nur deshalb um Haaresbreite an uns und anderen Erdteilen vorbeigegangen sind, weil  der liebe Gott dem Menschen neben dem Erfindergeist auch einen unüberwindlichen Hang zur Schlamperei und manchen sogar den Mut mitgegeben hat, nicht einfach Plänen und Befehlen zu folgen.

Beängstigend bleibt, dass andere bereit sind, aus schierer Bequemlichkeit mitzumarschieren – bis zur Vergasung.

Neues vom Raketenschirm

Raketen für den Frieden

Raketen für den Frieden

Der Roman „Raketenschirm“ kommt voran. 1976 war ein spannendes Jahr: im September starb Mao Zedong.  Seither stieg das Land zur Weltmacht auf, die von der KP Chinas unerledigten Konflikte in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft gipfelten im Tian’anmen-Massaker 1989.  Ganz allmählich beginnen auch dem deutschen Otto Normalverbraucher (der ja eigentlich eine Erfindung der Statistik für die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ ist) die Chinesen etwas unheimlich zu werden. Was ist jetzt, fragt er sich, mit der Energie? VW fährt Riesengewinne ein (alle anderen Autokonzerne auch), weil Chinesen Hunderte Millionen Autos kaufen. Sogar elektrische. Der Strom dafür kommt aber aus Kernkraftwerken – aus immer mehr von den gefährlichen Dingern. Öl wird knapp, Gas wird knapp, die Kohle erschafft das reine Klimaelend, und in Deutschland sind wir aber sowas von vorbildlich mit AKW abschalten, Sonne anzapfen, Windräder bauen, Pflanzen (wir haben gelernt!) vergasen, Müll trennen, Rad fahren: da wird ’s langsam Zeit, den Schlitzaugen einen Ordnungsgong zu verpassen (Gong sollten sie verstehen)!

Ein erster Schritt: Wir schicken ihnen 100 000 in der Wolle gefärbte grüne Oberlehrer. Wenn das nicht reicht, setzen wir die Troika Trittin-Künast-Roth in Marsch. Per Raketenschirm.

Die spielen da nicht mit ? Die waren schon immer Raketengegner? I wo. Die waren nur gegen amerikanische Pershings. Die gute alte SS 20, von Leonid Breshnews Propagandatruppen als Friedensrakete etabliert, hat ihre politischen Ziele nie behindert. Nichtraucher und Vegetarier müssen sich sowieso durch in aller Welt verstreute Waffen aus russischer sowenig wie aus deutscher Produktion irritieren lassen. Vielleicht können die vom einstigen rotgrünen Tandem Schröderfischer fein gesponnenen russischen Connections die SS 20 als Druckmittel gegen Peking mobilisieren. Käme gut in den deutsche Medien – oder?

Die Welt – nach deutschem Vorbild erneuerbar! Die ganze! Mit ein paar von den Raketenhämmern wäre jeder Widerstand gegen saubere Volksenergie und saubere Luft in deutschen Kneipen endgültig zu brechen. Es lebe die Volksgesundheit! Nieder mit Rauchern und Freunden der Atomkraft! Antifa! AntiKKW! Wir schottern Castor, Pollux, morgen die ganze Welt!