Neonazis und andere Freunde der Meinungsfreiheit

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„Ich liebe doch alle Menschen“

Foto aus dem Bundesarchiv, Bild_183-R0522-177%2C_Erich_Mielke.jpg bei wikipedia

Was befreundete Autoren, die sich mit den Kollateralschäden des SED-Stasi-Sozialismus auseinandersetzen, schon seit Jahren erzählen, wovor ich mich hier in meinem schönen Baden-Baden weitgehend sicher fühlte, das erreicht mich nun über die „Social Networks“ – nicht unerwartet und unvorbereitet: die Attacken von mobbenden, spätberufenen Verteidigern der DäDäÄrr. Sie leben nicht in Schwedt an der Oder, Berlin-Lichtenberg oder Suhl in Thüringen, sondern seit ihrer Geburt im Westen, haben das bis heute merkliche Defizit an Konfliktkultur in der Bundesrepublik als persönliche Verfolgung, als Ungerechtigkeit, sich selbst als gedemütigte “Linke” in einer Welt des US-dominierten Kapitalismus, der integrierten Nazimitläufer empfunden: Helden höherer Moral in einer feindlichen Welt.
Nur wenige schafften es, durch einen Aufenthalt in Stuttgart-Stammheim die Brutalität zu beglaubigen, mit der “das System BRD” gegen seine Kritiker vorging. Die meisten wurden einfach Lehrer, Kleinkünstler oder Empfänger staatlicher Fürsorge. Es war nicht einfach, es nach Stammheim zu schaffen. Bautzen ging viel, viel leichter. Aber – mal ganz ehrlich: das hätten sie auch nicht ausgehalten, ohne hartgesottene Antikommunisten zu werden.

Noch nehme ich die mir von der guten alten Stasi vertraute Zuwendung  mit Humor. Die Posts solcher Leute sind von einer Schlichtheit, die sie mit Angestellten der SED-Kreisleitung Posemuckel auf gleiche Höhe bringt, was jeden 14jährigen Facebooknutzer zu Lachnummern inspiriert – aber der aggressive Furor ist unüberseh-, unüberhörbar. Wenn einer sich selbst nur einfach mal das Geschriebene vorliest, schwinden letzte Zweifel:

Kämen sie wieder zur Macht – sie liebten uns auf ihre Weise. Ohne Gnade.

Leben trifft Staatstheater

Die DDR nahm politisch und wirtschaftlich ein ruhmloses Ende. Kulturelle Kollateralschäden des totalitären Systems interessieren im Westen angesichts der Kosten der deutschen Einheit bis heute kaum jemanden. Theater, Verlage, Galerien, künstlerische Ausbildungsstätten wurden nach 1990 zu Orten, an denen SED- und Stasikader nur ausnahmsweise ihre Positionen verloren. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf das Mediengeschäft; selbst dort konnten sich – wie Dutzende Fälle bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten beweisen – Karrieristen und Mitläufer behaupten. Wenn junge Menschen es in den erhaltenen und verbissen verteidigten Strukturen unternahmen, den Geist des konservierten Realsozialismus in Frage zu stellen, stießen sie auf erbitterten Widerstand. Bis heute ist etwa die Rolle der “Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch” in Berlin und des angeschlossenen Regieinstituts nicht hinterfragt, die Schauspielstars und ihre Lehrer von gestern mögen keine unbequemen Analysen. Im “Raketenschirm” waren sie unvermeidlich: Der Autor hat die Konflikte seit Anfang der 70er Jahre erlebt.

Während sich Gustav bis zum Frühsommer 1977 durch ein theorielastiges Semester quälte, hoffte er, dass im anschließenden dritten Studienjahr ihn endlich eine praktische Arbeit dem Beruf des Regisseurs ein wenig näher bringen würde als Vorlesungen und Seminare in marxistisch-leninistischer Philosophie, Theaterwissenschaft, Dramaturgie. Gemeinsam mit einem Kommilitonen wollte er zwei Einakter von Saul Bellow einstudieren; die Texte hatte er beim Henschelverlag ausbaldowert. Mit den bis dahin auf deutschen Bühnen ungespielten Stücken des Literaturnobelpreisträgers hofften beide, besonders gute Schauspieler der Berliner Bühnen für ihr Vorhaben ködern zu können: „Das Mal“ und „Orangen-Sofflé“ elektrisierten Gustav, denn es ging darin um sexuelle Obsessionen.

Hauptfigur in „Das Mal“ war ein Physiker. Der hochdotierte Wissenschaftler steckte in einer Schaffenskrise, er wähnte, durch die Wiederbegegnung mit einer Jugendfreundin, durch eine erlösende erotische Erfahrung neue Kreativität zu erlangen. Seine Phantasie hatte sich während der Pubertät an einem Muttermal des Mädchens entzündet; mit wachsender Leidenschaft versucht er nun, der inzwischen vierzigjährigen Zahnarztgattin beim tête-à-tête in der Lobby eines etwas heruntergekommenen Hotels auf den Leib zu rücken. Die Matrone hat dem Treffen, gelangweilt von der Ehe, geschmeichelt vom Interesse des berühmten Mannes, zugestimmt, will sich aber auf die absonderliche Neigung für das Mal an ihrem Oberschenkel nicht einlassen. Erst als der Herr Professor sie unterm Siegel höchster Verschwiegenheit in geheime staatliche Vorhaben einweiht, deren Gelingen von der erotischen Initialzündung abhängt, wird sie kirre. Der folgende orgiastische Akt geht im Einsturz des Hotels infolge eines Hurrikans unter.

Gustav dachte bei der Lektüre natürlich an Anton Fürbringer, dessen Muse die unwiderstehliche, tellerdrehende Russischlehrerin Gabi aus dem Studentenheim in Biesdorf gewesen war. Antons physikalischen Forschungen führten den wahrhaft staatstragenden Leistungssport der DDR nur deshalb zu neuen Goldmedaillen, weil Gabi ihn, die zuvor kaum wahrnehmbare Laborratte, zum Superstar der Sportgeräteforschung wachgeküsst hatte.

Das Gespenst des Klassenfeindes

 

DDR-Fahne

Die Übermacht war gewaltig: nur etwa hundert gut ausgebildete Angehörige einer geheimen Armee, die sich gern selbst zu den besten der Welt rechnet, immer noch, obwohl sie samt dem Staatswesen, für dessen Sicherheit sie in Dienst genommen war, vor zwanzig Jahren unterging; diese kaum hundert Sicherheitsspezialisten, immerhin bewaffnet mit der besten halbautomatischen Schützenwaffe aller Zeiten, AK 47, dem „Awtamat Kalaschnikowa“, Schusskadenz 600 pro Minute, oder mindestens mit einer Dienstpistole, natürlich versehen
mit der zugehörigen Munition, bei Bedarf unterstützt durch Schützenpanzer; diese nicht einmal hundert Helden des sozialistischen Internationalismus also trafen auf den in allen Zeitungen der Partei, im Rundfunk, Staatsfernsehen und zahllosen Propagandaschriften beschriebenen Klassenfeind in seiner bedrohlichsten Form: als bewaffnetem Terrorismus.
Der Feind plante den Umsturz, er wollte ein Fanal setzen dafür durch die Ermordung eines führenden Genossen der Sozialistischen Einheitspartei. Strategie und Taktik waren in viele Jahre währenden Gesprächen vorbereitet, immer wieder hatten sich die Putschisten an scheinbar harmlosen Orten mit Namen wie „Stern“, „Krone“, „Luthergrund“, „Schüffler“ oder „Rommelsburg“ (spätestens dieser Name muss dem wachsamen Klassenkämpfer verdächtig erscheinen: „Rommels“ – des Nazigenerals – „Burg“!) verabredet, sich mit alkoholischen Getränken in konterrevolutionäre Stimmung versetzt und staatsfeindliche Hetze betrieben. Aus dem Dunkel der Thüringer Wälder heraus wollten sie zuschlagen, ihre Zahl war Besorgnis erregend, ihre Bewaffnung, wenn auch noch nicht im Detail bekannt, gab Anlass zu den schlimmsten Befürchtungen.
Die tapferen Kämpfer der Suhler Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit waren in Bedrängnis. Der Gegner, offensichtlich zum Äußersten entschlossen, hatte weithin verlauten lassen, man strebe, ausgehend vom grenznahen kleinsten und doch so ehrgeizigen Bezirk Suhl, nach Verhältnissen wie in der CSSR. Dort taumelte im Jahre 1968 das Brudervolk, von Konterrevolutionären verführt, von schwächlichen Revisionisten in der
Führung der Kommunistischen Partei im Stich gelassen, westlicher Dekadenz entgegen. Die personellen Stützpunkte des Feindes in Thüringen schreckten vor Reden über die Abschaffung des in der DDR bewährten Sozialismus unter der Führung der Partei der Arbeiterklasse mit ihrem Ersten Sekretär des Politbüros an der Spitze nicht zurück. Das bedeutete den Ernstfall, es bedeutete, dass alles, was den Tschekisten – so nannten sich die Kämpfer an der unsichtbaren Front gern im Respekt vor den sowjetischen Vorbildern – lieb und teuer war, was zu schützen sie mit einem Eid besiegelt hatten, auf dem Spiel stand. Es bedeutete, dass die Stunde der Bewährung gegen einen übermächtigen Feind gekommen war.
Wer in einer fast aussichtslosen Lage ist, muss mit seinen Mitteln haushalten. Vor allem muss er die Mittel des Gegners genauestens auskundschaften. Dies nun war der – womöglich einzige – Vorteil der Suhler Kämpfer gegenüber den hochgerüsteten Umstürzlern. Es war nämlich gelungen, die Ehefrau eines Mannes als Informantin zu gewinnen, der über die Bewaffnung der feindlichen Verbände bestens informiert war. Leider erwies er sich gegenüber seiner Gattin als nicht auskunftswillig. Erst mittels eines Tricks („Du Schlappschwanz prahlst doch nur mit deinem Schießprügel“) brachte sie ihn dazu, seinen illegalen Waffenbesitz zu offenbaren. Dies nun wiederum gab den Kundschaftern Instrumente in die Hand, den Schießprügelbesitzer unter Druck zu setzten und die Gefahr in ihrer vollen
Größe zu offenbaren. Niemand hätte gewagt vorherzusagen, welches Ausmaß die Bedrohung bereits hatte. Es stellte ich heraus, dass 35 Personen illegal Waffen besaßen.
Man muss leider sagen, dass im Sammelpunkt der feindlichen Konterbande, dem Dorf Steinbach im Kreis Bad Salzungen, der ideologische Rückhalt der Bevölkerung schlecht war. Sie war vom Westfernsehen unterwandert, in alten Denkweisen verhaftet; sogar ein Genosse der Volkspolizei wilderte und der Bürgermeister war korrupt, ein unsicherer Kantonist.
DIE GANZE GESCHICHTE ZUM HÖREN AUF SWR 2 „LEBEN“: http://goo.gl/o5bTB.

Ostsee. Viele Sommer

Zwangsläufig tauchen bei der Arbeit am “Raketenschirm” die Sommer an der Ostsee auf – eine der wenigen, heiß begehrten Möglichkeiten einer Urlaubsreise in der DDR. Zeltscheine waren nur über Beziehungen oder mit viel Glück erhältlich – wir bekamen manchmal trotzdem einen. Der Strand war Grenzgebiet. An der Nordwestspitze der Insel Rügen kontrollierten – wie fast überall an der Küste – Patrouillen nachts, ob sich nicht Fluchtwillige dort aufhielten.

 

Schwedt80a

Die weißen kalten Finger dieses Landes

Greifen ins Leere – nach dem Sehnsuchtsschiff

Der Sand schluckt Sonnenwärme weg bei jedem Tritt

Die See spült höhnisch Ferne an den Strand

Und spielt mit unsrer Nähe, die hinauswill

In alle Wellen und an alle Ufer.

Dann parodiert der Mond sein eigenes Gemälde

Und tut als sei die Welt ihm völlig neu

Die Bäume rauschen Andacht und die Vögel

Sind unbekümmert ihrem Namen treu.

Du machst den Sand zu deinem Logenbruder

Zehn Schritte trennen unseren Gedankengang

Ich wünschte mir, ich wär ein kleiner Fisch

Du wärst die Möwe, ich dein leichter Fang.

1981

Schreibe, um zu überleben – Déjà-vu!

Es war 1985. Mein Versuch, ein Off-Theater in Ostberlin, damals Hauptstadt der DäDäÄrr zu gründen, war von der Behörde verboten worden.

1981 Schwedt an der Oder
Schon beim Brecht- Programm spielte die Zensur mit

Spinner, Staatsfeind – frei auf eigene Rechnung

Im Tagebuch vom 29. Juli steht:

„Das Gefühl ABSOLUTER SCHUTZLOSIGKEIT als einziger Beleg (und Preis) für moralische Integrität – wie lange hält man das aus?
Entsetzlich: dieses Verwundern der Leute, dass man nicht konform geht, dass man nicht bereit ist, den Preis für Wohlstand und Erfolg zu zahlen. Sie achten – respektieren – nur den ERFOLGREICHEN Künstler, nicht den Künstler. Sie nehmen, was sie zur Selbstbestätigung brauchen und bemerken nicht den Selbstbetrug. (Wie sich unsere Gesellschaft in ihren Elitekünstlern selbst betrügt). Was für eine Verantwortung für die wirklich Großen: Widerstand über jede Koketterie hinaus!”

Das ist – Kernfragen von Uwe Tellkamps „Turm“, dem 2008 mit dem Deutschen Buchpreis bedachten Roman um 23 Jahre vorwegnehmend – ein Kommentar besonderer Art … Und dann fragt sich der nach Hinauswürfen und Verboten zur Untätigkeit Verurteilte, was bleibt:
„Das Wenige, das ich mir auferlege, ist meiner Angst geschuldet, …, die Konfrontation suchen, um nicht vereinnahmt zu werden, …, Leiden, um unempfindlich zu werden (wie unempfindlich bin ich schon?).“
Dann aber steht da mit roter Tinte:
„Verweigerung als die bequeme Möglichkeit, sein Teil Schuld nicht tragen zu müssen?“
Was für eine bizarre Frage angesichts der Tatsache, dass die an Brutalitäten und Rechtsbrüchen Schuldigen sich damals wie heute erfolgreich ihrer Verantwortung entziehen!

Vom Überleben

Immer wieder einmal werde ich gefragt, wie ich in den schlechten Jahren im Osten klarkam: Mit dem Wissen, nie mehr eine qualifizierte Arbeit tun zu dürfen, mit der Ungewissheit, ob es nicht statt in die Freiheit erstmal in den Knast gehen würde. Statt mit Schauspielern Theaterstücke zum Leben zu bringen jobbte ich als Kellner, meine Texte, von Hand niedergeschrieben, weil ich meine alte Reiseschreibmaschine verscherbeln musste, hatten keine Chance, je veröffentlicht zu werden.

Aber eben dieses hoffnungslose Schreiben nährte – wie auch die Lektüre z.B. von Saul Bellow, James Baldwin, García Marquez – die Hoffnung. Wie viele andere “Ausgereiste” machte ich im Westen die Erfahrung, dass meine Texte kaum jemanden interessierten. Wenige gut vernetzte, von den Medien pars pro toto in die erste Reihe gestellte Autoren des Ostens sind bis heute Feigenblätter überm Desinteresse an östlichen Konflikten und Biographien.

Mauerblick

An den – inzwischen ein Vierteljahrhundert alten – Texten merke ich manchmal, wie ungelöst Konflikte, wie intransigent Grundhaltungen in meiner Biographie sind. “Gehört in ’ne Klapsmühle, der Typ”, kommentiert nicht nur der Kollege vom MfS 1987.

Abgesang

Heute will ich wieder trinken

und ich will die Schwäche feiern

dankbar lauschen, wie der Wind

wie der Regen niederprügelt

auf die brüchigen Fassaden

die für uns die Zuflucht sind.

Heute will ich wieder lachen

über alle Mauerbauer

über alle Pläneschmiede

über alle Großverdiener

und Versicherungsexperten

und die Heere ihrer Sklaven

denen ich als Narr erscheine

und ich will ihr Alptraum sein.

Will als Mehltau ihrer Wünsche

ihre Hoffnung Lügen strafen

und aus ehernen Tabellen

zitternde Fraktale treiben:

Alle Mauern werden fallen

Wind und Wolken werden bleiben.

Der Sommer geht

 

Balkonherbst

 

Rainfarne blühn am Damm

Goldrute, Fingerhut und Glockenblume

Im Schatten wölbt sich duftend Schwamm an Schwamm

Müd unter Stoppeln liegt die Ackerkrume.

Korallen wachsen an den Ebereschen

Spinnweben wehen zwischen Tau und Tag

Der Sommer geht. Aufs Mähen folgt das Dreschen

Auf manches Streicheln folgt der erste Schlag.

Reif ist der Sommer. Dunkler sind die Farben

Des letzten Blühens zwischen spätem Grün

Wahrer die Träume, die noch nicht verdarben

Tiefer in kurzer Nacht empfangene Narben

Für Wünsche die wie Meteore glühn.

 

Das Gedicht stammt aus dem Jahr 1987. Seit fast zwei Jahren wartete ich zwischen Hoffen und Verzweifeln auf die Ausreise aus der DDR. Dass ich nicht unterging, verdanke ich außergewöhnlichen Frauen, guten Freunden, die zu mir hielten. Ohne die tiefen Bindungen an Landschaften, Literatur und Musik hätte ich nicht überlebt. Ich war nicht allein. Meine Texte sind jetzt, da sie erscheinen dürfen, ein großes Dankeschön dafür, dass ich mich nie im Stich gelassen fühlen musste.

Fernweh und Familiengeschichte

Karl Bornmüller

Marinedienst zu Kaisers Zeiten

Vor ziemlich genau 100 Jahren reiste mein Großvater Karl Bornmüller als Seemann um die Welt. Er war monatelang unterwegs, die Bedingungen an Bord des Dampfers “Rappenfels” waren hart.
Eine seiner Fahrten nach Südostasien verlief unvorhergesehen: der Erste Weltkrieg war ausgebrochen, ein britischer Kreuzer brachte das deutsche Handelsschiff im Indischen Ozean auf, der frischgebackene Schiffsingenieur verbrachte seinen 30sten Geburtstag und fünf folgende Jahre bis 1919 in einem Camp für Kriegsgefangene in der australischen Wüste.
Danach war es mit der Seefahrt vorbei. Nachkrieg, Inflation, Weltwirtschaftskrise verhinderten, dass er jemals wieder die heimische Kleinstadt Suhl verlassen konnte. Aber die Geschichten, die er erzählte, die seltsamen Souvenirs des Weltreisenden haben den Enkel später nicht ruhen lassen: er war dauerhaft von Reisen in den Fernen Osten nicht abzuhalten – nicht durch Mauern und Stacheldraht, nicht durch Drohungen mit Haft, nicht durch Berufsverbot und Isolierung bis an den Rand der Existenzfähigkeit.
Die eigensinnigen Kosmopoliten von gestern und heute sollen gelobt sein!

Von Menschen und Schneeflocken

Nebelleuchten

Eislicht am Merkurberg in Baden-Baden


Gedanken in Schneelandschaften – aus „Babels Berg“

Die Naturwissenschaftler der ruhmreichen Sowjetunion arbeiteten seit langem daran, das Wettergeschehen für die Planung verfügbar zu machen, aber sie hatten bisher ebenso wenig den passenden Regen für die Landwirtschaft wie die Sonne für die gewerkschaftseigenen Ferienorte beschafft. Wenn es ihnen gelänge, in frostiger Strömung aus Sibirien Eis und Schnee heranzuführen, wäre der Kalte Krieg gewonnen, die „Frontstadt Westberlin“ befriedet, der Schmerz, den dieser Pfahl im Fleisch des Arbeiter- und Bauern-Staates seinen Funktionären einbrannte, wäre gekühlt. Die westlichen Politiker würden dem geradeso gut tatenlos zusehen müssen wie dem Mauerbau. Sie würden Mitleid mit den frierenden Brüdern und Schwestern in der Ostzone haben; es war sicher kaum zu erwarten, dass das Eis sich genau an den Grenzverlauf hielte. Überhaupt existierte die planmäßige Wettergestaltung nur als Wunsch, Schneefeld geworden auf der Karte, und an diesem Tag begann es wieder einmal planlos auf alle Stadtteile zu schneien. … (wer mag, kann sich ab hier das Video anschauen…)

Gustav stellte fest, dass er viel zu leicht angezogen war. Er schlug den Kragen seiner Jacke hoch, trabte Richtung Staatsbibliothek.
Kurz vor der Kreuzung zu den „Linden“ fasste ihn ein Mann am Ärmel.
„Tschuldjung: Sie sinn doch aus’m Westen?“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Na, det sieht man doch, so wie Sie anjezoren sinn. Ick hätte da mal ne Bitte. Ick bin nämlich Nassrasierer, wissense, un hier im Osten kricht man einfach keene anständjen Klingen. Wennse mir nu mal ’n paar Westmark jeben könnten, denn könntick ma in’ Intershop’n paar Wilkinson koofen.“
Gustav war geschmeichelt, zuckte die Schultern und sagte:
„Tut mir leid, ich habe kein Kleingeld.“
„Na det macht doch nüscht, ick jeb Ihn’ zweehundat Ost für fuffzich dee-emm.“
„Nein nein“, stotterte Gustav, „das möchte ich nicht.“
„Wat? Det is doch’n prima Jeschäft? Für det Jeld könnse hier ins Interhotel essen jehn vons feinste! Oda biste janich aus’n Westen? He, du Arschloch, vasuch det nich noch mal, mir hier anzuscheißen!“
Den Rest der Hasstirade verschluckte der Schnee, immer dichtere Flocken sammelten sich auf Gustavs Schopf, rannen ihm tauend übers Gesicht. Jede dieser Flocken verlor dabei ihre einzigartige Gestalt. Kein Meteorologe oder Physiker würde je eine Vorhersage über all die Milliarden Gestalten geben können, die in jedem Augenblick neu entstanden und nach kurzem Flug vergingen. Es war ebenso unmöglich, aus den Tropfen Auskünfte über die Form der geschmolzenen Kristalle zu erhalten. Und doch war jeder einzelne Kristall ein unverwechselbarer, unentbehrlicher Teil des Universums, das mit ihm jeden Moment neu erschaffen wurde.

Interview am Startplatz

Interview in "Freies Wort" - zum Lesen anklicken

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Lilian Klement hat mich anlässlich der Buchpremiere von „Babels Berg“ auch zum dritten Teil der Trilogie befragt. Am 4.11. erschien das Gespräch in der Regionalen Zeitung; nebenbei erfuhr ich, dass drei Verkaufstage genügt hatten, „Babels Berg“ zum Bestseller im Oktober zu machen. Großes Dankeschön an meine Verleger Hans Jürgen und Bastian Salier und an die Buchhändler-Familie Waniek.