Die Naumburger Gioconda

Gustav blinzelte von seinem zerwühlten Nachtlager aus, zwischen Wedeln der aus einem Dattelkern selbst gezogenen Palme hindurch, zu den Ahnenporträts an der Wand. Sie waren über Jahrzehnte in einer Kiste auf dem Dachboden der Herrengasse 10 in Lauterberg verstaut gewesen, in den schwarzen Rahmen waren Holzwürmer unterwegs. Diese Bilder waren das einzige, was er aus seiner Kindheit  in sein Berliner Domizil hinübergerettet hatte.

Sonnenkalb Porträtiert waren die Urgroßeltern seiner Ururgroßmutter, sie hatten ziemlich genau 200 Jahre zuvor in Naumburg an der Saale gelebt, blickten ihn fast in jedem Winkel des Zimmers an: der Herr Apotheker Sonnenkalb mit Perücke, Kragenbinde in rotem Rock auf düsterem Grund und seine Frau, so undurchsichtig lächelnd wie die Gioconda. Sollte der unbekannte Naumburger Porträtmaler an das berühmte Vorbild gedacht haben, so ließen Nase und Kinn seines Modells, die allzu große Stirn, die wasserblauen Augen es zur Persiflage werden.

Dennoch nahm die recht eigentlich herbe Frau Gustav durch ihren undurchschaubaren Gesichtsausdruck für sich ein. Das Lächeln milderte ihre Strenge, gab aber nichts, nicht einmal mütterliche Züge preis.

Für einen Moment ahnte der verkaterte Regiestudent wieder etwas vom Geheimnis des Schauspiels: Man musste möglichst genau den Strömen seiner inneren Erzählung folgen, dabei hellwach in die Umgebung hineinspüren, auf sie spontan, intuitiv, mit einer gewissen Unschärfe reagieren, die aktuelle Wirklichkeit der Bühne in unvorhersehbare Möglichkeiten eines ungeschehenen Lebens verwandeln, wiederholbar und unwiederholbar zugleich. Er erinnerte sich an Tines Geschichte vom verlorenen Ball: vom Fluss davongetragen, hatte er in ihrer Kinderzeit einen Wirbel aus Trennungsschmerz hinterlassen. Sie konnte diesen Wirbel ansteuern, der Schwarm der Mitspieler auf der Bühne und im Zuschauerraum folgte ihr. Was den Schwarm an Tines Führung band: er wurde in eine Richtung mitgenommen, die ihm vertraut erschien. Emotionen wurden eingestimmt auf etwas, das folgen musste – etwas Komisches, etwas Tragisches. Die Erwartungen ließen sich erfüllen oder durch eine Überraschung brechen – soweit wurde das Handwerk des Theaters von vielen Schauspielern beherrscht, sogar von manchen Regisseuren. Tines Spiel aber eröffnete unvorhersehbare Blicke, gab Rätsel auf, ließ Geheimnisse ahnen, Unvorstellbares vorstellbar werden gegen die Erwartungen, es verstörte Gewohnheiten. Sie gehörte keinem Schwarm an, jeder aber würde ihr folgen.

Das „Theater des wissenschaftlichen Zeitalters“, wie es der Institutsdirektor gern propagierte, mit einem klaren, rational fassbaren Auftrag, erschien Gustav Horbel dagegen wie ein Aquarium ohne Wasser. Freilich: die Fische darin waren immer noch Fische – rein wissenschaftlich betrachtet. Aber er begann zu verstehen, dass sich Wissenschaft nur dann der Kunst verbinden konnte, wenn sie sich mit der verzweifelten Kraft, mit der unbezwingbaren Sensibilität der Kreatur wappnete, die Hand vom Geländer frei bekam, sich von der Wand im Rücken abstieß, ins furchterregende Elixier des Lebens stürzte, eintauchte ins Reich der Angst, des Todes und der Liebe. Es war das Wagnis, alles zu verlieren, um sich in der Welt zu finden.

Leben trifft Staatstheater

Die DDR nahm politisch und wirtschaftlich ein ruhmloses Ende. Kulturelle Kollateralschäden des totalitären Systems interessieren im Westen angesichts der Kosten der deutschen Einheit bis heute kaum jemanden. Theater, Verlage, Galerien, künstlerische Ausbildungsstätten wurden nach 1990 zu Orten, an denen SED- und Stasikader nur ausnahmsweise ihre Positionen verloren. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf das Mediengeschäft; selbst dort konnten sich – wie Dutzende Fälle bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten beweisen – Karrieristen und Mitläufer behaupten. Wenn junge Menschen es in den erhaltenen und verbissen verteidigten Strukturen unternahmen, den Geist des konservierten Realsozialismus in Frage zu stellen, stießen sie auf erbitterten Widerstand. Bis heute ist etwa die Rolle der “Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch” in Berlin und des angeschlossenen Regieinstituts nicht hinterfragt, die Schauspielstars und ihre Lehrer von gestern mögen keine unbequemen Analysen. Im “Raketenschirm” waren sie unvermeidlich: Der Autor hat die Konflikte seit Anfang der 70er Jahre erlebt.

Während sich Gustav bis zum Frühsommer 1977 durch ein theorielastiges Semester quälte, hoffte er, dass im anschließenden dritten Studienjahr ihn endlich eine praktische Arbeit dem Beruf des Regisseurs ein wenig näher bringen würde als Vorlesungen und Seminare in marxistisch-leninistischer Philosophie, Theaterwissenschaft, Dramaturgie. Gemeinsam mit einem Kommilitonen wollte er zwei Einakter von Saul Bellow einstudieren; die Texte hatte er beim Henschelverlag ausbaldowert. Mit den bis dahin auf deutschen Bühnen ungespielten Stücken des Literaturnobelpreisträgers hofften beide, besonders gute Schauspieler der Berliner Bühnen für ihr Vorhaben ködern zu können: „Das Mal“ und „Orangen-Sofflé“ elektrisierten Gustav, denn es ging darin um sexuelle Obsessionen.

Hauptfigur in „Das Mal“ war ein Physiker. Der hochdotierte Wissenschaftler steckte in einer Schaffenskrise, er wähnte, durch die Wiederbegegnung mit einer Jugendfreundin, durch eine erlösende erotische Erfahrung neue Kreativität zu erlangen. Seine Phantasie hatte sich während der Pubertät an einem Muttermal des Mädchens entzündet; mit wachsender Leidenschaft versucht er nun, der inzwischen vierzigjährigen Zahnarztgattin beim tête-à-tête in der Lobby eines etwas heruntergekommenen Hotels auf den Leib zu rücken. Die Matrone hat dem Treffen, gelangweilt von der Ehe, geschmeichelt vom Interesse des berühmten Mannes, zugestimmt, will sich aber auf die absonderliche Neigung für das Mal an ihrem Oberschenkel nicht einlassen. Erst als der Herr Professor sie unterm Siegel höchster Verschwiegenheit in geheime staatliche Vorhaben einweiht, deren Gelingen von der erotischen Initialzündung abhängt, wird sie kirre. Der folgende orgiastische Akt geht im Einsturz des Hotels infolge eines Hurrikans unter.

Gustav dachte bei der Lektüre natürlich an Anton Fürbringer, dessen Muse die unwiderstehliche, tellerdrehende Russischlehrerin Gabi aus dem Studentenheim in Biesdorf gewesen war. Antons physikalischen Forschungen führten den wahrhaft staatstragenden Leistungssport der DDR nur deshalb zu neuen Goldmedaillen, weil Gabi ihn, die zuvor kaum wahrnehmbare Laborratte, zum Superstar der Sportgeräteforschung wachgeküsst hatte.