Lilian Klement hat mich anlässlich der Buchpremiere von „Babels Berg“ auch zum dritten Teil der Trilogie befragt. Am 4.11. erschien das Gespräch in der Regionalen Zeitung; nebenbei erfuhr ich, dass drei Verkaufstage genügt hatten, „Babels Berg“ zum Bestseller im Oktober zu machen. Großes Dankeschön an meine Verleger Hans Jürgen und Bastian Salier und an die Buchhändler-Familie Waniek.
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Dichtung und Wahrheit
Wenn es mit dem Geldverdienen wieder einmal gar nicht klappt, einem obendrein liebe Kolleginnen und Kollegen in den Ohren liegen, man möge ihnen doch Tipps geben, wie sie mit welchen Beiträgen bei welchem Sender, Verlag, …. (beliebig zu ergänzen durch andere Auftraggeber) landen und somit oder durch Inanspruchnahme öffentlicher Fördergelder instand gesetzt würden, ihre Rechnungen zu bezahlen, dann, ja dann ist es wieder einmal Zeit, sich in eine ruhige Ecke zu setzen mit einem Glas Rotwein, einer Zigarre oder einer Pfeife voll guten Rauchtabaks und etwas zu dichten.
Etwas, das niemandem gefallen muss, außer einem selbst, etwas das keinerlei Applaus noch sonst irgendeinen kurzfristige Nutzen verspricht, sondern einfach nur der Freude am Gelingenden dient. Natürlich ist diese Freude, diese kurzfristige Abwendung von Leistungsmessungen aus dem “Markt”, diese Hinwendung zu sich selbst auch von Nutzen, vermutlich sogar von ziemlich nachhaltigem. Sie erhöht die Lebenserwartung. Messbar ist das nicht, die Messung aber schon deshalb unsinnig, weil eine Lebenserwartung rein quantitativer Art, beziffert nach Lebensjahren, -wochen, –tagen, –stunden, –minuten, –sekunden ja zurück in die Falle der Leistungs- und Quotenwelt führte, geradewegs zur Zwangsvorstellung vom Pharmavertreter, der mit der Stoppuhr neben dem Sterbelager wacht.
Es ist Erwartung an Leben selbst – nur und ausschließlich am Wohlgefühl messbar, in der Welt zu sein, just mit den Erfahrungen und den Ausdrucksformen, die einem zu eigen sind.
Das ist der Nutzen des Dichters – oder?
Seltsame Texte
Es war 1985. Mein Versuch, ein Off-Theater in Ostberlin, damals Hauptstadt der DäDäÄrr zu gründen, war von der Behörde verboten worden.
Im Tagebuch vom 29. Juli steht:
„Das Gefühl ABSOLUTER SCHUTZLOSIGKEIT als einziger Beleg (und Preis) für moralische Integrität – wie lange hält man das aus?
Entsetzlich: dieses Verwundern der Leute, dass man nicht konform geht, dass man nicht bereit ist, den Preis für Wohlstand und Erfolg zu zahlen. Sie achten – respektieren – nur den ERFOLGREICHEN Künstler, nicht den Künstler. Sie nehmen, was sie zur Selbstbestätigung brauchen und bemerken nicht den Selbstbetrug. (Wie sich unsere Gesellschaft in ihren Elitekünstlern selbst betrügt). Was für eine Verantwortung für die wirklich Großen: Widerstand über jede Koketterie hinaus!
Das ist – Kernfragen des Buches vorwegnehmend – ein Kommentar besonderer Art zu Tellkamps „Turm“. Und dann fragt sich der nach Hinauswürfen und Verboten zur Untätigkeit Verurteilte, was bleibt:
„Das Wenige, das ich mir auferlege, ist meiner Angst geschuldet, …, die Konfrontation suchen, um nicht vereinnahmt zu werden, …, Leiden, um unempfindlich zu werden (wie unempfindlich bin ich schon?).“
Aber dann steht da mit roter Tinte:
„Verweigerung als die bequeme Möglichkeit, sein Teil Schuld nicht tragen zu müssen?“
Was für eine bizarre Frage angesichts der Tatsache, dass die an Brutalitäten und Rechtsbrüchen Schuldigen sich damals wie heute erfolgreich ihrer Verantwortung entziehen!
Ein Moment des Gedenkens
Ostberlin 1985 – schon vergessen?

U-Bahn von Pankow nach Alex, unten das WC
Wo sich – von Stasispitzeln umsorgt – die „Literaturszene“ des Prenzlauer Bergs sammelte, auch die Szene der Homosexuellen und DDR-Lesben, auf deren Homepage sich das Foto findet, war es schräg, aber nicht lustig, heiter nur ausnahmsweise, Sarkasmus half. So entstand – ohne Aussicht, je veröffentlicht zu werden – folgendes Feuilleton:
WC
Das Café liegt an der Schönhauser, ungefähr auf halber Strecke zwischen Buchholzer und Stargarder Straße. Bei Stammkunden heißt es „WC“ und das kommt der Wirklichkeit näher als „Wiener Café“ , denn es riecht hier nach Trieb und Hoffnungslosigkeit, es ist ein Ab- Ort, ein Ort von Abseitigen und Abseitigem, eine ungeliebte aber unvermeidliche Stelle: man hat längst keine Lust, dort hinzugehen, aber es bleibt einem gelegentlich nichts anderes übrig. Fast jeder, der hierher kommt, muss etwas loswerden, mancher gar in exhibitionistischer Pose; Abprodukte geistigen und psychischen Stoffwechsels werden entladen, „Frust“ heißt das und wird weg- und hinuntergespült und gärt und reagiert weiter im Zusammenströmen, bildet kurzlebige Verbindungen, schillernd, quellend, Blasen platzen. Je nach Tageszeit fließen Rinnsale oder Ströme von Kunden zu, verlaufen sich im Unterirdischen der Großstadt, wenn um Mitternacht Schluss geboten wird.
Eine Fotoreproduktion eines Merian- Stiches vom alten Wien bedeckt eine Wand; den Schmutzablagerungen nach ist sie zur Entstehungszeit des Originals angeklebt worden.
Das Mobiliar ist von vollendeter DDR-Tristesse, der Kaffee verdient seinen Namen so wenig wie das ganze Lokal, das Bedienungspersonal hat Wienerisches nur, wenn es raunzt oder grantelt: preußischer Charme und Wiener Ordnungsliebe.
Kein Pianist bedient den alten Flügel unterm geräucherten Fotopanorama, kein Stehgeiger fiedelt sich durch. Wenn jemand – geübt oder ungeübt – in die Tasten greift, wird ihm das vom Personal ebenso harsch verwiesen, wie das Umstellen von Stühlen. Mineralwasser wird aus Geschäftsinteresse nicht serviert, ebenso wenig Schoppen preiswerter Weine. Der Laden ist immer aufs Ekelhafteste verqualmt, im Sommer stickig, im Winter zugig, weil doch ab und zu einer ein Fenster öffnen muss , damit er es bis zum Feierabend aushält, kurz: der Ort ist elend, trist und ungemütlich, das Angebot erbärmlich, der Name ein schlechter Witz – aber es ist fast immer brechend voll.
Weshalb kommen die Leute hierher?
Wegen der Leute. Die bunten Frauen wegen der verkannten Genies, die verkannten Genies wegen der bunten Frauen oder die bunten Frauen wegen der bunten Frauen – aber niemals die Genies wegen der Genies.Es gibt da einen vom Alkohol furchtbar zugerichteten Architekten, er war ganz oben, als die Stalinallee die neue Ära sozialistischer Baukunst markieren sollte; jetzt unterhält er, sich von Tisch zu Tisch hangelnd, mit alkoholischen Wirrsalen Punks und schwarzes Leder, Mädchen in uralten Fräcken oder Bratenröcken, Tätowierte oder haarkünstlerischen Exzessen verfallene Paradiesvögel, trübe Weltverbesserer, smarte Schwule, Dichter so dünnhäutig wie unbekannt, und wenn der Eichstrich erreicht ist, finden sich aus ihren Reihen, die den in Hockstellung verklumpten Schnapsleichnam nach Hause tragen.
Vor dem Tiefstgesunkenen schweigt der Konkurrenzneid: dieser ist konkurrenzlos erledigt, ein aggressiv aber wirkungslos schwafelndes Plüschtier, von niemandem mehr verachtet. Denn trotz des scheinbar duldsamen Nebeneinanders so vieler unterschiedlicher Typen, Charaktere und nur ihrem Äußeren nach zusammengehöriger Gruppen gibt es hier viel gegenseitige Geringschätzung. Führt auch der warme „WC“-Mief die Außenseiter und im Realsoz zu kurz gekommenen zusammen: schnell, wie ein Lidreflex von außen schützend, fällt Eisig-Feindliches innen vors Auge, wenn ein herzlich unwillkommener Bekannter erkannt und abgetan wird.
0 deutsche Sehnsucht nach Erlösung in Konformität, konform noch in den Formen des Nonkonformismus.
Dazwischen ein verirrter Bürger mit Bügelfalten.
„Was will’n der hier ???“
„Stasi“.
„Quatsch, schwul.“
„Stasi und schwul!“
Irgendwann kommt der Tag, wo die Tür krachend aufschlägt. Dann schwebt die Schneekönigin in weißem Tüll herein, einen Zylinder aus frostsprühenden Kristallen im himmelblauen Haar. Eisiger Hebel ist um sie herum, ihre Schritte knirschen Rauhreif ins abgelatschte Linoleum, winzige Füßchen in gläsernen Sandaletten, ihre Augen: schmelzendes Eis in einem See 7000 m überm Meer, Brillantsplitter auf den Wimpern, ihre Brauen die Grate des Eisgebirges, auf der Stirn schlummert ein Wintergewitter. Ihr Mund schwillt hellrot vom Herzblut der Opfer mitten in der arktischen Landschaft. Der Bürger sitzt unterm Tisch und spürt das Stahlrohr des Möbels magnetisch werden vor Kälte: wir nähern uns unaufhaltsam Minus 275,15°C, sein Herz ein Klumpen Trockeneis. Räuspert sich wer? Redet der vom hellen Gesicht Geblendete Verlegenes, während die spöttischen Blicke der Insider auf ihn niederklirren? Schmutzige Schneebälle fliegen ihm ins Gesicht, aber da sitzt er schon wieder, Rücken gerade und der Supermann (Apoll?), Meister aller Klassen der Männerwelt brennt der kühlen Märchenfee an seiner Statt, stellvertretend, repräsentativ, Löcher ins Glatte: zwei in die Basis, sieben in den Überbau, das historisch-materialistisch geschulte Denken bringt ihn ins Gleichgewicht, er ist gerächt. Die anderen haben den Actus – so oder so ähnlich – längst voll-
bracht, aber nun ist er unter ihnen nicht länger verloren: Männersolidarität.
Und doch – Eisprinz sein, sei es für kurz, hieße alle unter den Füßen lassen, die Sonne sehen von der Höhe ewigen Eises, baden im mörderischen Licht, die Schwärze des Kosmos ganz nahe, überm hauchdünnen Blau…
Die Königin ist längst vorüber, und hämischer Atem flickt flirrenden Flocken am Zeug, bis sie zu lauen grauen Tränen zerrinnen.
Das. „WC“ ist geschlossen. Es wird rekonstruiert, die schmuddelige Gemütlichkeit von nobler, neureicher Langeweile vertrieben. Die Legende sagt, dass das Verhältnis zwischen Gästen und Personal in den letzten Tagen voll wehmütiger Freundlichkeit gewesen sei, und am letzten Abend haben alle auf Treppen und Fußboden gesessen und zur Musik vom alten Flügel gesungen und getanzt. Vielleicht öffnet dieses Jahr das „Wiener Cafe“, aber wir werden uns dort nicht wiedersehen.
Lebewohl
Die Sonne seh ich wandern durch mein Zimmer
Gesichte, Düfte, Laute lass ich ein
Ins träge, wolkenhafte Einsamsein.
So wünsch ich mir die Sommertage immer.
Im Schatten krummgewachsener Fachwerkgassen
Den Blättern lauschend unterm Lindenbaum
Schmeck ich den kühlen Quell im Fiebertraum
Kann deine weich und rauhe Hand erfassen.
Die Rosenblüten sagen: es ist Zeit
Und Gräser nicken uns ihr Lebewohl.
Was niemals blüht, ist keinem Tod geweiht
In jedem Augenblick ist Ewigkeit
Das Flüchtigste ist unser Ruhepol.
Windsbraut
Das Gedichtchen stammt aus meiner Studienzeit – Anfang der 70er Jahre in Berlin, als ich sehr verliebt war und verwirrt. Einiges davon findet sich in „Babels Berg“
Ein Apfelsinenmond lugt zwischen Ästen
Mit Frühlingsahnung kokettiert der Wind
Spielt mit dem S-Bahn-Rattern aus dem Westen
Er wirft mit Staub und macht uns beide blind.
Das schadet nichts, wer küsst braucht nichts zu sehen
Und zaust er unsre Haare noch so sehr:
Nur Wetterhähne lassen leicht sich drehen
Ein Liebespaar verträgt schon etwas mehr.
Der neue kommt …

Im Herbst kommt die Fortsetzung – deshalb erlaube ich mir, noch einmal auf den Roman “Blick vom Turm” hinzuweisen, der 2008 im Salier Verlag Leipzig erschienen ist.
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Der Roman kam nicht von Ungefähr zwanzig Jahre nach der Endzeit der DDR, im selben Jahr wie Tellkamps “Turm” – er spielt in Tellkamps Geburtsjahr 1968 und sein Held Gustav Horbel ist – wie Tellkamps Hauptfigur – ein Abiturient. Es sind Generationenabstände. Die Familiengeschichten allerdings reichen sehr viel weiter zurück: bis in die 30er Jahre des 19.Jahrhunderts in einer Kleinstadt in Thüringen.
Auf den ersten Blick ist das ein Ort, für den sich niemand interessieren muss – tiefste Provinz. Gustav Horbel aber erlebt, wie diese kleine Welt mit der Kulturrevolution in China zusammenhängt, mit der ersten Liebe seiner Ur-Urgroßmutter und dem Untergang der Selbständigen in der DDR. Aus Gustavs Heimat kommen nicht nur entscheidende Ideen für eine Waffe, die bis heute mehr Menschen umgebracht hat, als alle Atombomben – die “Kalaschnikow”-, sondern dort wachsen 1968 Filmstars heran, Wissenschaftler, Weltreisende, aber auch kleine Leute, die zwanzig Jahre danach über sich selbst hinauswachsen, die ein vermeintlich unerschütterliches, perfekt gesichertes politisches System zum Einsturz bringen werden.
Der Turm, von dem das Buch erzählt, ist nur noch Ruine. Die Ideen, Erlebnisse, Erfahrungen der Menschen um ihn herum – sie leuchten.
Im Herbst 2010 wird bei Salier “Babels Berg” verlegt; der Roman schließt mit dem Jahr 1969 an.
Alles ist möglich: Menschen landen auf dem Mond, zwischen West- und Ostberlin kann man wieder telefonieren, ein Diskus fliegt kilometerweit, ein Deutscher bekommt den Friedensnobelpreis, in Gustavs Thüringer Heimatstadt gibt es das europaweit beste Japan-Restaurant: Anfang der 70er Jahre sprechen viele Zeichen für Aufbruch, Fortschritt – und unbegrenztes Vergnügen bei erotischen Abenteuern jenseits der Familienplanung.
Gustav Horbel ist in der Hauptstadt Berlin gelandet, um Physik zu studieren, denn er ist sehr neugierig darauf, was die Welt im Innersten zusammenhält. In Berlins Straßen, in Bars und Theatern, im Thüringer Wald und in den Reichsbahnzügen dazwischen lernt er dann viel mehr darüber als in Labors und Hörsälen. Während er mit Prüfungen an der Universität wenig Scherereien hat, macht er in den Prüfungen des Lebens keine besonders gute Figur, er will einfach zu hoch hinaus. Ob das am Geist dieser 70er Jahre liegt, in denen alles möglich scheint?
Zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit stolpert Gustav durch eine bewegte Zeit. Gott sei Dank nimmt ihn immer wieder jemand bei der Hand, manchmal ein berühmter Mann, manchmal die schönste Frau der Welt.
Frühling reist

Mozarts Auftritt im Kalender
Die Räder rollen durchs glückliche Land
der rostenden Wünsche, es schnattert das Jungvolk
Eingeflimmert aufs Mittelmaß,
duftend nach Fritten und Plastikfraß.
Gesichter voll Eisen, Chemie in den Haaren
Sehn sie nicht wo, verstehn nicht, wohin sie fahren.
Draußen geschieht das verlässliche Wunder
Das sich doch niemals planen lässt
Aus Landschaften werden Züge des Glücks
Triumphprozessionen verliebter Vögel.
Textilgeschäfte verhökern den Rest
Nächstens geht die Weltwirtschaft unter.
Altersrenditen verfallen im Takt
Der murmelnden Kugeln in den Rouletts
Der schwingenden Kurse auf den Parketts
Alle Tresore werden geknackt.
Derweil erblühn die unsterblichen Formen
Aus sterblichstem Stoff in den Farben der Träume.
Ich zähle die Tage als letzte Momente
Dass vom fliegenden Blau ich nur nichts versäume.
Keine Blüte sei ungeküsst
vom Blick, der auf Unendlich gerichtet ist.
Wie die Stasi im Westen agierte

Am 25.März gab es in „blog.Literaturwelt“ einen Artikel zu Susanne Schädlichs „Immer wieder Dezember“. Die Rezension dazu (gestern in der SWR 2 „Buchkritik“ ausgestrahlt) gibt es jetzt auch zum Anhören und Download.
In SWR 2 „Leben“ war am 8.9.auch ein Gespräch mit susanne Schädlich zu hören.





