Goethes Gretchen und Horbels Stasikind

GoetheGeorgOswaldMay1779

Goethe 1779 als junger Jurist in Diensten des Weimarischen Herzogs. Vier Jahre zuvor hatte er den “Urfaust” geschrieben – darin die Tragödie von Gretchen. Sie hatte ein historisches Vorbild

Susanna Margaretha Brandt, Waise eines Soldaten, Dienstmagd in Frankfurt, verliebte sich – einmal in ihrem aussichts- und trostlosen Leben – in einen, der viel versprach: in einen Goldschmiedegesellen aus Holland, einen der herumkam, nicht aus dem heimischen Stallmief stammte. Er war gleich wieder weg, sie war schwanger. Niemand konnte sie schützen, ihr helfen, das Kind kam am 1. August 1771 als Sturzgeburt in der Waschküche zur Welt, sie tötete es, floh ins noch Aussichtslosere, schaffte es nicht weiter als bis Mainz, kehrte nach Tagen aussichtslos zurück, wurde eingesperrt, verurteilt, auf dem Blutstuhl enthauptet: „Der Nachrichter führte die Maleficantin mit der Hand nach dem Stuhl, setzte sie darauf nieder, band sie in zweyen Ort am Stuhl fest, entblösete den Hals und Kopf, und unter beständigem zurufen der Herren Geistlichen wurde ihr durch einen Streich der Kopf glücklich abgesetzt.“

Dem jungen Goethe mit all seinen Liebeleien, dem sorglosen Galan, frischgebackenen Rechtsanwalt ging die Sache derart unter die Haut, dass er sie mit sich fortschleppte; Abschriften der Prozessakten fanden sich noch in seinem Nachlass. Freilich hinderte ihn das nicht, 1783 als Herzoglich-Weimarischer Minister das Todesurteil gegen eine andere Kindsmörderin gutzuheißen.

Horbel fragte sich, wie feige er selbst sich vor sechs Jahren aus dem Leben von Silvia, dem Stasikind, verabschiedet, wie sorglos er sie ihrem Schicksal überlassen hatte. Was wäre geschehen, wenn er sie damals geschwängert hätte? Hätte er sie zur Abtreibung genötigt wie sein Freund Matthias Montag die minderjährige Doris? Hätte er wie jener sie lebensgefährlich verletzt beim Versuch, selbst den Abort herbeizuführen?

Solche Fragen stellten sich eigentlich so wenig wie die nach dem Kranzgeld, denn Abtreibungen waren in der DDR seit Anfang der 70er Jahre während der ersten drei Schwangerschaftsmonate legal; in den Kliniken wurden unerwünschte Embryos am Fließband entsorgt. Auch das Stasikind hätte sich des Problems entledigen können, falls die Eltern gehörigen Druck aufbauten. War das der Grund, weshalb sie sich nie bei ihm gemeldet hatte?

Er musste sich nicht grämen wegen einer jungen Frau, die vermutlich längst verheiratet war, Kinder aufzog, keinen Gedanken mehr an ihn verschwendete. Aber aus dem Traum einer Liebe, unerfüllt, unaufgelöst, wucherten Phantome von abgeschnittenen Gefühlen, amputierten Leidenschaften, die sich im „Urfaust“ wiederfanden – und Horbel hätte gern etwas von der weiblichen Sicht auf solche Tragödien erfahren. Das hätte ihn von manchen Ängsten und Nöten erlöst.

Stattdessen schickte ihm die Hochschule für Schauspielkunst eine Studentin, der er noch weniger gewachsen war als dem ganzen Urfaust.

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