Die Naumburger Gioconda

Gustav blinzelte von seinem zerwühlten Nachtlager aus, zwischen Wedeln der aus einem Dattelkern selbst gezogenen Palme hindurch, zu den Ahnenporträts an der Wand. Sie waren über Jahrzehnte in einer Kiste auf dem Dachboden der Herrengasse 10 in Lauterberg verstaut gewesen, in den schwarzen Rahmen waren Holzwürmer unterwegs. Diese Bilder waren das einzige, was er aus seiner Kindheit  in sein Berliner Domizil hinübergerettet hatte.

Sonnenkalb Porträtiert waren die Urgroßeltern seiner Ururgroßmutter, sie hatten ziemlich genau 200 Jahre zuvor in Naumburg an der Saale gelebt, blickten ihn fast in jedem Winkel des Zimmers an: der Herr Apotheker Sonnenkalb mit Perücke, Kragenbinde in rotem Rock auf düsterem Grund und seine Frau, so undurchsichtig lächelnd wie die Gioconda. Sollte der unbekannte Naumburger Porträtmaler an das berühmte Vorbild gedacht haben, so ließen Nase und Kinn seines Modells, die allzu große Stirn, die wasserblauen Augen es zur Persiflage werden.

Dennoch nahm die recht eigentlich herbe Frau Gustav durch ihren undurchschaubaren Gesichtsausdruck für sich ein. Das Lächeln milderte ihre Strenge, gab aber nichts, nicht einmal mütterliche Züge preis.

Für einen Moment ahnte der verkaterte Regiestudent wieder etwas vom Geheimnis des Schauspiels: Man musste möglichst genau den Strömen seiner inneren Erzählung folgen, dabei hellwach in die Umgebung hineinspüren, auf sie spontan, intuitiv, mit einer gewissen Unschärfe reagieren, die aktuelle Wirklichkeit der Bühne in unvorhersehbare Möglichkeiten eines ungeschehenen Lebens verwandeln, wiederholbar und unwiederholbar zugleich. Er erinnerte sich an Tines Geschichte vom verlorenen Ball: vom Fluss davongetragen, hatte er in ihrer Kinderzeit einen Wirbel aus Trennungsschmerz hinterlassen. Sie konnte diesen Wirbel ansteuern, der Schwarm der Mitspieler auf der Bühne und im Zuschauerraum folgte ihr. Was den Schwarm an Tines Führung band: er wurde in eine Richtung mitgenommen, die ihm vertraut erschien. Emotionen wurden eingestimmt auf etwas, das folgen musste – etwas Komisches, etwas Tragisches. Die Erwartungen ließen sich erfüllen oder durch eine Überraschung brechen – soweit wurde das Handwerk des Theaters von vielen Schauspielern beherrscht, sogar von manchen Regisseuren. Tines Spiel aber eröffnete unvorhersehbare Blicke, gab Rätsel auf, ließ Geheimnisse ahnen, Unvorstellbares vorstellbar werden gegen die Erwartungen, es verstörte Gewohnheiten. Sie gehörte keinem Schwarm an, jeder aber würde ihr folgen.

Das „Theater des wissenschaftlichen Zeitalters“, wie es der Institutsdirektor gern propagierte, mit einem klaren, rational fassbaren Auftrag, erschien Gustav Horbel dagegen wie ein Aquarium ohne Wasser. Freilich: die Fische darin waren immer noch Fische – rein wissenschaftlich betrachtet. Aber er begann zu verstehen, dass sich Wissenschaft nur dann der Kunst verbinden konnte, wenn sie sich mit der verzweifelten Kraft, mit der unbezwingbaren Sensibilität der Kreatur wappnete, die Hand vom Geländer frei bekam, sich von der Wand im Rücken abstieß, ins furchterregende Elixier des Lebens stürzte, eintauchte ins Reich der Angst, des Todes und der Liebe. Es war das Wagnis, alles zu verlieren, um sich in der Welt zu finden.

Ikarus mit Bleigürtel

Die Galerie Queen Anne in der Leipziger Spinnerei lädt zusammen mit dem Salier Verlag zur Lesung am 26.1. ein – aus allen Teilen des Romanzyklus werden Texte vorgestellt. Hier eine Probe aus “Babels Berg” im Video:

Ein Berliner Währungsspekulant

“40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte im Roman oder Wie Stasiakten und andere Beschwernisse meiner Literaturproduktion voran halfen” – so habe ich die Veranstaltung untertitelt.
Ob meine Romantrilogie zustande gekommen wäre, hätte ich mich nicht der Aufmerksamkeit aller möglicher „Sicherheitsorgane“ in der DDR erfreut, bleibt Spekulation; dass von der Kindheit an erfahrene Rand- und Querständigkeit der Phantasie auf die Sprünge half, ist unbestreitbar, und dass Verletzungen früh erlebter Konflikte ausheilen konnten, verdanke ich ohne Zweifel der Literatur.
Fliegen lernen, wozu Wünsche und Träume seit Jahrhunderten – womöglich seit Erschaffung der Welt – die Lebenden, die Liebenden und die literarisch Vorwegstürmenden treiben: beim Schreiben konnte ich’s.
Darum handeln der „Blick vom Turm“, „Babels Berg“ und der „Raketenschirm“ von Flugversuchen, Bauchlandungen, der unentbehrlichen Hilfe vieler Menschen bei neuen Starts und davon, wie einer lernt, hinderlichen Ballast abzuwerfen – egal ob er aus Akten, Heilsversprechen oder buntscheckigen Waren besteht.
Für die Lesung habe ich entsprechende Texte gewählt; das Gespräch zwischendurch und hinterher nehme ich mindestens ebenso wichtig.

Einsteins Geheimnis

Erwin_Schrödinger

Anton Fürbringer ist Physiker, ein Sonderling, der in den 70er Jahren an der Akademie der Wissenschaften der DDR eigene Wege beschreitet. Das Foto zeigt Erwin Schrödinger, einen seiner geistigen Väter, Autor des Buchs “Geist und Materie”. Leser von “Babels Berg” kennen Anton schon – im “Raketenschirm” treffen sie ihn wieder. Wer mag, folgt ihm sogar bei seinem Nachdenken über den Menschen und sein Universum …

Anton wäre nicht eingefallen, die Grundfesten des Marxismus-Leninismus zu erschüttern, er stieß nur an eine Grenze des Denkens, die ihm als das Natürlichste von der Welt erschien: dass Objektivität Fiktion war, dass ein von menschlichem Handeln unabhängiger Blick – von einem Standpunkt im letztlich menschenleeren Universum aus, einer Gott ähnlichen Position also – nur sehr begrenzte Einsichten zeugte, dass „Objektivität“ für die Physik der Elementarteilchen gar nicht, für die Astrophysik eingeschränkt zu brauchen war. Niemand konnte schließlich mit einem menschenleeren Universum irgendeine Erfahrung machen. Es existierte nur als Spekulation, als Konstrukt des Denkens, in menschlichen Köpfen – dort möglicherweise aufgrund einer allüberall wirkenden universellen Mathematik, die aber letztlich wieder nur im und durch den Menschen vollständig war. Das Universum, in dem die Physiker, Astronomen, Chemiker Biologen mit ihren Instrumenten sich tummelten, für das Mathematiker kühnste Modell entwarfen, sie von gigantischen Rechenmaschinen als Simulationen ausspucken ließen, war ohne Gedanken, Gehirne, die zugehörigen Körper samt den ihnen vorausgegangenen Vorfahren, deren Vorgeschichte bis zu den ersten organischen Molekülen nicht zu verstehen. Diese „Vorgeschichte“ war ihrerseits aber jedenfalls nichts als Konstrukt menschlichen Denkens, denn eine direkte Interaktion mit Vergangenheit war nach aller Erfahrung ausgeschlossen. Zu keiner Zeit ließ sich ein Eindringling von jenseits des Ereignishorizonts, also von jenseits der mit Lichtgeschwindigkeit Zukunft von Vergangenheit scheidenden Barriere auffinden – Invasoren aus dem Übermorgen oder Vorgestern gab es nur in blöden Science-Fiction-Stories.

Das Vergangene lebte – untrennbar von der Gegenwart – bis in alle Zukunft fort, aber nur und ausschließlich als fortwährende Verwandlung, und deren Urgrößen waren komplementär: Trägheit und Flüchtigkeit. Oder noch elementarer: Nichts und Etwas. Dieses Urpaar aus Null und Eins gebar die Zeit – und war von da an unauffindbar, weil es zugleich die Grenze des Universums markierte, die es mit allem, was in irgendeiner Form an Zeit gebunden war, unumkehrbar dem Ursprung entrückte. Die Grenze war und blieb die Lichtgeschwindigkeit. Keine Messung würde zum Ausgangspunkt gelangen, kein Denken ihn fassen, weil Denken ebenso an die Physis und ihre Zeit gebunden war wie jede andere Bewegung.

Der Symmetriebruch, also die vom Menschen erlebte, nur in eine Richtung laufende Zeit, war unheilbar, der Mensch lebte diesen Symmetriebruch fortwährend, trieb ihn durch alles hindurch, was er ersann, war selbst zugleich eine spezielle Form des Getrieben-Seins im universellen Gegeneinander, im Zusammenwirken von Träge und Flüchtig. Alle anderen Dimensionen – sowohl die im Alltäglichen vertrauten des Raums wie auch die imaginärer Räume der Mathematik – besaßen Symmetrien, aber selbst der Umgang mit noch so hoch dimensionierten Universen entließ den mathematisierenden, modellierenden Menschen nicht aus dem Eingebettet-Sein in die asymmetrische Zeit, aus dem Eingebettet-Sein in just seine physischen und sozialen Umfelder.

Die Zeit war nicht nur ein Gefängnis, die Zeit war der Stoff, aus dem recht eigentlich die Welt bestand, fand Anton, ihr gegenüber nahmen sich andere Fragestellungen von Physik und Philosophie übersichtlich aus.

Menschenfresser

MonsterZufall und seltsames Zusammentreffen: Ein Handlungsstrang des Romans spielt in einem Internat in Thüringen, es gibt ein reales Vorbild, Wickersdorf mit langer reformpädagogischer Vorgeschichte. Meine Informationen zum Hintergrund verdanke ich persönlichen Kontakten, sie sind unbezweifelbar: In Wickersdorf (nicht nur dort) wurden während der DDR-Jahre Halbwüchsige als Stasi-IM angeworben, minderjährige Mädchen von ihren Führungsoffizieren sexuell missbraucht. In meinem Roman geschieht dies zwischen 1974 und 76 einer Schülerin namens Kerstin.

Gestern zeigte die ARD eine Dokumentation über  eine Frau namens Kerstin – sie wurde in den 80er Jahren in Wickersdorf angeworben. Sexuelle Übergriffe blieben ihr anscheinend erspart. Nachdem sie die Schule verlassen, ihr Studium in Jena begonnen hatte, konnte sie sich der Stasi-Verstrickung entziehen. Der Kerstin im “Raketenschirm” gelingt das nicht – es hat für sie furchtbare Folgen.

Welche seelischen Zerstörungen  Jugendliche erlitten, wenn sie von den “Tschekisten” beobachtet, unter Druck gesetzt, als Spitzel ausgenutzt wurden, schilderte der ARD-Film auch anhand eines anderen Schülers aus Dresden; sein Leben ist infolge der “Zersetzungsmaßnahmen” aus dem Jahre 1988 bis heute versehrt. 1990 habe ich in einem Hörspiel für den RIAS die Geschichte einer Abiturklasse erzählt, in der jugendliche Liebe, jugendliches Vertrauen, am Ende ein Menschenleben am Alltag des Mauerstaats zugrunde gehen.

So lange Mitläufer und stillschweigend Mitwirkende wie der seinerzeitige Direktor des Internats Wickersdorf das Geschehene als Normalität beschönigen, so lange das SED-Regime, seine ideologischen Fundamente und seine Herrschaftsmethoden verharmlost, gar für gesellschaftspolitische Neuorientierungen nach links herangezogen werden, muss jeder einzelne Fall, jedes einzelne Schicksal uns mahnen: Die Menschenverachtung dieses “real existierenden Sozialismus” zerstörte nicht nur in Folterkellern und Gefängnissen Vertrauen, Moral, Gesundheit. Das soll niemals vergessen werden.

Die Dokumentation in der ARD gestern knüpfte an die Tugenden journalistischen Engagements für die Demokratie an – sie entsprach dem Auftrag des Grundgesetzes. Es gilt seit 21 Jahren in ganz Deutschland, im Alltag aber wird es von allzu vielen missachtet: Sie ziehen organisiertes Mitläufertum den Mühen persönlichen Einsatzes für die Freiheit anderer vor. Und deshalb ist es kein Zufall, dass sich unter Deutschlands Internaten in Ost und West Schreckensorte finden, wo junge Menschen fürs Leben Schaden nehmen.

Überleben: Nazis, Stasis und wir

Die Spuren der Vergangenheit führen Gustav in lichtlose Verliese, wo die Gespenster lauern. Natürlich sind sie genauso real wie die von Millionen an Millionen begangenen Diebstähle, Einbrüche, Erpressungen, Nötigungen, Überfälle, Vergewaltigungen, Morde, wie Bestechungen, Drohungen, Folter, Betrug und Verrat eines jeden Tages, der da wird auf Gottes Erdboden. Die Verbrechen hausen unaustilgbar als Gespenster in den virtuellen Räumen der Erzählungen, Filme, Computerspiele, in Gemälden, Tönen, Träumen. Sie geilen sich aneinander auf, kopulieren, werden gezeugt als Vorstellung, Wunsch, Wille, geboren als neue Gewalt.

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Gebäude der ehemaligen Bezirksverwaltung der Staatssicherheit in Suhl, genannt “Die Burg”

Der Mensch ist nicht gut. Er ist zum Guten fähig und zum Schlimmsten. Wohin die Kugel rollt, ist unbestimmbar. Es ist Quantenphysik. Gustav kann nicht herausfinden, wer die Kugel von Gabriele Fürbringer Richtung Zuchthaus Hoheneck stieß. Die Figuren, von denen sie dort misshandelt wurde, haben keine Gesichter.

Die Mehrheit will von solchen Gespenstern ohnehin lieber nichts wissen, erst recht nicht, wenn sie nebenan hausen, in Behörden oder hinterm Schreibtisch eines Vorgesetzten. „Ein unauffälliger, netter Nachbar“ ist das, “der freundliche Herr Doktor”, „ein bei allen beliebter Kollege“. Und wer will schließlich gar die eigenen Züge an einem der Dämonen wiedererkennen, die sich als Verbreiter übler Nachrede, Spitzel, Zuträger, Wächter, Buchhalter um den Erhalt des Unrechts, um Gefängnis, Folter, Mord verdient gemacht haben?

Wer will sich für eigene Fehlbarkeit verantwortlich fühlen müssen, hinnehmen, dass er Schaden, Leid und Schmerzen verursacht hat, da er sich doch in den Schutz, in die Deckung einer Korporation flüchten kann, wo Verantwortung abgenommen, delegiert wird, an eine Gemeinschaft übergeht, die von keinem Menschen mehr in Haftung zu nehmen ist? Dort finden sich Rechtfertigungen und Ausreden als Uniform: „Man konnte doch nicht anders.“ „Befehlsnotstand“. „Gruppenzwang“. „Wenn ich’s nicht getan hätte, hätte ’s ein anderer getan“.

Aber die Welt, in der “es ein anderer getan hat” gibt es nicht. Diese Welt ist eine Fiktion zum Selbstbetrug. Es gibt nur die Welt, in der du entweder die Maske der Macht anlegst, wenn sie dir angeboten wird, und “es tust”,  oder in der du Nein! zur Maske sagst und Ja! – dir selbst ins Gesicht. 

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Der Beton der “Burg” stammt aus den 70er Jahren, die älteren Gebäudeteile haben eine Nazi-Vorgeschichte

Die Festung, die der Krieg vergaß

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Als die gewaltige Anlage 1906 fertiggestellt wurde, steckte in ihrem Inneren das Modernste an verfügbarer Technik – von Generatoren zur Stromerzeugung über die Be- und Entlüftung, die Einrichtungen für Bestückung, Wartung, Einsatz der Kanonen, die Backöfen und Schnellkochtöpfe für 2000 Mann Besatzung, Telefone, Aufzüge. Meterdicke Betonmauern hätten jedem Angriff widerstanden, aber es wäre wohl kaum ein Angreifer in die Nähe der Festung Obergentringen gelangt, weil unterirdische Gänge zu Außenposten eine Sicherung von allen Seiten ermöglichten und der Ausblick von der Anhöhe weit über die Ebene um die Stadt Diedenhofen reichte, die Kanonen konnten aus jeder Richtung anrückende Gegner beschießen. Sie wurden nie gebraucht.

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Ehrenamtliche Museumsführer halten über hundert Jahre danach große Teile der alten Technik in Funktion, sie schwärmen noch heute von der Modernität der Ausrüstungen. Es sind pensionierte französische Techniker – die Festung aber wurde im Deutschen Kaiserreich gebaut. Diedenhofen – französisch Thionville – hatte eine lange Geschichte als Kriegsschauplatz und umkämpfte Stadt; ihre strategische Bedeutung wurde durch mehrere Besuche Kaiser Wilhelms II. in dem militärtechnisch vorbildlichen Obergentringen bis 1914 unterstrichen. Der I. Weltkrieg zog dann ebenso spurlos vorbei wie der II. – da fungierte die „Groupe fortifiée de Guentrange“ nur mehr als Hilfseinrichtung für die Maginotlinie, nachdem das französische Militär sie nach der deutschen Niederlage 1918 unversehrt übernommen hatte. Diedenhofen war wieder zu Thionville geworden, aber die moderne Kriegführung mit Panzern und Luftwaffe machte alle Festungsbauten der Maginotlinie obsolet.

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Ein Besuch in „Obergentringen“ verblüfft nicht nur durch Geräusche und Stimmungen der intakten unterirdischen „Arbeitsplätze“ für den Kriegsfall, er erhellt auch die Geschichte der Militärtechnik bis in die Moderne: Planungen in großen Zeiträumen, wie sie des Kaisers Generalstab zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch anstellte, wurden von den technischen Entwicklungen überholt. Zugleich wurden die Todesmaschinen der Weltkriege zum Menetekel für den möglichen Einsatz von Atomwaffen über Hiroshima hinaus.

Ob “Abschreckung” wirklich funktioniert – diese Frage wird auch kein “Raketenschirm” beantworten.

Kinderpornos

Zwei Frauen reden über das Thema. Dreiunddreißig ist die eine, Fotokünstlerin ohne Tabus, vierundfünfzig ist ihre Mutter, ehemalige Lehrerin in der DDR. Sie ist von den Vorzügen des Sozialismus immer noch überzeugt.

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“Wie sieht so ein Dreckskerl aus?“, fragt Marion in das Lachen ihrer Mutter hinein. „Ein flotter Nerd mit dem Hemd über den Jeans, Turnschuhen, Designerbrille, einem Abschluss für Mediengestaltung an ’ner deutschen Fachhochschule oder eher der Wodkasäufer irgendwo in Komsomolsk?“

„Nein, ein Lehrer. Physik. Leitet nebenher ’ne Arbeitsgemeinschaft für Computer und Internet. Unauffällig. Angepasst. Könnte einer meiner ehemaligen Kollegen sein. Einer, der reibungslos übernommen wurde ins tolle bundesdeutsche Schulsystem. Vielleicht ist er inzwischen im gut bezahlten Ruhestand.”

Sexuelle Gewalt – gegen Kinder zumal –  ist wie jede Form der Gewalt ein Quotenknaller aller Medien. Wieso das so ist, wird von den Medienmachern nicht so gern aufgeklärt, es gefährdet ihre Geschäftsgrundlage:

“Eine Psychopathologie Adolf Eichmanns hat es deshalb nie gegeben, weil sein Verhalten lebenslang den Normativen eines brauchbaren, wenig auffälligen AnGestellten entsprach. Seine Selbstwahrnehmung war entsprechend. Das liegt nun nicht etwa daran, dass Eichmann psychisch nicht gestört gewesen wäre, sondern daran, dass seine psychische Deformation massenhaft verbreitet, ja sogar als besondere Eignung für spezielle politische Ziele willkommen ist.  Die Typen mit dem herzlichen Verhältnis zu Frau und Kindern und keinerlei persönlichen Aversionen gegen Juden, Russen, Deutsche, Katholiken, Protestanten, Andersfarbige, Schwule, Rechte, Linke oder überhaupt irgendwie „Andere“ drücken – mit dem reinsten Gewissen der Welt – auf den Knopf mit der Hunderttausend- Tote- Technik. Das gilt als gesund. “

(“Der menschliche Kosmos” Salier 2006)

Manche leben die Allmachtsphantasien, die ihr subalternes  Leben als Angestellte produziert, auch an Kindern aus – zuerst im Internet “in effigie”, wenn die Gelegenheit ihnen dazu verhilft auch in der Realität. Dann surfen die Voyeuristen aller Medien und ihre Kundschaft wieder ihnen nach auf der Welle von Gewalt Macht Lust und rituell rufen, die daran verdienen, “Waruuuuum”, fordern strengere Strafen, dürfen auf das nächste Mal zählen – wenn alles wieder von vorne beginnt.

Die Pforte der Erkenntnis (I)

Anton Fürbringer ist Physiker mit Leidenschaft. Unterm “Raketenschirm” wie schon auf “Babels Berg” überdenkt er philosophische Konsequenzen seiner Arbeit. Er gerät dadurch in Konflikte – nicht nur mit der etablierten Wissenschaft. Die Abbildung zeigt, wie man sich die “Akkretionsscheibe” eines “Schwarzen Lochs” vorstellt.

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Seit Heisenbergs Tod hatte Anton die Hoffnung, es könne ihm jemand mit angemessener naturwissenschaftlicher Qualifikation auch nur zuhören, fast aufgegeben. Die Kollegen in der Akademie taten es nicht; ihre Spezialisierungen lagen seinen mathematischen Modellen fern, sie hätten gehörige Mühe gehabt, sich mit allem vertraut zu machen, was er berechnete. Selbst sein Gönner ließ sich nur angelegentlich und auf die erkennbare Richtung ein, in die sich Antons Überlegungen bewegten.

Antons philosophische Exkurse wehrte er strikt ab: „Folgte ich Ihren Gedanken“, meinte er, „ließe sich so etwas wie eine Universalkonstante fürs ganze physikalische Geschehen vorstellen, damit wäre zugleich die Physik als Wissenschaft am Ende, wir dürften nur noch die Konsequenzen dieses Sachverhalts auf unsere alltäglichen Anwendungen herunterrechnen, was menschliche Handlungsräume auf schwer vorstellbare Art eingrenzen würde. Nehmen Sie’s mir nicht krumm, aber diese Botschaft ist nicht nur politisch unverkäuflich, sie nimmt mir persönlich die Lust an der Arbeit. Bleiben sie mir damit vom Hals.“

Anton wäre nicht eingefallen, die Grundfesten des Marxismus-Leninismus zu erschüttern, er stieß nur an eine Grenze des Denkens, die ihm als das Natürlichste von der Welt erschien: dass Objektivität Fiktion war, dass ein von menschlichem Handeln unabhängiger Blick – von einem Standpunkt im letztlich menschenleeren Universum aus, einer Gott ähnlichen Position also – nur sehr begrenzte Einsichten zeugte, dass „Objektivität“ für die Physik der Elementarteilchen gar nicht, für die Astrophysik eingeschränkt zu brauchen war. Niemand konnte schließlich mit einem menschenleeren Universum irgendeine Erfahrung machen. Es existierte nur als Spekulation, als Konstrukt des Denkens, in menschlichen Köpfen – dort möglicherweise aufgrund einer allüberall wirkenden universellen Mathematik, die aber letztlich wieder nur im und durch den Menschen vollständig war. Das Universum, in dem die Physiker, Astronomen, Chemiker Biologen mit ihren Instrumenten sich tummelten, für das Mathematiker kühnste Modell entwarfen, sie von gigantischen Rechenmaschinen als Simulationen ausspucken ließen, war ohne Gedanken, Gehirne, die zugehörigen Körper samt den ihnen vorausgegangenen Vorfahren, deren Vorgeschichte bis zu den ersten organischen Molekülen nicht zu verstehen. Diese „Vorgeschichte“ war ihrerseits aber jedenfalls nichts als Konstrukt menschlichen Denkens, denn eine direkte Interaktion mit Vergangenheit war nach aller Erfahrung ausgeschlossen. Zu keiner Zeit ließ sich ein Eindringling von jenseits des Ereignishorizonts, also von jenseits der mit Lichtgeschwindigkeit Zukunft von Vergangenheit scheidenden Barriere auffinden – Invasoren aus dem Übermorgen oder Vorgestern gab es nur in blöden Science-Fiction-Stories.

Das Vergangene lebte – untrennbar von der Gegenwart – bis in alle Zukunft fort, aber nur und ausschließlich als fortwährende Verwandlung, und deren Urgrößen waren komplementär: Trägheit und Flüchtigkeit. Oder noch elementarer: Nichts und Etwas. Dieses Urpaar aus Null und Eins gebar die Zeit – und war von da an unauffindbar, weil es zugleich die Grenze des Universums markierte, die es mit allem, was in irgendeiner Form an Zeit gebunden war, unumkehrbar dem Ursprung entrückte. Die Grenze war und blieb die Lichtgeschwindigkeit. Keine Messung würde zum Ausgangspunkt gelangen, kein Denken ihn fassen, weil Denken ebenso an die Physis und ihre Zeit gebunden war wie jede andere Bewegung.

Neues vom Raketenschirm

Raketen für den Frieden

Raketen für den Frieden

Der Roman „Raketenschirm“ kommt voran. 1976 war ein spannendes Jahr: im September starb Mao Zedong.  Seither stieg das Land zur Weltmacht auf, die von der KP Chinas unerledigten Konflikte in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft gipfelten im Tian’anmen-Massaker 1989.  Ganz allmählich beginnen auch dem deutschen Otto Normalverbraucher (der ja eigentlich eine Erfindung der Statistik für die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ ist) die Chinesen etwas unheimlich zu werden. Was ist jetzt, fragt er sich, mit der Energie? VW fährt Riesengewinne ein (alle anderen Autokonzerne auch), weil Chinesen Hunderte Millionen Autos kaufen. Sogar elektrische. Der Strom dafür kommt aber aus Kernkraftwerken – aus immer mehr von den gefährlichen Dingern. Öl wird knapp, Gas wird knapp, die Kohle erschafft das reine Klimaelend, und in Deutschland sind wir aber sowas von vorbildlich mit AKW abschalten, Sonne anzapfen, Windräder bauen, Pflanzen (wir haben gelernt!) vergasen, Müll trennen, Rad fahren: da wird ’s langsam Zeit, den Schlitzaugen einen Ordnungsgong zu verpassen (Gong sollten sie verstehen)!

Ein erster Schritt: Wir schicken ihnen 100 000 in der Wolle gefärbte grüne Oberlehrer. Wenn das nicht reicht, setzen wir die Troika Trittin-Künast-Roth in Marsch. Per Raketenschirm.

Die spielen da nicht mit ? Die waren schon immer Raketengegner? I wo. Die waren nur gegen amerikanische Pershings. Die gute alte SS 20, von Leonid Breshnews Propagandatruppen als Friedensrakete etabliert, hat ihre politischen Ziele nie behindert. Nichtraucher und Vegetarier müssen sich sowieso durch in aller Welt verstreute Waffen aus russischer sowenig wie aus deutscher Produktion irritieren lassen. Vielleicht können die vom einstigen rotgrünen Tandem Schröderfischer fein gesponnenen russischen Connections die SS 20 als Druckmittel gegen Peking mobilisieren. Käme gut in den deutsche Medien – oder?

Die Welt – nach deutschem Vorbild erneuerbar! Die ganze! Mit ein paar von den Raketenhämmern wäre jeder Widerstand gegen saubere Volksenergie und saubere Luft in deutschen Kneipen endgültig zu brechen. Es lebe die Volksgesundheit! Nieder mit Rauchern und Freunden der Atomkraft! Antifa! AntiKKW! Wir schottern Castor, Pollux, morgen die ganze Welt!