Lektionen von Liebe, Vertrauen und Glück

„Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Friedhof in Gernsbach

Friedhof in Gernsbach

Dietrich ‪Bonhoeffer‬ beschloss so sein Gedicht im letzen Brief aus der Haft 1945 an seine Mutter und seine Verlobte. Maria von Wedemeyer wurde nach ihrem Tod 1977 in ‪Gernsbach‬ bestattet; eine Gedenktafel mit dem Gedicht erinnert neben dem Eingang zum Friedhof an ein mutiges Leben und eine unerfüllte Liebe. An einem Tag wie heute findet einer dort Hoffnung, Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens, Ermutigung gegen die Banalität des Bösen.

Was macht diese Banalität aus? Zur – erfolgreichen – Grundausstattung menschlicher Wahrnehmung und menschlicher Verhaltensimpulse gehört, auf Angst einflößende Eindrücke sehr schnell aggressiv reagieren zu können: Mit Draufschlagen – aktiv – oder Verweigern – passiv. Das Repertoire einschlägiger Handlungen ist viel größer als das Repertoire menschlicher Zuwendung. Die Mienen des Hasses, des Ekels, drohende Gesten und andere aggressive Signale nonverbaler Kommunikation sind – das lässt sich schon bei kleinen Kindern beobachten – viel leichter abrufbar als Signale der Sympathie. Ausnahme: Das wohlfeile und unspezifische Lächeln. „Seien wir nett zueinander und tun wir uns nichts“: Das ist ein guter, in der Regel erfolgreicher Einstieg fürs Kommunizieren – oder eine lügnerische Falle. Bohoeffers Gedicht (Fassung des Evangelischen Gesangbuchs aus der Wikipedia) fehlt dieses gleisnerische Lächeln, es ist tiefernst:

1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

2. Noch will das Alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

5. Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

So fasst einer im Angesicht des Todes seine Liebe zum Leben in Worte. Derlei passt freilich nicht in eine Spaßgesellschaft, die davon lebt, schnell und schillernd Feindbilder entstehen zu lassen und auszumalen. Das Böse, die Bösen – sei ’s in Effigie – zu verprügeln ist sexy, garantiert Applaus und gutes Ansehen bei den Guten. In der Euphorie von Quoten und Klickzahlen arbeiten all diese Guten, die bei genauem Hinsehen leider nur Gutmeinende sind, Hass und Gewaltherrschaft zu. Es kostet sie nichts. Sie verdienen gut damit, sich selbst und die Beifall blökende Herde gut aussehen zu lassen. Im Knast, in den Lagern saßen und sitzen andere, denen die Gutmeinenden aus der Entfernung und im Nachhinein nicht mehr schulden als billige Mitleidsrituale und eine gewisse Ehrfurcht: Lippenbekenntnisse.

Bonhoeffers Gedicht aus der Todeszelle dagegen gibt dem Einzelnen das Vertrauen zurück: Ob er an einen Schöpfer glaubt oder nicht – menschliche Größe bemisst sich an Qualität, nicht an Quantität.

War das jetzt zu kompliziert für Sie? Ich glaube nicht. Ich folge nicht jener Logik von Medienmachern in Öffentlich-Rechtlichen oder privaten Anstalten, nach der die Mehrzahl der Menschen zu einfältig ist, Konflikte anders zu verstehen als wenn sie in öden journalistischen Ritualen aufs Niveau von Deppen „heruntergebrochen“ sind. Viele Politiker und Journalisten kehren Konflikte zum Zweck eigener Daseinsvorsorge unter den Teppich, oft und lange erfolgreich – Lösungen haben sie nicht anzubieten. Das wollen sie auch gar nicht. Sie wollen Klicks und Quote, massenhaft. Der Einzelne soll in ihrer Rechnung vernachlässigt werden können. Das ist das Grundprinzip des Sozialismus – auch des Nationalsozialismus. Bonhoeffer – leider zu wenige Einzelne mit ihm – sind dieser Rechnung nicht gefolgt.

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Die Naumburger Gioconda

Gustav blinzelte von seinem zerwühlten Nachtlager aus, zwischen Wedeln der aus einem Dattelkern selbst gezogenen Palme hindurch, zu den Ahnenporträts an der Wand. Sie waren über Jahrzehnte in einer Kiste auf dem Dachboden der Herrengasse 10 in Lauterberg verstaut gewesen, in den schwarzen Rahmen waren Holzwürmer unterwegs. Diese Bilder waren das einzige, was er aus seiner Kindheit  in sein Berliner Domizil hinübergerettet hatte.

Sonnenkalb Porträtiert waren die Urgroßeltern seiner Ururgroßmutter, sie hatten ziemlich genau 200 Jahre zuvor in Naumburg an der Saale gelebt, blickten ihn fast in jedem Winkel des Zimmers an: der Herr Apotheker Sonnenkalb mit Perücke, Kragenbinde in rotem Rock auf düsterem Grund und seine Frau, so undurchsichtig lächelnd wie die Gioconda. Sollte der unbekannte Naumburger Porträtmaler an das berühmte Vorbild gedacht haben, so ließen Nase und Kinn seines Modells, die allzu große Stirn, die wasserblauen Augen es zur Persiflage werden.

Dennoch nahm die recht eigentlich herbe Frau Gustav durch ihren undurchschaubaren Gesichtsausdruck für sich ein. Das Lächeln milderte ihre Strenge, gab aber nichts, nicht einmal mütterliche Züge preis.

Für einen Moment ahnte der verkaterte Regiestudent wieder etwas vom Geheimnis des Schauspiels: Man musste möglichst genau den Strömen seiner inneren Erzählung folgen, dabei hellwach in die Umgebung hineinspüren, auf sie spontan, intuitiv, mit einer gewissen Unschärfe reagieren, die aktuelle Wirklichkeit der Bühne in unvorhersehbare Möglichkeiten eines ungeschehenen Lebens verwandeln, wiederholbar und unwiederholbar zugleich. Er erinnerte sich an Tines Geschichte vom verlorenen Ball: vom Fluss davongetragen, hatte er in ihrer Kinderzeit einen Wirbel aus Trennungsschmerz hinterlassen. Sie konnte diesen Wirbel ansteuern, der Schwarm der Mitspieler auf der Bühne und im Zuschauerraum folgte ihr. Was den Schwarm an Tines Führung band: er wurde in eine Richtung mitgenommen, die ihm vertraut erschien. Emotionen wurden eingestimmt auf etwas, das folgen musste – etwas Komisches, etwas Tragisches. Die Erwartungen ließen sich erfüllen oder durch eine Überraschung brechen – soweit wurde das Handwerk des Theaters von vielen Schauspielern beherrscht, sogar von manchen Regisseuren. Tines Spiel aber eröffnete unvorhersehbare Blicke, gab Rätsel auf, ließ Geheimnisse ahnen, Unvorstellbares vorstellbar werden gegen die Erwartungen, es verstörte Gewohnheiten. Sie gehörte keinem Schwarm an, jeder aber würde ihr folgen.

Das „Theater des wissenschaftlichen Zeitalters“, wie es der Institutsdirektor gern propagierte, mit einem klaren, rational fassbaren Auftrag, erschien Gustav Horbel dagegen wie ein Aquarium ohne Wasser. Freilich: die Fische darin waren immer noch Fische – rein wissenschaftlich betrachtet. Aber er begann zu verstehen, dass sich Wissenschaft nur dann der Kunst verbinden konnte, wenn sie sich mit der verzweifelten Kraft, mit der unbezwingbaren Sensibilität der Kreatur wappnete, die Hand vom Geländer frei bekam, sich von der Wand im Rücken abstieß, ins furchterregende Elixier des Lebens stürzte, eintauchte ins Reich der Angst, des Todes und der Liebe. Es war das Wagnis, alles zu verlieren, um sich in der Welt zu finden.