Vom Nutzen und der Qual, dem Theater des BB anzuhängen

Gustav Horbel hat nach allerlei Turbulenzen das vierte Jahr seines Regiestudiums erreicht, fast alles über das Theater Bertolt Brechts gelernt, das Meiste mag er, z.B. den Satz “Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein”. Seine Diplominszenierung steht an, nur ein einziges Theater will das Experiment mit dem Diplomanden wagen. Das Stück, das er inszenieren soll, hat den Titel “Söhne des Stahls”, verfasst hat es der Nationalpreisträger Claus H. Grandel.

Er konnte die Geschichte hin und her wälzen so oft er wollte – Horbel bekam nicht den Kern zu fassen, aus dem heraus sich dramatische Widerborstigkeiten hätten entwickeln lassen. Die Dialoge der Figuren strotzten vor Nettigkeit oder Pathos, lauter harmlose Angestellte neckten sich gegenseitig oder gingen ernsthaft ihren sozialistischen Geschäften im Stahlwerk nach, als Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets die Langeweile schafft.

Der Konflikt war genaugenommen ein klassisches Dreieck: junge, hübsche Kranführerin wird vom Parteisekretär angebetet, der ist aber verheiratet mit einer so kreuzbraven wie eifersüchtigen Christel von der Post. Eines Tages taucht in der Poststelle ein Brief aus dem Westen an das Kranmädel auf, fällt der Rivalin in die Hände, wird dampfgestrahlt, offenbart ein Geheimnis: das Kranmädel ward einstens adoptiert, die natürlichen Eltern erkundigen sich nach dem seitherigen Ergehen, deuten die Möglichkeit einer Familienzusammenführung Richtung Ruhrgebiet an. Triumphierend hält die Postfrau ihrem Gatten den Schrieb vom Klassenfeind unter die Nase. Der ist natürlich pikiert, sorgt aber ebenso natürlich dafür, dass der Brief die Empfängerin erreicht.

Was aber tut die Bestarbeiterin am Hebezeug? Sie – obwohl der führenden Klasse zugehörig – schwankt! Aber nicht etwa aus politischen Gründen, sondern weil sie beleidigt ist. Der Galan mit Führungsrolle gesteht ihr nämlich neben seiner Liebe auch den Übergriff gegen’s Postgeheimnis; nicht seinetwegen, so die Rede, habe er sich stasiartig verhalten, sondern um die Hoffnungsträgerin am verhängnisvollen Schritt gen Westen zu hindern. Folgt die Gretchenfrage: Soll ich deinetwegen hierbleiben oder für die Planerfüllung im Stahlwerk?

Der Mann ist ein Held und wählt das Stahlwerk nebst Christel, woraufhin Gretchen nach einigem Hin und Her Richtung Duisburg entschwindet. Pause.

Danach wird’s auf nicht weniger erwartbare Weise dramatisch: die Westeltern sind reich, aber mit dem Gemüt einer emanzipierten Heldin der sozialistischen Arbeit inkompatibel. Sie versuchen andauernd, sie standesgemäß zu verheiraten. Das Ostkind büxt aus, trifft einen kernigen Stahlarbeiter, der nach ihrem Geschmack ist, lässt sich von ihm ein Westkind machen. Naja – der Titel ließ etwas Derartiges erwarten. Statt sich nun übers kommende Enkelchen zu freuen, machen die West-groß-eltern der armen Gretel das Leben sauer, weil der Schwiegersohn nicht standesgemäß ist. Die zischt daraufhin gemeinsam mit ihrem Stahlwerker ab Richtung Arbeiter-und-Bauern-Staat. Das sieht nach einem Happyend aus, wird es aber nicht, und genau dafür wurde das Stück 1969 von der Presse gelobt, verfilmt, der Autor bekam einen Nationalpreis, Gustav Horbel von einem Theater im Norden der DDR den Auftrag, es zum 30sten Jahrestag der Staatsgründung wiederzubeleben, obwohl sich die Familienzusammenführerei seit den Helsinki-Verträgen Mitte der 70er Jahre zu einem veritablen Ärgernis für den Staat von Erich & Erich ausgewachsen hatte. Die “Söhne des Stahls” sollten dennoch aufrütteln.

Der Autor nämlich, Claus H. Grandel, wusste den dramatischen Knoten zu schürzen: Die Westeltern setzen im letzten Akt mit Unterstützung einer ebenso bösartigen wie bestechlichen Figur, der Losbudenbesitzerin Edda, ein Gerücht in die heile Welt der Stahlkocher: der Parteiarbeiter, nicht der an der Walzstraße hat das Gretel geschwängert. Der Duisburger Kraftkerl fährt daraufhin in seinem mitgebrachten Manta den Rivalen zum Krüppel. Natürlich kommt alles heraus. Edda beichtet in einem Heulkrampf, der Klassenkämpfer, im Rollstuhl von seiner Christel zum Finale geschoben, nimmt ein gerüttelt Maß Schuld auf sich, der Stahlarbeiter, immer noch zweifelnd an der Liebe der Kindsmutter, verordnet ihr und sich drei Bewährungsjahre, in denen er bei der Nationalen Volksarmee dienen wird „Dat unsa Kind vor Omma, Oppa un Ihresjleischen sischa is!“. Vorhang.

Gustav fragte sich, ob von den Verantwortlichen ernsthaft jemand daran glaubte, irgendeine von Erich & Erich enttäuschte Krantante, Kellnerin oder Verfasserin unveröffentlichter Poesie zöge nach Ansicht einer Vorstellung von „Söhne des Stahls“ anno 1979 ihren Ausreiseantrag zurück. Falls das die Botschaft war, hätte sie schon zur Premiere niemand hören wollen – außer den von Berufs wegen ins Theater Abgeordneten. Tine hatte Recht: Es war Kitsch, es war vielleicht halbwegs erträglich gewesen, wenn man Schauspieler wie sie mit ihrer abgefeimten Naivität und Obentraut mit seinem bulligen Charme hatte. Gustav Horbel würde sie nicht haben. Er musste die Botschaft ändern, ohne die Figuren zu verraten. Das war unmöglich, also begann er, sich an einer akribischen Konzeption abzuarbeiten – vom Bühnenbild über die Dramaturgie bis zu den Vorgängen in jeder einzelnen Szene, Charakteranalysen bis in Nebenrollen hinein. Er wollte, ganz im Sinne des großen Bertolt Brecht, die Geschichte historisieren, verfremden, sie ins „seltsam ferne Jahr 1969“ versetzen und dadurch den Zuschauern das „Dazwischenkommen“ ermöglichen, das Mit- und selber Denken. Und das Denken gehörte ja nach Brecht zu den größten Vergnügungen der Menschheit. Darin folgte Gustav Horbel, der ehemalige Physiker und Regiestudent, gar zu gern BB, dem Lehrer seiner Regielehrer.

Im Herbst legte er dem zuständigen Dozenten das Ergebnis in einem dicken Aktenordner vor. Der nickte überraschenderweise, drückte Gustav das Paket nach drei Tagen wieder in die Hand und sprach: „Na, dann machen’se mal, Horbel. Bin gespannt, was dabei rauskommt.“

Neues vom Raketenschirm

Raketen für den Frieden

Raketen für den Frieden

Der Roman „Raketenschirm“ kommt voran. 1976 war ein spannendes Jahr: im September starb Mao Zedong.  Seither stieg das Land zur Weltmacht auf, die von der KP Chinas unerledigten Konflikte in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft gipfelten im Tian’anmen-Massaker 1989.  Ganz allmählich beginnen auch dem deutschen Otto Normalverbraucher (der ja eigentlich eine Erfindung der Statistik für die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ ist) die Chinesen etwas unheimlich zu werden. Was ist jetzt, fragt er sich, mit der Energie? VW fährt Riesengewinne ein (alle anderen Autokonzerne auch), weil Chinesen Hunderte Millionen Autos kaufen. Sogar elektrische. Der Strom dafür kommt aber aus Kernkraftwerken – aus immer mehr von den gefährlichen Dingern. Öl wird knapp, Gas wird knapp, die Kohle erschafft das reine Klimaelend, und in Deutschland sind wir aber sowas von vorbildlich mit AKW abschalten, Sonne anzapfen, Windräder bauen, Pflanzen (wir haben gelernt!) vergasen, Müll trennen, Rad fahren: da wird ’s langsam Zeit, den Schlitzaugen einen Ordnungsgong zu verpassen (Gong sollten sie verstehen)!

Ein erster Schritt: Wir schicken ihnen 100 000 in der Wolle gefärbte grüne Oberlehrer. Wenn das nicht reicht, setzen wir die Troika Trittin-Künast-Roth in Marsch. Per Raketenschirm.

Die spielen da nicht mit ? Die waren schon immer Raketengegner? I wo. Die waren nur gegen amerikanische Pershings. Die gute alte SS 20, von Leonid Breshnews Propagandatruppen als Friedensrakete etabliert, hat ihre politischen Ziele nie behindert. Nichtraucher und Vegetarier müssen sich sowieso durch in aller Welt verstreute Waffen aus russischer sowenig wie aus deutscher Produktion irritieren lassen. Vielleicht können die vom einstigen rotgrünen Tandem Schröderfischer fein gesponnenen russischen Connections die SS 20 als Druckmittel gegen Peking mobilisieren. Käme gut in den deutsche Medien – oder?

Die Welt – nach deutschem Vorbild erneuerbar! Die ganze! Mit ein paar von den Raketenhämmern wäre jeder Widerstand gegen saubere Volksenergie und saubere Luft in deutschen Kneipen endgültig zu brechen. Es lebe die Volksgesundheit! Nieder mit Rauchern und Freunden der Atomkraft! Antifa! AntiKKW! Wir schottern Castor, Pollux, morgen die ganze Welt!

Interview am Startplatz

Interview in "Freies Wort" - zum Lesen anklicken

Interview in "Freies Wort" - zum Lesen anklicken

Lilian Klement hat mich anlässlich der Buchpremiere von „Babels Berg“ auch zum dritten Teil der Trilogie befragt. Am 4.11. erschien das Gespräch in der Regionalen Zeitung; nebenbei erfuhr ich, dass drei Verkaufstage genügt hatten, „Babels Berg“ zum Bestseller im Oktober zu machen. Großes Dankeschön an meine Verleger Hans Jürgen und Bastian Salier und an die Buchhändler-Familie Waniek.

Ende der Depression

Titel des Buches von Noe

Wegzeichen der Philosophie


Manchmal scheint einem, als fielen die wichtigen Publikationen über einen her – genau dann, wenn man ihrer am meisten bedarf.
Ein Auftrag zu einem Feature von einer Redakteurin des SWR war mit dem Hinweis auf Alva Noes „Du bist nicht Dein Gehirn“ verbunden; das Buch erwies sich als hochintelligente Fortführung philosophischer Diskurse, die sowohl in „Der menschliche Kosmos“ Denkanstöße sind, wie auch als Gedankenexperimente in „Babels Berg“ auftauchen, wo der Physiker Anton Fürbringer ihnen nachgeht.
Dann kam vom Verlag als Rezensionsexemplar Ines Geipels „Seelenriss“ ins Haus. Die Stärke dieser Autorin ist, Geschichte und die strukturierenden Muster von Sozialverhalten in lebendiges Miterleben zurückzuführen; ihre Berichte von der „Volkskrankheit Depression“, deren pandemisches Wachstum jede Schweine- oder Vogelgrippe zum Hühnerauge der Medizinhistorie schrumpft, sind packende Beweise für die Auffassung „Der Körper in seiner unablässigen, untrennbaren Interaktion mit der Welt ist die Seele“. Ja. Und Krankheiten der Seele sind Krankheiten der Welt.
Buchcover

Mehr als ein Thema für die Pharmaforschung

Ermutigung mit Zeitzünder

Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber wenn nach vier Jahren ein Buch so gelobt wird, wie „Der menschliche Kosmos“ jetzt vom wirklich sachkundigen Andreas Zeuch auf „psychophysik.com“, dann ist es ein deutliches Zeichen für die Frische der Texte und ein Grund zur Freude:
„Wer sich von – wie es auf dem Buchrücken selbst lautet – „Fundsachen“ inspirieren lassen kann, wird reich belohnt. Und wer dann noch bereit ist, die „praktischen Übungsstückchen“ zu erkunden, wird aus eigener Erfahrung Neues lernen können.“

Fortsetzung folgt

Brunnen unterm Lindenbaum im Schwarzwald

Sommernacht - Lesenacht

Allen, die gekommen waren, war’s ein Vergnügen, allen, die mitgeholfen haben, eine gelungene Arbeit. Das „Badische Tagblatt“ bestätigte in einem Artikel am 21.8.  den Veranstaltern den Erfolg. Deshalb wird die Reihe „Leben Lesen“ fortgesetzt mit noch mehr guten Texten von hoffentlich vielen Interessierten Autoren, Geschichtenerzählern, Musikern.
from immediator.de
Leben Lesen am 19.8. 19 Uhr

Literaturabend im Schwarzwald

Jugendzeit und Sommernachtsträume

Der Erinnerung die Zügel lassen, träumen, was war – oder hätte sein können. Das ist der Stoff, aus dem Romane werden.

Wer Lust hatte, Geschichten zu hören, selbst eine Geschichte zu erzählen, war eingeladen zu einem Sommerabend mit Literatur und Musik, umgeben vom schönsten Schwarzwaldpanorama weit und breit. Immerhin 25 Literaturfreunde kamen, darunter der 90jährige Autor Georg Polomski, der mit seinem Humor in Gedichtform und durch eine ansteckend fröhlich vorgetragene Kurzgeschichte die Zuhörer beeindruckte. Gregor Goller las eigene Gedichte; besonnene Poesie wechselte mit Witzigem im Stil von Heinz Erhard.
Die Buchhandlung Wild präsentierte zum Thema passende Bücher; nach der Gesprächsrunde traf sich eine gesellige Runde in den nahe gelegenen „Eckbergstuben“, um weiter zu plaudern.
Der Abend war ein gelungener Auftakt zu weiteren Veranstaltungen dieser Art unter der Überschrift „Leben Lesen“
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Worauf ich mich freue …

Der Verlag macht wieder ein schönes Hardcover – Teil zwei der Reihe.

Aufstiege und Abstürze

Mondlicht und Hexenwerk …
..wieso Männer und Frauen perfekt nicht zueinander passen

Die abenteuerliche Zeit des „Wandels durch Annäherung“

Alles ist möglich: Menschen landen auf dem Mond, zwischen West- und Ostberlin kann man wieder telefonieren, ein Diskus fliegt kilometerweit, ein Deutscher bekommt den Friedensnobelpreis, in einer Thüringer Kleinstadt gibt es das europaweit beste Japan-Restaurant: Anfang der 70er Jahre sprechen viele Zeichen für Aufbruch, Fortschritt – und unbegrenztes Vergnügen bei erotischen Abenteuern jenseits der Familienplanung.

Gustav Horbel aus Lauterberg ist in der Hauptstadt Berlin gelandet, um Physik zu studieren, denn er ist sehr neugierig darauf, was die Welt im Innersten zusammenhält. In Berlins Straßen, in Bars und Theatern, im Thüringer Wald und in den Reichsbahnzügen dazwischen lernt er dann viel mehr darüber als in Labors und Hörsälen. Während er mit Prüfungen an der Universität wenig Scherereien hat, macht er in den Prüfungen des Lebens keine besonders gute Figur, er will einfach zu hoch hinaus. Ob das am Geist dieser 70er Jahre liegt, in denen alles möglich scheint?

Zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit stolpert Gustav durch eine bewegte Zeit. Gott sei Dank nimmt ihn immer wieder jemand bei der Hand, manchmal ein berühmter Mann, manchmal die schönste Frau der Welt.

Probelesen können Sie jetzt schon, „Babels Berg“ erscheint im Herbst 2010 im Salier Verlag Leipzig

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Eisbein an Quote

Altes Neues aus den Anstalten

Eisbeine warten auf die Quotenentscheidung
Eisbeine warten auf die Quotenentscheidung

Stellen Sie sich vor, dass Sie etwa zehnmal jährlich Ihre Stammkneipe besuchen, wo es eine schöne Auswahl an Essen gibt. Besonders auf Eisbein versteht sich der Koch, aber er bietet außer dem notorischen Schweineteil mit Sauerkraut und Püree noch andere delikate Gerichte, dazu knackiges Gemüse, frischen Salat und Desserts an. Es gibt guten Wein. Ihnen wird niemals langweilig; Sie probieren fast jedes Gericht, das Eisbein sogar zweimal im Jahr.
Nun etabliert sich nebenan ein Spezialist für billiges Eisbein. Dort gibt es schlaffen Salat, verkochtes Gemüse und zum Dessert überteuertes Eis aus der Kühltruhe. Das Eisbein ist zwar okay, aber Sie gehen da nicht hin.
Der Wirt Ihrer Stammkneipe hat nun ein kleines Problem: er muss von Zeit zu Zeit seine Preise erhöhen, denn sein Personal wird nach Tarifen bezahlt, die er nicht kündigen kann. Er kann auch niemanden hinauswerfen. Der Nachbar dagegen ist bei der Gestaltung seiner Betriebswirtschaft völlig frei, außerdem verschafft ihm eine mächtige Brauerei als Sponsor finanzielle Vorteile. Die billigen Preise ziehen eine Menge Kundschaft zu den Eisbeinen, er verkauft seinen ganzen billigen Ramsch, einschließlich 0815- Eis, weil die meisten Leute zu faul sind, nur für ein Dessert das Lokal zu wechseln. Der Laden beginnt zu brummen.
Einige Eisbein- Esser werden der Stammkneipe untreu. Der Wirt könnte nun sagen: lassen wir das Eisbein ganz, konzentrieren wir uns auf andere Attraktionen, um Gäste hinzuzugewinnen. Darüber gäbe es einerseits Streit mit dem Koch, andererseits wäre fraglich, ob der mögliche Zugewinn mit Neuerungen den Verlust der ziemlich großen Eisbein- Klientel ersetzen würde. Der Wirt fragt einen anerkannten Unternehmensberater.
Von nun an werden Daten erhoben. Es kommt heraus, dass das Eisbein unmöglich aufgegeben werden kann. Die Lösung des Beraters: wir machen das Eisbein billig und gleichen den Verlust durch Streichen der selten nachgefragten Gerichte aus. Das bringt Ersparnis, so geschieht es. Ein paar Eisbeinesser kommen zurück. Das Nachbargeschäft floriert inzwischen aber noch mehr; der Konkurrent kann es sich leisten, das Sauerkraut von einem Dutzend sehr leicht bekleideter Mädchen flambieren zu lassen. Ein Bombenerfolg.
Ihr Wirt muss reagieren. Die untrügliche, wissenschaftlich fundierte Statistik sagt, dass der Erfolg des Konkurrenten vor allem beim männlichen Publikum erzielt wurde. Man möge doch nun, meint der Berater, sich stärker der weiblichen Eisbein- Klientel zuwenden, etwa durch Auslegen eines großen Sortiments an Boulevard- Zeitschriften. Das sei gemäß mehrfach erhärteter Umfragen in Friseursalons ein absoluter Bringer. Die befragten Frauen hätten zu 90% mit Ja auf die Frage geantwortet, ob das Vorhandensein der Klatschblätter ihren Aufenthalt begünstige.
Die Zeitschriften werden gekauft, das Dessertangebot wird dafür eingeschränkt; schließlich muss auch der Berater samt seinem wissenschaftlichen Personal bezahlt werden. Nur flambiertes Eis in verschiedenen Variationen bleibt im Programm. Auch beim Gemüse gibt es Einschränkungen; es kommt dem Wirt zupass, dass die Köchin mit dem besonderen Händchen für frische Kräuter und Gemüse sowieso gerade in Rente geht. Die Stelle wird nicht wieder besetzt, eine Aushilfe kümmert sich fortan um die Beilagen…
Sie stellen eines Tages fest, dass Ihnen Ihre Stammkneipe zu teuer wird, zumal sich das Angebot kaum noch von dem bunten Schuppen nebenan unterscheidet. Sie mögen dort nicht mehr hingehen.
Die Geschichte können Sie selber weiter spinnen: von den sich epidemisch ausbreitenden bunten Schuppen für Billigeisbeine über die Porschesammlung des Unternehmensberaters, die Pleite Ihres einstigen Stammlokals, dessen Wirt leider nicht den Mut zu wirklich eigenem Profil hatte, bis zu dem Eingeständnis, dass Sie selbst, nun ja, ab und zu noch ein Eisbein essen gehen. Gottlob gestattet Ihnen Ihr Einkommen den Besuch eines teuren Restaurants, wo wirklich exzellent gekocht wird. Es gibt frisches Gemüse und sagenhafte Desserts, sogar den Intendanten des Fernsehsenders haben sie schon dort gesehen.
Und nun machen Sie sich ruhig einmal die Mühe, in Ihrer Programmzeitschrift (falls Sie so etwas haben) die sogenannte „Prime Time“- Leiste von ca. 19 bis 23 Uhr hinsichtlich der Inhalte auszuwerten. Wieviel Sport (Fußball!), Unterhaltungsmusik, Serien und Filme mit Kriminalfällen oder seichten Storys finden Sie dort bei den Hauptsendern? Wieviel Boulevard? Wie sehr unterscheiden sich die Nachrichtenformate nach den Inhalten? Was bleibt übrig, wovon sie mit Überzeugung sagen könnten: das ist eine wirklich frische Sendung mit originellen Gedanken und mutigem Standpunkt, die mich überrascht und mir zu denken gibt?
Dank der „Medienforschung“ ist die „kulturelle Grundversorgung“ des gebührenfinanzierten Rundfunks heute vom Angebot der billigen bunten Buden nebenan nicht mehr zu unterscheiden. Klar: manche Buden sind besser geworden. Aber die Selektion nach rein quantitativen Erfolgswerten – eben den Quoten – hinterlässt eine Monokultur mit all den von anderen Monokulturen hinreichend bekannten tödlichen Gefahren.
Sie können sagen: das ist mir wurst, denn ich sehe sowieso kaum fern und verschwende meine Zeit auch nicht an öde Dauerdudelprogramme im Radio. Das Zeug ist halt für Mehrheiten, die mit Ewiggleichem versorgt werden wollen, wie mit ihrer gewohnten Biermarke zum Eisbein, und ich schere mich höchstens um das, was mich besonders interessiert.
In diesem Fall sind Sie wirklich in einer Situation privilegierter Selbständigkeit, allerdings könnte es Ihnen manchmal schwer fallen, sich Gesprächen Ihrer Mitmenschen anzuschließen.
Sie können sagen: mir ist das Programm ganz recht, weil ich vorm Fernseher oder Radio entspannen und nicht meine Konzentration zusätzlich beanspruchen will. Mein Leben ist von der Arbeitswelt so strapaziert und ausgepowert, dass ich zusätzliche Anforderungen an Konzentration und Lernfähigkeit nicht ertrage.
Im letzteren Fall hoffen Sie vermutlich auf Ihre baldige Berentung oder sie fürchten, Ihre Anstellung zu verlieren. Oder beides. Oder Sie leben schon von staatlicher Fürsorge. Ihre Fernsehgewohnheiten dürfen sie dann ruhig beibehalten. Sie müssen nur mit der Einschätzung der fürsorglichen Programmverwalter und Medienforscher leben, dass es zu mehr bei Ihnen eben einfach nicht reicht und dass Sie eine höhere intellektuelle Qualität des Programms gar nicht wollen.

Chinas Gesichter – eine Welt

China: Alltag der Riesen, der Zwerge und wundersamer Verwandlungen

Wenn jemand für ein einziges Buch den Literatur-Nobelpreis verdiente, dann Liao Yiwu.
“Fräulein Hallo und der Bauernkaiser” fasst das Drama des totalitären China auf so einzigartige, unwiderstehliche Weise in Worte, dass sich mir jede Beschreibung des Inhalts verbietet. Lesen Sie es! Sie werden ahnen, mit welcher Wucht sich das Riesenreich in die Weltgeschichte einbringt – nicht nur in die Wirtschaft, sondern vor allem in die Kultur. Wir können nur hoffen, dass dieses in jeder Hinsicht gewaltige Geschehen, dessen Zeugen wir werden, von Stimmen wie der des Liao Yiwu begleitet, dass diese Stimmen überall gehört werden.
Sein Buch hilft – über alle Grenzen von Sprache und Kultur hinweg – die eigene Schwäche, Blindheit, Verlorenheit zu spüren, vielleicht, sie zu überwinden.
Wang Xilin, Revolutionssoldat, später als Komponist gedemütigt, gefoltert, an den Rand des Wahnsinns getrieben, sagt in einem der Gespräche, aus denen das Buch besteht: “Meine Musik hat keine Zärtlichkeit, da ist nichts Bourgeoises, sie ist ein großer, lackschwarzer Teich, alles Umliegende wird in ihn hineingefüllt, Tränen, Blut, Schlamm, Seufzer, Schreie, mit all dem ist der See angefüllt, sagen Sie selbst, wie sollte er nicht schwer und tief sein?”
Die Geschichten dieses Buches sind bei aller Schwere, Tiefe, bei allem Schmerz doch auch leicht und zärtlich und voll Humor.
Den Übersetzern Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder ist zu danken, dass all das in der deutschen Fassung erlebbar wird.

Liao Yiwu “Fräulein Hallo und der Bauernkaiser”, S. Fischer Verlag 2009, 539 Seiten, 22,95 €

Bücher brauchen Kinder

Cover des Kinderbuches

Kinderbuchprojekt für soziale Zwecke

Es ist eine elementare Gabe des Menschen, dass er erzählend die Phantasie seiner Zuhörer in ganz eigene Welten entführen kann, wo sie ihrerseits viel mehr erleben, als der Erzähler weiß. Man nennt das gern „Kino im Kopf“. Nicht jeder mag sich auf von ihm selbst erfundene Filme verlassen; meine Großmutter nahm ein in rotes Leinen gebundenes dickes Buch mit goldner Prägung zur Hand, die „Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm“, las daraus vor und half, uns Kindern die Zukunft als angepasste, folgsame, unkritische Zeitgenossen zu verderben.

Wenn Kinder heute sagen: „Lies mir vor“, dann ist das ein Vertrauensbeweis. Natürlich macht es Spaß, sie zum Lachen und zum Staunen zu bringen – es ist die nobelste Verpflichtung. Aber sollten sie nicht auch Schwimmen lernen in einem Phantasiemeer voll Untiefen, voll mit gefährlichen Strömungen, allüberall lauernden Schlingpflanzen und womöglich gar tödlichen Monstern? Beinahe schwieriger: kann man sie bewegen, nicht nur im Seichten zu plätschern, sondern den quietschbunten Gummibooten, lärmigen Animateuren, banalen Plastikhilfen das mutige Eintauchen vorzuziehen, sich nicht für den Schwimm-Ersatz zu entscheiden, sondern fürs Ausdauertraining, belohnt vom Gefühl „ich kann mich dem Wasser anvertrauen, mich aus eigener Kraft darin behaupten“?

Das Buchprojekt „Lies mir vor“ bot bisher wenig bekannten Autoren die Chance, sich solchen Fragen zu stellen. Sie durften ehrlich mit ihren künftigen Zuhörern umgehen, sie mussten sich nicht anbiedern, weil sie unbedingt etwas verkaufen wollten. Die Erzählerinnen und Erzähler, die sich im Wettbewerb des „Autorenweb“ für die Publikation qualifiziert haben, ermuntern auf jeweils eigene Art zum gemeinsamen „Schwimmtraining“ von Zuhörern und Vorlesern. „Lies mir vor“, unter Schirmherrschaft des Rotary Club Berlin Potsdamer Platz bei „Books on Demand“ veröffentlicht, macht Kindern Lust, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu erleben – etwa aus der eines kleinen Menschen, der so anspruchslos wie heiter in einem Schließfach am Würzburger Hauptbahnhof haust oder aus der eines Bienenschwarms, dem die Königin geraubt wurde. Schutzengel und Feen tauchen auf, Tiere und Handys können sprechen; es finden sich Gedichte nach Fabeln, sie sind prima auswendig zu lernen und eine gute Schule fürs Sprachgefühl. Großmächtige Helden tauchen nicht auf, literarischer Schwulst ebensowenig. Neugier, Phantasie, Hilfsbereitschaft, die Überzeugung, dass das Wunderbare sich direkt vor unseren Augen ereignet, wenn wir nur sehen wollen, sind Zutaten der Geschichten und Gedichte in diesem Bändchen, dem man nur ein etwas hochwertigeres editorisches Gewand wünschte – zumal der Erlös sozialen Projekten zugute kommen soll.

Dabei ist „Lies mir vor“ eigentlich Teil eines sozialen Alltagsprojekts, bei dem wirklich fast jeder sich um die Zukunft der Kinder verdient machen kann: jeden Tag, fast überall mit all den wunderbaren Texten der Weltliteratur, die nicht nur für Kinder geschrieben sind.

Eine kurze Probe zu “Lies mir vor” als Video zum Nach- und Bessermachen für die Kinder ;-):

Bei Book on Demand ISBN 978-3-8391-7272-8
Paperback, 184 Seiten (9 Zeichnungen)
20,00 Euro