Die Qualen der Exzellenz

Rosarose

Rosen, Tulpen, Nelken ...

Immer mal wieder ruft mich ein Stammtischbruder der 70er Jahre an, ein schon damals graumelierter Mann mit seriöser Ausstrahlung, von dem viele meinten, er habe es bis zum Offizier im besonderen Einsatz des Ministeriums für Staatssicherheit gebracht. Um als “Romeo” in Bundesministerien in Bonn oder in NATO-Generalstäben Sekretärinnen einzuwickeln, war er wohl seinerzeit schon zu bequem oder trank etwas zu viel, einerlei: Seine Erfolge bei anlehnungsbedürftigen Frauen mittleren Alters konnten sich sehen lassen.

Ausgerechnet eine seiner Gespielinnen von ehedem behauptet hartnäckig, der Typ sei verlogen bis in die letzte Windung seiner Epididymis (sie drückte sich derart unflätig aus, dass ich das Originalzitat etwas abwandle), er habe heute noch Angst davor, dass aus den Säcken mit Geschreddertem oder Zerrissenem im Bestand der Behörde sich eines Tages seine Missetaten zusammen puzzeln ließen. Ich mag das nicht glauben. Seine Erkundigungen über mein Wohlbefinden erscheinen allerdings in einem etwas seltsamen Licht, denn sie häufen sich, seit ich in der DäDäÄrr Erlebtes in Romanform publiziere. Möchte er sich davon überzeugen, dass anhaltendes Lebensglück die Folgen seinerzeitiger Denunziationen und Zersetzungsmaßnahmen ausgeglichen hat, dass seine Beteiligung an einem diesbezüglichen “Operativen Vorgang” in den Fluten des Styx versunken und er damit entschuldigt ist?

Was meine Zweifel nährt ist, dass er immer wieder einmal darauf zu sprechen kommt, ich sei ja zeitweise ein strammer Parteigänger gewesen (was nicht stimmt; Hierarchen, selbst Werbern der SED war ich ebenso tief zuwider, wie sie mir), ich habe ihn sogar in Diskussionen links überholt. Das stimmt allerdings. Meine Konflikte mit der Sozialistischen Einheitspartei und ihren Helden an der unsichtbaren Front der ideologischen Subversion beruhten wesentlich darauf, dass dä DäDäÄrr mit einer Entwicklung zur “Freien Assoziation emanzipierter Individuen” – von Marxengels im “Kommunistischen Manifest” ersehnt – so viel zu tun hatte, wie Erich Mielkes Menschenliebe mit Mutter Teresa. Na ja; ich hatte eine Menge Illusionen darüber, wie viel ich in diesem Staat durch selbstausbeuterische Arbeit an den Theatern in Richtung freier Individuen würde bewegen können. Am Ende war ich froh, nach ein paar Jahren als Hilfskellner in den Westen zu entkommen, ohne in Zellen von Hohenschönhausen, Bautzen oder sonstwo als Devisenbringer der Firma “Kommerzielle Koordinierung des Menschenhandels” zwischengelagert zu werden. Mein Stasi bei der Innenbehörde gab mir, als ich nach vier trostlosen Wartejahren gehen durfte, mit auf den Weg, ich werde mich, als Arbeitsloser am Hamburger Hafen sitzend, noch zurücksehnen in dä DäDäÄrr, aber darin irrte er. Im Frühling 1989 saß ich “arbeitslos” am Hamburger Hafen, es ging mir prächtig, meine Sehnsucht entsprach der nach einer Leberzirrhose.

Mein Stammtischbruder kam wenig später ebenfalls im Westen an. Dank seiner technischen Qualifikation fand er binnen kurzem eine Arbeit, seine Tätigkeiten im Osten spielten keine Rolle, lange Zeit hörte ich nichts von ihm. Mir wäre nie eingefallen, den Kontakt von einst wieder zu beleben; weder zog es mich zu den Stammtischbrüdern, noch trieb mich der Wunsch, einstigen Denunzianten und “Zersetzungsbeauftragten” auf die Spur zu kommen. Dazu gab es viel zu viele Konflikte im Westen, die zu erkennen und womöglich zu lösen mir als sinnvoll erschien. Insofern geriet ich niemals in Gefahr, arbeitslos zu werden, auch wenn allfällige Anstellungen nicht lange währten. Sie dauerten genau so lange, wie sie es verdienten. Das war zwar ein Dilemma für den Verdienst, füllte aber mein Leben mit sehr viel sinnvollen, lehr- und erfolgreichen Unternehmungen. Ich lernte großartige Menschen kennen, und die Frauen meines Lebens hinderten mich daran, größenwahnsinnig zu werden.

Jetzt, kurz bevor mein zweiter Roman seine Premiere feiert, meldete sich mein – inzwischen längst pensionierter und ganz silberweißer – Gefährte wieder, um von den geplanten Lesungen ins Vergangene abzuschweifen. Tat er es, um herauszuhören, wie viel von seiner Verstrickung ich herausgefunden hatte, recherchiert in den Akten der Behörde, hernach verwandelt, literarisch zur Kenntlichkeit entstellt? Quälten ihn um dessentwillen Ängste? Oder suchte er immer noch nach dem in jenen Jahren greifbaren, dann ausgebliebenen Erfolg: den Jüngeren, Freizügigen, Mutwilligen in der Tiefe mit dem Keim der Zersetzung infiziert zu haben, der ihm zwanzig Jahre später, da seine Bücher allesamt kaum gelesen werden, das Dasein zur Hölle macht, die Prophezeiung von der Erfolglosigkeit im Westen erfüllend, den seelischen Krebs der Depression nährend wie einst in der DäDäÄrr? Auch die Geheimdienstspezialisten des Westens bescheinigen solchen Zersetzungsplänen der Mielke-Armee psychologische Exzellenz.

Diese Exzellenz der zu höheren Zwecken berufenen Angestellten und ihre Qual, nicht ans Ziel zu gelangen, werde ich allerdings nie verstehen. Aufrichtig gesprochen: es regt sich kein Mitleid. Es wäre auch unsinnig. Womöglich sehe ich Gespenster, und der Mann war lebenslang ein harmloser Mitläufer. Woran es nur liegen mag, dass mich das überhaupt nicht beruhigt?

Dichtung und Wahrheit

Der arme Poet

Penthouse oder Mansarde?


Wenn es mit dem Geldverdienen wieder einmal gar nicht klappt, einem obendrein liebe Kolleginnen und Kollegen in den Ohren liegen, man möge ihnen doch Tipps geben, wie sie mit welchen Beiträgen bei welchem Sender, Verlag, …. (beliebig zu ergänzen durch andere Auftraggeber) landen und somit oder durch Inanspruchnahme öffentlicher Fördergelder instand gesetzt würden, ihre Rechnungen zu bezahlen, dann, ja dann ist es wieder einmal Zeit, sich in eine ruhige Ecke zu setzen mit einem Glas Rotwein, einer Zigarre oder einer Pfeife voll guten Rauchtabaks und etwas zu dichten.

Etwas, das niemandem gefallen muss, außer einem selbst, etwas das keinerlei Applaus noch sonst irgendeinen kurzfristige Nutzen verspricht, sondern einfach nur der Freude am Gelingenden dient. Natürlich ist diese Freude, diese kurzfristige Abwendung von Leistungsmessungen aus dem “Markt”, diese Hinwendung zu sich selbst auch von Nutzen, vermutlich sogar von ziemlich nachhaltigem. Sie erhöht die Lebenserwartung. Messbar ist das nicht, die Messung aber schon deshalb unsinnig, weil eine Lebenserwartung rein quantitativer Art, beziffert nach Lebensjahren, -wochen, –tagen, –stunden, –minuten, –sekunden ja zurück in die Falle der Leistungs- und Quotenwelt führte, geradewegs zur Zwangsvorstellung vom Pharmavertreter, der mit der Stoppuhr neben dem Sterbelager wacht.

Es ist Erwartung an Leben selbst – nur und ausschließlich am Wohlgefühl messbar, in der Welt zu sein, just mit den Erfahrungen und den Ausdrucksformen, die einem zu eigen sind.

Das ist der Nutzen des Dichters – oder?

Kiesel

Spiegelbild eines Felsens im See

Unsichtbar in der Tiefe - was?

Erschienst du mir ein wenig blass am Morgen?
Und strahltest nachts, mein Stern, in jedem Licht.
Warst du nur müde? Hieltest du verborgen
Ein schattiges Gespinst aus deinen Sorgen?
Die Sonne zeigt: du zeigtest sie mir nicht.

War ich es selbst, der deine Mienen trübte?
Zog ich die Folie über deinen Glanz?
Dein Wort war zögerlich, dein Blick Distanz.
Dein Kuss blieb stumm – du gabst ihn mir nicht ganz.
Dieweil ich mich in süßem Reden übte.

Du bist schon fort, eh’ ich mich’s recht versehen.
Versäumte ich, dein Bleiben zu erflehen?
War dir der Abschied leicht? Du bliebst nicht stehen
Und winktest kaum zurück. Ich blieb allein.
So macht aus Sonne und Vulkan das Meer den Stein.

Traumsterben

Felsen in Baden-Baden

Steter Tropfen höhlt den Stein ...


„Meine Liebste“, presste Gustav Horbel heraus, „jeder sieht, dass wir beide unzufrieden sind. Vielleicht liebst Du mich so wie ich Dich, vielleicht sogar noch mehr, wir wünschen uns beide nichts inniger, als miteinander glücklich zu werden. Was uns daran hindert, sind in Deinen Augen meine Unzulänglichkeiten, ich aber bin nicht mit Dir unzufrieden, sondern mit der Welt. Das ist schlimm, weil Du in dieser Welt zufrieden leben könntest, gäbe es nur meine Unzulänglichkeiten nicht. Du müsstest mich erziehen. Ich liebe Dich. Mir würde nie einfallen, Dich erziehen zu wollen. Aber ich will auch nicht von Dir erzogen werden.“
(Aus Kapitel 2 im „Raketenschirm“)

Siegertyp

Aus einer Annonce in der „B.Z.am Abend“, Ostberlin Ende August 1985:

„Achtung! Torsten, 22/182, dkl.-blond, s. sportl., s. schlk., ehemal. Leistungssportler (Leichtathlet), m.-l. WA [bedeutet marxistisch-leninistische Weltanschauung – I.S.], künftiger Schauspielstudent, selbst., aufrichtiger, s. feinfühliger, expressiver romantischer Berliner, recht unkompliziert, unbed. zuverlässig, ehrlich, s. humorvoll, unabhängig, unternehmungslustig, willensfest! – sucht s. freundschaftl., zuverläss. u. sympathischen, soliden, gleichinteressiernden, persönl. wietumfassenden Briefwechsel(zwichen Anfang/Mitte 20 bis Mitte/Ende 30jährig bevorzugt!) – Interessen: Leichtathletik, Wassersport, Tennis, Reiten, Medizin, militär. Berufe, klassische und rockige moderne Musik, zudem besonders Theater/Film, Kino, Kunst, gute Bücher, Porträtfotogr., Fotografik, Natur, Reisen/Autotouristik u.v.a.m. Warte auf ernstgemeinte, aussagekräftige Antwort, (Chiffre … )“

Wer hätte da nicht zugreifen wollen – bei so einem makellos perfekten Romeo aus der Kaderschmiede … Sowas gab’s nur im „real existierenden Sozialismus“.

Seltsame Texte

Immo 1982

Spinner, Staatsfeind: frei auf eigene Rechnung

Es war 1985. Mein Versuch, ein Off-Theater in Ostberlin, damals Hauptstadt der DäDäÄrr zu gründen, war von der Behörde verboten worden.
Im Tagebuch vom 29. Juli steht:

„Das Gefühl ABSOLUTER SCHUTZLOSIGKEIT als einziger Beleg (und Preis) für moralische Integrität – wie lange hält man das aus?
Entsetzlich: dieses Verwundern der Leute, dass man nicht konform geht, dass man nicht bereit ist, den Preis für Wohlstand und Erfolg zu zahlen. Sie achten – respektieren – nur den ERFOLGREICHEN Künstler, nicht den Künstler. Sie nehmen, was sie zur Selbstbestätigung brauchen und bemerken nicht den Selbstbetrug. (Wie sich unsere Gesellschaft in ihren Elitekünstlern selbst betrügt). Was für eine Verantwortung für die wirklich Großen: Widerstand über jede Koketterie hinaus!

Das ist – Kernfragen des Buches vorwegnehmend – ein Kommentar besonderer Art zu Tellkamps „Turm“. Und dann fragt sich der nach Hinauswürfen und Verboten zur Untätigkeit Verurteilte, was bleibt:

„Das Wenige, das ich mir auferlege, ist meiner Angst geschuldet, …, die Konfrontation suchen, um nicht vereinnahmt zu werden, …, Leiden, um unempfindlich zu werden (wie unempfindlich bin ich schon?).“
Aber dann steht da mit roter Tinte:
„Verweigerung als die bequeme Möglichkeit, sein Teil Schuld nicht tragen zu müssen?“
Was für eine bizarre Frage angesichts der Tatsache, dass die an Brutalitäten und Rechtsbrüchen Schuldigen sich damals wie heute erfolgreich ihrer Verantwortung entziehen!

Ende der Depression

Titel des Buches von Noe

Wegzeichen der Philosophie


Manchmal scheint einem, als fielen die wichtigen Publikationen über einen her – genau dann, wenn man ihrer am meisten bedarf.
Ein Auftrag zu einem Feature von einer Redakteurin des SWR war mit dem Hinweis auf Alva Noes „Du bist nicht Dein Gehirn“ verbunden; das Buch erwies sich als hochintelligente Fortführung philosophischer Diskurse, die sowohl in „Der menschliche Kosmos“ Denkanstöße sind, wie auch als Gedankenexperimente in „Babels Berg“ auftauchen, wo der Physiker Anton Fürbringer ihnen nachgeht.
Dann kam vom Verlag als Rezensionsexemplar Ines Geipels „Seelenriss“ ins Haus. Die Stärke dieser Autorin ist, Geschichte und die strukturierenden Muster von Sozialverhalten in lebendiges Miterleben zurückzuführen; ihre Berichte von der „Volkskrankheit Depression“, deren pandemisches Wachstum jede Schweine- oder Vogelgrippe zum Hühnerauge der Medizinhistorie schrumpft, sind packende Beweise für die Auffassung „Der Körper in seiner unablässigen, untrennbaren Interaktion mit der Welt ist die Seele“. Ja. Und Krankheiten der Seele sind Krankheiten der Welt.
Buchcover

Mehr als ein Thema für die Pharmaforschung

Ermutigung mit Zeitzünder

Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber wenn nach vier Jahren ein Buch so gelobt wird, wie „Der menschliche Kosmos“ jetzt vom wirklich sachkundigen Andreas Zeuch auf „psychophysik.com“, dann ist es ein deutliches Zeichen für die Frische der Texte und ein Grund zur Freude:
„Wer sich von – wie es auf dem Buchrücken selbst lautet – „Fundsachen“ inspirieren lassen kann, wird reich belohnt. Und wer dann noch bereit ist, die „praktischen Übungsstückchen“ zu erkunden, wird aus eigener Erfahrung Neues lernen können.“

Ostberlin 1985 – schon vergessen?

U-Bahn von Pankow nach Alex, unten das WC

U-Bahn von Pankow nach Alex, unten das WC

Wo sich – von Stasispitzeln umsorgt – die „Literaturszene“ des Prenzlauer Bergs sammelte, auch die Szene der Homosexuellen und DDR-Lesben, auf deren Homepage sich das Foto findet, war es schräg, aber nicht lustig, heiter nur ausnahmsweise, Sarkasmus half. So entstand – ohne Aussicht, je veröffentlicht zu werden – folgendes Feuilleton:

WC


Das Café liegt an der Schönhauser, ungefähr auf halber Strecke zwischen Buchholzer und Stargarder Straße. Bei Stammkunden heißt es „WC“ und das kommt der Wirklichkeit näher als „Wiener Café“ , denn es riecht hier nach Trieb und Hoffnungslosigkeit, es ist ein Ab- Ort, ein Ort von Abseitigen und Abseitigem, eine ungeliebte aber unvermeidliche Stelle: man hat längst keine Lust, dort hinzugehen, aber es bleibt einem gelegentlich nichts anderes übrig. Fast jeder, der hierher kommt, muss etwas loswerden, mancher gar in exhibitionistischer Pose; Abprodukte geistigen und psychischen Stoffwechsels werden entladen, „Frust“ heißt das und wird weg- und hinuntergespült und gärt und reagiert weiter im Zusammenströmen, bildet kurzlebige Verbindungen, schillernd, quellend, Blasen platzen. Je nach Tageszeit fließen Rinnsale oder Ströme von Kunden zu, verlaufen sich im Unterirdischen der Großstadt, wenn um Mitternacht Schluss geboten wird.
Eine Fotoreproduktion eines Merian- Stiches vom alten Wien bedeckt eine Wand; den Schmutzablagerungen nach ist sie zur Entstehungszeit des Originals angeklebt worden.
Das Mobiliar ist von vollendeter DDR-Tristesse, der Kaffee verdient seinen Namen so wenig wie das ganze Lokal, das Bedienungspersonal hat Wienerisches nur, wenn es raunzt oder grantelt: preußischer Charme und Wiener Ordnungsliebe.
Kein Pianist bedient den alten Flügel unterm geräucherten Fotopanorama, kein Stehgeiger fiedelt sich durch. Wenn jemand – geübt oder ungeübt – in die Tasten greift, wird ihm das vom Personal ebenso harsch verwiesen, wie das Umstellen von Stühlen. Mineralwasser wird aus Geschäftsinteresse nicht serviert, ebenso wenig Schoppen preiswerter Weine. Der Laden ist immer aufs Ekelhafteste verqualmt, im Sommer stickig, im Winter zugig, weil doch ab und zu einer ein Fenster öffnen muss , damit er es bis zum Feierabend aushält, kurz: der Ort ist elend, trist und ungemütlich, das Angebot erbärmlich, der Name ein schlechter Witz – aber es ist fast immer brechend voll.
Weshalb kommen die Leute hierher?
Wegen der Leute. Die bunten Frauen wegen der verkannten Genies, die verkannten Genies wegen der bunten Frauen oder die bunten Frauen wegen der bunten Frauen – aber niemals die Genies wegen der Genies.Es gibt da einen vom Alkohol furchtbar zugerichteten Architekten, er war ganz oben, als die Stalinallee die neue Ära sozialistischer Baukunst markieren sollte; jetzt unterhält er, sich von Tisch zu Tisch hangelnd, mit alkoholischen Wirrsalen Punks und schwarzes Leder, Mädchen in uralten Fräcken oder Bratenröcken, Tätowierte oder haarkünstlerischen Exzessen verfallene Paradiesvögel, trübe Weltverbesserer, smarte Schwule, Dichter so dünnhäutig wie unbekannt, und wenn der Eichstrich erreicht ist, finden sich aus ihren Reihen, die den in Hockstellung verklumpten Schnapsleichnam nach Hause tragen.
Vor dem Tiefstgesunkenen schweigt der Konkurrenzneid: dieser ist konkurrenzlos erledigt, ein aggressiv aber wirkungslos schwafelndes Plüschtier, von niemandem mehr verachtet. Denn trotz des scheinbar duldsamen Nebeneinanders so vieler unterschiedlicher Typen, Charaktere und nur ihrem Äußeren nach zusammengehöriger Gruppen gibt es hier viel gegenseitige Geringschätzung. Führt auch der warme „WC“-Mief die Außenseiter und im Realsoz zu kurz gekommenen zusammen: schnell, wie ein Lidreflex von außen schützend, fällt Eisig-Feindliches innen vors Auge, wenn ein herzlich unwillkommener Bekannter erkannt und abgetan wird.
0 deutsche Sehnsucht nach Erlösung in Konformität, konform noch in den Formen des Nonkonformismus.
Dazwischen ein verirrter Bürger mit Bügelfalten.

„Was will’n der hier ???“
„Stasi“.
„Quatsch, schwul.“
„Stasi und schwul!“
Irgendwann kommt der Tag, wo die Tür krachend aufschlägt. Dann schwebt die Schneekönigin in weißem Tüll herein, einen Zylinder aus frostsprühenden Kristallen im himmelblauen Haar. Eisiger Hebel ist um sie herum, ihre Schritte knirschen Rauhreif ins abgelatschte Linoleum, winzige Füßchen in gläsernen Sandaletten, ihre Augen: schmelzendes Eis in einem See 7000 m überm Meer, Brillantsplitter auf den Wimpern, ihre Brauen die Grate des Eisgebirges, auf der Stirn schlummert ein Wintergewitter. Ihr Mund schwillt hellrot vom Herzblut der Opfer mitten in der arktischen Landschaft. Der Bürger sitzt unterm Tisch und spürt das Stahlrohr des Möbels magnetisch werden vor Kälte: wir nähern uns unaufhaltsam Minus 275,15°C, sein Herz ein Klumpen Trockeneis. Räuspert sich wer? Redet der vom hellen Gesicht Geblendete Verlegenes, während die spöttischen Blicke der Insider auf ihn niederklirren? Schmutzige Schneebälle fliegen ihm ins Gesicht, aber da sitzt er schon wieder, Rücken gerade und der Supermann (Apoll?), Meister aller Klassen der Männerwelt brennt der kühlen Märchenfee an seiner Statt, stellvertretend, repräsentativ, Löcher ins Glatte: zwei in die Basis, sieben in den Überbau, das historisch-materialistisch geschulte Denken bringt ihn ins Gleichgewicht, er ist gerächt. Die anderen haben den Actus – so oder so ähnlich – längst voll-
bracht, aber nun ist er unter ihnen nicht länger verloren: Männersolidarität.
Und doch – Eisprinz sein, sei es für kurz, hieße alle unter den Füßen lassen, die Sonne sehen von der Höhe ewigen Eises, baden im mörderischen Licht, die Schwärze des Kosmos ganz nahe, überm hauchdünnen Blau…
Die Königin ist längst vorüber, und hämischer Atem flickt flirrenden Flocken am Zeug, bis sie zu lauen grauen Tränen zerrinnen.
Das. „WC“ ist geschlossen. Es wird rekonstruiert, die schmuddelige Gemütlichkeit von nobler, neureicher Langeweile vertrieben. Die Legende sagt, dass das Verhältnis zwischen Gästen und Personal in den letzten Tagen voll wehmütiger Freundlichkeit gewesen sei, und am letzten Abend haben alle auf Treppen und Fußboden gesessen und zur Musik vom alten Flügel gesungen und getanzt. Vielleicht öffnet dieses Jahr das „Wiener Cafe“, aber wir werden uns dort nicht wiedersehen.