Die Freiheit zu schreiben

KalschDie  Freien Mitarbeiter bei den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten scheinen es langsam satt zu haben, als Manövriermasse der “Entscheidungsträger” behandelt zu werden.  In einer Resolution machen sie auf Verhältnisse aufmerksam, die sich seit 30 Jahren stetig verschärft haben. Nothing left to lose?

Es sind ziemlich genau zehn Jahre, dass ich von den damaligen Vorgesetzten zunächst mit Rauswurf bedroht wurde, dann meinen Rahmenvertrag verlor, weil ich zu den Arbeitsbedingungen vergleichbare Stellung bezog. Der damalige Abteilungsleiter versicherte, ich werde nie mehr für den SWR arbeiten, sorgte dafür, dass ich bei den Anstalten einen Ruf erwarb, auf den ich stolz bin: Redakteure vermieden es, den Querulanten zu beschäftigen. Mein Einkommen brach ein, denn der “feste Freie” hat es schwer, andere Auftraggeber zu finden, meine Rente fällt unter das Stichwort “Altersarmut”, aber der “Fußtritt in die Freiheit” half mir – wie 20 Jahre zuvor in der DäDäÄrr – zu publizieren, ohne erpressbar zu sein. So entstand auch der Roman “Raketenschirm”.

Mit Hilfe des DJV und einiger loyaler Kollegen beim SWR-Hörfunk erkämpfte ich mir den Status des „freien Freien“ – meine Arbeiten werden immer noch gern im Programm wiederholt. Also: Standhaft bleiben, Rückgrat zeigen, nicht gleich zur #Kalaschnikow greifen Zwinkerndes Smiley

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Internetwirtschaft macht reich

Die Vorhersagen im „Raketenschirm“ erweisen sich als zuverlässig: Jeder Konzern, der seine Produkte über das Vertrauen in Marken verkauft, muss fürchten, von einer “Wir sind die Guten”-Community als profitgieriger Verteiler giftiger (mindestens gesundheits- oder umweltschädlicher) Ware markiert und ausgeschrien zu werden. So treffen wir auf eine seit alters her verlässliche Methode, sich Vorteile – in Form von Geld, gern als Ausbeute öffentlicher Aufmerksamkeit – zu verschaffen: DAS GERÜCHT. Es kann Einzelnen mit Unterstützung einer Community sehr, sehr viel Aufmerksamkeit und Geld bringen, wenn der Konzern um die Zugkraft seiner Marke fürchten muss. Das Kapitel 10 zeigt, wie’s gehen kann – Ähnlichkeiten mit aktuellen Kampagnen sind rein zufällig – falls nicht deren Initiatoren sich vom “Raketenschirm” inspirieren ließen

HWODer Schnauzbart irritiert sie, die runde Brille erinnert an historische Vorbilder aus den Jahren der Oktoberrevolution, der Anzug am fülligen, dennoch fest und sportlich trainiert wirkenden Leib stammt von einer Nobelmarke, unterm Doppelkinn ist der Kragen offen, keine Krawatte, ein Dreitagebart, kahle Stellen im grauschwarzen Stoppelhaar: Als sich Hermann Hofrichter zu Silvia an den Tisch setzt, mit „Freundschaft“ grüßt, grinst, wirkt er entspannt und locker. Er muss bald 65 sein.

„Du siehst nicht aus wie ein Rentner“, sagt seine Halbschwester. (…)

Hermann nickt versonnen: „Das Tolle an diesem Land: es lässt seine Spinner nicht verhungern. Mal sehen, wie lange ’s noch funktioniert.“ Silvia ahnt, dass jetzt der Katechismus folgt. Hermann fasst nach einer schmalen Mappe, holt ein Notepad heraus, macht ein paar Fingergesten. „Die Spinner haben sogar genug Geld, es in die Revolution zu investieren. Schau mal: das ist in den letzten drei Tagen hereingekommen.“ Er hält ihr den glänzenden Bildschirm hin. Sie überfliegt Tabellen, eine Grafik. „Möchtest du nicht auch spenden? ,Heal the World, Make It A Better Place … For You and For Me … And the Entire Human Race’ …“, summt er.

„Wusste nicht, dass du singen kannst. Was macht ihr mit diesem riesigen Haufen Geld? Möchtest du nicht etwas davon in eine Kulturstiftung für – sagen wir: meine Mösengalerie – stecken?“

„Klar.“ Hermann beobachtet Silvias Reaktion. „Nur nicht sofort. Schau – es ist so: Wir haben dir geholfen, jetzt könntest du für uns etwas tun. Dein Ziel, den Mädchen und Frauen dieser Welt Beschneidungen, Zwangsehen, Sklavenhandel und so weiter zu ersparen, ist auch eines der Ziele unserer NGO, eines nur, aber die anderen werden dir auch gefallen.“

„Du redest jetzt nicht vom ‚Leninistischen Aufbruch‘?“ Silvia ist platt.

„Ach was. Solche kindischen Etiketten kleben sich nur Schwachköpfe und verkalkte Veteranen des Kalten Krieges an. Im Zeitalter des Internets verlaufen Revolutionen vollkommen anders – oder hast du den ‚Arabischen Frühling‘ verschlafen?“

„Natürlich nicht, und ich bin besonders gespannt darauf, wie er sich auf die Lage der Frauen auswirken wird.“

„Siehst du. Frauensolidarität bleibt wichtig. Wir haben sehr renommierte Aktivistinnen, die einschlägige Foren betreuen, neue Kräfte gewinnen, starke Argumente – vor allem Bilder – beisteuern. Die Welt muss sich ändern, Nachhaltigkeit, Klimawandel, soziale Gerechtigkeit … du weißt schon. (…) Es muss niemand mehr auf die Straße gehen, sich als fahnenschwenkender Märtyrer niederschießen lassen, wenn er eine Chemiefabrik kaputtmachen, einen Banker zum Kniefall bringen will. Informationen über eine verseuchte Landschaft, einige Dutzend betrogene Anleger reichen: Sie müssen nur groß genug sein für Nachrichten in den Leitmedien, eine große Zahl von Menschen dazu bringen, sich uns anzuschließen: Dominanz in den Medien ist das neue Kapital, und das Internet ist die Methode der Akkumulation. Wir sind die Guten, wer zu uns gehört, gehört an die Macht.“

„Und wie nennt sich das Ganze? Nicht mehr Kommunistische Partei?“

„Tu nie alle Eier in einen Korb. Auch Utopisten, Grüne, Tierschützer, jede Sorte sozialistischer Bewegungen konkurrieren in dieser Welt. Sogar Religionen.“ Hermann bläst einen verächtlichen Lacher durch die Nase. „Die Kunst besteht darin, ständig neue Netze zu knüpfen, den Leuten die Überzeugung zu vermitteln, dass sie auf der richtigen Seite stehen, zur ‚Heal-the-World‘-Bewegung gehören, die Kunst ist, dabei als Bewegung so groß wie irgend möglich zu werden. Und natürlich das Geld dafür einzusammeln.“

„Bei den Spinnern.“

„Und bei denen mit schlechtem Gewissen, bei denen im Hintergrund, im Dunkeln wenn ’s sein muss …“

„Erpressung.“

„Quatsch. Wiedergutmachung. Wenn du die Moralinsäure weglässt, kriegst du vielleicht endlich eine Mahlzeit hin, die überall auf der Welt gegessen wird. Oder möchtest du auf eine große Kosmetikfirma als Sponsor für deine Muschibildchen verzichten?“

„Der Kommunist rettet die Frauen der Welt mit L’Orèal – oder isses Beiersdorf?“