Gefährliche Spiele

Als Gabi ihre Tochter zum ersten Mal mit einer tanzenden Untertasse erwischte, nahm sie es von der heiteren Seite. Dass spielende Kinder Gegenstände zweckentfremdeten, war normal. Es war also auch normal, einen Teller auf den Rand zu stellen, ihn um die eigene Achse kreiseln zu lassen, zuzusehen, wie die Kreiselbewegung ins Schlingern kam, Frequenz und Geräusch sich steigerten, bis das Ding platt auf dem Boden lag. Sie fragte sich nur, wie Carla darauf gestoßen war: Sie selbst hatte ihr den Trick nie gezeigt. Er gehörte zur Vergangenheit, zu den Liebesnächten mit Anton, zum Aufstieg in den Spitzenkader des DDR-Sports, zum Absturz ins Leben als Geschiedener mit Kind. Sie hatte nie mehr versucht, ihre besondere Gabe beim Umgang mit rotierenden Scheiben wiederzufinden. Im Augenblick, da die Rotation von Carlas Untertasse auf dem Küchentisch erstarb, fiel ihr ein, dass gerade zehn Jahre seit jener Nacht im Studentenheim vergangen waren, in der sie über sich hinausgewachsen, in deren Folge sie vom Physiker Fürbringer erobert worden war. Hatte Anton der Tochter irgendwann gezeigt, was sie mit Tellern, Münzen, jeder Art Scheiben anstellen konnte?

„Hast du das im Hort gelernt?“

„Nö, das konnte ich schon immer.“

Die Naumburger Gioconda

Gustav blinzelte von seinem zerwühlten Nachtlager aus, zwischen Wedeln der aus einem Dattelkern selbst gezogenen Palme hindurch, zu den Ahnenporträts an der Wand. Sie waren über Jahrzehnte in einer Kiste auf dem Dachboden der Herrengasse 10 in Lauterberg verstaut gewesen, in den schwarzen Rahmen waren Holzwürmer unterwegs. Diese Bilder waren das einzige, was er aus seiner Kindheit  in sein Berliner Domizil hinübergerettet hatte.

Sonnenkalb Porträtiert waren die Urgroßeltern seiner Ururgroßmutter, sie hatten ziemlich genau 200 Jahre zuvor in Naumburg an der Saale gelebt, blickten ihn fast in jedem Winkel des Zimmers an: der Herr Apotheker Sonnenkalb mit Perücke, Kragenbinde in rotem Rock auf düsterem Grund und seine Frau, so undurchsichtig lächelnd wie die Gioconda. Sollte der unbekannte Naumburger Porträtmaler an das berühmte Vorbild gedacht haben, so ließen Nase und Kinn seines Modells, die allzu große Stirn, die wasserblauen Augen es zur Persiflage werden.

Dennoch nahm die recht eigentlich herbe Frau Gustav durch ihren undurchschaubaren Gesichtsausdruck für sich ein. Das Lächeln milderte ihre Strenge, gab aber nichts, nicht einmal mütterliche Züge preis.

Für einen Moment ahnte der verkaterte Regiestudent wieder etwas vom Geheimnis des Schauspiels: Man musste möglichst genau den Strömen seiner inneren Erzählung folgen, dabei hellwach in die Umgebung hineinspüren, auf sie spontan, intuitiv, mit einer gewissen Unschärfe reagieren, die aktuelle Wirklichkeit der Bühne in unvorhersehbare Möglichkeiten eines ungeschehenen Lebens verwandeln, wiederholbar und unwiederholbar zugleich. Er erinnerte sich an Tines Geschichte vom verlorenen Ball: vom Fluss davongetragen, hatte er in ihrer Kinderzeit einen Wirbel aus Trennungsschmerz hinterlassen. Sie konnte diesen Wirbel ansteuern, der Schwarm der Mitspieler auf der Bühne und im Zuschauerraum folgte ihr. Was den Schwarm an Tines Führung band: er wurde in eine Richtung mitgenommen, die ihm vertraut erschien. Emotionen wurden eingestimmt auf etwas, das folgen musste – etwas Komisches, etwas Tragisches. Die Erwartungen ließen sich erfüllen oder durch eine Überraschung brechen – soweit wurde das Handwerk des Theaters von vielen Schauspielern beherrscht, sogar von manchen Regisseuren. Tines Spiel aber eröffnete unvorhersehbare Blicke, gab Rätsel auf, ließ Geheimnisse ahnen, Unvorstellbares vorstellbar werden gegen die Erwartungen, es verstörte Gewohnheiten. Sie gehörte keinem Schwarm an, jeder aber würde ihr folgen.

Das „Theater des wissenschaftlichen Zeitalters“, wie es der Institutsdirektor gern propagierte, mit einem klaren, rational fassbaren Auftrag, erschien Gustav Horbel dagegen wie ein Aquarium ohne Wasser. Freilich: die Fische darin waren immer noch Fische – rein wissenschaftlich betrachtet. Aber er begann zu verstehen, dass sich Wissenschaft nur dann der Kunst verbinden konnte, wenn sie sich mit der verzweifelten Kraft, mit der unbezwingbaren Sensibilität der Kreatur wappnete, die Hand vom Geländer frei bekam, sich von der Wand im Rücken abstieß, ins furchterregende Elixier des Lebens stürzte, eintauchte ins Reich der Angst, des Todes und der Liebe. Es war das Wagnis, alles zu verlieren, um sich in der Welt zu finden.

Einsteins Geheimnis

Erwin_Schrödinger

Anton Fürbringer ist Physiker, ein Sonderling, der in den 70er Jahren an der Akademie der Wissenschaften der DDR eigene Wege beschreitet. Das Foto zeigt Erwin Schrödinger, einen seiner geistigen Väter, Autor des Buchs “Geist und Materie”. Leser von “Babels Berg” kennen Anton schon – im “Raketenschirm” treffen sie ihn wieder. Wer mag, folgt ihm sogar bei seinem Nachdenken über den Menschen und sein Universum …

Anton wäre nicht eingefallen, die Grundfesten des Marxismus-Leninismus zu erschüttern, er stieß nur an eine Grenze des Denkens, die ihm als das Natürlichste von der Welt erschien: dass Objektivität Fiktion war, dass ein von menschlichem Handeln unabhängiger Blick – von einem Standpunkt im letztlich menschenleeren Universum aus, einer Gott ähnlichen Position also – nur sehr begrenzte Einsichten zeugte, dass „Objektivität“ für die Physik der Elementarteilchen gar nicht, für die Astrophysik eingeschränkt zu brauchen war. Niemand konnte schließlich mit einem menschenleeren Universum irgendeine Erfahrung machen. Es existierte nur als Spekulation, als Konstrukt des Denkens, in menschlichen Köpfen – dort möglicherweise aufgrund einer allüberall wirkenden universellen Mathematik, die aber letztlich wieder nur im und durch den Menschen vollständig war. Das Universum, in dem die Physiker, Astronomen, Chemiker Biologen mit ihren Instrumenten sich tummelten, für das Mathematiker kühnste Modell entwarfen, sie von gigantischen Rechenmaschinen als Simulationen ausspucken ließen, war ohne Gedanken, Gehirne, die zugehörigen Körper samt den ihnen vorausgegangenen Vorfahren, deren Vorgeschichte bis zu den ersten organischen Molekülen nicht zu verstehen. Diese „Vorgeschichte“ war ihrerseits aber jedenfalls nichts als Konstrukt menschlichen Denkens, denn eine direkte Interaktion mit Vergangenheit war nach aller Erfahrung ausgeschlossen. Zu keiner Zeit ließ sich ein Eindringling von jenseits des Ereignishorizonts, also von jenseits der mit Lichtgeschwindigkeit Zukunft von Vergangenheit scheidenden Barriere auffinden – Invasoren aus dem Übermorgen oder Vorgestern gab es nur in blöden Science-Fiction-Stories.

Das Vergangene lebte – untrennbar von der Gegenwart – bis in alle Zukunft fort, aber nur und ausschließlich als fortwährende Verwandlung, und deren Urgrößen waren komplementär: Trägheit und Flüchtigkeit. Oder noch elementarer: Nichts und Etwas. Dieses Urpaar aus Null und Eins gebar die Zeit – und war von da an unauffindbar, weil es zugleich die Grenze des Universums markierte, die es mit allem, was in irgendeiner Form an Zeit gebunden war, unumkehrbar dem Ursprung entrückte. Die Grenze war und blieb die Lichtgeschwindigkeit. Keine Messung würde zum Ausgangspunkt gelangen, kein Denken ihn fassen, weil Denken ebenso an die Physis und ihre Zeit gebunden war wie jede andere Bewegung.

Der Symmetriebruch, also die vom Menschen erlebte, nur in eine Richtung laufende Zeit, war unheilbar, der Mensch lebte diesen Symmetriebruch fortwährend, trieb ihn durch alles hindurch, was er ersann, war selbst zugleich eine spezielle Form des Getrieben-Seins im universellen Gegeneinander, im Zusammenwirken von Träge und Flüchtig. Alle anderen Dimensionen – sowohl die im Alltäglichen vertrauten des Raums wie auch die imaginärer Räume der Mathematik – besaßen Symmetrien, aber selbst der Umgang mit noch so hoch dimensionierten Universen entließ den mathematisierenden, modellierenden Menschen nicht aus dem Eingebettet-Sein in die asymmetrische Zeit, aus dem Eingebettet-Sein in just seine physischen und sozialen Umfelder.

Die Zeit war nicht nur ein Gefängnis, die Zeit war der Stoff, aus dem recht eigentlich die Welt bestand, fand Anton, ihr gegenüber nahmen sich andere Fragestellungen von Physik und Philosophie übersichtlich aus.

Goethes Gretchen und Horbels Stasikind

GoetheGeorgOswaldMay1779

Goethe 1779 als junger Jurist in Diensten des Weimarischen Herzogs. Vier Jahre zuvor hatte er den “Urfaust” geschrieben – darin die Tragödie von Gretchen. Sie hatte ein historisches Vorbild

Susanna Margaretha Brandt, Waise eines Soldaten, Dienstmagd in Frankfurt, verliebte sich – einmal in ihrem aussichts- und trostlosen Leben – in einen, der viel versprach: in einen Goldschmiedegesellen aus Holland, einen der herumkam, nicht aus dem heimischen Stallmief stammte. Er war gleich wieder weg, sie war schwanger. Niemand konnte sie schützen, ihr helfen, das Kind kam am 1. August 1771 als Sturzgeburt in der Waschküche zur Welt, sie tötete es, floh ins noch Aussichtslosere, schaffte es nicht weiter als bis Mainz, kehrte nach Tagen aussichtslos zurück, wurde eingesperrt, verurteilt, auf dem Blutstuhl enthauptet: „Der Nachrichter führte die Maleficantin mit der Hand nach dem Stuhl, setzte sie darauf nieder, band sie in zweyen Ort am Stuhl fest, entblösete den Hals und Kopf, und unter beständigem zurufen der Herren Geistlichen wurde ihr durch einen Streich der Kopf glücklich abgesetzt.“

Dem jungen Goethe mit all seinen Liebeleien, dem sorglosen Galan, frischgebackenen Rechtsanwalt ging die Sache derart unter die Haut, dass er sie mit sich fortschleppte; Abschriften der Prozessakten fanden sich noch in seinem Nachlass. Freilich hinderte ihn das nicht, 1783 als Herzoglich-Weimarischer Minister das Todesurteil gegen eine andere Kindsmörderin gutzuheißen.

Horbel fragte sich, wie feige er selbst sich vor sechs Jahren aus dem Leben von Silvia, dem Stasikind, verabschiedet, wie sorglos er sie ihrem Schicksal überlassen hatte. Was wäre geschehen, wenn er sie damals geschwängert hätte? Hätte er sie zur Abtreibung genötigt wie sein Freund Matthias Montag die minderjährige Doris? Hätte er wie jener sie lebensgefährlich verletzt beim Versuch, selbst den Abort herbeizuführen?

Solche Fragen stellten sich eigentlich so wenig wie die nach dem Kranzgeld, denn Abtreibungen waren in der DDR seit Anfang der 70er Jahre während der ersten drei Schwangerschaftsmonate legal; in den Kliniken wurden unerwünschte Embryos am Fließband entsorgt. Auch das Stasikind hätte sich des Problems entledigen können, falls die Eltern gehörigen Druck aufbauten. War das der Grund, weshalb sie sich nie bei ihm gemeldet hatte?

Er musste sich nicht grämen wegen einer jungen Frau, die vermutlich längst verheiratet war, Kinder aufzog, keinen Gedanken mehr an ihn verschwendete. Aber aus dem Traum einer Liebe, unerfüllt, unaufgelöst, wucherten Phantome von abgeschnittenen Gefühlen, amputierten Leidenschaften, die sich im „Urfaust“ wiederfanden – und Horbel hätte gern etwas von der weiblichen Sicht auf solche Tragödien erfahren. Das hätte ihn von manchen Ängsten und Nöten erlöst.

Stattdessen schickte ihm die Hochschule für Schauspielkunst eine Studentin, der er noch weniger gewachsen war als dem ganzen Urfaust.

Zuchthaus als Freizeitpark

Um nach Gabi Fürbringer zu suchen, hat sich Gustav das schmale Büchlein einer Zeitzeugin über Hoheneck beschafft, das größte und schlimmste der Frauengefängnisse in der DDR.

Fast zeitgleich mit der Lektüre läuft im Fernsehen ein Spielfilm über das Zuchthaus. Eine junge Pianistin, die wegen eines Ausreiseantrags dort inhaftiert ist, wird von einem IM-Arzt unter Psychopharmaka gesetzt, sie soll den Antrag widerrufen, verliert unter Medikamenteneinfluss bei einem Arbeitsunfall zwei Finger, ihr Leben in der Musik ist amputiert. Den Arzt trifft sie zwei Jahrzehnte später als Klinikchef im Westen wieder.

Es ist Fiktion. Die Wirklichkeit von Hoheneck war schlimmer: Edeltraut Eckert, eine 25 Jahre alte Dichterin, zu 25 Jahren Haft verurteilt, weil sie Plakate „Für Freiheit und Demokratie“ angeklebt hatte, geriet während einer Nachtschicht mit den Haaren in eine Maschine, ihre gesamte Kopfhaut wurde abgerissen, medizinische Nothilfe erhielt sie viel zu spät, sie starb fünf Tage nach dem Unfall im Krankenhaus. Gustav hat ihre Gedichte gelesen, sie erschienen 50 Jahre nach ihrem Tod. Edeltraut Eckert wird in der Fernsehdokumentation über Hoheneck, ausgestrahlt nach dem Spielfilm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht erwähnt. Keiner ihrer Richter, Ermittler, Gefängniswärter wurde je zur Verantwortung gezogen.

„Gefängnis Schloss Hoheneck“ ist im Internet jahrelang als lohnende Investition gepriesen worden, als passendes Objekt für ein „Kultur- und Eventzentrum“ mit vielversprechendem Einzugsgebiet. Demonstrationen gab es in Deutschland nur gegen Bahnhöfe, Landebahnen und Atomkraftwerke.

Vom Nutzen und der Qual, dem Theater des BB anzuhängen

Gustav Horbel hat nach allerlei Turbulenzen das vierte Jahr seines Regiestudiums erreicht, fast alles über das Theater Bertolt Brechts gelernt, das Meiste mag er, z.B. den Satz “Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein”. Seine Diplominszenierung steht an, nur ein einziges Theater will das Experiment mit dem Diplomanden wagen. Das Stück, das er inszenieren soll, hat den Titel “Söhne des Stahls”, verfasst hat es der Nationalpreisträger Claus H. Grandel.

Er konnte die Geschichte hin und her wälzen so oft er wollte – Horbel bekam nicht den Kern zu fassen, aus dem heraus sich dramatische Widerborstigkeiten hätten entwickeln lassen. Die Dialoge der Figuren strotzten vor Nettigkeit oder Pathos, lauter harmlose Angestellte neckten sich gegenseitig oder gingen ernsthaft ihren sozialistischen Geschäften im Stahlwerk nach, als Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets die Langeweile schafft.

Der Konflikt war genaugenommen ein klassisches Dreieck: junge, hübsche Kranführerin wird vom Parteisekretär angebetet, der ist aber verheiratet mit einer so kreuzbraven wie eifersüchtigen Christel von der Post. Eines Tages taucht in der Poststelle ein Brief aus dem Westen an das Kranmädel auf, fällt der Rivalin in die Hände, wird dampfgestrahlt, offenbart ein Geheimnis: das Kranmädel ward einstens adoptiert, die natürlichen Eltern erkundigen sich nach dem seitherigen Ergehen, deuten die Möglichkeit einer Familienzusammenführung Richtung Ruhrgebiet an. Triumphierend hält die Postfrau ihrem Gatten den Schrieb vom Klassenfeind unter die Nase. Der ist natürlich pikiert, sorgt aber ebenso natürlich dafür, dass der Brief die Empfängerin erreicht.

Was aber tut die Bestarbeiterin am Hebezeug? Sie – obwohl der führenden Klasse zugehörig – schwankt! Aber nicht etwa aus politischen Gründen, sondern weil sie beleidigt ist. Der Galan mit Führungsrolle gesteht ihr nämlich neben seiner Liebe auch den Übergriff gegen’s Postgeheimnis; nicht seinetwegen, so die Rede, habe er sich stasiartig verhalten, sondern um die Hoffnungsträgerin am verhängnisvollen Schritt gen Westen zu hindern. Folgt die Gretchenfrage: Soll ich deinetwegen hierbleiben oder für die Planerfüllung im Stahlwerk?

Der Mann ist ein Held und wählt das Stahlwerk nebst Christel, woraufhin Gretchen nach einigem Hin und Her Richtung Duisburg entschwindet. Pause.

Danach wird’s auf nicht weniger erwartbare Weise dramatisch: die Westeltern sind reich, aber mit dem Gemüt einer emanzipierten Heldin der sozialistischen Arbeit inkompatibel. Sie versuchen andauernd, sie standesgemäß zu verheiraten. Das Ostkind büxt aus, trifft einen kernigen Stahlarbeiter, der nach ihrem Geschmack ist, lässt sich von ihm ein Westkind machen. Naja – der Titel ließ etwas Derartiges erwarten. Statt sich nun übers kommende Enkelchen zu freuen, machen die West-groß-eltern der armen Gretel das Leben sauer, weil der Schwiegersohn nicht standesgemäß ist. Die zischt daraufhin gemeinsam mit ihrem Stahlwerker ab Richtung Arbeiter-und-Bauern-Staat. Das sieht nach einem Happyend aus, wird es aber nicht, und genau dafür wurde das Stück 1969 von der Presse gelobt, verfilmt, der Autor bekam einen Nationalpreis, Gustav Horbel von einem Theater im Norden der DDR den Auftrag, es zum 30sten Jahrestag der Staatsgründung wiederzubeleben, obwohl sich die Familienzusammenführerei seit den Helsinki-Verträgen Mitte der 70er Jahre zu einem veritablen Ärgernis für den Staat von Erich & Erich ausgewachsen hatte. Die “Söhne des Stahls” sollten dennoch aufrütteln.

Der Autor nämlich, Claus H. Grandel, wusste den dramatischen Knoten zu schürzen: Die Westeltern setzen im letzten Akt mit Unterstützung einer ebenso bösartigen wie bestechlichen Figur, der Losbudenbesitzerin Edda, ein Gerücht in die heile Welt der Stahlkocher: der Parteiarbeiter, nicht der an der Walzstraße hat das Gretel geschwängert. Der Duisburger Kraftkerl fährt daraufhin in seinem mitgebrachten Manta den Rivalen zum Krüppel. Natürlich kommt alles heraus. Edda beichtet in einem Heulkrampf, der Klassenkämpfer, im Rollstuhl von seiner Christel zum Finale geschoben, nimmt ein gerüttelt Maß Schuld auf sich, der Stahlarbeiter, immer noch zweifelnd an der Liebe der Kindsmutter, verordnet ihr und sich drei Bewährungsjahre, in denen er bei der Nationalen Volksarmee dienen wird „Dat unsa Kind vor Omma, Oppa un Ihresjleischen sischa is!“. Vorhang.

Gustav fragte sich, ob von den Verantwortlichen ernsthaft jemand daran glaubte, irgendeine von Erich & Erich enttäuschte Krantante, Kellnerin oder Verfasserin unveröffentlichter Poesie zöge nach Ansicht einer Vorstellung von „Söhne des Stahls“ anno 1979 ihren Ausreiseantrag zurück. Falls das die Botschaft war, hätte sie schon zur Premiere niemand hören wollen – außer den von Berufs wegen ins Theater Abgeordneten. Tine hatte Recht: Es war Kitsch, es war vielleicht halbwegs erträglich gewesen, wenn man Schauspieler wie sie mit ihrer abgefeimten Naivität und Obentraut mit seinem bulligen Charme hatte. Gustav Horbel würde sie nicht haben. Er musste die Botschaft ändern, ohne die Figuren zu verraten. Das war unmöglich, also begann er, sich an einer akribischen Konzeption abzuarbeiten – vom Bühnenbild über die Dramaturgie bis zu den Vorgängen in jeder einzelnen Szene, Charakteranalysen bis in Nebenrollen hinein. Er wollte, ganz im Sinne des großen Bertolt Brecht, die Geschichte historisieren, verfremden, sie ins „seltsam ferne Jahr 1969“ versetzen und dadurch den Zuschauern das „Dazwischenkommen“ ermöglichen, das Mit- und selber Denken. Und das Denken gehörte ja nach Brecht zu den größten Vergnügungen der Menschheit. Darin folgte Gustav Horbel, der ehemalige Physiker und Regiestudent, gar zu gern BB, dem Lehrer seiner Regielehrer.

Im Herbst legte er dem zuständigen Dozenten das Ergebnis in einem dicken Aktenordner vor. Der nickte überraschenderweise, drückte Gustav das Paket nach drei Tagen wieder in die Hand und sprach: „Na, dann machen’se mal, Horbel. Bin gespannt, was dabei rauskommt.“

Verstopfte Zukunft

Das ist einer der Texte aus den Jahren meines Berufsverbots in der DDR 1985 bis 1989. Ich hatte viel Zeit, Augen und Ohren offen zu halten, nachzudenken, meine Hausaufgaben zu machen.

Auf Autobahnen springt kein Ball
Beton begräbt vergessene Kinderspiele
der liebe Gott verschwindet fern im All
Gevatter Tod starb längst in seiner Siele.
Bunt lockende Unsterblichkeit quillt aus Maschinen
der Schnupfen wird zu einem Lieblingsfeind
wir üben lächelnd, Apparaten dienen
Schmerz ist vermeidbar: es wird nicht geweint.

Es wird gelächelt. Und es wird bestätigt.
Einander. Jeder sich. Und jeder jeden.
Die schöne neue Welt wird aufgenötigt
durch Fernsehbilder und durch Zeitungsreden.
Die Sonne scheint in Breitwand und Color
in Betten triumphiert die Nettigkeit
Erschütterung kommt praktisch nicht mehr vor
gesichert fressen wir die Zukunft heut.

Der Sommer geht

 

Balkonherbst

 

Rainfarne blühn am Damm

Goldrute, Fingerhut und Glockenblume

Im Schatten wölbt sich duftend Schwamm an Schwamm

Müd unter Stoppeln liegt die Ackerkrume.

Korallen wachsen an den Ebereschen

Spinnweben wehen zwischen Tau und Tag

Der Sommer geht. Aufs Mähen folgt das Dreschen

Auf manches Streicheln folgt der erste Schlag.

Reif ist der Sommer. Dunkler sind die Farben

Des letzten Blühens zwischen spätem Grün

Wahrer die Träume, die noch nicht verdarben

Tiefer in kurzer Nacht empfangene Narben

Für Wünsche die wie Meteore glühn.

 

Das Gedicht stammt aus dem Jahr 1987. Seit fast zwei Jahren wartete ich zwischen Hoffen und Verzweifeln auf die Ausreise aus der DDR. Dass ich nicht unterging, verdanke ich außergewöhnlichen Frauen, guten Freunden, die zu mir hielten. Ohne die tiefen Bindungen an Landschaften, Literatur und Musik hätte ich nicht überlebt. Ich war nicht allein. Meine Texte sind jetzt, da sie erscheinen dürfen, ein großes Dankeschön dafür, dass ich mich nie im Stich gelassen fühlen musste.

Anspruch

Ach, du wolltest Goethe gleichen
Einstein, Mozart oder Che
Wähntest, alles zu erreichen
Fliegend und auf hoher See
Fahnen schwenkend in den Straßen
Nächte wachend im Labor
Kamst du dir so wichtig vor
Während Sachen dich besaßen
Während Menschen dich vergaßen
Ach, du kannst dich selbst nicht sehen
Jeder Spiegel lügt dich an.
Deine Frau will nichts verstehen
Von dem Kindertraum im Mann.
Zeit und Leid ziehn tiefe Rinnen
Durch die Stirn, vom Kinn zur Nase

Und du ahnst: die letzte Phase
Deines Lebens will beginnen.
Du beginnst, dir nachzusinnen.

Goethes Elegien

Ulrike von Levetzow - zu jung

Der verzweifelte Wunsch, das Alter durch die Liebe zur jugendlichen Ulrike von Levetzow zu bannen, gebar die Marienbader Elegien

Den Schmerz lass ein. Er sagt: „Du lebst noch, Alter“,
Sagt, „lass mich ruhig an deiner Seite sein
ich bin für die gezählten Tage dein Verwalter
wenn ich dich stör, betäube mich mit Wein.

Es sei ein Bündnis gegen’s frühe Sterben,
gegen den Wunsch zu gehen vor der Zeit.
Ich mache Dich zum letzten Flug bereit
Wie den am Kerzenlicht verbrannten Falter.“

Lass ein den Schmerz, lass Dir den Becher reichen
Der ein für alle mal erprobt dein Sehnen
Hältst Du nicht stand, welkst Du dahin mit jenen
Die greinend sich aus trübem Dasein schleichen.

Du musst ihn wollen, diesen Weg ins Helle
Der ohne Leiden nicht zu finden ist
Lass ein den Schmerz, verstrichen ist die Frist
Mach einmal noch aus Qualen eine Quelle.

Fühl, wie dir Träume eggen deinen Leib
Streu Würze des Verzichts ins bloße Fleisch
Die Haut aufs Blut zu schinden sei dir Zeitvertreib
Ein letztes, engstes Band von dir zum Weib
Ertrag noch stumm am Pranger das Gekreisch
Hüll dich in letzter Worte dunklen Sinn
Dann wirst du still. Dann nimmt der Schmerz dich hin.