Knarrpantis Kontor

Meister_FlohErst 86 Jahre nach dem Tod E.T.A. Hoffmanns erschienen jene Texte aus seinem “Meister Floh”, die 1822 der Zensur zum Opfer gefallen waren. Beanstandet wurde die Figur des “Geheimen Rats Knarrpanti”, eine Satire auf Spitzel und Bürokraten der Restaurationsjahre nach 1819. Knarrpanti brachte sein Rechtsverständnis auf den knappen Satz, wenn erst der Verbrecher ermittelt sei, werde sich das begangene Verbrechen von selbst finden. Damit gehört er zweifelsfrei zu den geistigen Vätern der “Terrorbekämpfung”. 1986 erschien Hans-Joachim Schädlichs “Tallhover”, die Geschichte des ewigen Geheimpolizisten, der jeder Macht zu Diensten ist. Es sind Traditionslinien, die fortdauern, darum tauchen sie im “Raketenschirm” zwangsläufig auf.

Gustav Horbel verliert im Laufe der 80er Jahre jede Arbeitsmöglichkeit – aber er verliert nicht den Mut. Seine Helfer sind Frühling, Sommer, Herbst und Winter – die vier schlimmsten Feinde der sozialistischen Planwirtschaft

Gustav Horbel retteten die Jahreszeiten. Er ließ sich treiben, versank in der grünen Tiefe des Liepnitzsees, streunte zwischen sonnendurchfluteten Bäumen, stöberte Pilze auf, die er zuvor nie gesehen hatte, lauschte den Gesängen der Vögel, schaute den Wolkenzügen hinterher. Wenn sich die Wälder färbten, betrank er sich am Duft der Vergänglichkeit, am herbstsatten Rotwein, träumte unterm Sternenhimmel zur Musik des Tonmalers Mahler. Erich Kästners Monatsgedichte musste er nicht auswendig lernen – sie wuchsen ihm ein:

Nichts bleibt, mein Herz. Bald sagt der Tag Gutnacht.

Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht,

ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer.

Dann wünsche Deinen Wunsch, doch gib gut acht!

Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

Dem Abschied von den „Oderland-Bühnen“ folgten Ablehnungen an anderen Theatern. Lehraufträge an der „Hochschule für Schauspielkunst“ endeten mit dem Hinauswurf. Es war ein bühnenreifer Moment, als der Direktor, ein hochdekorierter Schauspieler, Mitglied des Zentralkomitees der SED, Liebling der Götter Erich & Erich, Horbel demonstrierte, wie ohnmächtig er, der kleine Regisseur, sich zu fühlen hatte.

Wie Kreon in Brecht/Sophokles’  “Antigone” war der Mächtige zugleich Sklave seiner Rolle, sein Geist, sein Urteilsvermögen steckten in der ZK-Zwangsjacke. Das erschien Gustav, dem Brecht-Schüler, lächerlich: spätestens seit Rudolf Bahros „Alternative“ wussten alle, wie sich dieser zur Macht gekommene Mime später rituell auf die Unwiderstehlichkeit historischer Verhältnisse herausreden würde, herausstehlen aus der Verantwortung, faule Entschuldigungen finden für die erdrosselten Begabungen, die abgeschnittenen Leben an der linientreuen Hochschule; die Belegschaft der angestellten Dozenten würde Deckung finden im Wind-Schatten des ohnmächtig-mächtigen Chefs. Es waren Despotenmuster von schönster fraktaler Selbstähnlichkeit, alles war erbärmlich vorhersagbar.

Grimmige Heiterkeit erfüllte Gustav Horbel, als er diesem Professor von Stasis Gnaden, einem der zahllosen Wiedergänger Knarrpantis gegenübersaß. Die grimmige Heiterkeit verband Gustav, seit er lesen konnte, mit Knarrpantis Erfinder, dem Kammergerichsrat E.T.A. Hoffmann. Wenn es ihm besonders schlecht ging, gesellte er sich dem „Gespenster-Hoffmann“, seinem liebsten Landeskundigen im Reiche Absurdistan zu, gemeinsam soffen sie sich durch Berliner Kneipen und Bars, tranken auf den Herrn Direktor und seine ewigwährende Gefolgschaft, die Duckmäuser und Denunzianten, vor allem darauf, dass sie nicht im mindesten zu beneiden waren.

Horbels Arbeitsmöglichkeiten wurden schmaler, seine Tagebücher dicker, zugleich nahmen die ungelesenen Seiten in der Chronik seiner Ururgroßmutter Anna Knauth ab. Er war inzwischen geübt, die altdeutsche Schrift zu entziffern, ahnte hinter durchgestrichenen Passagen die Worte, Ängste, Lüste, Hoffnungen, den Abscheu und die Verzweiflung. Sein eigenes Leben füllte sich mit Annas Tönen, und die Literatur jener Epoche, der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war das große Orchester für Annas Solo. Hoffmanns Erzählungen machten einen guten Teil der Partitur aus, aufgeführt wurde im grünen Konzertsaal zwischen Kap Arkona und dem Rennsteig. Die Knarrpantis blieben draußen.

Werbeanzeigen

Hosen voll vorm Polenkrieg

1981PolenAnfang November 1981 wird Gustav Horbel für drei Monate als “Schütze Arsch im letzten Glied” zum Reservistendienst bei der NVA eingezogen. Das hat er sich am Theater durch Widersetzlichkeiten gegenüber den Herren von SED und Stasi verdient. Er wird zu einer Division “Motorisierter Schützen” nach Stahnsdorf bei Potsdam abkommandiert, damit er kapiert, wo’s langgeht im Sozialismus. Die Kaserne hinter Mauern und Stacheldraht liegt hinter Mauern und Stacheldraht, die aus der DDR eine einzige große Kaserne machen sollen.

Dass Drill, Stumpfsinn, Subalternität in diesem System jede Ehrlichkeit, Solidarität, Neugier, Selbständigkeit zerstörten, war ihm nicht neu. Selbst im trostlosen Stahnsdorf zeigten sich andererseits Gegenkräfte, und bei allem Elend waren sie doch weit vom Krieg entfernt. Aber dann kam das Wochenende Mitte Dezember, an dem Urlaubs- und Ausgangssperren verhängt wurden, morgens um drei der Alarm sie aufscheuchte, stundenlang ungewiss blieb, ob man sie bewaffnen, auf die LKW befehlen, zur polnischen Grenze fahren würde.

Sie saßen in voller Montur neben ihren Spinden. Da sie illegale Transistorempfänger hatten, wussten sie, was in Warschau geschah. Dort herrschte Kriegsrecht, Oppositionelle wurden in Lager verschleppt. In dieser Nacht brach der Winter über sie herein.

„Was machen wir“, fragte Gustav seinen Kollegen, „wenn sie uns zur Oder karren, nach Frankfurt oder Schwedt?“

„Ich will es mir nichtmal vorstellen. Du? Willst du mit deiner Kalaschnikow in Polen herumfuchteln?“ Gustav schüttelte den Kopf: „Ist das nicht irre, dass Brecht und Eisler plötzlich aufrühren – ‚Vorwärts und nicht vergessen…‘“, begann er zu summen, der Kollege summte mit. Die Stube summte, fast alle summten – bis auf den Lokführer. Unterleutnant Lampert stand im Türrahmen: „Unterlassen sie das. Gesungen wird nur auf Befehl – verstanden? Wenn Sie meine Meinung wissen wollen: Kraftmeier brauche ich gerade nicht, aber wenn Sie die Hosen voll haben, geht das soweit in Ordnung.“

Liebe auf den ersten Ton

Matthias Montag, Offizier im besonderen Einsatz beim Fernsehen der DDR, hat sich einer eigenen Form der Nachwuchsförderung verschrieben und braucht, um den jungen Damen zu imponieren, eine Lebensgefährtin zum Herzeigen. Der Zufall kommt ihm zu Hilfe – in der Gestalt von “Frau Elster”

Elster_wikipedia2

Im Casino des Fernsehens erregte sich eine prominente Schauspielerin darüber, dass „die strohdämliche Frau Elster“ nicht nur mit einer Gesangsausbildung im Fach Chanson an der Musikhochschule, sondern auch mit einem nigelnagelneuen Auto bedacht worden sei, obwohl sie weder stimmliche Begabung noch die von Autokäufern im Sozialismus zu absolvierenden Wartejahre habe vorweisen können. Matthias wurde hellhörig. Dass „Frau Elster“ der Spitzname einer Eiskunstläuferin war, wusste er: Sie hatte in den sechziger Jahren etliche Medaillen gewonnen, nach einer unglücklichen Affäre mit einem Kanadier Federn lassen müssen, sich einem Kollegen ver- und entlobt, schließlich den Sohn eines Lederwarenhändlers aus Lauterberg geheiratet. Die Ehe war ebenso verunglückt wie alle sängerischen und schauspielerischen Versuche dieser Katja Günzler – der Spitzname verriet es. Matthias Montag stellte sich vor, wie die einstmals Umjubelte sich fühlen musste, während kübelweise Häme sich über sie ergoss. Der Frau könnte geholfen werden, dachte er sich, denn ihre Rachegefühle waren zu befriedigen, das Bedürfnis nach Trost, die Sucht nach Bewunderung zu stillen. Er rief sie an.

„Hallo“, tönte es aus dem Hörer, „wer ist da bitte?“

„Guten Tag, gnädige Frau“, Mathias schluckte am eigenen Schleim, „verzeihen Sie bitte den Überfall, aber meine Genossen vom Fernsehen haben mich ein wenig … nun, wie soll ich sagen … verärgert durch ihren Mangel an Sensibilität im Umgang mit Ihnen. Montag mein Name, Matthias Montag. Ich bin ein Fan, ein langjähriger Verehrer, wenn ich so sagen darf, und es schmerzt mich zu sehen, wie Sie von neidischen, missgünstigen Leuten verfolgt werden. Glücklicherweise kann ich dem aufgrund meiner Position in Adlershof entgegentreten.“

„Da sinn Se Gott sei Dank ni dor Eenzsche!“, kam es zurück, „un was wolln Se jetze von mir?“

„Ich bin zu einem Empfang beim Genossen Minister eingeladen, es wäre mir eine Ehre, wenn Sie mich begleiteten.“ Das war eine glatte Lüge, aber sie machte Eindruck.

„Isch kenn Sie doch gor ni. Minister. Welscher denn? Kultur oder …?“

„Maschinenbau“, Matthias beglückwünschte sich zu der Eingebung. „Ministerium für Allgemeinen Maschinen-, Landmaschinen- und Fahrzeugbau. Wir vom Fernsehen haben ja einen großen eigenen Fuhrpark und deshalb besondere Beziehungen zum Ministerium, Sie verstehen. Verzeihen Sie – es ist gewissermaßen ein Traum für mich, bei einer solchen Gelegenheit in Ihrer Begleitung … und es wäre ja für Sie auch durchaus interessant, wenn ein offizieller Vertreter des Fernsehens mit Ihnen aufträte, nicht wahr. Der Genosse Intendant sieht das übrigens ebenso.“ Mit der Kühnheit des letzten Satzes schwang sich Matthias Montag auf eine Höhe, für die er sich selbst bewunderte. Es konnte ihm das Genick brechen, falls Frau Elster je mit Heinz Adameck darüber sprach. In der Leitung blieb es still, der Moment dehnte sich unerträglich, Furcht kroch ihm in die Kehle – was, wenn sie auflegte?

„Nu, da solltn mr uns obr vorhär schon emol beschnubbrn, odr?“

„Das hatte ich kaum zu hoffen gewagt – nun, da Sie es vorschlagen: je eher, je lieber! Wann passt es Ihnen denn?“

„Donnerstag um Fünfe im Café vom Ballasthotel. Woran erkenn ich Sie?“

„Ich bin ganz sicher vor Ihnen da, liebe Frau Günzler und komme auf Sie zu – vielen, vielen Dank, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue!“

Die Naumburger Gioconda

Gustav blinzelte von seinem zerwühlten Nachtlager aus, zwischen Wedeln der aus einem Dattelkern selbst gezogenen Palme hindurch, zu den Ahnenporträts an der Wand. Sie waren über Jahrzehnte in einer Kiste auf dem Dachboden der Herrengasse 10 in Lauterberg verstaut gewesen, in den schwarzen Rahmen waren Holzwürmer unterwegs. Diese Bilder waren das einzige, was er aus seiner Kindheit  in sein Berliner Domizil hinübergerettet hatte.

Sonnenkalb Porträtiert waren die Urgroßeltern seiner Ururgroßmutter, sie hatten ziemlich genau 200 Jahre zuvor in Naumburg an der Saale gelebt, blickten ihn fast in jedem Winkel des Zimmers an: der Herr Apotheker Sonnenkalb mit Perücke, Kragenbinde in rotem Rock auf düsterem Grund und seine Frau, so undurchsichtig lächelnd wie die Gioconda. Sollte der unbekannte Naumburger Porträtmaler an das berühmte Vorbild gedacht haben, so ließen Nase und Kinn seines Modells, die allzu große Stirn, die wasserblauen Augen es zur Persiflage werden.

Dennoch nahm die recht eigentlich herbe Frau Gustav durch ihren undurchschaubaren Gesichtsausdruck für sich ein. Das Lächeln milderte ihre Strenge, gab aber nichts, nicht einmal mütterliche Züge preis.

Für einen Moment ahnte der verkaterte Regiestudent wieder etwas vom Geheimnis des Schauspiels: Man musste möglichst genau den Strömen seiner inneren Erzählung folgen, dabei hellwach in die Umgebung hineinspüren, auf sie spontan, intuitiv, mit einer gewissen Unschärfe reagieren, die aktuelle Wirklichkeit der Bühne in unvorhersehbare Möglichkeiten eines ungeschehenen Lebens verwandeln, wiederholbar und unwiederholbar zugleich. Er erinnerte sich an Tines Geschichte vom verlorenen Ball: vom Fluss davongetragen, hatte er in ihrer Kinderzeit einen Wirbel aus Trennungsschmerz hinterlassen. Sie konnte diesen Wirbel ansteuern, der Schwarm der Mitspieler auf der Bühne und im Zuschauerraum folgte ihr. Was den Schwarm an Tines Führung band: er wurde in eine Richtung mitgenommen, die ihm vertraut erschien. Emotionen wurden eingestimmt auf etwas, das folgen musste – etwas Komisches, etwas Tragisches. Die Erwartungen ließen sich erfüllen oder durch eine Überraschung brechen – soweit wurde das Handwerk des Theaters von vielen Schauspielern beherrscht, sogar von manchen Regisseuren. Tines Spiel aber eröffnete unvorhersehbare Blicke, gab Rätsel auf, ließ Geheimnisse ahnen, Unvorstellbares vorstellbar werden gegen die Erwartungen, es verstörte Gewohnheiten. Sie gehörte keinem Schwarm an, jeder aber würde ihr folgen.

Das „Theater des wissenschaftlichen Zeitalters“, wie es der Institutsdirektor gern propagierte, mit einem klaren, rational fassbaren Auftrag, erschien Gustav Horbel dagegen wie ein Aquarium ohne Wasser. Freilich: die Fische darin waren immer noch Fische – rein wissenschaftlich betrachtet. Aber er begann zu verstehen, dass sich Wissenschaft nur dann der Kunst verbinden konnte, wenn sie sich mit der verzweifelten Kraft, mit der unbezwingbaren Sensibilität der Kreatur wappnete, die Hand vom Geländer frei bekam, sich von der Wand im Rücken abstieß, ins furchterregende Elixier des Lebens stürzte, eintauchte ins Reich der Angst, des Todes und der Liebe. Es war das Wagnis, alles zu verlieren, um sich in der Welt zu finden.

Ikarus mit Bleigürtel

Die Galerie Queen Anne in der Leipziger Spinnerei lädt zusammen mit dem Salier Verlag zur Lesung am 26.1. ein – aus allen Teilen des Romanzyklus werden Texte vorgestellt. Hier eine Probe aus “Babels Berg” im Video:

Ein Berliner Währungsspekulant

“40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte im Roman oder Wie Stasiakten und andere Beschwernisse meiner Literaturproduktion voran halfen” – so habe ich die Veranstaltung untertitelt.
Ob meine Romantrilogie zustande gekommen wäre, hätte ich mich nicht der Aufmerksamkeit aller möglicher „Sicherheitsorgane“ in der DDR erfreut, bleibt Spekulation; dass von der Kindheit an erfahrene Rand- und Querständigkeit der Phantasie auf die Sprünge half, ist unbestreitbar, und dass Verletzungen früh erlebter Konflikte ausheilen konnten, verdanke ich ohne Zweifel der Literatur.
Fliegen lernen, wozu Wünsche und Träume seit Jahrhunderten – womöglich seit Erschaffung der Welt – die Lebenden, die Liebenden und die literarisch Vorwegstürmenden treiben: beim Schreiben konnte ich’s.
Darum handeln der „Blick vom Turm“, „Babels Berg“ und der „Raketenschirm“ von Flugversuchen, Bauchlandungen, der unentbehrlichen Hilfe vieler Menschen bei neuen Starts und davon, wie einer lernt, hinderlichen Ballast abzuwerfen – egal ob er aus Akten, Heilsversprechen oder buntscheckigen Waren besteht.
Für die Lesung habe ich entsprechende Texte gewählt; das Gespräch zwischendurch und hinterher nehme ich mindestens ebenso wichtig.

Einsteins Geheimnis

Erwin_Schrödinger

Anton Fürbringer ist Physiker, ein Sonderling, der in den 70er Jahren an der Akademie der Wissenschaften der DDR eigene Wege beschreitet. Das Foto zeigt Erwin Schrödinger, einen seiner geistigen Väter, Autor des Buchs “Geist und Materie”. Leser von “Babels Berg” kennen Anton schon – im “Raketenschirm” treffen sie ihn wieder. Wer mag, folgt ihm sogar bei seinem Nachdenken über den Menschen und sein Universum …

Anton wäre nicht eingefallen, die Grundfesten des Marxismus-Leninismus zu erschüttern, er stieß nur an eine Grenze des Denkens, die ihm als das Natürlichste von der Welt erschien: dass Objektivität Fiktion war, dass ein von menschlichem Handeln unabhängiger Blick – von einem Standpunkt im letztlich menschenleeren Universum aus, einer Gott ähnlichen Position also – nur sehr begrenzte Einsichten zeugte, dass „Objektivität“ für die Physik der Elementarteilchen gar nicht, für die Astrophysik eingeschränkt zu brauchen war. Niemand konnte schließlich mit einem menschenleeren Universum irgendeine Erfahrung machen. Es existierte nur als Spekulation, als Konstrukt des Denkens, in menschlichen Köpfen – dort möglicherweise aufgrund einer allüberall wirkenden universellen Mathematik, die aber letztlich wieder nur im und durch den Menschen vollständig war. Das Universum, in dem die Physiker, Astronomen, Chemiker Biologen mit ihren Instrumenten sich tummelten, für das Mathematiker kühnste Modell entwarfen, sie von gigantischen Rechenmaschinen als Simulationen ausspucken ließen, war ohne Gedanken, Gehirne, die zugehörigen Körper samt den ihnen vorausgegangenen Vorfahren, deren Vorgeschichte bis zu den ersten organischen Molekülen nicht zu verstehen. Diese „Vorgeschichte“ war ihrerseits aber jedenfalls nichts als Konstrukt menschlichen Denkens, denn eine direkte Interaktion mit Vergangenheit war nach aller Erfahrung ausgeschlossen. Zu keiner Zeit ließ sich ein Eindringling von jenseits des Ereignishorizonts, also von jenseits der mit Lichtgeschwindigkeit Zukunft von Vergangenheit scheidenden Barriere auffinden – Invasoren aus dem Übermorgen oder Vorgestern gab es nur in blöden Science-Fiction-Stories.

Das Vergangene lebte – untrennbar von der Gegenwart – bis in alle Zukunft fort, aber nur und ausschließlich als fortwährende Verwandlung, und deren Urgrößen waren komplementär: Trägheit und Flüchtigkeit. Oder noch elementarer: Nichts und Etwas. Dieses Urpaar aus Null und Eins gebar die Zeit – und war von da an unauffindbar, weil es zugleich die Grenze des Universums markierte, die es mit allem, was in irgendeiner Form an Zeit gebunden war, unumkehrbar dem Ursprung entrückte. Die Grenze war und blieb die Lichtgeschwindigkeit. Keine Messung würde zum Ausgangspunkt gelangen, kein Denken ihn fassen, weil Denken ebenso an die Physis und ihre Zeit gebunden war wie jede andere Bewegung.

Der Symmetriebruch, also die vom Menschen erlebte, nur in eine Richtung laufende Zeit, war unheilbar, der Mensch lebte diesen Symmetriebruch fortwährend, trieb ihn durch alles hindurch, was er ersann, war selbst zugleich eine spezielle Form des Getrieben-Seins im universellen Gegeneinander, im Zusammenwirken von Träge und Flüchtig. Alle anderen Dimensionen – sowohl die im Alltäglichen vertrauten des Raums wie auch die imaginärer Räume der Mathematik – besaßen Symmetrien, aber selbst der Umgang mit noch so hoch dimensionierten Universen entließ den mathematisierenden, modellierenden Menschen nicht aus dem Eingebettet-Sein in die asymmetrische Zeit, aus dem Eingebettet-Sein in just seine physischen und sozialen Umfelder.

Die Zeit war nicht nur ein Gefängnis, die Zeit war der Stoff, aus dem recht eigentlich die Welt bestand, fand Anton, ihr gegenüber nahmen sich andere Fragestellungen von Physik und Philosophie übersichtlich aus.

Menschenfresser

MonsterZufall und seltsames Zusammentreffen: Ein Handlungsstrang des Romans spielt in einem Internat in Thüringen, es gibt ein reales Vorbild, Wickersdorf mit langer reformpädagogischer Vorgeschichte. Meine Informationen zum Hintergrund verdanke ich persönlichen Kontakten, sie sind unbezweifelbar: In Wickersdorf (nicht nur dort) wurden während der DDR-Jahre Halbwüchsige als Stasi-IM angeworben, minderjährige Mädchen von ihren Führungsoffizieren sexuell missbraucht. In meinem Roman geschieht dies zwischen 1974 und 76 einer Schülerin namens Kerstin.

Gestern zeigte die ARD eine Dokumentation über  eine Frau namens Kerstin – sie wurde in den 80er Jahren in Wickersdorf angeworben. Sexuelle Übergriffe blieben ihr anscheinend erspart. Nachdem sie die Schule verlassen, ihr Studium in Jena begonnen hatte, konnte sie sich der Stasi-Verstrickung entziehen. Der Kerstin im “Raketenschirm” gelingt das nicht – es hat für sie furchtbare Folgen.

Welche seelischen Zerstörungen  Jugendliche erlitten, wenn sie von den “Tschekisten” beobachtet, unter Druck gesetzt, als Spitzel ausgenutzt wurden, schilderte der ARD-Film auch anhand eines anderen Schülers aus Dresden; sein Leben ist infolge der “Zersetzungsmaßnahmen” aus dem Jahre 1988 bis heute versehrt. 1990 habe ich in einem Hörspiel für den RIAS die Geschichte einer Abiturklasse erzählt, in der jugendliche Liebe, jugendliches Vertrauen, am Ende ein Menschenleben am Alltag des Mauerstaats zugrunde gehen.

So lange Mitläufer und stillschweigend Mitwirkende wie der seinerzeitige Direktor des Internats Wickersdorf das Geschehene als Normalität beschönigen, so lange das SED-Regime, seine ideologischen Fundamente und seine Herrschaftsmethoden verharmlost, gar für gesellschaftspolitische Neuorientierungen nach links herangezogen werden, muss jeder einzelne Fall, jedes einzelne Schicksal uns mahnen: Die Menschenverachtung dieses “real existierenden Sozialismus” zerstörte nicht nur in Folterkellern und Gefängnissen Vertrauen, Moral, Gesundheit. Das soll niemals vergessen werden.

Die Dokumentation in der ARD gestern knüpfte an die Tugenden journalistischen Engagements für die Demokratie an – sie entsprach dem Auftrag des Grundgesetzes. Es gilt seit 21 Jahren in ganz Deutschland, im Alltag aber wird es von allzu vielen missachtet: Sie ziehen organisiertes Mitläufertum den Mühen persönlichen Einsatzes für die Freiheit anderer vor. Und deshalb ist es kein Zufall, dass sich unter Deutschlands Internaten in Ost und West Schreckensorte finden, wo junge Menschen fürs Leben Schaden nehmen.