Eisbein an Quote

Altes Neues aus den Anstalten

Eisbeine warten auf die Quotenentscheidung
Eisbeine warten auf die Quotenentscheidung

Stellen Sie sich vor, dass Sie etwa zehnmal jährlich Ihre Stammkneipe besuchen, wo es eine schöne Auswahl an Essen gibt. Besonders auf Eisbein versteht sich der Koch, aber er bietet außer dem notorischen Schweineteil mit Sauerkraut und Püree noch andere delikate Gerichte, dazu knackiges Gemüse, frischen Salat und Desserts an. Es gibt guten Wein. Ihnen wird niemals langweilig; Sie probieren fast jedes Gericht, das Eisbein sogar zweimal im Jahr.
Nun etabliert sich nebenan ein Spezialist für billiges Eisbein. Dort gibt es schlaffen Salat, verkochtes Gemüse und zum Dessert überteuertes Eis aus der Kühltruhe. Das Eisbein ist zwar okay, aber Sie gehen da nicht hin.
Der Wirt Ihrer Stammkneipe hat nun ein kleines Problem: er muss von Zeit zu Zeit seine Preise erhöhen, denn sein Personal wird nach Tarifen bezahlt, die er nicht kündigen kann. Er kann auch niemanden hinauswerfen. Der Nachbar dagegen ist bei der Gestaltung seiner Betriebswirtschaft völlig frei, außerdem verschafft ihm eine mächtige Brauerei als Sponsor finanzielle Vorteile. Die billigen Preise ziehen eine Menge Kundschaft zu den Eisbeinen, er verkauft seinen ganzen billigen Ramsch, einschließlich 0815- Eis, weil die meisten Leute zu faul sind, nur für ein Dessert das Lokal zu wechseln. Der Laden beginnt zu brummen.
Einige Eisbein- Esser werden der Stammkneipe untreu. Der Wirt könnte nun sagen: lassen wir das Eisbein ganz, konzentrieren wir uns auf andere Attraktionen, um Gäste hinzuzugewinnen. Darüber gäbe es einerseits Streit mit dem Koch, andererseits wäre fraglich, ob der mögliche Zugewinn mit Neuerungen den Verlust der ziemlich großen Eisbein- Klientel ersetzen würde. Der Wirt fragt einen anerkannten Unternehmensberater.
Von nun an werden Daten erhoben. Es kommt heraus, dass das Eisbein unmöglich aufgegeben werden kann. Die Lösung des Beraters: wir machen das Eisbein billig und gleichen den Verlust durch Streichen der selten nachgefragten Gerichte aus. Das bringt Ersparnis, so geschieht es. Ein paar Eisbeinesser kommen zurück. Das Nachbargeschäft floriert inzwischen aber noch mehr; der Konkurrent kann es sich leisten, das Sauerkraut von einem Dutzend sehr leicht bekleideter Mädchen flambieren zu lassen. Ein Bombenerfolg.
Ihr Wirt muss reagieren. Die untrügliche, wissenschaftlich fundierte Statistik sagt, dass der Erfolg des Konkurrenten vor allem beim männlichen Publikum erzielt wurde. Man möge doch nun, meint der Berater, sich stärker der weiblichen Eisbein- Klientel zuwenden, etwa durch Auslegen eines großen Sortiments an Boulevard- Zeitschriften. Das sei gemäß mehrfach erhärteter Umfragen in Friseursalons ein absoluter Bringer. Die befragten Frauen hätten zu 90% mit Ja auf die Frage geantwortet, ob das Vorhandensein der Klatschblätter ihren Aufenthalt begünstige.
Die Zeitschriften werden gekauft, das Dessertangebot wird dafür eingeschränkt; schließlich muss auch der Berater samt seinem wissenschaftlichen Personal bezahlt werden. Nur flambiertes Eis in verschiedenen Variationen bleibt im Programm. Auch beim Gemüse gibt es Einschränkungen; es kommt dem Wirt zupass, dass die Köchin mit dem besonderen Händchen für frische Kräuter und Gemüse sowieso gerade in Rente geht. Die Stelle wird nicht wieder besetzt, eine Aushilfe kümmert sich fortan um die Beilagen…
Sie stellen eines Tages fest, dass Ihnen Ihre Stammkneipe zu teuer wird, zumal sich das Angebot kaum noch von dem bunten Schuppen nebenan unterscheidet. Sie mögen dort nicht mehr hingehen.
Die Geschichte können Sie selber weiter spinnen: von den sich epidemisch ausbreitenden bunten Schuppen für Billigeisbeine über die Porschesammlung des Unternehmensberaters, die Pleite Ihres einstigen Stammlokals, dessen Wirt leider nicht den Mut zu wirklich eigenem Profil hatte, bis zu dem Eingeständnis, dass Sie selbst, nun ja, ab und zu noch ein Eisbein essen gehen. Gottlob gestattet Ihnen Ihr Einkommen den Besuch eines teuren Restaurants, wo wirklich exzellent gekocht wird. Es gibt frisches Gemüse und sagenhafte Desserts, sogar den Intendanten des Fernsehsenders haben sie schon dort gesehen.
Und nun machen Sie sich ruhig einmal die Mühe, in Ihrer Programmzeitschrift (falls Sie so etwas haben) die sogenannte „Prime Time“- Leiste von ca. 19 bis 23 Uhr hinsichtlich der Inhalte auszuwerten. Wieviel Sport (Fußball!), Unterhaltungsmusik, Serien und Filme mit Kriminalfällen oder seichten Storys finden Sie dort bei den Hauptsendern? Wieviel Boulevard? Wie sehr unterscheiden sich die Nachrichtenformate nach den Inhalten? Was bleibt übrig, wovon sie mit Überzeugung sagen könnten: das ist eine wirklich frische Sendung mit originellen Gedanken und mutigem Standpunkt, die mich überrascht und mir zu denken gibt?
Dank der „Medienforschung“ ist die „kulturelle Grundversorgung“ des gebührenfinanzierten Rundfunks heute vom Angebot der billigen bunten Buden nebenan nicht mehr zu unterscheiden. Klar: manche Buden sind besser geworden. Aber die Selektion nach rein quantitativen Erfolgswerten – eben den Quoten – hinterlässt eine Monokultur mit all den von anderen Monokulturen hinreichend bekannten tödlichen Gefahren.
Sie können sagen: das ist mir wurst, denn ich sehe sowieso kaum fern und verschwende meine Zeit auch nicht an öde Dauerdudelprogramme im Radio. Das Zeug ist halt für Mehrheiten, die mit Ewiggleichem versorgt werden wollen, wie mit ihrer gewohnten Biermarke zum Eisbein, und ich schere mich höchstens um das, was mich besonders interessiert.
In diesem Fall sind Sie wirklich in einer Situation privilegierter Selbständigkeit, allerdings könnte es Ihnen manchmal schwer fallen, sich Gesprächen Ihrer Mitmenschen anzuschließen.
Sie können sagen: mir ist das Programm ganz recht, weil ich vorm Fernseher oder Radio entspannen und nicht meine Konzentration zusätzlich beanspruchen will. Mein Leben ist von der Arbeitswelt so strapaziert und ausgepowert, dass ich zusätzliche Anforderungen an Konzentration und Lernfähigkeit nicht ertrage.
Im letzteren Fall hoffen Sie vermutlich auf Ihre baldige Berentung oder sie fürchten, Ihre Anstellung zu verlieren. Oder beides. Oder Sie leben schon von staatlicher Fürsorge. Ihre Fernsehgewohnheiten dürfen sie dann ruhig beibehalten. Sie müssen nur mit der Einschätzung der fürsorglichen Programmverwalter und Medienforscher leben, dass es zu mehr bei Ihnen eben einfach nicht reicht und dass Sie eine höhere intellektuelle Qualität des Programms gar nicht wollen.

Sommer

Rosenblüte, rot

Blühen und Vergehen

Sommer
Komm, meine Sonne, tränke meine Haut
mit Lichtgefühl, durchdringe meine Lider,
erweck die Düfte aller Sommer wieder
und alle Blüten, die ich je geschaut.

Mach aus der Zeit ein kosmisches Gewebe
und schmilz die Uhren ein zu schwarzem Schaum.
Zieh mich auf deiner Bahn zum Weltensaum,
mach mich zum Augenblick, in dem ich lebe.

Tags: Gedicht,

Siebenschläfer – ein Anfang

Der neue Roman will geschrieben sein. Er will ankommen im Hier und Heute, er wird sich vier Jahrzehnte Erfahrenes einverleiben, weil Träume niemals altern und weil sie die Energie der Erfahrung aufzehren müssen. Glauben mag das wer will –  hier ein Pröbchen.

Nager mit gesegnetem Schlaf

Das Wappentier für den deutschen Sommer

Ein silberner Ballon hängt im Blassblau, Sticker am Seidenshirt des Sommertages, der sich bald zum Rekordsommertag heißlaufen wird. Gustav Horbel träumt sich hinauf in den Korb, wo es noch kühl sein muss morgens um 7. Er sähe von dort die Rheinebene vorm Schwarzwald, die Autobahn nach Basel, den Strom, die Türkise neben Kieswerken; Türkise im Kiesel. Er kieste die Tür, er kürte den Diesel, hatte den öffentlichen Diesel erkoren für den Weg zum Bahnhof der Bäderstadt, die Liebste durfte weiterschlafen, „musst nicht aufstehen, hab kaum Gepäck, träum noch ’n bisschen“, ein Küsschen, trauliches Ritual, entzückende Schläfrigkeit, die sich räkelt in der Wärme am noch kühlen Morgen, dem heiß der Julitag folgen wird, den Siebenschläferrekord zu brechen: Sonne, sieben Wochen lang, und eine Rekordpopulation an Siebenschläfern dazu – allerdings nur in Osnabrück, so war im Internet zu lesen, nirgendwo sonst. In Osnabrück tauchten Tausende der wegen ihrer Seltenheit geschützten Bilche auf im Rekordsommer, zeigten ungeniert die buschigen Schwänze, spukten auf Dachböden, erschreckten eine um Haus und Garten besorgte Alte, die nix weiter getan hatte, als ihre Rosen mit Bananen zu düngen.

„Na“, sprach missingsch der Mann vom Veterinäramt im Webvideo, „kein Wunder, dass das die Bilche anzieht, die sind verrückt nach Bananen“, und zeigte einen im Gitterkäfig gefangenen vor, er werde ihn nun aussetzen im Wald, 20 Kilometer entfernt. Das Video zeigte, wie ein gar nicht schläfriger Siebenschläfer den Stamm einer Buche umrundete, noch einmal den Arm des Fängers aufsuchte, vielleicht eine Abschiedsbanane erheischend. Gustav erinnerte sich, wie die Kraft der Bananen 20 Jahre zuvor geholfen hatte, ein Staatswesen einstürzen zu lassen, stete Banane höhlt den Sozialismus, wie ein Mann namens Krause die Zukunft von Ananas und Bananen für alle beschworen und einen Vertrag unterzeichnet hatte, der den Preis der Dosenananas zum Argument einer gesamtdeutschen Staatsgründung erhob. Der Mann war wenig später aus der Politik verschwunden, billige Bananen und Ananas aber waren geblieben, so billig, dass in Osnabrück, wohl auch in Wittenberg Beete damit gedüngt werden konnten, den Bilchen zur Freude.

Gustav, wie stets um störende Einwände nicht verlegen, sah in der Tatsache, dass wieder eine Spezies die Scheu vorm Menschen abgelegt, als dessen putziger Kostgänger das Über-Leben in der Stadt dem Er-Leben von Freiheit in der Wildnis vorgezogen hatte, nur eine verschobene Gefährdung der Dickschwänze: „Fürsorge schafft Bedürftigkeit“, dachte er, und dass nun die Bilche, natürlicher Fertigkeiten zum Nahrungserwerb entwöhnt, Zivilisationskrankheiten erliegen würden, ihnen künftighin Fettleibigkeit statt Füchsen – das Video hatte wirklich fette Bilche gezeigt! – infektiöse Katzenflöhe statt Uhus den Garaus machten. Die Siebenschläfer hatten die sichere Versorgung der Freiheit vorgezogen; ob das Aussterben der bedrohten Tierart dadurch beschleunigt wurde, war eine interessante Frage.

Windsbraut

Das Gedichtchen stammt aus meiner Studienzeit – Anfang der 70er Jahre in Berlin, als ich sehr verliebt war und verwirrt. Einiges davon findet sich in „Babels Berg“

...was die Welt im Innersten zusammenhält ...

...was die Welt im Innersten zusammenhält ...

Ein Apfelsinenmond lugt zwischen Ästen

Mit Frühlingsahnung kokettiert der Wind

Spielt mit dem S-Bahn-Rattern aus dem Westen

Er wirft mit Staub und macht uns beide blind.

Das schadet nichts, wer küsst braucht nichts zu sehen

Und zaust er unsre Haare noch so sehr:

Nur Wetterhähne lassen leicht sich drehen

Ein Liebespaar verträgt schon etwas mehr.

Aus für Kempinski

Das Luxushotel in Sanya

Verlorene Marke: das Kempinski in Sanya

Als wir im März zu unserer Reportage über die „Perlenverkäuferin“ für SWR 2  „Leben“ Chinas Ferienparadies Sanya aufsuchten, war das „Kempinski“ einer der besonders noblen Adressen. Allerdings hatten die Neureichen aus China und Russland, die sich dort ein Stelldichein gaben, Manieren, mit denen sie locker jeden Fernsehnachmittag bei SAT 1 oder RTL 2 hätten gestalten können. Beim Frühstück spielten sich bisweilen Szenen ab wie in Gewerkschaftsheimen der DäDäÄrr. Der Konzern zog Konsequenzen und sich aus der Partnerschaft mit einem chinesischen Investor zurück.

Meer und Palmen sind immer noch schön, die Insel Hainan soll demnächst den größten Golfplatz der Welt haben: ein Viertel der Gesamtfläche der Tropeninsel Hainan. Einige Dörfer werden verschwinden, damit die Geldmaschinen sich noch schneller drehen …

Chinas Gesichter – eine Welt

China: Alltag der Riesen, der Zwerge und wundersamer Verwandlungen

Wenn jemand für ein einziges Buch den Literatur-Nobelpreis verdiente, dann Liao Yiwu.
“Fräulein Hallo und der Bauernkaiser” fasst das Drama des totalitären China auf so einzigartige, unwiderstehliche Weise in Worte, dass sich mir jede Beschreibung des Inhalts verbietet. Lesen Sie es! Sie werden ahnen, mit welcher Wucht sich das Riesenreich in die Weltgeschichte einbringt – nicht nur in die Wirtschaft, sondern vor allem in die Kultur. Wir können nur hoffen, dass dieses in jeder Hinsicht gewaltige Geschehen, dessen Zeugen wir werden, von Stimmen wie der des Liao Yiwu begleitet, dass diese Stimmen überall gehört werden.
Sein Buch hilft – über alle Grenzen von Sprache und Kultur hinweg – die eigene Schwäche, Blindheit, Verlorenheit zu spüren, vielleicht, sie zu überwinden.
Wang Xilin, Revolutionssoldat, später als Komponist gedemütigt, gefoltert, an den Rand des Wahnsinns getrieben, sagt in einem der Gespräche, aus denen das Buch besteht: “Meine Musik hat keine Zärtlichkeit, da ist nichts Bourgeoises, sie ist ein großer, lackschwarzer Teich, alles Umliegende wird in ihn hineingefüllt, Tränen, Blut, Schlamm, Seufzer, Schreie, mit all dem ist der See angefüllt, sagen Sie selbst, wie sollte er nicht schwer und tief sein?”
Die Geschichten dieses Buches sind bei aller Schwere, Tiefe, bei allem Schmerz doch auch leicht und zärtlich und voll Humor.
Den Übersetzern Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder ist zu danken, dass all das in der deutschen Fassung erlebbar wird.

Liao Yiwu “Fräulein Hallo und der Bauernkaiser”, S. Fischer Verlag 2009, 539 Seiten, 22,95 €

Bücher brauchen Kinder

Cover des Kinderbuches

Kinderbuchprojekt für soziale Zwecke

Es ist eine elementare Gabe des Menschen, dass er erzählend die Phantasie seiner Zuhörer in ganz eigene Welten entführen kann, wo sie ihrerseits viel mehr erleben, als der Erzähler weiß. Man nennt das gern „Kino im Kopf“. Nicht jeder mag sich auf von ihm selbst erfundene Filme verlassen; meine Großmutter nahm ein in rotes Leinen gebundenes dickes Buch mit goldner Prägung zur Hand, die „Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm“, las daraus vor und half, uns Kindern die Zukunft als angepasste, folgsame, unkritische Zeitgenossen zu verderben.

Wenn Kinder heute sagen: „Lies mir vor“, dann ist das ein Vertrauensbeweis. Natürlich macht es Spaß, sie zum Lachen und zum Staunen zu bringen – es ist die nobelste Verpflichtung. Aber sollten sie nicht auch Schwimmen lernen in einem Phantasiemeer voll Untiefen, voll mit gefährlichen Strömungen, allüberall lauernden Schlingpflanzen und womöglich gar tödlichen Monstern? Beinahe schwieriger: kann man sie bewegen, nicht nur im Seichten zu plätschern, sondern den quietschbunten Gummibooten, lärmigen Animateuren, banalen Plastikhilfen das mutige Eintauchen vorzuziehen, sich nicht für den Schwimm-Ersatz zu entscheiden, sondern fürs Ausdauertraining, belohnt vom Gefühl „ich kann mich dem Wasser anvertrauen, mich aus eigener Kraft darin behaupten“?

Das Buchprojekt „Lies mir vor“ bot bisher wenig bekannten Autoren die Chance, sich solchen Fragen zu stellen. Sie durften ehrlich mit ihren künftigen Zuhörern umgehen, sie mussten sich nicht anbiedern, weil sie unbedingt etwas verkaufen wollten. Die Erzählerinnen und Erzähler, die sich im Wettbewerb des „Autorenweb“ für die Publikation qualifiziert haben, ermuntern auf jeweils eigene Art zum gemeinsamen „Schwimmtraining“ von Zuhörern und Vorlesern. „Lies mir vor“, unter Schirmherrschaft des Rotary Club Berlin Potsdamer Platz bei „Books on Demand“ veröffentlicht, macht Kindern Lust, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu erleben – etwa aus der eines kleinen Menschen, der so anspruchslos wie heiter in einem Schließfach am Würzburger Hauptbahnhof haust oder aus der eines Bienenschwarms, dem die Königin geraubt wurde. Schutzengel und Feen tauchen auf, Tiere und Handys können sprechen; es finden sich Gedichte nach Fabeln, sie sind prima auswendig zu lernen und eine gute Schule fürs Sprachgefühl. Großmächtige Helden tauchen nicht auf, literarischer Schwulst ebensowenig. Neugier, Phantasie, Hilfsbereitschaft, die Überzeugung, dass das Wunderbare sich direkt vor unseren Augen ereignet, wenn wir nur sehen wollen, sind Zutaten der Geschichten und Gedichte in diesem Bändchen, dem man nur ein etwas hochwertigeres editorisches Gewand wünschte – zumal der Erlös sozialen Projekten zugute kommen soll.

Dabei ist „Lies mir vor“ eigentlich Teil eines sozialen Alltagsprojekts, bei dem wirklich fast jeder sich um die Zukunft der Kinder verdient machen kann: jeden Tag, fast überall mit all den wunderbaren Texten der Weltliteratur, die nicht nur für Kinder geschrieben sind.

Eine kurze Probe zu “Lies mir vor” als Video zum Nach- und Bessermachen für die Kinder ;-):

Bei Book on Demand ISBN 978-3-8391-7272-8
Paperback, 184 Seiten (9 Zeichnungen)
20,00 Euro

Wie die Arbeit zum Menschen kommt

Cover des Sachbuchs von Andreas Zeuch

Sinnvoll wirtschaften statt Geldmaschinen füttern

Gleich vorab: Dieses Buch ist ein Vergnügen, eine starke Anregung und eine über die Maßen fruchtbare Grundlage für den Diskurs, dazu ein Ideenspender für die kulturelle und strukturelle Erneuerung in Unternehmen. Man möchte selbst dabei sein, wenn Konzepte praktisch umgesetzt werden, die der Intuition der Mitarbeiter vertrauen, auf Kunden und Nachhaltigkeit orientiert sind, wirtschaftliches Handeln von den Fesseln des Regulierungs-, Kontroll- und Sicherheitswahns befreien.

Andreas Zeuch hat sich ein erstaunliches Reservoir sowohl betriebswirtschaftlicher wie auch psychologischer und neurowissenschaftlicher Quellen erschlossen, um der Frage nach zukunftsfähigen Organisationsformen der Wirtschaft nachzugehen. Sein Wissen wirkt nie akademisch, es ist mit zahllosen Beispielen aus dem Alltag illustriert, mit Studien, Experimenten, gut dokumentierten Anmerkungen befestigt. Der Leitgedanke seines Plädoyers für die „Professionalisierung der Intuition“: Da unser Denken von Gefühlen, von unbewussten Impulsen und Strategien ohnehin nicht zu trennen ist – warum nicht die im Unbewussten waltenden Kräfte der Kreativität, die sich in allen Bereichen von Kunst und Kultur seit je so überzeugend materialisieren, in die Unternehmenskultur einbringen? Sollten wir nicht dem Götzen aus dem Zeitalter der Mechanik und der Arbeitsteilung entsagen, der sich als Rationalität oder Sachlichkeit ausgibt, sollten wir nicht unsere Ziele am Menschen ausrichten statt an Sachen?

Die Tarnung dieses Götzen ist perfekt, kaum mehr zu erschüttern ist der Irrglaube, mit Zahlen und Daten lasse sich Fehlerloses, Unwiderlegbares erstellen, seien „Zukunftssicherheit“ und Planbarkeit durchsetzbar. Zeuch weist den Götzendienern, den „paradoxen Pseudorationalisten“ einmal mehr den systematischen Fehler ihres Denkens nach, den Mangel an Weitsicht und Gespür, der Wirtschaft und Finanzen einzelner Firmen ebenso wie ganze Nationalökonomien und die globale Geldpolitik an den Rand des Kollapses treibt. Er ist als Kritiker und Erneuerer hierin ebenso überzeugend wie Uwe Renald Müller, der 1998 für seinen „Machtwechsel im Management“ den „Global Business Book Award“ erhielt, oder Niels Pfläging, der in „Die 12 neuen Gesetze der Führung“ einen völlig neuen „genetischen Code“ der Organisation nicht nur von Unternehmen beschreibt.

„Feel it!“ ist eine Ermutigung zu Neugier, Achtsamkeit, und Schöpfertum, zu gegenseitigem Vertrauen als Grundhaltung für die sich selbst organisierenden Firmen. Ihre Erfolge sind bereits in vielen Ländern erkennbar. Leninsche Strukturen des Typs „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ mit ihrer organisierten Verantwortungslosigkeit sind in der Ökonomie eines ganzen Staatenverbundes katastrophal gescheitert, solche Strukturen überdauern samt ihren Überwachungssystemen allerdings in Bürokratiemonstern und in Konzernen, die als sozialdarwinistische Geldmaschinen geführt werden. Die Zukunft erheischt Selbstorganisation, eine aufs Lernen orientierte, intelligente Fehlerkultur, ein ermutigendes Arbeitsumfeld für den Einzelnen – Voraussetzungen für nachhaltig und organisch wachsende Firmen. Andreas Zeuch liefert einige rasch umzusetzende Hilfen für den Einstieg.

Man wünschte sich Zeuchs Text über den verständigen Umgang mit Wissen, das immer mehr Nicht-Wissen erzeugt, über die desto wichtigere Kraft der Intuition, man wünschte sich dieses intelligente Arbeitsbuch künftig erweitert und fortgeführt um ausführlichere und tiefer gehende Betrachtungen zum Konfliktgeschehen und zu einer neuen Konfliktkultur. Auch in Unternehmen ohne „paradoxe Pseudorationalisten“ an den Hebeln der Macht wird es unvermeidlich Konflikte geben, und die Konflikte mit dem „Management by Lenin“ werden sich in den globalen Märkten eher noch verstärken. Es ist nicht zu erwarten, dass sich die alten Aufbauorganisationen kampflos „resetten“ lassen, wie Zeuch es beim Strategiespiel „Tit for Tat“ illustriert und dann etwas zu eilfertig in Handlungsanweisungen „Sei nicht neidisch!“, „Sei nicht nachtragend!“, „Sei nicht zu raffiniert!“ für die Praxis übernimmt. In der Praxis nämlich spielt die Geschichte mit, dort tobt sich die ganze lebendige Menschheitserfahrung von „Gewalt – Macht – Lust“ im Betriebsprogramm für Konfliktfälle aus, und dort sind die „paradoxen Pseudorationalisten“ noch längst nicht auf dem Rückzug.

„Feel it!“ ist erschienen im Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA

Management by Lenin

Titelbild

Gewalt Macht Lust: die Dreifaltigkeit des Terrors

„Was war der Kommunismus?“, fragt Gerd Koenen im Titel seines schmalen aber äußerst gehaltvollen Buches und gibt auch gleich Auskunft über den Sinn der Fragestellung: In der Vielgestaltigkeit seiner Strömungen erkennt Koenen den alle Kommunistischen Parteien einigenden Grundimpuls – es gab nicht mehrere „Kommunismen“ – und er konstatiert, dass sich dieser Grundimpuls ebenso erledigt hat, wie die Parteien, die ihn im Namen führten und führen.

Kenntnisreich, tiefgründig, einsichtig legt er Eigenarten und Entwicklungen des Kommunismus zwischen seinem Kernreich, der UdSSR, und China, Südamerika, Europa dar. Die Genesis der bolschewistischen Herrschaft in Russland, die Versuche, weltweite Bewegungen in Gang zu setzen, das Scheitern an ökonomischen Aufgaben, die totalitäre Ausprägung von Macht als universeller Geheimhaltung und allgegenwärtigem Terror, der sich nicht nur gegen den „Feind“, sondern in blutigen Säuberungen immer wieder auch gegen die eigene Elite richtet: Koenen liefert sowohl die Übersicht wie auch die Analyse des systemischen Geschehens.

Das Wichtigste ist indessen, dass Koenen von Anfang an die systemischen Durchdringungen des Kommunismus mit dem Kapitalismus im Auge hat und überzeugend darlegt, wie Denkweisen, Strategien, Wendungen und „Reformen“ beider sich gegenseitig bedingen. Was sich als sein Antipode ausgab – und aus diesem Anschein heute noch Anziehungskraft auf Gegner einer hemmungslosen globalen Marktwirtschaft bezieht – ist in Wirklichkeit ein Gewächs des Kapitalismus; es basiert und funktioniert auf gleichen politökonomischen Wechselwirkungen.

Wie sich in ihm mechanische Denkmodelle mit despotischen Herrschaftsformen paaren, lässt sich an der Leninschen These „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ studieren, die dem Menschenbild des Managements weithin immer noch zugrunde liegt. Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Machtblocks, mitten in der schwersten Krise der Finanzmärkte und der Währungssysteme stellt sich immer noch die Frage, ob Marktwirtschaft und Demokratie es schaffen, auch diese wichtigste Umwälzung zu überleben: hin zum Menschen.

Im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2010, ISBN 3525323018

Vergessene Sprache

Besser zuhören ...

Bitt euch, ihr edlen Damen, hohen Herrn
Wollt ab und zu mit uns die alte Sprache sprechen
Die aus dem Urlaut kommt, von Herkunft und Geburt.
Wollt nicht das ängstliche Gestammel unterbrechen
Das keiner Taktik unterworfen wurd.

Bitt euch: gestattet manche rauen Töne
Und lasst dem Schmerzgeplagten seine Litanei
Das Wahre ist ganz sicher nicht das Schöne
Wo Schöntun herrscht, Doktrin und Heuchelei.

Die Rede dient dem Zweck, die Sprache ist –
Wie Leben selbst – so krumm und wild und frei.
Nehmt nicht für Sprache ihr gefrornes Bild
Hört auf die Laute, formlos, frei und wild
Vergesst, was ihr schon lange von uns wisst
Habt nicht das letzte Wort, sucht nicht nach letztem Schrei
Hört auf die Sprache, die sich selbst vergisst.