Die Freiheit zu schreiben

KalschDie  Freien Mitarbeiter bei den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten scheinen es langsam satt zu haben, als Manövriermasse der “Entscheidungsträger” behandelt zu werden.  In einer Resolution machen sie auf Verhältnisse aufmerksam, die sich seit 30 Jahren stetig verschärft haben. Nothing left to lose?

Es sind ziemlich genau zehn Jahre, dass ich von den damaligen Vorgesetzten zunächst mit Rauswurf bedroht wurde, dann meinen Rahmenvertrag verlor, weil ich zu den Arbeitsbedingungen vergleichbare Stellung bezog. Der damalige Abteilungsleiter versicherte, ich werde nie mehr für den SWR arbeiten, sorgte dafür, dass ich bei den Anstalten einen Ruf erwarb, auf den ich stolz bin: Redakteure vermieden es, den Querulanten zu beschäftigen. Mein Einkommen brach ein, denn der “feste Freie” hat es schwer, andere Auftraggeber zu finden, meine Rente fällt unter das Stichwort “Altersarmut”, aber der “Fußtritt in die Freiheit” half mir – wie 20 Jahre zuvor in der DäDäÄrr – zu publizieren, ohne erpressbar zu sein. So entstand auch der Roman “Raketenschirm”.

Mit Hilfe des DJV und einiger loyaler Kollegen beim SWR-Hörfunk erkämpfte ich mir den Status des „freien Freien“ – meine Arbeiten werden immer noch gern im Programm wiederholt. Also: Standhaft bleiben, Rückgrat zeigen, nicht gleich zur #Kalaschnikow greifen Zwinkerndes Smiley

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Die Freiheit zu altern

2014-04-26 12.30.06Wenn einer in halbwegs erträglicher Verfassung über die Sechzig gekommen – also kurz vorm “Renteneintrittsalter” – ist, dann muss er vor allem eins nicht mehr: Vom Gesundheitswahn geblendeten Weltenrettern erlauben, ihm Vorschriften über seine Lebensführung zu machen. Diese großartigen Leute verdanken ihm schließlich ihre Existenz und befinden sich in der komfortablen Situation, verbessern zu dürfen, was er ihnen hinterlässt. Sie wollen ihm trotzdem nicht gestatten, sich zu Tode zu rauchen, zu kiffen oder zu saufen, weil das auf Kosten der Volksgemeinschaft – äääääh Solidargemeinschaft – geht. Hier nun wird es amüsant, weil die Kosten der Suchtkranken gegen die der Gesundheitsbürokratie aufzurechnen wären. Meines Wissens hat das noch keiner versucht, es wäre ein ziemliches Wagnis.

Der Erblasser wähnt immer den Erben im Soll, der Erbe ist nur dann zufrieden, wenn das Ererbte seinen Wünschen entspricht. Das kommt selten vor. Gegenseitiges Misstrauen hat die Generationen durch die Weltgeschichte gepeitscht – ohne je die untrennbare Abhängigkeit der Nachfahren von den Vorläufern abschaffen zu können. Es ist eine alte Geschichte. Doch wird sie täglich neu. Und wer da unzufrieden, schlägt gerne was entzwei.

Die Strategien haben sich – betrachtet man das Ganze einigermaßen unvoreingenommen – nicht verändert. Es geschieht viel Gewalt, es geht um Dominanz, natürlich auch um die Deutungshoheit. Ich freue mich jedenfalls, all diesen großartigen Nachfahren da draußen jede Menge schlimme, behebenswerte Defekte zu hinterlassen. Sie haben reichlich Stoff, sich dem Erblasser gegenüber erhaben zu fühlen. Ich vermute, dass sie trotzdem ziemlich viele Fehler wiederholen, die schon meine Urgroßeltern begingen.

Ist es nicht traurig, dass die Welt trotz so vieler berühmter Narren wie Shakespeare, Chaplin oder Dario Fo partout nicht lustiger wird? Friedlicher wird sie sowieso nicht. Wenn ich mir anschaue, was da Anspruch aufs ganz große Regiment erhebt, sieht das der Fratze des Krieges deutlich ähnlicher als der Spielfreude sportlicher Wettkämpfe, von vergnügter Selbstverjuxung zu schweigen. Das uralte Prinzip Gewalt Macht Lust treibt den Mob, es finden sich jederzeit passende Anführer im Namen Gottes, der Nation, der Überzeugung von rassischer, ethnischer oder sonst irgendwie zu begründender Höherwertigkeit. Samt ihren – gern weiblichen – Einpeitschern bestätigen An-Führer die marodierenden Massen unwiderlegbar darin , dass just ihre Keulen, Brandsätze, Kalaschnikows, Panzer, Granaten, Raketen im Recht sind – und ihr mörderischer Auftritt ein Akt historischer Gerechtigkeit ist. Manche schaffen sogar die perfekte Volte, sich als pazifistische Friedensengel auszugeben: Weg mit den Waffen! – der anderen.

Weg mit den Suchtmitteln – der anderen. Das eigene Suchtmittel bleibt unsichtbar: Dominanz. Gibt es ein Land, wo der Einfallsreichtum an Verbotsschildern, wo das Denunzieren als – oft genug krimineller – Weg zur Deutungshoheit so elaboriert wäre wie in Deutschland? In Russland, in China vielleicht – ich lasse mich da gern aufklären. Ich will auch den europäischen und deutschen Bürokraten gern Abbitte leisten, wenn sie die Putins, Islamisten, Schlepperbanden und andere Großkriminelle dieser Welt lahmlegen. Ich glaube nur nicht dran. Mir scheint eher, dass wir den folgenden Generationen mindestens ebenso viele Ruinen, ebenso viele ungelöste Konflikte hinterlassen, wie wir sie von unseren Eltern und Großeltern geerbt haben. Das Beste daran war vielleicht die Einsicht, dass es keine Pat(End)lösungen geben kann.

Und deshalb rauche und trinke ich, gehe auf keine Demos und bin sicher, dass – falls die Menschheit im Allgemeinen und der Einzelne im Besonderen von Süchten zu heilen sein sollte – auch die Kernenergie locker zu beherrschen sein wird.

 

Enteignung

Herrenstraße26Die Ängste sind wieder da. Was einem zugeeignet wurde von Vater und Mutter, von Generationen fleißiger, irrender, in Krisen und Konflikte verstrickter Vorfahren, soll weg. Die Bindung an ein Dach überm Kopf soll gelöst, eine Immobilie vermarktet werden. Die festen Mauern sollen sich zu Geld verflüssigen. Ein vertrauter, nur dem Bewohner vertrauter Wert – der des Gebrauchs, des Wohlfühlens und der Geborgenheit – soll verwertbar im Sinne des gleichgültigen Marktes sein, der einer der größten Erfolge der Gattung ist – und ein Schlachtfeld der Begehrlichkeiten von Individuen, Gruppen, Korporationen, denen Heimat nichts bedeutet. Sie rechnen. Sie dominieren. Sie haben elaborierte Rechtfertigungen dafür, Leben seiner Lebensräume zu enteignen – egal ob es Häuser, Dörfer, Städte, Landschaften oder ganze Kontinente sind.

Es sind fast 50 Jahre, dass der DäDäÄrr-Staat meine Mutter und Großmutter vor die Entscheidung stellte, ihr Haus, das Haus meiner Kindheit, samt dem zugehörigen Grund mitten in der Stadt, entweder für einen Pappenstiel zu verkaufen oder enteignet zu werden. Die beiden machtlosen Frauen konnten nicht ahnen, dass die Enteignung die komfortable Lösung war. 20 Jahre später hätte ihnen das eine “Restitution” beschert – und ein Millionenvermögen. Sie hätten kaum Zeit gehabt, in den verbleibenden Lebensjahren diese Millionen auszugeben. Als meine Großmutter 1993 starb, spielte Geld keine Rolle – wie in den Jahrzehnten zuvor. Wir nahmen voneinander Abschied in Liebe.

Meine Mutter lebte ab 1996 – betreut von meiner Schwester – fern jenem Ort, wo die als Verkauf getarnte Enteignung stattgefunden hatte, zur Miete. Die Eigentümerin des Hauses gehört zu den wenigen Menschen mit einer ganz persönlichen Haltung zum Grundgesetz: Eigentum verpflichtet! Sie wurde zur Freundin der Familie – und das Haus war gesegnet. Die alte Dame malte die schönsten Bilder, deren sie fähig war, sie hängen immer noch erheiternd und farbenfroh in Gängen und Treppenhaus. Die Eigentümerin wusch den Zigarettengestank aus den Gardinen ihrer “Mietpartei”, obwohl sie selbst das Rauchen verabscheut.

Ich muss in diesen Tagen meinen Anteil am Haus meines Vaters verkaufen; sein Erhalt übersteigt die finanziellen Möglichkeiten der Geschwister, denen es gehört. Keiner von uns hat die Chance eines “Erwirb es, um es zu besitzen”. Vielleicht war unser Vater zu ehrgeizig, als er baute. Unsere Vorfahren – ihre Geschichte habe ich im “Blick vom Turm” aufgeschrieben – wussten wenig über die Nöte und Bedürfnisse nachfolgender Generationen. Wir müssen ihren Erwartungen nicht gerecht werden. Aber es hinterlässt mir ein tiefes Gefühl von Unbehagen und Trauer, welche Defizite ich den Nachkommen hinterlasse, wenn ich jetzt das Haus meines Vaters verschleudere, “weil der Markt mich dazu zwingt”.

Friedenstaube reloaded

Lenin-statue-in-BerlinNatürlich werden weiterhin diejenigen den Westen als Wurzel allen Übels in der Welt ausmachen, die ihn schon immer so sahen. Dass und wie ihre Wahrnehmung auf Feindbilder fixiert und für die Vernunft unzugänglich wird, hat Umberto Eco in seinem – übrigens brillant recherchierten – Roman “Der Friedhof in Prag” geschildert. Wer weiter an eine jüdische oder westliche Weltverschwörung glauben will, wird sich von Eco sowenig beeindrucken lassen wie vom einschlägigen Kapitel in “Der menschliche Kosmos”.

Der untergegangene “Friedensstaat DDR” im Osten muss in den Erzählungen seiner “Friedensfreunde” auf den neuen Montagsdemos vorbildhaft bleiben, schon weil sie mit dem Argument “Bist du etwa nicht für den Frieden?” – und das bedeutete: gegen den bösen Westen – jeden mundtot machen konnten, der auf sowjetische Kriegsverbrechen in Polen, Millionen Opfer in sowjetischen Arbeitslagern, in den Kampagnen der chinesischen Kulturrevolution und auf den Killing Fields in Kambodscha zu sprechen kam. Es herrschte insofern dort Frieden.

Die Friedensfreunde mit dem rinkslechten Moralfuror sehen auch heute den Westen als eigentlich Schuldigen für die Kriegshandlungen in der Ukraine, für radikal islamischen Terror von Taliban, Al Qaida, Isis, Boko Haram etc. an. Welche Welt wünschen sie sich? Natürlich nicht eine mit entsetzlichen Fehlern und grausamen Irrtümern behaftete, mit ungleich verteilten Gütern und dem unzulänglichen, lernbedürftige Rechtsstaat, wie es die westliche Demokratie ist. Daran müssten sie sich abarbeiten – gemeinsam mit Leuten womöglich, die ihren Pazifismus im Konflikt mit Stasi und DDR-Militärdoktrin gehärtet haben und darum im “Friedensstaat” als “feindlich-negatives Subjekt” verfolgt, inhaftiert, “zersetzt” wurden. Die neuen, besseren Pazifisten müssten sich allerdings fragen lassen, welche persönlichen Konsequenzen sie mit ihrem Pazifismus verbinden: die des Pfarrers Oskar Brüsewitz etwa, den der “Friedensstaat” zum Schweigen brachte?

Wie einfach und effizient ist es doch, sich im verdorbenen Westen stattdessen als einzig wahre Friedensfreunde darzustellen, deren moralische Sendung – kämen sie nur erst an die Macht – die Gewalttäter und Dorftyrannen dieser Welt alsbald ebenso friedfertig stimmte. Beweisen müssen sie das nicht: Ihre Weisheiten verkünden sie aus sicheren Unterständen, nichts ficht sie an. Der Westen schützt – der Meinungsfreiheit verpflichtet – seine eigenen Verächter. Damit widerlegt er freilich die antiwestliche Propaganda einigermaßen überzeugend. Ertragen wir also – wie Joachim Gauck – die Hasstiraden der rinkslechten “Friedensfreunde” von einst und jetzt. Kaum einer von ihnen befand sich je in Notlagen; sie sind gerne Nutznießer von Demokratie und Rechtsstaat, solange es sie keine Anstrengung kostet.

Das Problem der Gottesstaaten ist – wie das der Bessermenschen hierzulande – dass sie das eigene Versagen nicht in Rechnung stellen. Sie wollen nicht an Konflikten wachsen, sie wollen das Eiapopeia untereinander und die harte Faust am Gegner. Es funktioniert nicht – bei den “Piraten” nicht, nicht bei anderen Lechtsrinken. Knechtseelen sind Konflikten sowenig gewachsen wie selbsternannte moralische Instanzen. Die Duckmäuserei politisch korrekter Sprache, die dazu passende Meinungs-Führerschaft ihrer Erfinder zielt nicht auf Frieden, sie will Friedhofsruhe.

Der Unglücksrabe

Heute vor 25 Jahren wurde der Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze aufgehoben; ich war der DäDÄÄrr schon entronnen. Ein paar Jahre zuvor hatte ich – eine berühmte Bildergeschichte von Wilhelm Busch variierend – anliegende Verse geschrieben. Sie finden sich im letzten Kapitel des “Raketenschirm”

Hans Huckebein, Hans Huckebein, was springst du so herum?
Du hast die Schlinge um den Hals, der Schnaps, der macht dich dumm.
Du bist ein Unglücksrabe seit deinem ersten Krächzen
Und hast die seltene Gabe, nach deinem Tod zu lechzen.

Hans Huckebein, Hans Huckebein, was fielst du aus dem Nest
Du warst zu klein und neugierig und hieltest dich nicht fest.
Du suchst das Abenteuer, es wird dir schlecht bekommen
Die große Welt ist teuer und schont nicht mal die Frommen.

Hans Huckebein, Hans Huckebein, was schreist du denn so laut?
Du bist zu schwarz, du bist zu krumm als dass dir einer traut.
Du bist ein wilder Vogel und lässt dich nicht dressieren
Dein Selbstmord liegt im Niemandsland, bei Menschen nicht noch Tieren.

Hans Huckebein, Hans Huckebein, die Flügel sind gestutzt
Dein Schreien und dein Krächzen das hat dir nichts genutzt.
Du sitzt in einem Käfig, kein Schlupfloch bleibt dir offen
Und außer’m vollen Futternapf gibt’s für dich nix zu hoffen.

Huckebein

27.4.1985

Größen und Werte

Frühling in Baden-BadenHätte ich mir träumen lassen, was für aberwitzige Zeitsprünge ich in diesen Tagen erlebe? Da schiebt sich aus der Vierteljahrhundert-Perspektive zusammen, was zusammengehört: Ich werde aus der DäDäÄrr freigelassen, fliege und tanze durch einen März 1989, der genauso sonnig, trocken und blütengesäumt ist wie der in diesem Jahr. Ich bin im Glück, und auf dem Tian’anmen-Platz stehen hoffnungsvolle Menschen gegen die KPCh-Diktatur auf wie heuer auf dem Majdan gegen die Macht von Oligarchen und ihren Marionetten. Die Propaganda der letzten größten Führer aller Zeiten macht aus Demonstranten Staatsfeinde, Nazis, Terroristen, kriminelle Gewalttäter, Anarchisten, auf dass sie zusammengeschossen, verstümmelt, in Gefängnisse, Lager, Folterkeller verschleppt, ihre Familien bedroht und erpresst werden können. Bestenfalls entkommen die Gedemütigten in den Westen – wie ich vor 25 Jahren. Dort kreischen oder gackern – je nach Zielpublikum, jedenfalls fern der Gefahr – Massenmedien; sie haben die Führer so fest im Blick wie die Bilanzen: in tyrranos! Und jede Menge Mitleid für die Opfer, möglichst unverbindlich.

Ja, es bekommt den Massen gut, ein wenig Mitleid zeigen und die eigene Führung als kleineres Übel erleben zu dürfen. Das fällt um so leichter, als eben jene Medien ihre Politiker gewohnheitsmäßig zu Pappkameraden stilisieren: Knallchargen für die TV-Unterhaltung. Nichts lässt die Kassen besser klingeln, als wenn ihr Aufstieg und Fall in raschem Wechsel zu begackern ist: Zwergenwerfen als Volkssport. Das freilich gefällt auch den größten Führern aller Zeiten. Sie nehmen die freien Medien der Freien Welt entsprechend ernst.

Die Entkommenen reiben sich die Augen: Je kraftvoller die Beschimpfungen aus den Redaktionsstuben erschallen, umso schneller verrauschen sie in der nächsten aufbrandenden Welle: einem Olympiakandidaten ist ein Unfall widerfahren, knapp vor den Spielen im Lande eines der größten Führer! Das Volk der Nationaltrainer zittert. Ein Volksheld hat Steuern hinterzogen, eine Diva war untreu, wird plötzlich furchtbar fett oder furchtbar mager, oder entdeckt ihr tiefes Verständnis für kraftvolle Männer an der Spitze der Politik: In Diktaturen wird schneller entschieden, gehandelt, gesiegt. Wer braucht Verlierer?

Keiner. In dieser Welt ist jeder zum Erfolg verurteilt, und dieser Erfolg muss messbar sein. In Zahlen, Quoten, Bilanzen. Hier nun beginnen die wirklich ernsten Zweifel: Mit welchem Maß messen jene, die möglichst große Mehrheiten als Erfolg bejubeln, die andererseits breite Spektren von Meinungen und politischen Formen, also mühsame Dispute als lästigen Auswuchs der Demokratie ansehen? Die dem Mainstream huldigen und eigentlich ganz froh sind, in den Ländern mit größten Führern aller Zeiten Geschäfte machen zu können, weil dort schnell entschieden, gehandelt, verwertet wird?

Größe imponiert. Und in den Weltreichen des vollkommenen Quantifizierens und Verwertens von allem und jedem in Geldform, wo die Masse ihre Bedürfnisse und Wünsche am Geld ausrichtet, wo über Armut und Reichtum amtliche Zahlen und Statistiken entscheiden, wird niemand mehr seine Rechnungen ohne die Gröfaz-Wirtschaften machen wollen. Das ist gut, weil erfahrungsgemäß eine florierende Wirtschaft auch Diktaturen ein Minimum an Liberalität und rechtlichen Regeln abverlangt, sogar Formen der Demokratie. Der Wohlstand in China hat ein Vierteljahrhundert nach dem Massaker vom Tian An Men Sprünge gemacht, es gibt eine zufriedene Mittelschicht. Träumt noch jemand, was die Demonstranten träumten? Wovon träumen jene, die heute den Ruf Russlands, die Unabhängigkeit und Kultur ihrer Heimat zwischen Kamtschatka und der Krim gegen Oligarchen und Putinismus verteidigen? Ihre Träume sind zu groß. Wenn sie in den Westen entkommen, versteht sie fast niemand.

Es ist in den Weltgegenden des quantifizierten Wohlstandes wenig Platz für alles, was sich nicht in konvertibler Währung, nicht als Marktwert beziffern lässt. Menschliche Größe dürfen Verlierer zeigen. Wir klopfen ihnen medial auf die Schultern und haben Mitleid – Sprüche und Spenden. So hält man sie sich vom Hals.

Internetwirtschaft macht reich

Die Vorhersagen im „Raketenschirm“ erweisen sich als zuverlässig: Jeder Konzern, der seine Produkte über das Vertrauen in Marken verkauft, muss fürchten, von einer “Wir sind die Guten”-Community als profitgieriger Verteiler giftiger (mindestens gesundheits- oder umweltschädlicher) Ware markiert und ausgeschrien zu werden. So treffen wir auf eine seit alters her verlässliche Methode, sich Vorteile – in Form von Geld, gern als Ausbeute öffentlicher Aufmerksamkeit – zu verschaffen: DAS GERÜCHT. Es kann Einzelnen mit Unterstützung einer Community sehr, sehr viel Aufmerksamkeit und Geld bringen, wenn der Konzern um die Zugkraft seiner Marke fürchten muss. Das Kapitel 10 zeigt, wie’s gehen kann – Ähnlichkeiten mit aktuellen Kampagnen sind rein zufällig – falls nicht deren Initiatoren sich vom “Raketenschirm” inspirieren ließen

HWODer Schnauzbart irritiert sie, die runde Brille erinnert an historische Vorbilder aus den Jahren der Oktoberrevolution, der Anzug am fülligen, dennoch fest und sportlich trainiert wirkenden Leib stammt von einer Nobelmarke, unterm Doppelkinn ist der Kragen offen, keine Krawatte, ein Dreitagebart, kahle Stellen im grauschwarzen Stoppelhaar: Als sich Hermann Hofrichter zu Silvia an den Tisch setzt, mit „Freundschaft“ grüßt, grinst, wirkt er entspannt und locker. Er muss bald 65 sein.

„Du siehst nicht aus wie ein Rentner“, sagt seine Halbschwester. (…)

Hermann nickt versonnen: „Das Tolle an diesem Land: es lässt seine Spinner nicht verhungern. Mal sehen, wie lange ’s noch funktioniert.“ Silvia ahnt, dass jetzt der Katechismus folgt. Hermann fasst nach einer schmalen Mappe, holt ein Notepad heraus, macht ein paar Fingergesten. „Die Spinner haben sogar genug Geld, es in die Revolution zu investieren. Schau mal: das ist in den letzten drei Tagen hereingekommen.“ Er hält ihr den glänzenden Bildschirm hin. Sie überfliegt Tabellen, eine Grafik. „Möchtest du nicht auch spenden? ,Heal the World, Make It A Better Place … For You and For Me … And the Entire Human Race’ …“, summt er.

„Wusste nicht, dass du singen kannst. Was macht ihr mit diesem riesigen Haufen Geld? Möchtest du nicht etwas davon in eine Kulturstiftung für – sagen wir: meine Mösengalerie – stecken?“

„Klar.“ Hermann beobachtet Silvias Reaktion. „Nur nicht sofort. Schau – es ist so: Wir haben dir geholfen, jetzt könntest du für uns etwas tun. Dein Ziel, den Mädchen und Frauen dieser Welt Beschneidungen, Zwangsehen, Sklavenhandel und so weiter zu ersparen, ist auch eines der Ziele unserer NGO, eines nur, aber die anderen werden dir auch gefallen.“

„Du redest jetzt nicht vom ‚Leninistischen Aufbruch‘?“ Silvia ist platt.

„Ach was. Solche kindischen Etiketten kleben sich nur Schwachköpfe und verkalkte Veteranen des Kalten Krieges an. Im Zeitalter des Internets verlaufen Revolutionen vollkommen anders – oder hast du den ‚Arabischen Frühling‘ verschlafen?“

„Natürlich nicht, und ich bin besonders gespannt darauf, wie er sich auf die Lage der Frauen auswirken wird.“

„Siehst du. Frauensolidarität bleibt wichtig. Wir haben sehr renommierte Aktivistinnen, die einschlägige Foren betreuen, neue Kräfte gewinnen, starke Argumente – vor allem Bilder – beisteuern. Die Welt muss sich ändern, Nachhaltigkeit, Klimawandel, soziale Gerechtigkeit … du weißt schon. (…) Es muss niemand mehr auf die Straße gehen, sich als fahnenschwenkender Märtyrer niederschießen lassen, wenn er eine Chemiefabrik kaputtmachen, einen Banker zum Kniefall bringen will. Informationen über eine verseuchte Landschaft, einige Dutzend betrogene Anleger reichen: Sie müssen nur groß genug sein für Nachrichten in den Leitmedien, eine große Zahl von Menschen dazu bringen, sich uns anzuschließen: Dominanz in den Medien ist das neue Kapital, und das Internet ist die Methode der Akkumulation. Wir sind die Guten, wer zu uns gehört, gehört an die Macht.“

„Und wie nennt sich das Ganze? Nicht mehr Kommunistische Partei?“

„Tu nie alle Eier in einen Korb. Auch Utopisten, Grüne, Tierschützer, jede Sorte sozialistischer Bewegungen konkurrieren in dieser Welt. Sogar Religionen.“ Hermann bläst einen verächtlichen Lacher durch die Nase. „Die Kunst besteht darin, ständig neue Netze zu knüpfen, den Leuten die Überzeugung zu vermitteln, dass sie auf der richtigen Seite stehen, zur ‚Heal-the-World‘-Bewegung gehören, die Kunst ist, dabei als Bewegung so groß wie irgend möglich zu werden. Und natürlich das Geld dafür einzusammeln.“

„Bei den Spinnern.“

„Und bei denen mit schlechtem Gewissen, bei denen im Hintergrund, im Dunkeln wenn ’s sein muss …“

„Erpressung.“

„Quatsch. Wiedergutmachung. Wenn du die Moralinsäure weglässt, kriegst du vielleicht endlich eine Mahlzeit hin, die überall auf der Welt gegessen wird. Oder möchtest du auf eine große Kosmetikfirma als Sponsor für deine Muschibildchen verzichten?“

„Der Kommunist rettet die Frauen der Welt mit L’Orèal – oder isses Beiersdorf?“