Helden

Callot_GalgenFür mich gibt es keine Geschichte. Für mich ist alles Gegenwart. Wenn Frauen die Nase abgeschnitten wird, weil sie einem Mann nicht zu willen sind, ist das Sklaverei in der Gegenwart, wenn Fußballer zu Nationalhelden werden, ist das Steinzeit in der Gegenwart, wenn „Wir sind Papst!“ oder „Wir sind Weltmeister!“ aus den Schlagzeilen knallt, ist das 19tes Jahrhundert, Kaiserzeit von Willem zwo oder Tausendjahrerreich mit unversenkbaren Panzerkreuzern und U-Booten. Wir sind irgendwie… Herren! Naja: der HerrInnen-Ehrgeiz passt schon dazu: die weltbesten Gender-Mainstreamer.

Jedenfalls sind das Wahnvorstellungen, die eines gemeinsam haben: den Wunsch nach Dominanz, möglichst weltweiter. Ob in muselmanischen Träumen, christlichem Missionseifer, kommunistischer Ignoranz: Nichts davon ist – trotz erwiesener Menschen-, Natur-, vor allem Lernfeindlichkeit – „vergangen“.

Das ist auch gut so. Für Freunde der Religion: Gott sei Dank! Für alle anderen: Weil menschliche Vernunft erfahrungsgemäß andauernd korrigiert werden muss.

Wir leben in einer Zeit, die meint, von allem sehr viel zu wissen, das Vergangene zu beherrschen, gar überwunden zu haben. Bibliotheken und online-Foren sind voll furioser Abrechnungen mit den Verbrechen und den Verbrechern der Vergangenheit. Die Deutschen insbesondere, weil sie sich in keiner andern als der Rolle des Musterschülers wirklich wohl fühlen, möchten gar zu gern als Vorbilder der „Aufarbeitung“ wahrgenommen werden.

Aber da ist nichts „aufzuarbeiten“. Die Toten bleiben tot, zerschmetterte Körper sind nicht reparabel. Ja, traumatisierte Seelen können trotz aller Verletzungen in ein erfülltes Leben finden – sie werden dabei nur ausnahmsweise erleben, dass Folterer, Vergewaltiger, Mörder, Spitzel, Denunzianten sich ihnen als reumütige Sünder zu Füßen werfen. Sie sollten keinesfalls darauf zählen, denn nach dieser Sorte Mensch gibt es eine unstillbare Nachfrage.

Klebstoff der Dikaturen

“In Zeiten des Verrats sind die Landschaften schön”, hat Heiner Müller gesagt. Berge, Seen, Wälder, Flüsse: die Romantik des Naturschönen war in allen deutschen Diktaturen Fluchtpunkt der Verängstigten und amtlicher Tranquilizer zugleich. Die Landschaften sind heute anders bedroht als zu DäDäÄrr-Zeiten. Aber der alte, giftige Klebstoff der Diktaturen funktioniert immer noch: die zwei Komponenten Angst und Gewohnheit sind offenbar nur durch Katastrophen aufzulösen. Ein Gespräch zweier Frauen am Liepnitzsee, einer Idylle nahe bei Erich & Erichs Residenz Wandlitz in den 80er Jahren, offenbart die Brüchigkeit eines Lebens, das “riskantes” Vertrauen durch Kontrolle ersetzen will.

Liepnitz„Was machen wir jetzt?“ Antje und Gabi saßen am Ufer des Liepnitzsees, die Kinder ließen Steinchen springen, peitschten Brillanten in die Sonne des Altweibersommers, spürten Krebse auf, schnorchelten. „Sie sind vollkommen unbeschwert“, sagte Antje, „Karsten gehört ihnen ja auch irgendwie, nicht nur uns. Die Jungs raufen, spielen Fußball mit ihm, Carla schwärmt vom Fernsehstar – ‚der Freund von Gojko Mitic‘! Mir wär’s egal, dass du mit ihm schläfst, mir ist nur nicht so ganz egal, dass es nebenan passiert.“

„Und dass er bei der Stasi unterschrieben hat, ist dir das auch egal?“

„Dir nicht?“

Gabi schwieg. Ein Spitzel, von dem alle wussten, war auf den ersten Blick nicht viel wert für einen Geheimdienst, nicht als Informant jedenfalls. Alle würden sich in seiner Anwesenheit zurückhalten mit gefährlichen Äußerungen, ihn abschneiden von Vertraulichkeit. Sie konnten aber auch niemals Vertrauliches besprechen, gar vereinbaren: Solange er da war, war die Macht da, die Drohung. Wie konnte er selbst mit dieser Aura leben? Alles was er sprach, was er tat, stand unter Vorbehalt, jeder Raum füllte sich mit Misstrauen, sobald er ihn betrat, denn er würde nie beweisen können, dass mit seiner Enttarnung die Verbindung zur Stasi beendet war. Gabi stellte sich vor, sie selbst brächte eine Runde zum Verstummen, indem sie nur erschiene. Sie würde grinsen, Hallo sagen und „Alles okay?“, und dann redeten alle von Belanglosem. Eine Aura wie von billigem Parfüm umgäbe sie. Angenommen es gäbe einen zweiten Spitzel – wäre er dann der einzige, der ihr unverkrampft begegnete? Oder müsste er, damit seine Tarnung intakt bliebe, die Enttarnte mit besonderer Verachtung strafen? Wäre also schärfstes Misstrauen, besonderer Vorbehalt angebracht gegenüber den Vorsichtigen und Standfesten?

In diesem Augenblick begriff Gabriele Fürbringer, dass die Stasi mit ihrem Spitzelwesen jegliches Vertrauen zerstörte. Sie fragte sich, was dann übrig blieb: „Was bliebe übrig, wenn wir einfach alle eine Verpflichtungserklärung unterschrieben? Wären wir alle brav oder säßen wir alle im Knast?“

„Wir sitzen doch alle im Knast“, grinste Antje, „die Stasis womöglich noch mehr als wir. Glaubst du, dass die sich nicht gegenseitig fortwährend belauern? ‚Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser‘, Lenin, schon vergessen? Da drüben bei den Dauercampern auf der Insel sind sie unter sich, wetten? Nicht zu reden vom eingezäunten Bonzenbad oder der Siedlung nebenan in Wandlitz. Vielleicht erzählen sie sich dort beim Grillen die schärfsten politischen Witze – vielleicht aber auch nicht.“

„Dann wäre Mielke der Einzige, der überhaupt noch irgendwem vertrauen könnte, weil er alles und alle kontrolliert“, meinte Gabi, „er dürfte über Witze als einziger unbeschwert lachen.“ Antje freute sich: „Wenn es so perfekt funktionierte, klar. Er wäre Gott, vorausgesetzt alle Informationen wären wahr, kämen bei ihm an und er könnte sie verwerten. Aber das Ganze ist ein undurchschaubares Gestrüpp von Lügen, Halbwahrheiten, erschlichenen oder erpressten Wahrheiten. Nicht mal Honecker kann sich sicher fühlen, er hat Ulbricht gestürzt, er traut keinem, denn er kennt die Tricks. Wenn wir alle unterschrieben, uns fortwährend gegenseitig zu denunzieren, wäre das Chaos nur ein kleines bisschen schlimmer. Vermutlich lebten wir nicht viel anders als wir ’s sowieso tun, weil der Alltag hauptsächlich aus Routinen besteht, die den Oberstasis egal sind. Mit der Liebe würde es schwierig, das kannst du in ‚1984‘ von George Orwell nachlesen. Liebe ohne Vertrauen? Beides wäre einfach totkontrolliert.“

Gabi nickte. „Du hast mir vertraut, ich hab ’s verdorben.“ Antje nahm sie in den Arm. „Nein, um Gottes willen. Nicht wegen dem Typ. Den kannst du geschenkt haben, mach mit ihm, was du willst. Du solltest ihn nur von uns – dir, mir, den Kindern, den Freunden fernhalten. Keine Ahnung wie du ’s anstellst, ich hoffe, dass der Anfall von Verliebtheit vorübergeht. Bei mir hat er nicht lange gedauert, meine Freundschaft zu dir verträgt mehr.“

„Er hat versprochen, dass er den Stasioffizier hängen lässt, ihn mit Banalitäten abspeist, niemals etwas zu unserem Nachteil ausplaudern wird.“ Gabi seufzte, schmiegte sich in Antjes Umarmung. Der See lächelte. „Na also“, hörte Gabi Antje sagen, „dann kannst du entscheiden, ob du ihm vertrauen willst. Kontrollieren kannst du ihn ja nicht.“

Gerüchte als Geschäftsmodell

Chinesisch für "Gerücht"700 000 $ (525 000 €) – so berichtet unter anderem der österreichische Standard – kostete es McDonalds und einen seiner Franchise-Nehmer, dass ein Kunde muslimischen Glaubens sich durch Werbung für ein Hühner-Sandwich getäuscht sah. Das Fleisch war nicht von „ḥalāl“ geschlachteten Hühnern, d.h. sie hatten ihren Kopf nicht nach islamischem Ritus verloren . Damit waren sie ungenießbar wie Schweine. Im November 2011 verklagte der Kunde die Fast-Food-Kette.

Die Klage hatte Erfolg; McDonalds zahlte außergerichtlich 15 000 € an den Kunden, den Rest erhielten muslimische Einrichtungen und die Anwälte. Alle sind zufrieden – der Konzern konnte sich das vermutlich locker leisten. Schwerer hatten ihn schon frühere Millionenzahlungen getroffen – wegen angeblich “vegetarischer” Pommes und unerlaubter Gratisbeigaben von Spielzeug zu Werbezwecken.

Immerhin ist der Erlös aus dem “unreinen” Sandwich erklecklich. Ein von mir wegen seiner Kommentare zum deutschen Qualitätsjournalismus geschätzter Blogger witzelte, das entspreche der DDR-Losung: „Aus jeder Mark, jeder Stunde Arbeitszeit, jedem Gramm Material einen höheren Nutzeffekt“.

Tatsächlich eröffnet sich hier eine ungeahnte Möglichkeit, Weltkonzerne zu schröpfen: Organisationen, die internetweite Boykotte auslösen können, indem sie – echte oder gefakte – Skandale “aufdecken”, haben gute Aussichten, dabei schöne Schweigegelder zu erlösen. Schon Plutarch fasste das Geschäftsprinzip in den Satz: “Audacter calumniare, semper aliquid haeret” – Nur keck verleumden, es bleibt immer etwas hängen. Kein noch so solventer Konzern schafft es, sich reinzuwaschen, ehe ihn ein Boykott, sei er auch unberechtigt wie der gegen Shell anlässlich der “Brent Spar”-Affäre, Millionen gekostet hat. Schweigegeld kommt billiger.

Im “Raketenschirm” wird erzählt, wie sich auf diese Weise Organisationen finanzieren. Sie segeln unter vielen verschiedenen bunten Flaggen in Richtung “bessere Welt”. Ihr Ziel ist, innerhalb kürzester Zeit Massen an Bord zu holen, sie virtuelle Schlachten gegen menschen- und naturfeindliche Popanze schlagen zu lassen, während sie – gut getarnt – vom sicheren Hafen aus Profite kassieren und den Kern ihrer Macht festigen.

“Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie?”, fragte einst Bert Brecht und weiter: “Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?” Seine dritte Frage wird beim Zitieren regelmäßig unterschlagen: “Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Einstellung eines Mannes?” Die Frage ließe sich ergänzen: “Was ist die Ermordung eines Mannes gegen seine Umerziehung zum Mitläufer?” Beides ist nicht rhetorisch: Ein Toter stört nicht, verursacht aber Aufwendungen. Ein Angestellter macht sich bezahlt – kostet allerdings immer noch mehr als einer, der sich Feinden gegenüber als besserer Mensch fühlen darf, weil er hehren Zielen nachjagt.

Die Stasiwende

Die „Wendejahre der Stasi“, als viele Tschekisten es ihrem Vorbild Markus Wolf gleichtun und den Kommunismus über die „Perestroika“ retten wollten, sind ein Handlungsstrang in „Raketenschirm“.

Wolf trat 1986 als Stellvertreter Erich Mielkes zurück. Matthias Montag, Günstling des Pensionärs, will sich “seinen Dissidenten” als Rückendeckung organisieren und trifft sich deshalb mit Gustav Horbel auf dem “Mont Klamott”, dem Berg aus Schutt bombardierter Berliner Häuser überm gesprengten Bunker im Volkspark Friedrichshain. Das Foto stammt aus dem Bundesarchiv:  Bild 183-M1203-316 vom Fotografen Otto Donath wurde im August 1949 aufgenommen und ist in der Wikipedia unter CC-BY-SA veröffentlicht.

„Wir beide wollten immer was bewegen – jeder auf seine Weise. Für mich ist es natürlich einfacher, innerhalb des Apparates. Du hast bestimmt ganz falsche Vorstellungen davon, was uns dort beschäftigt, welche Freiheiten ich habe, meine Meinung zu sagen. Es gibt eigentlich keine Tabus, und seit Gorbatschow sind die Diskussionen noch lebendiger, spannender, offener. Ein paar alte Betonköpfe mauern, glasklar, aber glaub mir: die Zeit für Reformen ist gekommen. Schade, wenn dann kluge Leute wie du einfach ausfallen.“

„Was erwartest du von mir?“ Gustav Horbel bekam den Hals frei: „Dass ich die Stasi auch großartig finde und meine Meinung künftig bei euch in der Kantine oder auf der Parteiversammlung sage?“

„Wäre das denn so abwegig? Wir sind Künstlern gegenüber aufgeschlossen, viel mehr als manche Kleingeister in den Parteiorganisationen oder Kulturbehörden. Jeder, der entsprechende Leistungen vorweisen kann, wird von uns unterstützt, kann seine Arbeiten auch im westlichen Ausland zeigen, reisen – nur öffentliche, feindselige Stellungnahmen dulden wir nicht. Du würdest ebenso wenig akzeptieren, wenn dir nahestehende Menschen, etwa deine Frau, dich vor allen anderen bloßstellte – oder?“

„Ich würde sie totschlagen.“ Matthias lachte wieder: „Das ist gar nicht dein Stil, unserer auch nicht. Der Staat wirbt doch um Künstler, die es verdienen, selbst wenn sie Fehler machen. Das ist im Westen anders, das weißt du. Dort herrscht das Gesetz des Stärkeren. Bist du was, hast du was – und es kommt immer noch was dazu. Konkurrenz kennt keine Gnade. Fühlst du dich als Habenichts und unbekannter Regisseur dieser Konkurrenz nicht hilflos ausgeliefert?“

„Doch“, sagte Horbel, merkte, wie er wütend wurde, denn er hatte reichlich Filmbeiträge mit gescheiterten DDR-Übersiedlern gesehen, „doch. Aber ich lasse ’s auf Probleme mit dem Gelderwerb ankommen. Wirklich ausgeliefert fühle ich mich einem Wohlwollen, dessen Entzug mir fortwährend angedroht wird.“

„Das kann dir an jedem Ort der Welt passieren.“

„Mag sein, aber diese Erfahrung will ich auf eigene Rechnung machen. Null Bock auf Gnade.”

Die Kraft der Heilslehren

Wrack im ausgetrockneten AralseeGustav Horbel beunruhigt seit seiner Jugend in der DDR, wie anfällig Menschenmassen für Ideologien sind – trotz der von Religionen, Kommunismus, Faschismus bewirkten Katastrophen. Sie sind es auch noch im XXI. Jahrhundert. Er beginnt zu verstehen, dass diese Anfälligkeit tief in der Selbstwahrnehmung begründet ist: „Das hast du getan, sagt mein Gedächtnis. Das kannst du nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.“ So beschrieb es Nietzsche. So trickst der Massenmensch das Gewissen aus :

Das Heil der Welt sucht die Masse – trotz aberwitziger Staatsschulden, absehbarer Verknappung von Wasser, Böden, sauberer Luft, Rohstoffen, Nahrung nicht in einer veränderten Kultur, in der Menschen endlich lernen, die Verantwortung für ihr Handeln selbst zu übernehmen. Stattdessen tritt der Massenmensch seine Verantwortung mit Blick auf deren Versprechen an Parteien, an Bewegungen, Organisationen ab, die ihm verheißen, dass er zu den Guten gehören wird. Er unterschreibt Arbeitsverträge, die ihn von jeder Haftung für Müll, Schmutz, Krieg infolge der Tätigkeit seines Unternehmens freistellen. Dann kassiert er reinen Gewissens seinen Lebensunterhalt bei Waffenhändlern, kauft bei Textildiscountern, die sich von Sklaventreibern beliefern lassen, beweihräuchert sich mit Wind-, Solar- und Bioenergie, deren Umweltverträglichkeit ins Reich der Ammenmärchen gehört.

Das Heil der Welt sucht er in staatlichen Maßnahmen für die Gesundheit, gegen die Banken – dann dürfen alle fit bis zum 100sten Geburtstag mit gerechter verteiltem Geld weitermachen wie gehabt, ein einig Weltvolk fast unsterblicher Warenfetischisten. Zwischen Peking, Berlin und Rio rasen die Geldmaschinen – alle haben von allem genug, das Traumziel des Kommunismus „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ zeigt, was es immer war: Gewächs und Vollstrecker des Kapitalismus, des mechanischen Zeitalters, der Ökonomisierung und Versachlichung.

Wer auf der Strecke bleibt, darf allenfalls auf Mitleidsrituale hoffen. Sie gehören zur Grundversorgung durch die Massenmedien – genauso wie die Sündenbockrituale, die der Masse jederzeit Schuldige für jegliches Malheur liefern. Nur Verantwortliche, die zu ihrer Verantwortung stehen, kommen sehr, sehr selten vor. Etwa so häufig wie Einhörner. Trotzdem muss es sie geben. Die Literatur, die  Malerei wissen das ganz genau.

Lichtblick

2012-09-17 19.39.28Gustav findet in einer E-Mail, Absender unbekannt, mit dem Betreff „Souvenirs“ eine Fotocollage: Die ehemalige Stasiburg von Lauterberg, ein weiter Blick über die Stadt und die Berge – er kann nur aus dem Fenster des Turms geschossen sein −, die Herbstfarben der Insel im Liepnitzsee, eine Haarsträhne im Gegenlicht: Kupfer und Silber, dazu Verse, ein Satz:

 

 

„ ‚Ein tiefstes Weh vermählt

die Liebe dem Verlust

im Schlaf, im Traum, zum Tod

so wird er dir bewusst.‘ –

Du erinnerst Dich – oder?“

Es ist kein Erinnern. Es ist ein Blitz, es ist tiefe Scham über alles Versagen seines Lebens, ein atemloser Moment zugleich: Ein Film läuft, beginnt 1974, seine Szenen wurden nie gedreht, überblenden nun alles reale Geschehen, wollen auf einen Schluss hinaus, der alles sein kann außer einem Happy End. Will er wissen, wie es ausgeht?

Er will.

Der Ärger mit dem Nachwuchs – anno 1974

StasikindOberst Hofrichter, Leiter der MfS-Behörde in Lauterberg hat eine hübsche Tochter, kaum 18, mit kupferrotem Haar. Leider sind die Gedanken im Kopf darunter nicht unter Kontrolle zu bringen. Noch ein Problem, das mit der Stasi nicht aussterben wird.

Neuerliche Inspektion ihres Zimmers hatte rote Nebel der Wut in seinen Kopf getrieben: Silvia wollte nicht lassen von der Verführung durch ein feindlich-negatives Subjekt. Begonnen hatte das Anfang der siebziger Jahre, sie war gerade sechzehn, vorigen Sommer hatte sie den Abschaum wiedergesehen, bei den Weltfestspielen in Berlin. Es waren Briefe gewechselt worden, nun war gar ein Foto aufgetaucht. Er hatte darauf vertraut, dass die Entfernung die Leidenschaft erkalten ließe, hatte keine Reisen nach Berlin erlaubt, Ausgangssperren verhängt, sobald die operativ kontrollierte Person in Lauterberg zu erscheinen drohte. Es hatte nicht geholfen, das Kind wurde aufsässig.

Schlimmer noch, dass ein Schreiben aus Berlin eingegangen war, den Horbel, Gustav, betreffend. Er hatte sich zum Komplizen eines Westberliner Schreiberlings gemacht, eine HS-Beziehung höchstwahrscheinlich. Nachfragen kamen aus der Hauptstadt, „ob und inwiefern der Observierte … “; natürlich gab es einen Vorlauf. Hofrichter hatte die Akte kommen lassen. Der Knabe war mit vierzehn notorisch: Kirchgänger, feindlich-negative Einstellung, verweigert die Werbung als Reserveoffizier der NVA, fällt bei schulischen Veranstaltungen durch bürgerliche Abweichungen auf, letzter Höhepunkt 1969: eine westlich-pennälerhafte Abiturzeitung mit dem Titel „Mülldeckel“, verdiente Genossen Lehrer darin verspottet, ein mindestens ebenso unverschämter, dieselben parodierender Auftritt beim Abiturball.

Sie hatten die Schulleitung dafür maßgenommen, dass sie den Horbel überhaupt zuließ zum Studium. Aber eigentlich waren dann alle froh, dass er weg war, er selbst, Hofrichter, am meisten. Mochten sich die Genossen in der Hauptstadt mit dem Abschaum herumärgern. Doch nun kam das Problem gleich zwiefach zurück, als offizieller Vorgang und Familienzwist, ein Scheißproblem.

Als er hörte, wie sich die Wohnungstür schloss, der leichte Schritt der Tochter sich über den Korridor näherte, begann der Oberstleutnant, auf den Stiefelspitzen zu wippen. Er wandte sich nicht um, als sie das Wohnzimmer betrat, presste die Lippen aufeinander, als sie hallote. Er schwieg.

„Ist was?“

Das Wippen verhielt, Verachtung zischte durch die Zähne: „Was ist? Schluss ist, Schluss mit meiner Geduld!“

Gefährliche Spiele

Als Gabi ihre Tochter zum ersten Mal mit einer tanzenden Untertasse erwischte, nahm sie es von der heiteren Seite. Dass spielende Kinder Gegenstände zweckentfremdeten, war normal. Es war also auch normal, einen Teller auf den Rand zu stellen, ihn um die eigene Achse kreiseln zu lassen, zuzusehen, wie die Kreiselbewegung ins Schlingern kam, Frequenz und Geräusch sich steigerten, bis das Ding platt auf dem Boden lag. Sie fragte sich nur, wie Carla darauf gestoßen war: Sie selbst hatte ihr den Trick nie gezeigt. Er gehörte zur Vergangenheit, zu den Liebesnächten mit Anton, zum Aufstieg in den Spitzenkader des DDR-Sports, zum Absturz ins Leben als Geschiedener mit Kind. Sie hatte nie mehr versucht, ihre besondere Gabe beim Umgang mit rotierenden Scheiben wiederzufinden. Im Augenblick, da die Rotation von Carlas Untertasse auf dem Küchentisch erstarb, fiel ihr ein, dass gerade zehn Jahre seit jener Nacht im Studentenheim vergangen waren, in der sie über sich hinausgewachsen, in deren Folge sie vom Physiker Fürbringer erobert worden war. Hatte Anton der Tochter irgendwann gezeigt, was sie mit Tellern, Münzen, jeder Art Scheiben anstellen konnte?

„Hast du das im Hort gelernt?“

„Nö, das konnte ich schon immer.“

Hundert Jahre Fernweh

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Gustav Horbels Großvater Karl hat in Stuttgart Schiffsmaschinenbau studiert, wurde Ingenieur, bereiste die Welt. Zwei Kriege haben seither das Land der Ingenieure verheert; Scharen von Naturwissenschaftlern und Technikbegabten folgten jedes Mal wieder Wahnvorstellungen und Herdenimpulsen, Deutsche trieben sich und ihre Nachbarn ins Verderben. Wenige widerstanden.

Karl Rossberg hatte Glück. Mit dem ersten Krieg traf er nur zusammen, als 1914 ein britischer Kreuzer im Indischen Ozean das deutsche Handelsschiff aufbrachte, in dessen Maschinenraum er Dienst tat. Danach saß er 5 Jahre in einem Lager hinter Stacheldraht in der Australischen Wüste, weit genug weg von den Fronten. Den zweiten Krieg überlebte er, zu alt und zu krank für den Heldentod, daheim in Lauterberg. Aber er hatte das Fernweh dorthin mitgebracht. In Bücherschränken, auf Regalen, in Vitrinen standen Blickfänge: hauchdünnes Porzellan aus Japan, Buddhafiguren aus Singapur, ein Ebenholztisch aus Indien. Ein ausgestopfter Kugelfisch und ein Haifischgebiss waren von Hand beschriftet: „Madras 1911”.

Mit diesen geheimnisvollen Utensilien war Gustav aufgewachsen. Kaum dass er lesen konnte, verschlang er „Köhlers Deutschen Flottenkalender”, bestaunte die Panzerkreuzer, bedauerte, dass die Riesenschiffe, auf deren Decks sich Matrosen reihten, befehligt von würdig dreinblickenden Backenbärten über Uniformbrüsten voller Orden, dass all diese Pracht und Herrlichkeit mit dem Kaiserreich untergegangen war. Die deutschen Ingenieure – waren ihre Schiffe, Zeppeline, Automobile nicht die besten? Hatten sie nicht immer wieder Land und Leute emporgebracht, ganz nach vorn? Nur im Krieg hatten sie kein Glück – das beschäftigte den kaum zehnjährigen Gustav. Was es damit auf sich hatte, erfuhr er weder von der Mutter noch von der Großmutter; was letztlich entschieden hatte über Sieg oder Niederlage, blieb ein dunkles Geheimnis, blieb Pech, das an den Deutschen klebte, mit den Russen ins Land sickerte, die Lauterberger Familie von den Verwandten im Westen isolierte.

Die Welt der Guten

Confucius_Tang_Dynasty“Die Leute”, sagt der weise Da Lao Hu (大老虎), “erzählen sich seit je gern Geschichten von der besseren Welt, in der die Bösen unterworfen sind. Dass in einer Welt mit Unterworfenen kein Frieden sein kann, kommt ihnen nicht in den Sinn, schon gar nicht, wenn sie zu den erfolgreichen Unterwerfern gehören.”

Kong Fu Tse (oder auch Konfuzius, Kong Fu Zi etc. – jedenfalls 孔夫子) hat nie die Unterwerfung getadelt, sondern auf ein harmonisches Einverständnis  zwischen Herrschern und Unterworfenen bestanden. Das war ein Verhältnis, welches ihm insonderheit gegenüber den Frauen gut gefiel. Als die westlichen Mächte im 19. Jahrhundert China militärisch demütigten, um ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen, waren die ohnedies von feudaler Unterwerfung gepeinigten Chinesen nicht mehr sicher, welche Herren die schlimmeren waren. Sowohl die Harmonie im Kaiserreich als auch die mit den fremden Teufeln (洋鬼子)befreite sie nicht von Not und Elend. Es begann ein halbes Jahrhundert blutiger Kämpfe zwischen allen möglichen Warlords und ihren Parteien, mehr als ein Jahrzehnt grausamer Invasion und Unterwerfung durch die Japaner, an dessen Ende die Kommunisten sich als Unterwerfer des Bösen präsentieren konnten, da alle anderen – vor allem die fremden Teufel – der Bosheit zweifelsfrei überführt waren.

Mao Zedong konnte sich so sicher als Überwinder alles Bösen fühlen, dass er sich sogar mit den Propheten des Heils aus Moskau überwarf. Gemeinsam blieb den Großmächtigen beider Reiche und ihren Ideologen – Bertolt Brecht hatte für sie den Begriff “TUI” erfunden, kurz und verballhornend für “Tellekt-Uell-Ins”, er meinte damit Erklär- und Rechtfertigungsnutten – die Art, wie sie den Blutzoll für ihre Menschheitsbefreiung aus der Wahrnehmung verdrängten, damit Harmonie des Schweigens über ihre Untaten herrsche. Im Rausch der Macht gab Mao etwas leichtfertig die Argumentationshilfen des Kong Fu Zi aus der Hand, ließ ihn wie alle anderen Philosophen außer dem Großen Führer Mao Zedong aus dem kollektiven Gedächtnis tilgen. Das gelang nicht ganz. Aus diesem Misserfolg zumindest haben die Nachfolger gelernt: Was als Begründung eigener Gewalt ideologisch zu gebrauchen ist, verdient, wiederentdeckt zu werden. Das ist eigentlich eine simple Marktstrategie, meinetwegen auch Darwinismus krudester Form – es scheint zu funktionieren. Noch.

Dass Gewaltherrschaft ein Verfallsdatum hat – und zwar jede – wird vermutlich ebenso langsam verstanden werden wie die Tatsache, dass man niemand zu seinem Glück oder einer Harmonie in der Unterwerfung nötigen kann, ohne den Frieden dauerhaft zu verlieren.