Enteignung

Herrenstraße26Die Ängste sind wieder da. Was einem zugeeignet wurde von Vater und Mutter, von Generationen fleißiger, irrender, in Krisen und Konflikte verstrickter Vorfahren, soll weg. Die Bindung an ein Dach überm Kopf soll gelöst, eine Immobilie vermarktet werden. Die festen Mauern sollen sich zu Geld verflüssigen. Ein vertrauter, nur dem Bewohner vertrauter Wert – der des Gebrauchs, des Wohlfühlens und der Geborgenheit – soll verwertbar im Sinne des gleichgültigen Marktes sein, der einer der größten Erfolge der Gattung ist – und ein Schlachtfeld der Begehrlichkeiten von Individuen, Gruppen, Korporationen, denen Heimat nichts bedeutet. Sie rechnen. Sie dominieren. Sie haben elaborierte Rechtfertigungen dafür, Leben seiner Lebensräume zu enteignen – egal ob es Häuser, Dörfer, Städte, Landschaften oder ganze Kontinente sind.

Es sind fast 50 Jahre, dass der DäDäÄrr-Staat meine Mutter und Großmutter vor die Entscheidung stellte, ihr Haus, das Haus meiner Kindheit, samt dem zugehörigen Grund mitten in der Stadt, entweder für einen Pappenstiel zu verkaufen oder enteignet zu werden. Die beiden machtlosen Frauen konnten nicht ahnen, dass die Enteignung die komfortable Lösung war. 20 Jahre später hätte ihnen das eine “Restitution” beschert – und ein Millionenvermögen. Sie hätten kaum Zeit gehabt, in den verbleibenden Lebensjahren diese Millionen auszugeben. Als meine Großmutter 1993 starb, spielte Geld keine Rolle – wie in den Jahrzehnten zuvor. Wir nahmen voneinander Abschied in Liebe.

Meine Mutter lebte ab 1996 – betreut von meiner Schwester – fern jenem Ort, wo die als Verkauf getarnte Enteignung stattgefunden hatte, zur Miete. Die Eigentümerin des Hauses gehört zu den wenigen Menschen mit einer ganz persönlichen Haltung zum Grundgesetz: Eigentum verpflichtet! Sie wurde zur Freundin der Familie – und das Haus war gesegnet. Die alte Dame malte die schönsten Bilder, deren sie fähig war, sie hängen immer noch erheiternd und farbenfroh in Gängen und Treppenhaus. Die Eigentümerin wusch den Zigarettengestank aus den Gardinen ihrer “Mietpartei”, obwohl sie selbst das Rauchen verabscheut.

Ich muss in diesen Tagen meinen Anteil am Haus meines Vaters verkaufen; sein Erhalt übersteigt die finanziellen Möglichkeiten der Geschwister, denen es gehört. Keiner von uns hat die Chance eines “Erwirb es, um es zu besitzen”. Vielleicht war unser Vater zu ehrgeizig, als er baute. Unsere Vorfahren – ihre Geschichte habe ich im “Blick vom Turm” aufgeschrieben – wussten wenig über die Nöte und Bedürfnisse nachfolgender Generationen. Wir müssen ihren Erwartungen nicht gerecht werden. Aber es hinterlässt mir ein tiefes Gefühl von Unbehagen und Trauer, welche Defizite ich den Nachkommen hinterlasse, wenn ich jetzt das Haus meines Vaters verschleudere, “weil der Markt mich dazu zwingt”.

Internetwirtschaft macht reich

Die Vorhersagen im „Raketenschirm“ von Anfang der 2010er Jahre erweisen sich als zuverlässig: Jeder Konzern, der seine Produkte über das Vertrauen in Marken verkauft, muss fürchten, von einer “Wir sind die Guten”-Community als profitgieriger Verteiler giftiger (mindestens gesundheits- oder umweltschädlicher) Ware markiert und ausgeschrien zu werden. So treffen wir auf eine seit alters her verlässliche Methode, sich Vorteile – in Form von Geld, gern als Ausbeute öffentlicher Aufmerksamkeit – zu verschaffen: DAS GERÜCHT. Es kann Einzelnen mit Unterstützung einer Community sehr, sehr viel Aufmerksamkeit und Geld bringen, wenn der Konzern um die Zugkraft seiner Marke fürchten muss. Das Kapitel 10 zeigt, wie’s gehen kann – Ähnlichkeiten mit aktuellen Kampagnen sind rein zufällig – falls nicht deren Initiatoren sich vom “Raketenschirm” inspirieren ließen

HWODer Schnauzbart irritiert sie, die runde Brille erinnert an historische Vorbilder aus den Jahren der Oktoberrevolution, der Anzug am fülligen, dennoch fest und sportlich trainiert wirkenden Leib stammt von einer Nobelmarke, unterm Doppelkinn ist der Kragen offen, keine Krawatte, ein Dreitagebart, kahle Stellen im grauschwarzen Stoppelhaar: Als sich Hermann Hofrichter zu Silvia an den Tisch setzt, mit „Freundschaft“ grüßt, grinst, wirkt er entspannt und locker. Er muss bald 65 sein.

„Du siehst nicht aus wie ein Rentner“, sagt seine Halbschwester. (…)

Hermann nickt versonnen: „Das Tolle an diesem Land: es lässt seine Spinner nicht verhungern. Mal sehen, wie lange ’s noch funktioniert.“ Silvia ahnt, dass jetzt der Katechismus folgt. Hermann fasst nach einer schmalen Mappe, holt ein Notepad heraus, macht ein paar Fingergesten. „Die Spinner haben sogar genug Geld, es in die Revolution zu investieren. Schau mal: das ist in den letzten drei Tagen hereingekommen.“ Er hält ihr den glänzenden Bildschirm hin. Sie überfliegt Tabellen, eine Grafik. „Möchtest du nicht auch spenden? ,Heal the World, Make It A Better Place … For You and For Me … And the Entire Human Race’ …“, summt er.

„Wusste nicht, dass du singen kannst. Was macht ihr mit diesem riesigen Haufen Geld? Möchtest du nicht etwas davon in eine Kulturstiftung für – sagen wir: meine Mösengalerie – stecken?“

„Klar.“ Hermann beobachtet Silvias Reaktion. „Nur nicht sofort. Schau – es ist so: Wir haben dir geholfen, jetzt könntest du für uns etwas tun. Dein Ziel, den Mädchen und Frauen dieser Welt Beschneidungen, Zwangsehen, Sklavenhandel und so weiter zu ersparen, ist auch eines der Ziele unserer NGO, eines nur, aber die anderen werden dir auch gefallen.“

„Du redest jetzt nicht vom ‚Leninistischen Aufbruch‘?“ Silvia ist platt.

„Ach was. Solche kindischen Etiketten kleben sich nur Schwachköpfe und verkalkte Veteranen des Kalten Krieges an. Im Zeitalter des Internets verlaufen Revolutionen vollkommen anders – oder hast du den ‚Arabischen Frühling‘ verschlafen?“

„Natürlich nicht, und ich bin besonders gespannt darauf, wie er sich auf die Lage der Frauen auswirken wird.“

„Siehst du. Frauensolidarität bleibt wichtig. Wir haben sehr renommierte Aktivistinnen, die einschlägige Foren betreuen, neue Kräfte gewinnen, starke Argumente – vor allem Bilder – beisteuern. Die Welt muss sich ändern, Nachhaltigkeit, Klimawandel, soziale Gerechtigkeit … du weißt schon. (…) Es muss niemand mehr auf die Straße gehen, sich als fahnenschwenkender Märtyrer niederschießen lassen, wenn er eine Chemiefabrik kaputtmachen, einen Banker zum Kniefall bringen will. Informationen über eine verseuchte Landschaft, einige Dutzend betrogene Anleger reichen: Sie müssen nur groß genug sein für Nachrichten in den Leitmedien, eine große Zahl von Menschen dazu bringen, sich uns anzuschließen: Dominanz in den Medien ist das neue Kapital, und das Internet ist die Methode der Akkumulation. Wir sind die Guten, wer zu uns gehört, gehört an die Macht.“

„Und wie nennt sich das Ganze? Nicht mehr Kommunistische Partei?“

„Tu nie alle Eier in einen Korb. Auch Utopisten, Grüne, Tierschützer, jede Sorte sozialistischer Bewegungen konkurrieren in dieser Welt. Sogar Religionen.“ Hermann bläst einen verächtlichen Lacher durch die Nase. „Die Kunst besteht darin, ständig neue Netze zu knüpfen, den Leuten die Überzeugung zu vermitteln, dass sie auf der richtigen Seite stehen, zur ‚Heal-the-World‘-Bewegung gehören, die Kunst ist, dabei als Bewegung so groß wie irgend möglich zu werden. Und natürlich das Geld dafür einzusammeln.“

„Bei den Spinnern.“

„Und bei denen mit schlechtem Gewissen, bei denen im Hintergrund, im Dunkeln wenn ’s sein muss …“

„Erpressung.“

„Quatsch. Wiedergutmachung. Wenn du die Moralinsäure weglässt, kriegst du vielleicht endlich eine Mahlzeit hin, die überall auf der Welt gegessen wird. Oder möchtest du auf eine große Kosmetikfirma als Sponsor für deine Muschibildchen verzichten?“

„Der Kommunist rettet die Frauen der Welt mit L’Orèal – oder isses Beiersdorf?“

Der Kapitalismus hat sich mit dem Kommunismus seinen Totengräber erschaffen. Die Form der Bestattung konnte Marx nicht vorhersehen. Du und Deine Mutter – ihr passt besser an die Spitze als zum Fußvolk. Das wollte ich dir gesagt haben, deshalb habe ich nicht gezögert, für dich etwas digitalen Dreck wegzuputzen. Niemand zwingt dich zu einer Entscheidung. Achte einfach mal im Internet genauer darauf, wohin der Wind weht und in welche Richtung die Massen sich bewegen. Wo vorn ist, sind wir.

Silvia lacht ein wenig gezwungen: „Sagst du deshalb nicht mehr ‚bljatj‘?“

Ich trinke auch keinen Wodka mehr.“

Aber wenn du mich und Meinesgleichen einlädst – womöglich schubsen wir Frauen dich weg von der Spitze.“

Nur zu. Ich konnte schon früher – anders als du und dein schneidiger Genosse Leutnant Lampert – mein Ego zügeln, habe gelernt, in den hinteren Reihen treu zu dienen. Zahlen!“ Hermann legt einen großen Schein auf den Tisch und wendet sich zum Gehen, ohne auf Wechselgeld zu warten.

Helden

Callot_GalgenFür mich gibt es keine Geschichte. Für mich ist alles Gegenwart. Wenn Frauen die Nase abgeschnitten wird, weil sie einem Mann nicht zu willen sind, ist das Sklaverei in der Gegenwart, wenn Fußballer zu Nationalhelden werden, ist das Steinzeit in der Gegenwart, wenn „Wir sind Papst!“ oder „Wir sind Weltmeister!“ aus den Schlagzeilen knallt, ist das 19tes Jahrhundert, Kaiserzeit von Willem zwo oder Tausendjahrerreich mit unversenkbaren Panzerkreuzern und U-Booten. Wir sind irgendwie… Herren! Naja: der HerrInnen-Ehrgeiz passt schon dazu: die weltbesten Gender-Mainstreamer.

Jedenfalls sind das Wahnvorstellungen, die eines gemeinsam haben: den Wunsch nach Dominanz, möglichst weltweiter. Ob in muselmanischen Träumen, christlichem Missionseifer, kommunistischer Ignoranz: Nichts davon ist – trotz erwiesener Menschen-, Natur-, vor allem Lernfeindlichkeit – „vergangen“.

Das ist auch gut so. Für Freunde der Religion: Gott sei Dank! Für alle anderen: Weil menschliche Vernunft erfahrungsgemäß andauernd korrigiert werden muss.

Wir leben in einer Zeit, die meint, von allem sehr viel zu wissen, das Vergangene zu beherrschen, gar überwunden zu haben. Bibliotheken und online-Foren sind voll furioser Abrechnungen mit den Verbrechen und den Verbrechern der Vergangenheit. Die Deutschen insbesondere, weil sie sich in keiner andern als der Rolle des Musterschülers wirklich wohl fühlen, möchten gar zu gern als Vorbilder der „Aufarbeitung“ wahrgenommen werden.

Aber da ist nichts „aufzuarbeiten“. Die Toten bleiben tot, zerschmetterte Körper sind nicht reparabel. Ja, traumatisierte Seelen können trotz aller Verletzungen in ein erfülltes Leben finden – sie werden dabei nur ausnahmsweise erleben, dass Folterer, Vergewaltiger, Mörder, Spitzel, Denunzianten sich ihnen als reumütige Sünder zu Füßen werfen. Sie sollten keinesfalls darauf zählen, denn nach dieser Sorte Mensch gibt es eine unstillbare Nachfrage.

Klebstoff der Dikaturen

“In Zeiten des Verrats sind die Landschaften schön”, hat Heiner Müller gesagt. Berge, Seen, Wälder, Flüsse: die Romantik des Naturschönen war in allen deutschen Diktaturen Fluchtpunkt der Verängstigten und amtlicher Tranquilizer zugleich. Die Landschaften sind heute anders bedroht als zu DäDäÄrr-Zeiten. Aber der alte, giftige Klebstoff der Diktaturen funktioniert immer noch: die zwei Komponenten Angst und Gewohnheit sind offenbar nur durch Katastrophen aufzulösen. Ein Gespräch zweier Frauen am Liepnitzsee, einer Idylle nahe bei Erich & Erichs Residenz Wandlitz in den 80er Jahren, offenbart die Brüchigkeit eines Lebens, das “riskantes” Vertrauen durch Kontrolle ersetzen will.

Liepnitz„Was machen wir jetzt?“ Antje und Gabi saßen am Ufer des Liepnitzsees, die Kinder ließen Steinchen springen, peitschten Brillanten in die Sonne des Altweibersommers, spürten Krebse auf, schnorchelten. „Sie sind vollkommen unbeschwert“, sagte Antje, „Karsten gehört ihnen ja auch irgendwie, nicht nur uns. Die Jungs raufen, spielen Fußball mit ihm, Carla schwärmt vom Fernsehstar – ‚der Freund von Gojko Mitic‘! Mir wär’s egal, dass du mit ihm schläfst, mir ist nur nicht so ganz egal, dass es nebenan passiert.“

„Und dass er bei der Stasi unterschrieben hat, ist dir das auch egal?“

„Dir nicht?“

Gabi schwieg. Ein Spitzel, von dem alle wussten, war auf den ersten Blick nicht viel wert für einen Geheimdienst, nicht als Informant jedenfalls. Alle würden sich in seiner Anwesenheit zurückhalten mit gefährlichen Äußerungen, ihn abschneiden von Vertraulichkeit. Sie konnten aber auch niemals Vertrauliches besprechen, gar vereinbaren: Solange er da war, war die Macht da, die Drohung. Wie konnte er selbst mit dieser Aura leben? Alles was er sprach, was er tat, stand unter Vorbehalt, jeder Raum füllte sich mit Misstrauen, sobald er ihn betrat, denn er würde nie beweisen können, dass mit seiner Enttarnung die Verbindung zur Stasi beendet war. Gabi stellte sich vor, sie selbst brächte eine Runde zum Verstummen, indem sie nur erschiene. Sie würde grinsen, Hallo sagen und „Alles okay?“, und dann redeten alle von Belanglosem. Eine Aura wie von billigem Parfüm umgäbe sie. Angenommen es gäbe einen zweiten Spitzel – wäre er dann der einzige, der ihr unverkrampft begegnete? Oder müsste er, damit seine Tarnung intakt bliebe, die Enttarnte mit besonderer Verachtung strafen? Wäre also schärfstes Misstrauen, besonderer Vorbehalt angebracht gegenüber den Vorsichtigen und Standfesten?

In diesem Augenblick begriff Gabriele Fürbringer, dass die Stasi mit ihrem Spitzelwesen jegliches Vertrauen zerstörte. Sie fragte sich, was dann übrig blieb: „Was bliebe übrig, wenn wir einfach alle eine Verpflichtungserklärung unterschrieben? Wären wir alle brav oder säßen wir alle im Knast?“

„Wir sitzen doch alle im Knast“, grinste Antje, „die Stasis womöglich noch mehr als wir. Glaubst du, dass die sich nicht gegenseitig fortwährend belauern? ‚Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser‘, Lenin, schon vergessen? Da drüben bei den Dauercampern auf der Insel sind sie unter sich, wetten? Nicht zu reden vom eingezäunten Bonzenbad oder der Siedlung nebenan in Wandlitz. Vielleicht erzählen sie sich dort beim Grillen die schärfsten politischen Witze – vielleicht aber auch nicht.“

„Dann wäre Mielke der Einzige, der überhaupt noch irgendwem vertrauen könnte, weil er alles und alle kontrolliert“, meinte Gabi, „er dürfte über Witze als einziger unbeschwert lachen.“ Antje freute sich: „Wenn es so perfekt funktionierte, klar. Er wäre Gott, vorausgesetzt alle Informationen wären wahr, kämen bei ihm an und er könnte sie verwerten. Aber das Ganze ist ein undurchschaubares Gestrüpp von Lügen, Halbwahrheiten, erschlichenen oder erpressten Wahrheiten. Nicht mal Honecker kann sich sicher fühlen, er hat Ulbricht gestürzt, er traut keinem, denn er kennt die Tricks. Wenn wir alle unterschrieben, uns fortwährend gegenseitig zu denunzieren, wäre das Chaos nur ein kleines bisschen schlimmer. Vermutlich lebten wir nicht viel anders als wir ’s sowieso tun, weil der Alltag hauptsächlich aus Routinen besteht, die den Oberstasis egal sind. Mit der Liebe würde es schwierig, das kannst du in ‚1984‘ von George Orwell nachlesen. Liebe ohne Vertrauen? Beides wäre einfach totkontrolliert.“

Gabi nickte. „Du hast mir vertraut, ich hab ’s verdorben.“ Antje nahm sie in den Arm. „Nein, um Gottes willen. Nicht wegen dem Typ. Den kannst du geschenkt haben, mach mit ihm, was du willst. Du solltest ihn nur von uns – dir, mir, den Kindern, den Freunden fernhalten. Keine Ahnung wie du ’s anstellst, ich hoffe, dass der Anfall von Verliebtheit vorübergeht. Bei mir hat er nicht lange gedauert, meine Freundschaft zu dir verträgt mehr.“

„Er hat versprochen, dass er den Stasioffizier hängen lässt, ihn mit Banalitäten abspeist, niemals etwas zu unserem Nachteil ausplaudern wird.“ Gabi seufzte, schmiegte sich in Antjes Umarmung. Der See lächelte. „Na also“, hörte Gabi Antje sagen, „dann kannst du entscheiden, ob du ihm vertrauen willst. Kontrollieren kannst du ihn ja nicht.“

Gerüchte als Geschäftsmodell

Chinesisch für "Gerücht"700 000 $ (525 000 €) – so berichtet unter anderem der österreichische Standard – kostete es McDonalds und einen seiner Franchise-Nehmer, dass ein Kunde muslimischen Glaubens sich durch Werbung für ein Hühner-Sandwich getäuscht sah. Das Fleisch war nicht von „ḥalāl“ geschlachteten Hühnern, d.h. sie hatten ihren Kopf nicht nach islamischem Ritus verloren . Damit waren sie ungenießbar wie Schweine. Im November 2011 verklagte der Kunde die Fast-Food-Kette.

Die Klage hatte Erfolg; McDonalds zahlte außergerichtlich 15 000 € an den Kunden, den Rest erhielten muslimische Einrichtungen und die Anwälte. Alle sind zufrieden – der Konzern konnte sich das vermutlich locker leisten. Schwerer hatten ihn schon frühere Millionenzahlungen getroffen – wegen angeblich “vegetarischer” Pommes und unerlaubter Gratisbeigaben von Spielzeug zu Werbezwecken.

Immerhin ist der Erlös aus dem “unreinen” Sandwich erklecklich. Ein von mir wegen seiner Kommentare zum deutschen Qualitätsjournalismus geschätzter Blogger witzelte, das entspreche der DDR-Losung: „Aus jeder Mark, jeder Stunde Arbeitszeit, jedem Gramm Material einen höheren Nutzeffekt“.

Tatsächlich eröffnet sich hier eine ungeahnte Möglichkeit, Weltkonzerne zu schröpfen: Organisationen, die internetweite Boykotte auslösen können, indem sie – echte oder gefakte – Skandale “aufdecken”, haben gute Aussichten, dabei schöne Schweigegelder zu erlösen. Schon Plutarch fasste das Geschäftsprinzip in den Satz: “Audacter calumniare, semper aliquid haeret” – Nur keck verleumden, es bleibt immer etwas hängen. Kein noch so solventer Konzern schafft es, sich reinzuwaschen, ehe ihn ein Boykott, sei er auch unberechtigt wie der gegen Shell anlässlich der “Brent Spar”-Affäre, Millionen gekostet hat. Schweigegeld kommt billiger.

Im “Raketenschirm” wird erzählt, wie sich auf diese Weise Organisationen finanzieren. Sie segeln unter vielen verschiedenen bunten Flaggen in Richtung “bessere Welt”. Ihr Ziel ist, innerhalb kürzester Zeit Massen an Bord zu holen, sie virtuelle Schlachten gegen menschen- und naturfeindliche Popanze schlagen zu lassen, während sie – gut getarnt – vom sicheren Hafen aus Profite kassieren und den Kern ihrer Macht festigen.

“Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie?”, fragte einst Bert Brecht und weiter: “Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?” Seine dritte Frage wird beim Zitieren regelmäßig unterschlagen: “Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Einstellung eines Mannes?” Die Frage ließe sich ergänzen: “Was ist die Ermordung eines Mannes gegen seine Umerziehung zum Mitläufer?” Beides ist nicht rhetorisch: Ein Toter stört nicht, verursacht aber Aufwendungen. Ein Angestellter macht sich bezahlt – kostet allerdings immer noch mehr als einer, der sich Feinden gegenüber als besserer Mensch fühlen darf, weil er hehren Zielen nachjagt.

Die Kraft der Heilslehren

Wrack im ausgetrockneten AralseeGustav Horbel beunruhigt seit seiner Jugend in der DDR, wie anfällig Menschenmassen für Ideologien sind – trotz der von Religionen, Kommunismus, Faschismus bewirkten Katastrophen. Sie sind es auch noch im XXI. Jahrhundert. Er beginnt zu verstehen, dass diese Anfälligkeit tief in der Selbstwahrnehmung begründet ist: „Das hast du getan, sagt mein Gedächtnis. Das kannst du nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.“ So beschrieb es Nietzsche. So trickst der Massenmensch das Gewissen aus :

Das Heil der Welt sucht die Masse – trotz aberwitziger Staatsschulden, absehbarer Verknappung von Wasser, Böden, sauberer Luft, Rohstoffen, Nahrung nicht in einer veränderten Kultur, in der Menschen endlich lernen, die Verantwortung für ihr Handeln selbst zu übernehmen. Stattdessen tritt der Massenmensch seine Verantwortung mit Blick auf deren Versprechen an Parteien, an Bewegungen, Organisationen ab, die ihm verheißen, dass er zu den Guten gehören wird. Er unterschreibt Arbeitsverträge, die ihn von jeder Haftung für Müll, Schmutz, Krieg infolge der Tätigkeit seines Unternehmens freistellen. Dann kassiert er reinen Gewissens seinen Lebensunterhalt bei Waffenhändlern, kauft bei Textildiscountern, die sich von Sklaventreibern beliefern lassen, beweihräuchert sich mit Wind-, Solar- und Bioenergie, deren Umweltverträglichkeit ins Reich der Ammenmärchen gehört.

Das Heil der Welt sucht er in staatlichen Maßnahmen für die Gesundheit, gegen die Banken – dann dürfen alle fit bis zum 100sten Geburtstag mit gerechter verteiltem Geld weitermachen wie gehabt, ein einig Weltvolk fast unsterblicher Warenfetischisten. Zwischen Peking, Berlin und Rio rasen die Geldmaschinen – alle haben von allem genug, das Traumziel des Kommunismus „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ zeigt, was es immer war: Gewächs und Vollstrecker des Kapitalismus, des mechanischen Zeitalters, der Ökonomisierung und Versachlichung.

Wer auf der Strecke bleibt, darf allenfalls auf Mitleidsrituale hoffen. Sie gehören zur Grundversorgung durch die Massenmedien – genauso wie die Sündenbockrituale, die der Masse jederzeit Schuldige für jegliches Malheur liefern. Nur Verantwortliche, die zu ihrer Verantwortung stehen, kommen sehr, sehr selten vor. Etwa so häufig wie Einhörner. Trotzdem muss es sie geben. Die Literatur, die  Malerei wissen das ganz genau.

Gefährliche Spiele

Als Gabi ihre Tochter zum ersten Mal mit einer tanzenden Untertasse erwischte, nahm sie es von der heiteren Seite. Dass spielende Kinder Gegenstände zweckentfremdeten, war normal. Es war also auch normal, einen Teller auf den Rand zu stellen, ihn um die eigene Achse kreiseln zu lassen, zuzusehen, wie die Kreiselbewegung ins Schlingern kam, Frequenz und Geräusch sich steigerten, bis das Ding platt auf dem Boden lag. Sie fragte sich nur, wie Carla darauf gestoßen war: Sie selbst hatte ihr den Trick nie gezeigt. Er gehörte zur Vergangenheit, zu den Liebesnächten mit Anton, zum Aufstieg in den Spitzenkader des DDR-Sports, zum Absturz ins Leben als Geschiedener mit Kind. Sie hatte nie mehr versucht, ihre besondere Gabe beim Umgang mit rotierenden Scheiben wiederzufinden. Im Augenblick, da die Rotation von Carlas Untertasse auf dem Küchentisch erstarb, fiel ihr ein, dass gerade zehn Jahre seit jener Nacht im Studentenheim vergangen waren, in der sie über sich hinausgewachsen, in deren Folge sie vom Physiker Fürbringer erobert worden war. Hatte Anton der Tochter irgendwann gezeigt, was sie mit Tellern, Münzen, jeder Art Scheiben anstellen konnte?

„Hast du das im Hort gelernt?“

„Nö, das konnte ich schon immer.“

Freiheit heißt: Da ist nichts mehr, was zu verlieren ist

“Freedom’s just another word for nothing left to lose …”

Herrenstraße26Horbel ist immer noch daran gewöhnt, von der Hand in den Mund zu leben. Dass die Aufträge vom Radio kaum reichen werden, die Fixkosten zu decken, nimmt er hin. Seine Familie hat allen Besitz, alles was Sicherheit verhieß, im Laufe von anderthalb Jahrhunderten deutscher Politik verloren: Immobilien, Aktien, Geldvermögen.

Der Sozialismus befreite Gustav Horbels Mutter und Großmutter vom letzten Rest Eigentum: sie mussten das alte Haus in der Herrengasse samt Grundstück, den Garten mit der Turmruine neben der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit zu einem Spottpreis verkaufen, den der Staat diktierte. Die Alternative wäre Enteignung gewesen; die beiden Frauen waren nicht verrückt genug, 1971 auf deutsche Einheit und Restitution zu wetten. Sie hatten Angst.

So wurde Gustav Horbel von der Verpflichtung auf ererbten Grundbesitz befreit. Auch von Illusionen über Zusammenhänge von Staat, politischen Parteien, Recht und Gerechtigkeit. Er las viel, er träumte, nahm seine Luftschlösser mit nach Berlin, in den Westen: überallhin. Versuche, diese Luftschlösser zu enteignen, schlugen überall fehl. Die Chinesin versucht es manchmal noch, sie ist die einzige, der Gustav dazu ein Recht einräumt.

Ihr gemeinsamer Freundeskreis ist klein. Am liebsten ist Gustav in der Gesellschaft jener, für die er sich einmal entschieden hat, teilt mit ihnen die Erfahrung des glücklichen Scheiterns. Hans ist einer seiner frühesten Freunde, er hat ihn tanzend neben einem Brunnen getroffen, Hans hatte gerade seinen Mühlstein darin versenkt. Anselmus, Peregrinus Tys, der Meister Floh gesellen sich ihnen zu, der erfolglose Komponist Kreisler und sein alter Ego, der Gespenster-Hoffmann, Bodmer, der Grabsteinverkäufer ist mit von der Partie, dazu Harry Haller, der müde Jerry aus New York, der sich irgendwann von einem verschreckten Kleinbürger abstechen lassen wird. Mit dem kleinen Häwelmann ist Gustav lange vor Armstrong und Aldrin auf dem Mond gewesen, mit Robert teilt er sich den Schirm für den Flug in die Freiheit, einziges Ziel: Fliegen. Wohin? „Wo der Wind sie hingetragen…“, wo das Wunder wartet: einfach nur zu überleben ist ein Wunder.

Die Welt der Guten

Confucius_Tang_Dynasty“Die Leute”, sagt der weise Da Lao Hu (大老虎), “erzählen sich seit je gern Geschichten von der besseren Welt, in der die Bösen unterworfen sind. Dass in einer Welt mit Unterworfenen kein Frieden sein kann, kommt ihnen nicht in den Sinn, schon gar nicht, wenn sie zu den erfolgreichen Unterwerfern gehören.”

Kong Fu Tse (oder auch Konfuzius, Kong Fu Zi etc. – jedenfalls 孔夫子) hat nie die Unterwerfung getadelt, sondern auf ein harmonisches Einverständnis  zwischen Herrschern und Unterworfenen bestanden. Das war ein Verhältnis, welches ihm insonderheit gegenüber den Frauen gut gefiel. Als die westlichen Mächte im 19. Jahrhundert China militärisch demütigten, um ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen, waren die ohnedies von feudaler Unterwerfung gepeinigten Chinesen nicht mehr sicher, welche Herren die schlimmeren waren. Sowohl die Harmonie im Kaiserreich als auch die mit den fremden Teufeln (洋鬼子)befreite sie nicht von Not und Elend. Es begann ein halbes Jahrhundert blutiger Kämpfe zwischen allen möglichen Warlords und ihren Parteien, mehr als ein Jahrzehnt grausamer Invasion und Unterwerfung durch die Japaner, an dessen Ende die Kommunisten sich als Unterwerfer des Bösen präsentieren konnten, da alle anderen – vor allem die fremden Teufel – der Bosheit zweifelsfrei überführt waren.

Mao Zedong konnte sich so sicher als Überwinder alles Bösen fühlen, dass er sich sogar mit den Propheten des Heils aus Moskau überwarf. Gemeinsam blieb den Großmächtigen beider Reiche und ihren Ideologen – Bertolt Brecht hatte für sie den Begriff “TUI” erfunden, kurz und verballhornend für “Tellekt-Uell-Ins”, er meinte damit Erklär- und Rechtfertigungsnutten – die Art, wie sie den Blutzoll für ihre Menschheitsbefreiung aus der Wahrnehmung verdrängten, damit Harmonie des Schweigens über ihre Untaten herrsche. Im Rausch der Macht gab Mao etwas leichtfertig die Argumentationshilfen des Kong Fu Zi aus der Hand, ließ ihn wie alle anderen Philosophen außer dem Großen Führer Mao Zedong aus dem kollektiven Gedächtnis tilgen. Das gelang nicht ganz. Aus diesem Misserfolg zumindest haben die Nachfolger gelernt: Was als Begründung eigener Gewalt ideologisch zu gebrauchen ist, verdient, wiederentdeckt zu werden. Das ist eigentlich eine simple Marktstrategie, meinetwegen auch Darwinismus krudester Form – es scheint zu funktionieren. Noch.

Dass Gewaltherrschaft ein Verfallsdatum hat – und zwar jede – wird vermutlich ebenso langsam verstanden werden wie die Tatsache, dass man niemand zu seinem Glück oder einer Harmonie in der Unterwerfung nötigen kann, ohne den Frieden dauerhaft zu verlieren.

Verstopfte Zukunft–freigeschossen

Glock_17Am 26.4. werden es zehn Jahre, dass Robert Steinhäuser, ein 19jähriger Erfurter, sich schwarz maskierte, sich mit einer Pistole Glock 17, 9mm und einer Pumpgun bewaffnete, in das Gymnasium ging, aus dem ihn eine ums Renommee ihrer Schule besorgte Direktorin ein halbes Jahr zuvor hinausgeworfen hatte.

Er erschoss zwölf Lehrer, die Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizisten, dann sich selbst. Die Bluttat mündete in die solchen Taten zwanghaft folgenden Sozialrituale. Trotz anschwellender Medienverstärkung haben diese Rituale das nächste Massaker nie verhindert, sie werden es – fürchte ich – auch künftig nicht tun. Das liegt vor allem daran, dass nach einem “Warum” gefragt wird, aber nicht  nach dem Ziel des Täters, nicht nach den Handlungsimpulsen, die auf dieses Ziel fixiert sind. In einer Gesellschaft, die sich fast ausschließlich darum bemüht, den Fortgang der je eigenen Geschäfte sicher-zu-stellen, anderen also die Zukunft zu verstopfen,  werden zwangsläufig diejenigen übersehen, denen die Zukunft verstopft wird. Nicht alle schießen sie sich frei.

Die folgende Geschichte ist persönliches Nachdenken zum Thema.

Weshalb ich dieses Geschehens in meiner Erinnerung so sicher war? Ich weiß es nicht. Es gab keinerlei gefestigte Daten, keine verlässlichen Zeugen, keinen Ort auf dem Friedhof, der hätte beglaubigen können, dass dieser Selbstmord sich 1968 wirklich ereignet hatte, aber ich hätte Stein und Bein darauf geschworen. Meine Sicherheit stützte sich seltsamerweise auf Schreckenstaten der jüngsten Vergangenheit: auf die Erschießung von Jugendlichen – fast nur Mädchen – durch einen Mitschüler in Winnenden im März 2009, auf ein ebensolches Blutbad unter Lehrern in einem Erfurter Gymnasium am 26. April 2002, auf brutale Übergriffe von Jugendlichen in den USA wie hierzulande. Sie stützte sich vor allem auf ein Gesicht – es ähnelte den Gesichtern der beiden Schulselbstmörder: es war rund, eher kindlich als markant, von blonden Haaren umrahmt, die zu lang waren, als dass sie nicht seinerzeit das Missfallen von Lehrern und FDJ-Funktionären erregt hätten.

1968 war das, und der 17jährige, der zu diesem Gesicht gehörte, war ein unauffälliger, zurückhaltender und nicht etwa für seine Aggressivität bekannter Schüler. Unauffällig, eher angepasst – wie die Selbstmord-Attentäter von Erfurt und Winnenden. Er war ganz anders als ich. Während meiner Schulzeit, vor allem in den letzten Jahren bis zum Abitur, fiel ich andauernd auf: durch Unbotmäßigkeiten, Pausenclownerien, Stören im Unterricht, politische Äußerungen, deren feindlich-negativer Charakter alsbald durch eine aufmerksame Mitschülerin der Schulleitung hinterbracht und in Akten der einschlägigen Behörde verewigt wurde. Aber meine Lehrer warfen mich nicht hinaus. Sie hielten mich für einen hellen Kopf; sogar der Parteisekretär, der es später zu einem hohen Posten in der Bezirksleitung der SED bringen sollte, sah durch die Finger. Ich hatte Glück. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen.

Denn dieser andere, stille Junge war ungeschützt, als sie ihn hinauswarfen. Anders als ich hatte er nicht den ganzen Wissenskanon der marxistisch-leninistischen Fächer drauf; er beteiligte sich weder an Mathematik- noch an Russischolympiaden. Er war den Zensuren nach durchschnittlich und – so sagte mir die Erinnerung – weder Rebell noch romantisches Sensibelchen, aber dann brachte er sich um. Er tat das wegen des Verweises „von allen Erweiterten Oberschulen der DDR“, einer Strafmaßnahme, die gleichbedeutend mit dem Ausschluss von so gut wie jeder Studienmöglichkeit war. Er tat es, weil ihm damit die Welt zusammenbrach. Aber wofür der Hinauswurf?

Der junge Mann hatte auf dem Tanzboden – also in aller Öffentlichkeit – ein T-Shirt mit dem Union-Jack getragen, ein Mitbringsel der Westverwandtschaft vielleicht oder eines der Großmutter von einem Besuch im Reich des Klassenfeindes, der Aufmerksamkeit der Sicherheitsorgane entgangen, durchgerutscht, begeistert aufgenommen vom jugendlichen Fan englischer Musikgruppen, stolz vorgezeigt beim Schwof, bunte Feder beim Balzspiel vor den Hübschen, die ihn sonst immer übersehen hatten. Das hatte der sonst Unauffällige gewagt – und verloren. Jemand hatte ihn angeschwärzt, er war geflogen. Daran meinte ich mich zu erinnern.

Nur um kurzzeitig jungen Mädchen zu imponieren, hatte er einen entsetzlichen Preis gezahlt: seine ganze Zukunft. Denn die DDR war sieben Jahre nach dem Bau der Mauer der einzige Ort, wo es für ihn eine Zukunft gegeben hätte, es gab kein anderswo, kein danach. Den Traum von Gegenden, über denen der Union-Jack statt Hammer und Zirkel im Ährenkranz auf Schwarz-Rot-Gold wehte, durfte er nicht einmal träumen. Unentrinnbar gesichert durch Minen und Stacheldraht wartete der Alltag im sozialistischen VEB auf den vom Studium Ausgeschlossenen. Diesen Alltag hatten wir Oberschüler schon kennen gelernt, denn wir gehörten zu den Jahrgängen, denen zum Abitur der Erwerb eines Facharbeiterbriefs – vulgo Gesellenprüfung – verordnet war. Wir tauchten alle drei Wochen in einem Betrieb auf, meistens freuten sich die dort Beschäftigten, dass wir für alle liegen gebliebenen, unangenehmen Arbeiten eingeteilt werden konnten. Der Tonfall, mit dem der Werkstattleiter seinerzeit die Worte „Oberschüler“ und „Zukunftsingenieure“ artikulierte, ist unvergessen.

Diese Zukunft war der Tod. Es war die Aussicht aufs unabänderliche Ritual allmorgendlichen Weckerklingelns, trostloser Transporte in stinkenden Bussen, erzwungener Gemeinschaft im „Kollektiv“, die um so schlimmer war, als sie andauernd zu erwünschter Gemeinschaft umgelogen wurde, es war die Aussicht, sich in den nächsten achtundfünfzig Jahren totzuschuften für den Sieg des Mauersozialismus und dabei mit einem Brandmal herumzulaufen oder zumindest so lange eine Maske überzustreifen, bis dieses Mal in Vergessenheit geriet. Es wunderte mich nicht, dass der junge Mann mit dem kindlichen Gesicht unterm blonden Schopf vor dieser tödlich verstellten Zukunft kapituliert, sich einen Strick genommen und im Stadtpark erhängt hatte.

Während meiner Zeit in der DDR fragte ich mich selbst immer wieder einmal nach dem Sinn eines Weiterlebens nach Hinauswürfen, Berufsverbot, „Zersetzungsmaßnahmen“ von Stasis. In meiner Umgebung nahmen sich mehrfach junge Menschen das Leben: eine Frau von Anfang 20, die nicht zu ihrem nach Westberlin geflohenen Freund ausreisen durfte, ein exmatrikulierter Schauspielstudent. Diese Tode zur Unzeit enthielten für mich immer Botschaften: „Da ist nichts und niemand mehr, die es wert wären, am Leben zu bleiben“, war eine. „Ich gehe in den Tod, damit ihr die Welt ändert“, eine andere. Die sie als lebende, sterbende Fackeln in die Öffentlichkeit trugen wie der Student Jan Palach, der Pastor Oskar Brüsewitz, wie buddhistische Mönche derzeit in Tibet, die damit das von der Kommunistischen Partei verordnete Schweigen brachen, erschütterten mich; die im Stillen gingen, waren mir näher in ihrer Ohnmacht zur Verzweiflung; ihnen gegenüber fühlte ich mich mitschuldig, weil mein Leben – wenn auch von Konflikt zu Konflikt – weiter funktionierte. Die Partei fürchtete selbst die leisen Abschiede: Ab 1963 wurden alle Statistiken zu Geheimpapieren, 1977 wurde das Verbot, über Suizide zu publizieren, noch einmal verschärft. Jeder Suizid schlug den Glücksverheißungen für alle, der ultima ratio des Kommunismus den Boden weg. Dafür hätten die Funktionäre immer noch wohlfeile Erklärungen mit „psychischer Labilität“ oder „persönlicher Tragödie“ parat gehabt; was sie wirklich scheuten, waren nachprüfbare statistische Daten. Diesen Daten nach lag die Rate der Suizide in der DDR erheblich höher als im Westen. Die Funktionäre sahen sie als Munition für den Klassenfeind.

Inzwischen sind Selbstmorde öffentliches Gemeingut. Sie werden umso lieber publiziert und in Massenmedien breit getreten, je prominenter die Toten, je ausgefallener die Todesarten; noch ausführlicher und mit noch größerem finanziellen Gewinn, wenn es „erweiterte Selbstmorde“ sind, also Angehörige oder Unbeteiligte mit in den Tod gerissen werden. Der Chor der – mal klagenden, mal empörten – Kommentare singt inbrünstig „Warum?“ dazu, hingebungsvoll schmücken Fachleute und solche, die sich dafür halten, die jeweilige Vorgeschichte aus. Beinahe immer tauchen darin Wendungen wie „still“, unauffällig“, „höflich“, gar „freundlich“ auf. Man konnte nichts ahnen. Man darf sich unbeschwert in der Sicherheit wiegen, derlei nicht vorhersehen, geschweige verantworten zu müssen.

Gerade deshalb erschien der Tod meines blonden Mitschülers vor 40 Jahren meinem Gedächtnis unzweifelhaft, es war ihm auch buchstäblich noch einmal einverleibt worden bei der Lektüre meiner Stasiakte 1991. Ich fand zwar keinen Hinweis auf den unglücklichen Kameraden, aber alle Denunziationen aus der Schulzeit, gottlob auch Zeugnisse der Loyalität meiner Lehrer. Ich zweifelte nicht, dass ich Glück gehabt hatte, dass ich – wenigstens zeitweise – davon gekommen war, anders als der Erhängte. „Du bist davongekommen“, sprach mein Gewissen, „hast du das verdient?“

Genau dieses Gefühl stellte sich bei mir wieder ein, als ich das Gesicht des kleinen blonden Jungen sah, der einmal Robert Steinhäuser gewesen war. Die Schuldirektorin mit der straffen Frisur, mit den schwarz geschminkten, unnachsichtigen Augen hatte ihn kurz vorm Abitur hinaus geworfen. Freilich war er da kein Kind mehr, sondern ein 19jähriger mit massivem Kinn, kurzem Haar, kräftigem Körper. Seine Zukunft – jedenfalls das, was er sich davon erhoffte – war vom Verdikt der staatsgewaltigen Dame verstellt. Die Türen waren zu, er stand draußen. Er ging nur scheinbar still und leise davon, er schrieb sich wenig später umso gewaltsamer in die Zukunft ein, die ihm von der Beamteten verweigert, vernichtet worden war. Er wendete seine ganze Phantasie, seine Fähigkeit zu planen, seine aggressive Energie auf dieses Ziel. Er erreichte es. Niemand wird ihn vergessen, niemand das inzwischen aufwendig renovierte Schulgebäude betreten, ohne früher oder später an das Massaker vom 26. April 2002 erinnert zu werden. In dem gewaltigen Gedröhn, das sich damals in den Medien erhob, blieb immer vernehmlich der „Warum?“- Chor. Die Litanei war genauso wenig auf beunruhigende Antworten aus wie nach dem Massaker von Winnenden im März 2009.

Das ist, was mein Unbehagen ausmacht: dass immer wieder die Fragen gestellt werden, die beschwichtigende Antworten schon vorwegnehmen. Jener Mitschüler in der DDR 1968 hatte keinen Zugriff auf Schusswaffen. Wäre er an eine Kalaschnikow gekommen, wäre die Sache anders ausgegangen: er hätte sich seine Zukunft freigeschossen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Immerhin hatte er in dieser Richtung keine Vorbilder.

Damit genug der Spekulationen: Mein Gedächtnis hat mich – das macht mein Unbehagen nur schlimmer – gnadenlos belogen. Den erinnerten Selbstmord wegen eines T-Shirts mit Union-Jack hat es nicht gegeben. Es gab Hinauswürfe aus der Oberschule, es gab einen Selbstmord, beides hatte nichts miteinander zu tun. Die von unserem Bewusstsein für jegliche Erklärung gern herangezogene Kausalität, die Frage „warum“ hatte auch mich getäuscht. Ich war dem scheinbar einfachen, klaren Bezug von Ursache und Wirkung aufgesessen, dem ich sonst so nachhaltig misstraue: eine dem politischen System zuzurechnende Erniedrigung treibt einen Jugendlichen in den Selbstmord.

In Wahrheit war der Selbstmörder damals vor 43 Jahren – wie es für die meisten Suizidenten zutrifft – ein 17jähriger, dessen Psyche altersbedingten Krisen nicht gewachsen, der dann einem heftigen Konflikt ohne politischen Hintergrund hilflos ausgeliefert war. Er war unglücklich verliebt, sein Elternhaus war schlecht beleumdet, er fühlte sich von Altersgenossen abgelehnt, heute würde man sagen “gemobbt”.

Von dem außerordentlich gründlich recherchierten Buch „In einem Anfall von Depression …“ des Leipzigers Udo Grashoff habe ich mich belehren lassen, dass solche Konstellationen eine Selbsttötung bei Jugendlichen begünstigen, dass Rückhalt im Elternhaus, in der Religion oder andere verlässliche soziale Netze sie verhindern – wenn sich ein Ausweg findet im Ausweglosen, ein Trost im Schmerz, wenn da andere Ziele sind als das Ende mit Schrecken, wenn dem Zug in die Tiefe, dem „Spring doch einfach!“ ein innerer Halt entgegensteht – oder auch nur ein Fluchtweg offen bleibt. Grashoff weist nach, dass schon vor dem Zweiten Weltkrieg die Zahl der Selbsttötungen in den Regionen der nachmaligen DDR traditionell deutlich höher gelegen hat als im Westen, vor allem als in den katholischen Landstrichen des Westens.

Sehen wir einmal davon ab, dass dem Arbeiter- und Bauern-Staat vermutlich viele potentielle Selbstmörder einfach entflohen sind; in den 50er Jahren gingen – so sagt auch das Buch von Grashoff –, die für sich keine Zukunft im SED-Staat sahen, einfach gen Westen, wo sie eine Zukunft hatten oder auch nicht. Falls sie im Westen doch noch Hand an sich legten, sind sie statistisch nicht spezifisch erfasst; jedenfalls blieb die Zahl der Selbsttötungen in der Bundesrepublik weit unter derjenigen im Osten. Nach dem Bau der Mauer nahmen Selbsttötungen namentlich unter den Jugendlichen der DDR noch einmal stark zu. Später normalisierten sie sich; insgesamt lässt sich dennoch keine einfache Kausalität zwischen politischer Repression und Suizidalität herstellen.

Dass die Frage, wann einer aus seinen Konflikten nicht mehr herausfindet, wann er das Ende mit Schrecken der Fortexistenz unter Qualen vorzuziehen beginnt, also ernsthafte Vorsätze in Richtung Suizid fasst, dennoch mit seinem Verhältnis zu eigenen und den Zielen seiner sozialen Umgebung zu tun haben muss, bedarf keiner wissenschaftlichen Beglaubigung. Dass sich eine derart existenzielle Krise nicht auswirkt auf die Art wie er kommuniziert, mag glauben, wer da will.

„Was wird aus mir? Was ist der Sinn meines Daseins?“ – Ich kenne fast niemanden, der sich das als junger Mensch nicht gefragt und tiefe Zweifel durchgemacht hat. Wenn einer sich als Alternder wieder damit auseinandersetzt, hat sich die Perspektive vollkommen geändert, auch die Kommunikationsweise. Und deshalb lande ich wieder bei den Gesichtern, denen man angeblich Probleme nicht ansieht, beim „unauffälligen“ und „sozialkonformen“ Auftreten. Ich lande bei dem Erziehungsprinzip, das jungen Leuten vorhält: „Was andere können, kannst du doch auch – oder?“ Das „oder“ ist eine Drohung.

Unheilvoll dräut hinter diesem Wort, was einem oder einer passiert, die nicht kann, nicht will, was alle anderen können, also wollen können und dann auch tun: sich anpassen, sich konform verhalten. Es ist ein deutlich auferlegter Zwang, nicht abweichend und eigensinnig zu agieren, sondern dem Mainstream gemäß. Wenn Sie mögen, dürfen Sie an dieser Stelle einen Katalog von Marken für die Kleidung, Schulfächern, Studienrichtungen und Karrierezielen einfügen, der dem Nachwuchs die erfolgreiche Zugehörigkeit zum „freundlichen“, „unauffälligen“, „erfolgreichen“ Dasein im Mittelstand sichert. Die Liste ist lang. Man muss sich sehr anstrengen, um mitschwimmen zu dürfen bis zum Abitur und zur Karriere. Man nennt das Lebensplanung.

Diese Lebensplanung steht in einem perversen Widerspruch zur öffentlichen Aufmerksamkeit. Wer wahrgenommen werden will in unsrer von Medien durchströmten Welt, wer mitsurfen will auf der alle Seiten des Internets und der Zeitungen sowie die Kanäle von Fernsehen und Rundfunk durchtosenden Welle, der muss spektakulär sein, überlebensgroß. Er oder sie kann sich hochdienen über Castingcouches oder -shows – das kann schnell gehen –, hinaufquälen oder -dopen auf Leistungssportgipfel – das dauert länger –, sich auf die jahrzehntelange Ochsentour der Parteienkarriere begeben. Wem man zu diesen Höhen frühzeitig, viel zu frühzeitig für besonnenes Abwägen, ob sich derlei wirklich lohnt, den Weg versperrt, wen man noch dazu deutlich das Versagen bei der Anpassung spüren lässt: „Wenn andere das können – wieso kannst du das nicht?“ – der kann aber auch einfach, um sehr schnell berühmt zu werden, die Welt samt der von anderen vorgegebenen Zukunft in die Luft jagen.

Dann brandet die Medienwoge hoch, man ist bestürzt oder betroffen, man staunt, dass, was so unauffällig und angepasst schien, so explodieren konnte.

Viktor Frankl, jüdischer Psychologe, überlebte Konzentrationslager und Drittes Reich. Er hat einmal den Unterschied zwischen Totalitarismus und Konformismus, den er für das größte Übel unserer Zeit hielt, auf den Satz gebracht, das eine bedeute: zu tun, was die anderen wollen, das andere: zu wollen, was die anderen tun. „Wenn die anderen das können …“

Sich selbst zu töten, ist eine Extremform von Kommunikation. Wer da ohne Spektakel freiwillig aus dem Leben geht, hinterlässt die Botschaft, dass ihn keine Bindung an einen anderen Menschen mehr hält. Vielleicht erscheint ihm das nur für einen Moment so, vielleicht ist das eine vom Psychiater zu diagnostizierende krankhafte Wahrnehmungsstörung. Vielleicht erleben viele junge Leute so etwas und überleben es. Die Statistik sagt, dass heute, zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR weniger Jugendliche sich umbringen, das tun eher die Alten. Die gewalttätig – auch gegen sich selbst – handeln, die anderen ihre Zukunft zerschlagen, die „Selbstmord-Attentäter“, die modernen Medien-Eklatisten, werden mehr. Das ist eine beunruhigende Bestätigung der Worte von Frankl. Seine Schrift zum Thema heißt „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“.