Hosen voll vorm Polenkrieg

1981PolenAnfang November 1981 wird Gustav Horbel für drei Monate als “Schütze Arsch im letzten Glied” zum Reservistendienst bei der NVA eingezogen. Das hat er sich am Theater durch Widersetzlichkeiten gegenüber den Herren von SED und Stasi verdient. Er wird zu einer Division “Motorisierter Schützen” nach Stahnsdorf bei Potsdam abkommandiert, damit er kapiert, wo’s langgeht im Sozialismus. Die Kaserne hinter Mauern und Stacheldraht liegt hinter Mauern und Stacheldraht, die aus der DDR eine einzige große Kaserne machen sollen.

Dass Drill, Stumpfsinn, Subalternität in diesem System jede Ehrlichkeit, Solidarität, Neugier, Selbständigkeit zerstörten, war ihm nicht neu. Selbst im trostlosen Stahnsdorf zeigten sich andererseits Gegenkräfte, und bei allem Elend waren sie doch weit vom Krieg entfernt. Aber dann kam das Wochenende Mitte Dezember, an dem Urlaubs- und Ausgangssperren verhängt wurden, morgens um drei der Alarm sie aufscheuchte, stundenlang ungewiss blieb, ob man sie bewaffnen, auf die LKW befehlen, zur polnischen Grenze fahren würde.

Sie saßen in voller Montur neben ihren Spinden. Da sie illegale Transistorempfänger hatten, wussten sie, was in Warschau geschah. Dort herrschte Kriegsrecht, Oppositionelle wurden in Lager verschleppt. In dieser Nacht brach der Winter über sie herein.

„Was machen wir“, fragte Gustav seinen Kollegen, „wenn sie uns zur Oder karren, nach Frankfurt oder Schwedt?“

„Ich will es mir nichtmal vorstellen. Du? Willst du mit deiner Kalaschnikow in Polen herumfuchteln?“ Gustav schüttelte den Kopf: „Ist das nicht irre, dass Brecht und Eisler plötzlich aufrühren – ‚Vorwärts und nicht vergessen…‘“, begann er zu summen, der Kollege summte mit. Die Stube summte, fast alle summten – bis auf den Lokführer. Unterleutnant Lampert stand im Türrahmen: „Unterlassen sie das. Gesungen wird nur auf Befehl – verstanden? Wenn Sie meine Meinung wissen wollen: Kraftmeier brauche ich gerade nicht, aber wenn Sie die Hosen voll haben, geht das soweit in Ordnung.“

Liebe auf den ersten Ton

Matthias Montag, Offizier im besonderen Einsatz beim Fernsehen der DDR, hat sich einer eigenen Form der Nachwuchsförderung verschrieben und braucht, um den jungen Damen zu imponieren, eine Lebensgefährtin zum Herzeigen. Der Zufall kommt ihm zu Hilfe – in der Gestalt von “Frau Elster”

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Im Casino des Fernsehens erregte sich eine prominente Schauspielerin darüber, dass „die strohdämliche Frau Elster“ nicht nur mit einer Gesangsausbildung im Fach Chanson an der Musikhochschule, sondern auch mit einem nigelnagelneuen Auto bedacht worden sei, obwohl sie weder stimmliche Begabung noch die von Autokäufern im Sozialismus zu absolvierenden Wartejahre habe vorweisen können. Matthias wurde hellhörig. Dass „Frau Elster“ der Spitzname einer Eiskunstläuferin war, wusste er: Sie hatte in den sechziger Jahren etliche Medaillen gewonnen, nach einer unglücklichen Affäre mit einem Kanadier Federn lassen müssen, sich einem Kollegen ver- und entlobt, schließlich den Sohn eines Lederwarenhändlers aus Lauterberg geheiratet. Die Ehe war ebenso verunglückt wie alle sängerischen und schauspielerischen Versuche dieser Katja Günzler – der Spitzname verriet es. Matthias Montag stellte sich vor, wie die einstmals Umjubelte sich fühlen musste, während kübelweise Häme sich über sie ergoss. Der Frau könnte geholfen werden, dachte er sich, denn ihre Rachegefühle waren zu befriedigen, das Bedürfnis nach Trost, die Sucht nach Bewunderung zu stillen. Er rief sie an.

„Hallo“, tönte es aus dem Hörer, „wer ist da bitte?“

„Guten Tag, gnädige Frau“, Mathias schluckte am eigenen Schleim, „verzeihen Sie bitte den Überfall, aber meine Genossen vom Fernsehen haben mich ein wenig … nun, wie soll ich sagen … verärgert durch ihren Mangel an Sensibilität im Umgang mit Ihnen. Montag mein Name, Matthias Montag. Ich bin ein Fan, ein langjähriger Verehrer, wenn ich so sagen darf, und es schmerzt mich zu sehen, wie Sie von neidischen, missgünstigen Leuten verfolgt werden. Glücklicherweise kann ich dem aufgrund meiner Position in Adlershof entgegentreten.“

„Da sinn Se Gott sei Dank ni dor Eenzsche!“, kam es zurück, „un was wolln Se jetze von mir?“

„Ich bin zu einem Empfang beim Genossen Minister eingeladen, es wäre mir eine Ehre, wenn Sie mich begleiteten.“ Das war eine glatte Lüge, aber sie machte Eindruck.

„Isch kenn Sie doch gor ni. Minister. Welscher denn? Kultur oder …?“

„Maschinenbau“, Matthias beglückwünschte sich zu der Eingebung. „Ministerium für Allgemeinen Maschinen-, Landmaschinen- und Fahrzeugbau. Wir vom Fernsehen haben ja einen großen eigenen Fuhrpark und deshalb besondere Beziehungen zum Ministerium, Sie verstehen. Verzeihen Sie – es ist gewissermaßen ein Traum für mich, bei einer solchen Gelegenheit in Ihrer Begleitung … und es wäre ja für Sie auch durchaus interessant, wenn ein offizieller Vertreter des Fernsehens mit Ihnen aufträte, nicht wahr. Der Genosse Intendant sieht das übrigens ebenso.“ Mit der Kühnheit des letzten Satzes schwang sich Matthias Montag auf eine Höhe, für die er sich selbst bewunderte. Es konnte ihm das Genick brechen, falls Frau Elster je mit Heinz Adameck darüber sprach. In der Leitung blieb es still, der Moment dehnte sich unerträglich, Furcht kroch ihm in die Kehle – was, wenn sie auflegte?

„Nu, da solltn mr uns obr vorhär schon emol beschnubbrn, odr?“

„Das hatte ich kaum zu hoffen gewagt – nun, da Sie es vorschlagen: je eher, je lieber! Wann passt es Ihnen denn?“

„Donnerstag um Fünfe im Café vom Ballasthotel. Woran erkenn ich Sie?“

„Ich bin ganz sicher vor Ihnen da, liebe Frau Günzler und komme auf Sie zu – vielen, vielen Dank, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue!“

Ikarus mit Bleigürtel

Die Galerie Queen Anne in der Leipziger Spinnerei lädt zusammen mit dem Salier Verlag zur Lesung am 26.1. ein – aus allen Teilen des Romanzyklus werden Texte vorgestellt. Hier eine Probe aus “Babels Berg” im Video:

Ein Berliner Währungsspekulant

“40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte im Roman oder Wie Stasiakten und andere Beschwernisse meiner Literaturproduktion voran halfen” – so habe ich die Veranstaltung untertitelt.
Ob meine Romantrilogie zustande gekommen wäre, hätte ich mich nicht der Aufmerksamkeit aller möglicher „Sicherheitsorgane“ in der DDR erfreut, bleibt Spekulation; dass von der Kindheit an erfahrene Rand- und Querständigkeit der Phantasie auf die Sprünge half, ist unbestreitbar, und dass Verletzungen früh erlebter Konflikte ausheilen konnten, verdanke ich ohne Zweifel der Literatur.
Fliegen lernen, wozu Wünsche und Träume seit Jahrhunderten – womöglich seit Erschaffung der Welt – die Lebenden, die Liebenden und die literarisch Vorwegstürmenden treiben: beim Schreiben konnte ich’s.
Darum handeln der „Blick vom Turm“, „Babels Berg“ und der „Raketenschirm“ von Flugversuchen, Bauchlandungen, der unentbehrlichen Hilfe vieler Menschen bei neuen Starts und davon, wie einer lernt, hinderlichen Ballast abzuwerfen – egal ob er aus Akten, Heilsversprechen oder buntscheckigen Waren besteht.
Für die Lesung habe ich entsprechende Texte gewählt; das Gespräch zwischendurch und hinterher nehme ich mindestens ebenso wichtig.

Menschenfresser

MonsterZufall und seltsames Zusammentreffen: Ein Handlungsstrang des Romans spielt in einem Internat in Thüringen, es gibt ein reales Vorbild, Wickersdorf mit langer reformpädagogischer Vorgeschichte. Meine Informationen zum Hintergrund verdanke ich persönlichen Kontakten, sie sind unbezweifelbar: In Wickersdorf (nicht nur dort) wurden während der DDR-Jahre Halbwüchsige als Stasi-IM angeworben, minderjährige Mädchen von ihren Führungsoffizieren sexuell missbraucht. In meinem Roman geschieht dies zwischen 1974 und 76 einer Schülerin namens Kerstin.

Gestern zeigte die ARD eine Dokumentation über  eine Frau namens Kerstin – sie wurde in den 80er Jahren in Wickersdorf angeworben. Sexuelle Übergriffe blieben ihr anscheinend erspart. Nachdem sie die Schule verlassen, ihr Studium in Jena begonnen hatte, konnte sie sich der Stasi-Verstrickung entziehen. Der Kerstin im “Raketenschirm” gelingt das nicht – es hat für sie furchtbare Folgen.

Welche seelischen Zerstörungen  Jugendliche erlitten, wenn sie von den “Tschekisten” beobachtet, unter Druck gesetzt, als Spitzel ausgenutzt wurden, schilderte der ARD-Film auch anhand eines anderen Schülers aus Dresden; sein Leben ist infolge der “Zersetzungsmaßnahmen” aus dem Jahre 1988 bis heute versehrt. 1990 habe ich in einem Hörspiel für den RIAS die Geschichte einer Abiturklasse erzählt, in der jugendliche Liebe, jugendliches Vertrauen, am Ende ein Menschenleben am Alltag des Mauerstaats zugrunde gehen.

So lange Mitläufer und stillschweigend Mitwirkende wie der seinerzeitige Direktor des Internats Wickersdorf das Geschehene als Normalität beschönigen, so lange das SED-Regime, seine ideologischen Fundamente und seine Herrschaftsmethoden verharmlost, gar für gesellschaftspolitische Neuorientierungen nach links herangezogen werden, muss jeder einzelne Fall, jedes einzelne Schicksal uns mahnen: Die Menschenverachtung dieses “real existierenden Sozialismus” zerstörte nicht nur in Folterkellern und Gefängnissen Vertrauen, Moral, Gesundheit. Das soll niemals vergessen werden.

Die Dokumentation in der ARD gestern knüpfte an die Tugenden journalistischen Engagements für die Demokratie an – sie entsprach dem Auftrag des Grundgesetzes. Es gilt seit 21 Jahren in ganz Deutschland, im Alltag aber wird es von allzu vielen missachtet: Sie ziehen organisiertes Mitläufertum den Mühen persönlichen Einsatzes für die Freiheit anderer vor. Und deshalb ist es kein Zufall, dass sich unter Deutschlands Internaten in Ost und West Schreckensorte finden, wo junge Menschen fürs Leben Schaden nehmen.

Überleben: Nazis, Stasis und wir

Die Spuren der Vergangenheit führen Gustav in lichtlose Verliese, wo die Gespenster lauern. Natürlich sind sie genauso real wie die von Millionen an Millionen begangenen Diebstähle, Einbrüche, Erpressungen, Nötigungen, Überfälle, Vergewaltigungen, Morde, wie Bestechungen, Drohungen, Folter, Betrug und Verrat eines jeden Tages, der da wird auf Gottes Erdboden. Die Verbrechen hausen unaustilgbar als Gespenster in den virtuellen Räumen der Erzählungen, Filme, Computerspiele, in Gemälden, Tönen, Träumen. Sie geilen sich aneinander auf, kopulieren, werden gezeugt als Vorstellung, Wunsch, Wille, geboren als neue Gewalt.

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Gebäude der ehemaligen Bezirksverwaltung der Staatssicherheit in Suhl, genannt “Die Burg”

Der Mensch ist nicht gut. Er ist zum Guten fähig und zum Schlimmsten. Wohin die Kugel rollt, ist unbestimmbar. Es ist Quantenphysik. Gustav kann nicht herausfinden, wer die Kugel von Gabriele Fürbringer Richtung Zuchthaus Hoheneck stieß. Die Figuren, von denen sie dort misshandelt wurde, haben keine Gesichter.

Die Mehrheit will von solchen Gespenstern ohnehin lieber nichts wissen, erst recht nicht, wenn sie nebenan hausen, in Behörden oder hinterm Schreibtisch eines Vorgesetzten. „Ein unauffälliger, netter Nachbar“ ist das, “der freundliche Herr Doktor”, „ein bei allen beliebter Kollege“. Und wer will schließlich gar die eigenen Züge an einem der Dämonen wiedererkennen, die sich als Verbreiter übler Nachrede, Spitzel, Zuträger, Wächter, Buchhalter um den Erhalt des Unrechts, um Gefängnis, Folter, Mord verdient gemacht haben?

Wer will sich für eigene Fehlbarkeit verantwortlich fühlen müssen, hinnehmen, dass er Schaden, Leid und Schmerzen verursacht hat, da er sich doch in den Schutz, in die Deckung einer Korporation flüchten kann, wo Verantwortung abgenommen, delegiert wird, an eine Gemeinschaft übergeht, die von keinem Menschen mehr in Haftung zu nehmen ist? Dort finden sich Rechtfertigungen und Ausreden als Uniform: „Man konnte doch nicht anders.“ „Befehlsnotstand“. „Gruppenzwang“. „Wenn ich’s nicht getan hätte, hätte ’s ein anderer getan“.

Aber die Welt, in der “es ein anderer getan hat” gibt es nicht. Diese Welt ist eine Fiktion zum Selbstbetrug. Es gibt nur die Welt, in der du entweder die Maske der Macht anlegst, wenn sie dir angeboten wird, und “es tust”,  oder in der du Nein! zur Maske sagst und Ja! – dir selbst ins Gesicht. 

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Der Beton der “Burg” stammt aus den 70er Jahren, die älteren Gebäudeteile haben eine Nazi-Vorgeschichte

“Masken der Macht …

… Gesichter der Ohnmacht” heißt ein Workshop, in dem das untergegangene System und der in Vergessenheit geratene Alltag der DDR zu erleben ist – für alle, die im Westen aus sicherer Entfernung zusahen, für alle die zu jung sind für eigene Erfahrungen mit SED und Stasi, mit Schulen, Arbeitswelt, Karrieren und Konflikten des Ostens.

Die meisten können sich nicht vorstellen, dass Ärzte, dass Krankenschwestern nicht mehr den elementaren Verpflichtungen ihres Berufsstandes folgen und Patienten als hilfsbedürftige Menschen behandeln.  Sie können sich nicht vorstellen, dass Ziel einer Behandlung nicht Heilung ist, sondern nur und ausschließlich die Fortsetzung von Verhören, der Erfolg von Maßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit “im Dienste der Arbeiter- und Bauernmacht” gegen vermeintliche Staatsfeinde, deren einziges Vergehen meist darin bestand, dass sie nicht länger DDR-Bürger sein mochten, dass sie der Heilslehre der Kommunisten nicht folgten.

Der Workshop verschafft jedem, der sich darauf einlässt, einen Eindruck davon, wie aus Menschen nummerierte Objekte, wie aus Angestellten Folterknechte, wie aus Therapien Verhörmethoden werden.

Im November ist ein Buch erschienen, das historische Fakten dazu aufarbeitet.

Peter Erler und Tobias Voigt haben die Geschichte des Stasi-Haftkrankenhauses in Berlin-Hohenschönhausen untersucht. Sie zeigen eindringlich, wie aus Ärzten Hilfskräfte psychischer und physischer Folter werden, wie Mediziner aus Karrieregründen den Hippokratischen Eid brechen, Psychologen helfen, den seelischen Widerstand von Gefangenen zu zerstören, Krankenschwestern mittels kollektivem Druck dazu gebracht werden, jegliche Regung von Mitleid zu blockieren. Sie alle legen die Masken der Macht an, sie treten den Leidenden als anonyme Vollstrecker eines Machtwillens gegenüber, der jeden Widerstand ersticken soll, der den Gedemütigten die medizinische Behandlung als gnadenhalber verabreichte Notration für sozial Geächtete erscheinen lässt.

Die Autoren haben genau recherchiert; sie lassen Menschen zu Wort kommen, die unheilbar verletzt sind an Leib und Seele. Jeder Einzelne hätte verdient, gehört zu werden – stattdessen dröhnen in den Medien, subkutan begleitet durch unterhaltenden Ostalgiekitsch,  die Schwadroneure des Sozialismus: als sei nicht das rechte und linke Handwerk der Menschenverachtung in diesen Krankenstationen zwischen Hohenschönhausen, Workuta, Sachsenhausen, Santiago de Chile, ein für alle Male in Beton, Stacheldraht, Überwachungs- und Zersetzungstechnik verewigt.

Die Täter, Täterinnen schweigen – bis auf wenige. Sie wollen gesichtslos bleiben, sie wollen die Masken der Macht nicht abstreifen. Sie dürfen sich leider darauf verlassen, dass ihre Rechte mehr zählen als das Anrecht der Opfer auf Offenbarung, auf Reue, auf einen sozial heilsamen Kniefall. Wer Reue verweigert, ohne Gesicht leben will, den schützt der Rechtsstaat. In den Kulturen Asiens ist Leben mit verlorenem Gesicht eine furchtbare Strafe.

“Medizin hinter Gittern” ist mehr als ein Bericht über dem Missbrauch medizinischer Kompetenz durch den SED-Staat. Das Buch fragt eindringlich – nicht nur Ärzte – wohin sich unsere Aufmerksamkeit richtet: auf die Gesichter der Ohnmacht oder auf die Masken der Macht.

Goethes Gretchen und Horbels Stasikind

GoetheGeorgOswaldMay1779

Goethe 1779 als junger Jurist in Diensten des Weimarischen Herzogs. Vier Jahre zuvor hatte er den “Urfaust” geschrieben – darin die Tragödie von Gretchen. Sie hatte ein historisches Vorbild

Susanna Margaretha Brandt, Waise eines Soldaten, Dienstmagd in Frankfurt, verliebte sich – einmal in ihrem aussichts- und trostlosen Leben – in einen, der viel versprach: in einen Goldschmiedegesellen aus Holland, einen der herumkam, nicht aus dem heimischen Stallmief stammte. Er war gleich wieder weg, sie war schwanger. Niemand konnte sie schützen, ihr helfen, das Kind kam am 1. August 1771 als Sturzgeburt in der Waschküche zur Welt, sie tötete es, floh ins noch Aussichtslosere, schaffte es nicht weiter als bis Mainz, kehrte nach Tagen aussichtslos zurück, wurde eingesperrt, verurteilt, auf dem Blutstuhl enthauptet: „Der Nachrichter führte die Maleficantin mit der Hand nach dem Stuhl, setzte sie darauf nieder, band sie in zweyen Ort am Stuhl fest, entblösete den Hals und Kopf, und unter beständigem zurufen der Herren Geistlichen wurde ihr durch einen Streich der Kopf glücklich abgesetzt.“

Dem jungen Goethe mit all seinen Liebeleien, dem sorglosen Galan, frischgebackenen Rechtsanwalt ging die Sache derart unter die Haut, dass er sie mit sich fortschleppte; Abschriften der Prozessakten fanden sich noch in seinem Nachlass. Freilich hinderte ihn das nicht, 1783 als Herzoglich-Weimarischer Minister das Todesurteil gegen eine andere Kindsmörderin gutzuheißen.

Horbel fragte sich, wie feige er selbst sich vor sechs Jahren aus dem Leben von Silvia, dem Stasikind, verabschiedet, wie sorglos er sie ihrem Schicksal überlassen hatte. Was wäre geschehen, wenn er sie damals geschwängert hätte? Hätte er sie zur Abtreibung genötigt wie sein Freund Matthias Montag die minderjährige Doris? Hätte er wie jener sie lebensgefährlich verletzt beim Versuch, selbst den Abort herbeizuführen?

Solche Fragen stellten sich eigentlich so wenig wie die nach dem Kranzgeld, denn Abtreibungen waren in der DDR seit Anfang der 70er Jahre während der ersten drei Schwangerschaftsmonate legal; in den Kliniken wurden unerwünschte Embryos am Fließband entsorgt. Auch das Stasikind hätte sich des Problems entledigen können, falls die Eltern gehörigen Druck aufbauten. War das der Grund, weshalb sie sich nie bei ihm gemeldet hatte?

Er musste sich nicht grämen wegen einer jungen Frau, die vermutlich längst verheiratet war, Kinder aufzog, keinen Gedanken mehr an ihn verschwendete. Aber aus dem Traum einer Liebe, unerfüllt, unaufgelöst, wucherten Phantome von abgeschnittenen Gefühlen, amputierten Leidenschaften, die sich im „Urfaust“ wiederfanden – und Horbel hätte gern etwas von der weiblichen Sicht auf solche Tragödien erfahren. Das hätte ihn von manchen Ängsten und Nöten erlöst.

Stattdessen schickte ihm die Hochschule für Schauspielkunst eine Studentin, der er noch weniger gewachsen war als dem ganzen Urfaust.

Zuchthaus als Freizeitpark

Um nach Gabi Fürbringer zu suchen, hat sich Gustav das schmale Büchlein einer Zeitzeugin über Hoheneck beschafft, das größte und schlimmste der Frauengefängnisse in der DDR.

Fast zeitgleich mit der Lektüre läuft im Fernsehen ein Spielfilm über das Zuchthaus. Eine junge Pianistin, die wegen eines Ausreiseantrags dort inhaftiert ist, wird von einem IM-Arzt unter Psychopharmaka gesetzt, sie soll den Antrag widerrufen, verliert unter Medikamenteneinfluss bei einem Arbeitsunfall zwei Finger, ihr Leben in der Musik ist amputiert. Den Arzt trifft sie zwei Jahrzehnte später als Klinikchef im Westen wieder.

Es ist Fiktion. Die Wirklichkeit von Hoheneck war schlimmer: Edeltraut Eckert, eine 25 Jahre alte Dichterin, zu 25 Jahren Haft verurteilt, weil sie Plakate „Für Freiheit und Demokratie“ angeklebt hatte, geriet während einer Nachtschicht mit den Haaren in eine Maschine, ihre gesamte Kopfhaut wurde abgerissen, medizinische Nothilfe erhielt sie viel zu spät, sie starb fünf Tage nach dem Unfall im Krankenhaus. Gustav hat ihre Gedichte gelesen, sie erschienen 50 Jahre nach ihrem Tod. Edeltraut Eckert wird in der Fernsehdokumentation über Hoheneck, ausgestrahlt nach dem Spielfilm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht erwähnt. Keiner ihrer Richter, Ermittler, Gefängniswärter wurde je zur Verantwortung gezogen.

„Gefängnis Schloss Hoheneck“ ist im Internet jahrelang als lohnende Investition gepriesen worden, als passendes Objekt für ein „Kultur- und Eventzentrum“ mit vielversprechendem Einzugsgebiet. Demonstrationen gab es in Deutschland nur gegen Bahnhöfe, Landebahnen und Atomkraftwerke.

Illegal statt Wohnregal

 

Dach überm Kopf in der Mangelwirtschaft

Dach überm Kopf in der Mangelwirtschaft

Helden und Heldinnen des “Raketenschirms” leben in Plattenbauten in Thüringen, in Luxusvillen zwischen Tel Aviv und Baden-Baden, in Kasernen der Nationalen Volksarmee direkt neben deren Raketenbasen, in einstürzenden Altbauten im Prenzlauer Berg, Ostberlin. Der  Raketenschirm trägt den Autor durch die Zeiten, sein Treibstoff sind Erinnerung und Phantasie. Immer wieder einmal braucht er eine Zwischenlandung zum Auftanken: ein guter Ort dafür ist Udo Grashoffs Buch übers Schwarzwohnen in der DDR. Ich empfehle es, nicht nur weil’s den Recherchetank gefüllt hat.

“Ruinen schaffen ohne Waffen” war die sarkastische Verballhornung einer seit 1978 von der Friedensbewegung in Ost und West gebrauchten Losung. Sie stellte die heuchlerische Friedenspose des SED-Staats ebenso bloß wie dessen Wohnungsbauprogramm, das Regale aus Beton in gesichtslose Vororte klotzte, während historische Innenstädte verrotteten – eines der Indizien für den unabwendbaren wirtschaftlichen und politischen Bankrott des realen Sozialismus.

Eine schöne Ironie liegt darin, dass ausgerechnet in den abrissreifen Buden von Erfurt, Jena, Leipzig, Halle, Berlin und Rostock die Keime des Neuen heranreiften: Zu selbständigem Handeln entschlossene Leute unterschiedlicher Herkunft und Altersstufen sagten dem System der organisierten Verantwortungslosigkeit den Kampf an und zogen ein in den “Leerstand”, “schwarz”, also ohne die vorgeschriebene Zuweisung durchs Wohnungsamt. Anders als bei den fast gleichzeitig im Westen stattfindenden Hausbesetzungen verbanden sie damit nur ausnahmsweise politische Absichten, nicht selten genügte aber derart ungeplantes, eigenmächtiges Vorgehen, die “Organe”, einschließlich Polizei und Stasi auf den Plan zu rufen, es wurde spätestens dann politisch, wenn unangepasste Kunstaktionen, Punkertreffen oder Zusammenkünfte von Umwelt- und Friedensgruppen in den jenseits der Planwirtschaft ausgebauten Unterkünften stattfanden.

Eine Ironie ist das insofern, als Marx meinte “neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.” Nun entwickelte sich unter den “Schwarzwohnern” im Schoß des vermeintlich dem Bürgertum überlegenen Sozialismus nicht mehr und nicht weniger als eine Bürgergesellschaft. Freilich überlebten die meisten dieser Selbsthilfe-Unternehmen den Zustrom westlicher Immobilienverwerter nach dem Untergang der DDR nicht – dafür überleben Altstädte und Baudenkmäler, während die Plattenbauten verschwinden.

Udo Grashoff hat schon mit seinem Buch “In einem Anfall von Depression…“ über Selbsttötungen in der DDR eine lesenswerte, kenntnisreiche Arbeit zum Verständnis sowohl des Alltags wie der politischen Entwicklungen daselbst vorgelegt. “Schwarzwohnen” setzt diese ganz eigene Form der Dokumentation fort. Sie ist weniger auf Daten und Statistik aus – eine solche Untersuchung wäre mangels verlässlicher Unterlagen wohl auch kaum möglich – als auf die Befragung von Zeitzeugen, auf das Zusammentragen von Fotos und Protokollen. Er vergleicht nebenher Ähnlichkeiten und Unterschiede zu westlichen Hausbesetzern seit den 70er bis zu den 90er Jahren. Es kommen erstaunliche Ideen und Schicksale ans Licht, es ist vieles zu erfahren, was in offiziellen Darstellungen der DDR-Geschichte fehlt. Ich habe mich mit Vergnügen dieser Exkursion in die einstürzenden Altbauten meiner Jugend angeschlossen.

Das Buch gehört zur Schriftenreihe des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung und ist bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen. Paperback, 200 Seiten, 19,90 €

Der Turm zum Blick

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Das Bild entstand Anfang der 50er Jahre: Meine Großeltern schauen vom “Bornmüllers Turm” auf dem Hofleite-Hügel über die Stadt. Vor 42 Jahren habe ich selbst zum letzten Mal diesen Blick genossen: kurz vorm Abitur, kurz bevor die Suhler Stasizentrale ihre Allmacht demonstrierte und die Bornmüller-Erben zwang, das Gartengrundstück mit dem romantischen Turm aus dem 19. Jahrhundert abzutreten. Es war die Zeit, als meine Wurzeln abgeschnitten wurden, denn wenig später griff der real existierende Sozialismus auch nach dem 200 Jahre alten Fachwerkhaus, in dem ich aufgewachsen war, es fiel wie die ganze Altstadt. Kein Zugang mehr zum Garten, kein Blick vom Turm, kein Zuhause mehr, wo die Familiengeschichte fast 300 Jahre lang in die Stadtgeschichte eingewachsen war.

Herrenstraße Vorderansicht

Verfallendes Fachwerk: Die Herrenstraße in den 60er Jahren

Im Namen des Fortschritts marschierten die Führer und Hilfstruppen des Sozialismus in die Pleite. Heute werden Plattenbauten abgerissen, die gerade einmal 30 Jahre überdauerten. Beton erwies sich als mürber Stoff, weil die ethischen Fundamente unterm grandiosen neuen Städtebau nichts taugten. Der Turm aus dem Jahr 1848 aber – als Kollateralschaden der DäDäÄrr-Implosion ruiniert – bekommt vielleicht ein neues Leben. Er steht unter Denkmalschutz, der neue Besitzer will ihn – vielleicht als originelle Ferienwohnung – ausbauen.

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“Tag des Offenen Denkmals”: Die Suhler entdecken ihre Geschichte

Zu wünschen ist, dass Horst Köhler – seltsame Namensverwandtschaft – die ursprüngliche architektonische Form mit dem hölzernen Dachreiter überm kreuzförmigen First wiederherstellt; vielleicht mit Hilfe des Denkmalschutzes, vielleicht dank eines neu erwachten Bürgersinns. Suhl, meiner alten Heimat, wäre das zu wünschen. Denn der Turm wurde von Edmund Bornmüller erbaut, um arbeitslosen Barchentwebern in der Krise ein Einkommen zu verschaffen. Er entstand, weil ein Unternehmer Gemeinsinn entwickelte. Angesichts globaler Finanzkrisen durch heimatlos marodierende Milliardenspekulanten werden wir solche Männer und Frauen dringend brauchen.

Wen die Geschichte interessiert: “Rennsteig TV” hat einen Film über den Tag des Offenen Denkmals online gestellt. Ab Minute 10:10 geht’s um “Bornmüllers Turm”