Den Film „Up in the Air“ mit George Clooney habe ich nicht gesehen; in der FAZ gab’s gerade einen Artikel zum Thema ”Rausschmeißberater für konfliktscheue Manager” .
Ich habe mir erlaubt, ihn zu kommentieren:
Dieser Artikel ist in seiner Länge und Selbstreferenz das Schaurig-Komischste, was ich seit langem gelesen habe. Nachdem man Menschen von der Kinderkrippe bis zum Universitätsabschluss weitgehend abtrainiert hat, Selbständigkeit als Lebensform zu erproben, sie stattdessen aufs An-Gestellt-Sein und den vorauseilenden Gehorsam gegen ihre Chefs geradezu dressiert sind und den Verlust der Anstellung als größte anzunehmende Katastrophe wahrnehmen, werfen jetzt ein paar Schlaumeier das Psycho-Engineering für konfliktscheue Manager und die professionelle Tröstung ihrer Opfer auf den Markt. Dafür lassen sie sich die frisierten Schnauzen vergolden. Alles wird gut!
Von China aus sieht die Welt ziemlich anders – wenn auch nicht unbedingt besser – aus. „Up in the Air!“
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Unendlich sicher
Einstein meinte, dass gemeinhin zwei Dinge als unendlich gelten: der Kosmos und die menschliche Dummheit, aber beim Kosmos sei man sich nicht sicher. Es läuft nun in Deutschland seit längerem ein Versuch, ob nicht auch die Langmut deutscher Steuer-, Beitrags- und Gebührenzahler den Unendlichkeits- Status beanspruchen darf.
Möglicherweise endet diese Langmut genau da, wo sich die Einsicht ausbreitet, dass nicht vor allem die anderen, sondern tatsächlich man (oder frau) selbst den Löwenanteil der Zeche für den gesamtstaatlich organisierten Wahn von der Versorgung aller mit Fastfood, Fastkultur und Fußball und der Versicherung aller gegen alles und gegen alle zahlt, dass den Profit davon aber hauptsächlich die Steuer-, Beitrags- und Gebühreneintreiber haben.
Dieser deutsche Menschenversuch – das Land darf ja, Menschenversuche betreffend, eine historische Spitzenposition beanspruchen – bleibt spannend, ein klares Resultat ist nicht in Sicht, weil ja eben die menschliche Dummheit jeder Einsicht entgegensteht. Und diese – nicht einmal genuin deutsche – Dummheit ist…
Alltag, Tod und Traum

Kann einer heute noch Balladen schreiben? Schillersches Pathos hilft sicher nicht weiter, aber wo steht geschrieben, dass Balladen nicht schräg, komisch, bissig sein dürfen?
Moral ist nicht mehr unbedingt Ansichtssache angesichts kollabierender Geldmaschinen, staatlicher Hehlerei, massenhafter Fürsorge als Milliardengeschäft. Moral könnte dem Überleben dienen.
Besuch am Übergang

Wenn es Zeit ist, kommt der Gevatter
Lupft den Zylinder und sagt: „Grüß Gott!
Habe die Ehre, Herr Wichtigmann,
wir treten jetzt eine Reise an“.
Du bist nicht sicher – ist es wirklich die letzte?
Meint der mich, und bin ich heute schon dran?
Du schaust zum Kalender – die Seiten sind leer
Und deine Jaeger-Le Coultre tickt nicht mehr.
Das könnte dran liegen, dass sie als Plagiat
Aus Fernost ihre Zukunft schon hinter sich hat.
„Moment mal“, fragst du den knochigen Gast,
„kann es sein, dass du’s etwas zu eilig hast?
Da sind ein paar Dinge, die sind mir wichtig
Die muss ich noch tun“. „Ja“, sagt der Tod, „das ist richtig.
Du musst dich noch fragen, wozu du gelebt
und wieviel Schuld auf deiner Seele klebt“.
Sollst du nun lachen oder angstvoll erschauern?
Du bist dir gar keiner Schuld bewusst.
Was du tatest, hast du meistens gemusst.
Also sagst du: „Sehr geehrter Herr Tod
Mein Handeln war Dienst, ich hab nichts zu bedauern
Wenn ich was verbrach, tat ich’s nur aus der Not“.
„Klar“, nölt das Gerippe, „die klassische Nummer
wen man bricht oder abmurkst, der ist selber schuld.
So Typen wie dir macht das keinerlei Kummer
Und ich hab mit euch eine Engelsgeduld.
Denn ihr sorgt dafür, dass die Mühlen mahlen
Und andere für euch mit dem Leben bezahlen“.
„Das geht mir nun wirklich zu weit mein Herr
ich habe nie jemand umgebracht
oder gefoltert oder sonstwas gemacht“.
„Drum eben“, lächelt das Knochengesicht,
„bist du mir so besonders wichtig.
Leute wie du machen alles richtig.
Sie setzen wie du, lieber Wichtigmann
Immer den passenden Hebel an.
Ihr seid in meinen Personendaten
Der allersicherste Kernbestand.
Viel sicherer als Kriege und Greueltaten
Wir sind uns wahrhaft seelenverwandt.
Leise zerstört ihr viel Lebenszeit
Wie Krebs im Gewebe, so macht ihr euch breit.
Gut bewaffnet mit harten Zahlen
Vertreibt ihr global mein Geschäftsmodell
Kaufhäuser sind unsere Kathedralen
Wir drehn an den Börsen das Geldkarussell.
Auch du mein wackerer Wichtigmann
Treibst am Computer die Kontrollitis voran.
Du steuerst chinesische Maschinen
Und hilfst uns am Kap, in Rio und hier
Noch im letzten Weltwinkel Geld zu verdienen
An Sonne und Wasser, an Pflanze und Tier.
Du hilfst zu rechnen, in Raster zu fassen
Zellen, Atome, die Wurzeln der Welt
So können wir alles verwerten lassen,
Das Universum erlösen mit Geld.“
„Ich verstehe gar nichts von so großen Geschäften
Ich war immer nur angestellt
Versorgte die Meinen nach besten Kräften
Ein Rädchen, das sich wie alle andern verhält.“
Die Fratze lauscht deinen Worten nach
Nickt, grinst ihr Grinsen, flüstert ganz leise: „Ach
Es klingt so heiter dein Lied mir im Ohr
Die schönste Stimme im Mitläuferchor.
Nun noch den Refrain: ‚hätt ich’s nicht getan
Der Nächste steht, mich zu ersetzen, längst an.’
Tatsächlich ist es jetzt Zeit für Ersatz
Das Rädchen wird klapprig, es räume den Platz.“
„Mein bester Herr Tod“, hast du einzuwenden,
„Für Frau und Kinder bin ich noch vonnöten.
Sie brauchen mich, du darfst mich nicht töten.
Die Tochter soll erst noch das Studium beenden.“
Jetzt lacht der Gevatter ein herzliches Lachen
„Das kann sie viel besser, wenn’s dich nicht mehr gibt.
Da deine Erben den Reibach machen
Wirst du mehr tot als lebendig geliebt.
Du hast sie alle vollkommen versichert
Gegen Angst und Schrecken und jede Gefahr
Selbst Cousins und Cousinen werden verdienen
Wenn ich dich mitnehm, das ist dir doch klar.“
„Sie werden leiden, trauern und klagen.“
„Wichtigmann, du weißt selbst: das hat nichts zu sagen:
Ein Sozialritual, es heilet die Seele
Dass niemand deinetwegen zu Tode sich quäle.
Noch nie hat sich jemand ins Jenseits geklagt.
Lies die Statistik. Mit Geld wird der Kummer verjagt.
Je dicker das Konto, desto besser bewehrt
gegen Nöte: so hast du’s die Kinder gelehrt.
Nun Kopf hoch, mein Freund, die Sense ist scharf
Kein Trotz und Geschrei, wenn ich bitten darf.
Als Rädchen folg dem Mechanikerbrauch:
‚Was andere können, das kannst du auch!’“
Es saust die Sense, die knochigen Arme
Schwingen nach vorn: „Dass Gott sich erbarme!“
Kannst du noch schreien, dann bist du wach.
Dein Hauptabteilungsleiter sagt: „Guten Tach
Wünsche wohl zu ruhen, Herr Wichtigmann
Gelobt sei, wer den Büroschlaf ersann.
Nun sei’n Sie hübsch fleißig, ich wüsste zu gern —
Wenn sie so wollen ‚im Namen des Herrn’—
Was über Ihre Barmherzigkeit.
Für etliche Leute ist es soweit:
Wer Fehler macht und kostet zuviel
Den setzen Sie frei, das ist unser Ziel.“
Spricht es, winkt dir „Habe die Ehre!“
Und hinterlässt eine ziemliche Leere.
Du sitzt vorm Computer und fragst dich erschrocken
Ob sie nicht dir längst im Nacken hocken.
War nicht dieser Alptraum der letzte Alarm?
Du bist noch nicht tot, aber bald vielleicht arm.
Da soll doch der Teufel barmherzig sein
Du sitzt noch am Hebel, du bist nicht allein
Was andere können, kannst du auch
Nun mach schon, sonst stehst du bald selbst auf dem Schlauch.
Die Raster her, die Tabellen, nur munter
Wer nicht funktioniert, der geht eben unter.
Das mit dem Tod —Gott sei Dank nur ein Traum.
Wär’ nur nicht diese komische Leere im Raum …
Ramona Raffzahn
Im „Banalama“ fehlt noch der Song der beiden „Bundis“. Ich will nicht sagen, dass er schön ist. Aber er verbindet die Sextouristen unserer Welt womöglich ebenso stark, wie die Bonzen des weltweiten Leistungssport-Kartells. Es wird vermutlich als bedeutendstes System der Korruption und des Drogenhandels neben einschlägigen Mafia-Organisationen in die Geschichte eingehen.
Ramona Raffzahn …
… macht heute wieder die Beine breit
fürn Fuffi West, da ist alles drin in der Möse.
Die Konkurrenz aus den Billiglohnländern ist eben wirkungsvoll
Ein Westpuff ist viel zu teuer und Loch ist Loch.
Geschäft ist Geschäft
Das wär ja gelacht.
Wir lassen uns doch das
Freie Unternehmertum nicht ganz aus der Hand nehmen.
Mein Herz gehört meinem Staat
(das geb ich ihm schriftlich)
aber der wirtschaftet schließlich auch
mit Geld
und die Klamotten sind teuer.
Ramona Raffzahn
macht heute wieder alles möglich für die Kunden.
Fürn Fuffi West kommt auch die beste Freundin mit.
Schlaffi sagt danke. O heiliger Kommerz.
Die DDR hat vierundachtzig
Ihr erfolgreichstes Wirtschaftsjahr.
Die Freundin wartet sonst
Aufs Glück per Annonce.
Heute lassen wir noch mal die Katze aus dem Sack
Café Nord.
Geschäft ist Geschäft
Das wär ja gelacht.
Wir lassen uns doch
Das kann mir keiner
Und alle können mich mal.
Mein Herz gehört meinem Staat
(das geb ich ihm schriftlich)
und seit ich schreiben kann, oft.
er braucht das einfach und manch einer
bekommt so was sogar bezahlt.
Ramona wurde übrigens nach der Heirat mit einem bedeutenden Würdenträger auch Hauptfigur in einem
OLYMPIADRAMA: „Das Bündnis“.
Ende der Angst

Heldentum überflüssig
Wer gewinnt den Frieden?
Kriege werden gewonnen.
Frieden ist das große Unentschieden
Schwer zu ertragen, wo Sieger gefragt sind
Und Preise winken, egal wie hoch der Preis.
Nicht siegen wollen ist pervers
In den Augen der Aasgeier
Die vom Verlieren leben und Tod.
Nicht siegen wollen, nur leben
Ist der Weg zurück
Zu den Pforten des Paradieses
Wo sowohl als auch ist
Und überall nirgends, kein Ziel, kein Versagen.
Wo Gott wohnt:
Ganz am Ende der Angst.
Versichert
Jemand erzählt mir vom labilen
Gleichgewicht, das wir umspielen,
Vom Klimatod und Gletscherschmilz,
Ozonloch, Zeoh-Keinerwills.
Er weiß dafür genau den Grund:
Die Erde ist nicht mehr gesund.
Doch Mars ist nah und Mond ist rund,
Wir werden emigrieren.
Sandstürme, Krater, Vakuum,
das macht uns nichts, wir sind nicht dumm:
die AOK wird’s finanzieren.
Im Osten nix Neues
Viele Wählerstimmen für die Linkspartei mit den Genossen Lafongysi an der Doppelzungenspitze: der Ruin der SPD ist fast vollkommen.
1990 erklärte mir ein Berliner SPD-Funktionär in stolzer Selbstgewissheit: Um die PDS müssen wir uns nicht kümmern, die ist politisch tot”
Werden wir noch die Vereinigung linkslinks mit Frau Nahles und Frau Wagenknecht als Siegesgöttinnen erleben? Große Zeiten.
Wie die Stasi im Westen agierte

Am 25.März gab es in „blog.Literaturwelt“ einen Artikel zu Susanne Schädlichs „Immer wieder Dezember“. Die Rezension dazu (gestern in der SWR 2 „Buchkritik“ ausgestrahlt) gibt es jetzt auch zum Anhören und Download.
In SWR 2 „Leben“ war am 8.9.auch ein Gespräch mit susanne Schädlich zu hören.
Ist die Welt nicht mehr zu retten?
Das Problem des Ostens ist die erfolgreiche Ausrottung der Selbständigen – also des Mittelstandes – durch das System der organisierten Verantwortungslosigkeit, vulgo Sozialismus. Der Westen zieht gerade nach. Nachzulesen ist darüber einiges bei Rudolf Bahro „Die Alternative“ (1977) und in „Logik der Rettung“ (1987).
Dazu habe ich 2007 in SWR 2 „Wissen“ publiziert
Aktuell nach wie vor in den Zeiten unabsehbarer Krisen:
„Der menschliche Kosmos“