Abend

von Berg zu Berg

von Berg zu Berg

Die Sonne geht und lacht mir ins Gesicht
„Ermann dich, alter Geck, was hoffst du noch zu schonen?
Dein Tag ist flüchtig, also säume nicht
Und such dein Glück dort, wo die Wolken wohnen“.
Schon steckt sie mir den Himmel an und Feuer zieht
Von Berg zu Berg, zum Rhein, zum Rand der Welt.
Und während in die Täler Asche fällt
Der Mond schmerzlich erstaunt herniedersieht
Die Galaxien über unsere Zukunft lachen
Will ich allein mit dem Vergangenen wachen.

Flüchtige Gesänge

vorm frühlingslechzenden Gezweig

vorm frühlingslechzenden Gezweig

Es sind die leisen Laute, die mich bannen
Ein unbezahlbar unbezahltes Lied
In fremder Sprache, nicht für mich bestimmt
Voll Inbrunst – weiß noch einer, was das ist?
Und nicht im Film, nicht mikrofonverstärkt
Nicht lichtumkränzt, nicht öffentlich beklatscht!
Es rührt ein Namenloser mir das Herz
So tief wie’s keine Macht der Welt vermöchte.
Er singt dem Schnee das letzte Lebewohl.
Er singt Triumph der Nacht, dem Frost, dem Tod.
Er singt die Liebe und ist liebeskrank
Und schreit sein winzigkleines warmes Leben
Mit aller Kraft in wintergraue Welten.
Und er beschämt mich tief
Den kohle-, stein- und stahlbewehrten Riesen.
Ich steh vorm frühlingslechzenden Gezweig
Und kann vom Federbalg den Blick nicht lassen
Wie er all Lust und Leid aus voller Kehle
So zu Musik macht, wie’s sonst keiner tut.

Der neue kommt …

Generationenroman

Im Herbst kommt die Fortsetzung – deshalb erlaube ich mir, noch einmal auf den Roman “Blick vom Turm” hinzuweisen, der 2008 im Salier Verlag Leipzig erschienen ist.


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Der Roman kam nicht von Ungefähr zwanzig Jahre nach der Endzeit der DDR, im selben Jahr wie Tellkamps “Turm” – er spielt in Tellkamps Geburtsjahr 1968 und sein Held Gustav Horbel ist – wie Tellkamps Hauptfigur – ein Abiturient. Es sind Generationenabstände. Die Familiengeschichten allerdings reichen sehr viel weiter zurück: bis in die 30er Jahre des 19.Jahrhunderts in einer Kleinstadt in Thüringen.
Auf den ersten Blick ist das ein Ort, für den sich niemand interessieren muss – tiefste Provinz. Gustav Horbel aber erlebt, wie diese kleine Welt mit der Kulturrevolution in China zusammenhängt, mit der ersten Liebe seiner Ur-Urgroßmutter und dem Untergang der Selbständigen in der DDR. Aus Gustavs Heimat kommen nicht nur entscheidende Ideen für eine Waffe, die bis heute mehr Menschen umgebracht hat, als alle Atombomben – die “Kalaschnikow”-, sondern dort wachsen 1968 Filmstars heran, Wissenschaftler, Weltreisende, aber auch kleine Leute, die zwanzig Jahre danach über sich selbst hinauswachsen, die ein vermeintlich unerschütterliches, perfekt gesichertes politisches System zum Einsturz bringen werden.
Der Turm, von dem das Buch erzählt, ist nur noch Ruine. Die Ideen, Erlebnisse, Erfahrungen der Menschen um ihn herum – sie leuchten.

Im Herbst 2010 wird bei Salier “Babels Berg” verlegt; der Roman schließt mit dem Jahr 1969 an.
Alles ist möglich: Menschen landen auf dem Mond, zwischen West- und Ostberlin kann man wieder telefonieren, ein Diskus fliegt kilometerweit, ein Deutscher bekommt den Friedensnobelpreis, in Gustavs Thüringer Heimatstadt gibt es das europaweit beste Japan-Restaurant: Anfang der 70er Jahre sprechen viele Zeichen für Aufbruch, Fortschritt – und unbegrenztes Vergnügen bei erotischen Abenteuern jenseits der Familienplanung.
Gustav Horbel ist in der Hauptstadt Berlin gelandet, um Physik zu studieren, denn er ist sehr neugierig darauf, was die Welt im Innersten zusammenhält. In Berlins Straßen, in Bars und Theatern, im Thüringer Wald und in den Reichsbahnzügen dazwischen lernt er dann viel mehr darüber als in Labors und Hörsälen. Während er mit Prüfungen an der Universität wenig Scherereien hat, macht er in den Prüfungen des Lebens keine besonders gute Figur, er will einfach zu hoch hinaus. Ob das am Geist dieser 70er Jahre liegt, in denen alles möglich scheint?
Zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit stolpert Gustav durch eine bewegte Zeit. Gott sei Dank nimmt ihn immer wieder jemand bei der Hand, manchmal ein berühmter Mann, manchmal die schönste Frau der Welt.

Der nackte Kaiser

... aber eine eigene Meinung haben, kann den Job kosten!

Es verfestigt sich der Eindruck, dass im Buchmarkt der objektivierende Subjektivismus im Bunde mit dem Quotenwahn der Verkäufer triumphiert. Lektoren der mit hinreichender Marketingmacht ausgestatteten Verlage machen ihre persönlichen Vorlieben zum Kleiderständer, an den die Feuilletons ihre Fähnchen hängen dürfen. Wie im Fall Hegemann bleibt da wenig mehr zu besichtigen als schlaffe, untrainierte und übergewichtige Entblößung – leider ruft zu selten jemand “der hat ja gar nichts an!”

Frühling reist

Mozarts Auftritt im Kalender

Mozarts Auftritt im Kalender

Die Räder rollen durchs glückliche Land
der rostenden Wünsche, es schnattert das Jungvolk
Eingeflimmert aufs Mittelmaß,
duftend nach Fritten und Plastikfraß.
Gesichter voll Eisen, Chemie in den Haaren
Sehn sie nicht wo, verstehn nicht, wohin sie fahren.

Draußen geschieht das verlässliche Wunder
Das sich doch niemals planen lässt
Aus Landschaften werden Züge des Glücks
Triumphprozessionen verliebter Vögel.
Textilgeschäfte verhökern den Rest
Nächstens geht die Weltwirtschaft unter.

Altersrenditen verfallen im Takt
Der murmelnden Kugeln in den Rouletts
Der schwingenden Kurse auf den Parketts
Alle Tresore werden geknackt.

Derweil erblühn die unsterblichen Formen
Aus sterblichstem Stoff in den Farben der Träume.
Ich zähle die Tage als letzte Momente
Dass vom fliegenden Blau ich nur nichts versäume.
Keine Blüte sei ungeküsst
vom Blick, der auf Unendlich gerichtet ist.

Ungeteilte Zeit

Komet Hale Bopp aus Wikipedia

Die kurzen Nächte will ich nur für mich.
Kein Staat und kein Konzern darf mit mir teilen.
Allein will ich mit den Kometen eilen
Verglühn im Sonnenwind als Ding an sich
Als kosmisches Geschöpf, befreit vom Zählen
Von Quoten und statistischem Gerät
Ein Schweifstern, frei die eigne Bahn zu wählen
Der Gleichmaß, Sicherheit und Halt verschmäht.
Den Halt gibt es für ihn zur Todesstunde
Wenn aus der kurzen Nacht die längste wird.
Die Sonne schlägt ihm seine tiefste Wunde
Da er in ihre Nähe sich verirrt.

Verlässliches Wunder

Die Blüten haben sich vor meine Tür geschlichen
Des nachts, und niemand hörte ihren leisen Schritt.
Sie brachten ihre lila Träume mit
Ein Blütenlächeln, dem all meine Sorgen wichen
Und jene Hoffnung, die wir ewig nennen
Die jedem Frühling seine Blüten schafft
Mit flüchtigster und unbezwungener Kraft
Und liebestrunken, dass die Nächte brennen.

Blütenwolken, überm Boden schwebend

Blütenwolken, überm Boden schwebend

Gestelle

Der Kunst ergeht es längst wie der Wirtschaft, der Politik, der Wissenschaft: sie entkommt nicht mehr den sprachlichen Kodierungen ihrer in Geldmaschinen verzahnten Korporationen. Die Inhaltsleere des Neusprechs wird mit Wortgeschwüren überdeckt, die nur eines zeigen: wie besoffen die Verfasser vom Gefühl des Dazugehörens, vom pausenlosen Nuckeln an ihrer eigenen Wichtigkeit sind.
(Kommentar zu einem Artikel von Durs Grünbein in der FAZ)

Unendlich sicher

Einstein meinte, dass gemeinhin zwei Dinge als unendlich gelten: der Kosmos und die menschliche Dummheit, aber beim Kosmos sei man sich nicht sicher. Es läuft nun in Deutschland seit längerem ein Versuch, ob nicht auch die Langmut deutscher Steuer-, Beitrags- und Gebührenzahler den Unendlichkeits- Status beanspruchen darf.
Möglicherweise endet diese Langmut genau da, wo sich die Einsicht ausbreitet, dass nicht vor allem die anderen, sondern tatsächlich man (oder frau) selbst den Löwenanteil der Zeche für den gesamtstaatlich organisierten Wahn von der Versorgung aller mit Fastfood, Fastkultur und Fußball und der Versicherung aller gegen alles und gegen alle zahlt, dass den Profit davon aber hauptsächlich die Steuer-, Beitrags- und Gebühreneintreiber haben.
Dieser deutsche Menschenversuch – das Land darf ja, Menschenversuche betreffend, eine historische Spitzenposition beanspruchen – bleibt spannend, ein klares Resultat ist nicht in Sicht, weil ja eben die menschliche Dummheit jeder Einsicht entgegensteht. Und diese – nicht einmal genuin deutsche – Dummheit ist…