Sprachpatente

Hier mal wieder ein Text aus dem Osten. Veraltet? Die Witze vielleicht.

Wenn die Dummheit Quote macht

Wenn die Dummheit Quote macht

Wer schläft, der sündigt nicht: O schöner Spruch!
O allumfassender Dispens fürs Unterlassen!
Ein kollektives Schnarchen füllt die Gassen
Und, dazu passend, leichter Mundgeruch.
Die Kissen weich, die Türen fest verschlossen
Die Wachen geh’n mit ruhig festem Schritt
Und in der Kneipe sitzen die Genossen
Und schreiben deine schönsten Witze mit.
Wo man so schnarcht, lass dich nicht ruhig nieder
Und frag bloß nicht: „Was wird denn hier verpennt?“
Weil man dich sonst ’nen Nestbeschmutzer nennt
Und solchen Leuten bricht man alle Glieder.
Reden ist Silber, alter Freund, das du verschwendest
Schweigen ist Gold, weil’s den Geschäften dient.
Die Welt ist ganz mit Schweigegold vermint.
Das macht uns stumm – wohin du dich auch wendest.
Geh rasch, solange noch die Hunde schlafen.
Den, der zu spät geht, wird das Dorf bestrafen.

Er kann dann aber zur Arbeitsagentur gehen.

Abend

von Berg zu Berg

von Berg zu Berg

Die Sonne geht und lacht mir ins Gesicht
„Ermann dich, alter Geck, was hoffst du noch zu schonen?
Dein Tag ist flüchtig, also säume nicht
Und such dein Glück dort, wo die Wolken wohnen“.
Schon steckt sie mir den Himmel an und Feuer zieht
Von Berg zu Berg, zum Rhein, zum Rand der Welt.
Und während in die Täler Asche fällt
Der Mond schmerzlich erstaunt herniedersieht
Die Galaxien über unsere Zukunft lachen
Will ich allein mit dem Vergangenen wachen.

Flüchtige Gesänge

vorm frühlingslechzenden Gezweig

vorm frühlingslechzenden Gezweig

Es sind die leisen Laute, die mich bannen
Ein unbezahlbar unbezahltes Lied
In fremder Sprache, nicht für mich bestimmt
Voll Inbrunst – weiß noch einer, was das ist?
Und nicht im Film, nicht mikrofonverstärkt
Nicht lichtumkränzt, nicht öffentlich beklatscht!
Es rührt ein Namenloser mir das Herz
So tief wie’s keine Macht der Welt vermöchte.
Er singt dem Schnee das letzte Lebewohl.
Er singt Triumph der Nacht, dem Frost, dem Tod.
Er singt die Liebe und ist liebeskrank
Und schreit sein winzigkleines warmes Leben
Mit aller Kraft in wintergraue Welten.
Und er beschämt mich tief
Den kohle-, stein- und stahlbewehrten Riesen.
Ich steh vorm frühlingslechzenden Gezweig
Und kann vom Federbalg den Blick nicht lassen
Wie er all Lust und Leid aus voller Kehle
So zu Musik macht, wie’s sonst keiner tut.

Frühling reist

Mozarts Auftritt im Kalender

Mozarts Auftritt im Kalender

Die Räder rollen durchs glückliche Land
der rostenden Wünsche, es schnattert das Jungvolk
Eingeflimmert aufs Mittelmaß,
duftend nach Fritten und Plastikfraß.
Gesichter voll Eisen, Chemie in den Haaren
Sehn sie nicht wo, verstehn nicht, wohin sie fahren.

Draußen geschieht das verlässliche Wunder
Das sich doch niemals planen lässt
Aus Landschaften werden Züge des Glücks
Triumphprozessionen verliebter Vögel.
Textilgeschäfte verhökern den Rest
Nächstens geht die Weltwirtschaft unter.

Altersrenditen verfallen im Takt
Der murmelnden Kugeln in den Rouletts
Der schwingenden Kurse auf den Parketts
Alle Tresore werden geknackt.

Derweil erblühn die unsterblichen Formen
Aus sterblichstem Stoff in den Farben der Träume.
Ich zähle die Tage als letzte Momente
Dass vom fliegenden Blau ich nur nichts versäume.
Keine Blüte sei ungeküsst
vom Blick, der auf Unendlich gerichtet ist.

Ungeteilte Zeit

Komet Hale Bopp aus Wikipedia

Die kurzen Nächte will ich nur für mich.
Kein Staat und kein Konzern darf mit mir teilen.
Allein will ich mit den Kometen eilen
Verglühn im Sonnenwind als Ding an sich
Als kosmisches Geschöpf, befreit vom Zählen
Von Quoten und statistischem Gerät
Ein Schweifstern, frei die eigne Bahn zu wählen
Der Gleichmaß, Sicherheit und Halt verschmäht.
Den Halt gibt es für ihn zur Todesstunde
Wenn aus der kurzen Nacht die längste wird.
Die Sonne schlägt ihm seine tiefste Wunde
Da er in ihre Nähe sich verirrt.

Verlässliches Wunder

Die Blüten haben sich vor meine Tür geschlichen
Des nachts, und niemand hörte ihren leisen Schritt.
Sie brachten ihre lila Träume mit
Ein Blütenlächeln, dem all meine Sorgen wichen
Und jene Hoffnung, die wir ewig nennen
Die jedem Frühling seine Blüten schafft
Mit flüchtigster und unbezwungener Kraft
Und liebestrunken, dass die Nächte brennen.

Blütenwolken, überm Boden schwebend

Blütenwolken, überm Boden schwebend

Wissen wohin

Willst du wissen — willst du nicht
Wo entlang die Wege führen
Willst du nur nach vorne stieren
Mit dem Köder vorm Gesicht?

Ach, die Leute werden schneller
Werden wilder, werden mehr
Nach dem Gelde drängt das Heer
Schlägt für Gulden, feilscht um Heller.

Rechts und links von all den Zügen
Liegen Leichen deiner Träume
Die verbrannten Paradiese
Müllbedeckte Rückzugsräume.
Aus dem Abfall wuchern Lügen
Wie so schön die Wettbewerbe
Wie so fair die Leistungsdaten
Wie so kühn die Heldentaten.
Glück ist Gold. Du kannst dich fügen.

Oder lieber innehalten
Deine wunden Füße fragen:
Lohnt das Ziel, die Last zu tragen?
Zähle deine Kummerfalten
Und dann gib dich nicht geschlagen.

Zukunft

Ich kann schon meine Tage zählen, wenn ich will
Denn mein Karriereplan ist ziemlich endlich
Und meine Umwelt sagt mir, deftig- ländlich:
Du hast die Zukunft hinter dir, sei still.
Das ist mir recht. Denn Zukunft ist ein Ding
Von dem zu wissen keine Freude ist
So lehrte uns der Heiland, Jesus Christ,
Der kannte sie, eh er am Kreuze hing.
Er wusste vorher, wie man ihn verriete
dass Niedertracht sein Leben enden ließ
Er nahm sein Los, die allerschlimmste Niete
Und starb als Sündenbock fürs Volk, das ihn verstieß.
Dass er es tat, ließ eine Welt erstaunen
Und feite manchen späteren Sündenbock
Dem lustvoll ausgerissen wurden die Kaldaunen
Den man im Stillen hing, erschlug vorm Lagerblock
Erschoss, verbrannt’ zum Gaudium der Masse
Auf dass Gottvater ihre Schuld erlasse.
Die Zukunft ist ein seltsam Ding geblieben
Von dem seit Angedenken eins nur sicher ist:
Wer je sich als ihr Herr beschrieben
Beschloss als Mörder seines Lebens Frist.
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Der menschliche Makel

Wir kommen in die Welt befleckt mit Blut
Und unsre Hände zucken nach dem warmen Roten
Die Bilder reißen unsere Augen auf
Kälte deckt unsre Haut
Ins Leben trägt ein eigener geller Schrei
Darin ist Trennung. Eins wird zwei.

Durch Wachstum werden wir uns selber fremd.
Gewesen ist: Die eigenen Schmerzen tragen
Ein jegliches Erlangen ist Entsagen
Das Wirklichsein erstickt die Möglichkeit
Ein kleines Wissen tötet tausend Träume
Nur ein erfahrener Augenblick ein hoffnungsvolles Jahr.

Glück macht uns blind und unsere Schuld ist wahr.