Anspruch

Ach, du wolltest Goethe gleichen
Einstein, Mozart oder Che
Wähntest, alles zu erreichen
Fliegend und auf hoher See
Fahnen schwenkend in den Straßen
Nächte wachend im Labor
Kamst du dir so wichtig vor
Während Sachen dich besaßen
Während Menschen dich vergaßen
Ach, du kannst dich selbst nicht sehen
Jeder Spiegel lügt dich an.
Deine Frau will nichts verstehen
Von dem Kindertraum im Mann.
Zeit und Leid ziehn tiefe Rinnen
Durch die Stirn, vom Kinn zur Nase

Und du ahnst: die letzte Phase
Deines Lebens will beginnen.
Du beginnst, dir nachzusinnen.

Goethes Elegien

Ulrike von Levetzow - zu jung

Der verzweifelte Wunsch, das Alter durch die Liebe zur jugendlichen Ulrike von Levetzow zu bannen, gebar die Marienbader Elegien

Den Schmerz lass ein. Er sagt: „Du lebst noch, Alter“,
Sagt, „lass mich ruhig an deiner Seite sein
ich bin für die gezählten Tage dein Verwalter
wenn ich dich stör, betäube mich mit Wein.

Es sei ein Bündnis gegen’s frühe Sterben,
gegen den Wunsch zu gehen vor der Zeit.
Ich mache Dich zum letzten Flug bereit
Wie den am Kerzenlicht verbrannten Falter.“

Lass ein den Schmerz, lass Dir den Becher reichen
Der ein für alle mal erprobt dein Sehnen
Hältst Du nicht stand, welkst Du dahin mit jenen
Die greinend sich aus trübem Dasein schleichen.

Du musst ihn wollen, diesen Weg ins Helle
Der ohne Leiden nicht zu finden ist
Lass ein den Schmerz, verstrichen ist die Frist
Mach einmal noch aus Qualen eine Quelle.

Fühl, wie dir Träume eggen deinen Leib
Streu Würze des Verzichts ins bloße Fleisch
Die Haut aufs Blut zu schinden sei dir Zeitvertreib
Ein letztes, engstes Band von dir zum Weib
Ertrag noch stumm am Pranger das Gekreisch
Hüll dich in letzter Worte dunklen Sinn
Dann wirst du still. Dann nimmt der Schmerz dich hin.

Gesichter

Kameliendame

Kameliendame


Wie Wolken wehen die Menschengesichter
An mir vorüber im Wind der Zeiten.
Und kehren wieder und schwinden als Blüten
Die mich durch Frühling und Sommer geleiten.
Und sind immer neu und sind schon vergangen
Und haben das Leben kaum angefangen.
Es brechen sie Tod, Frost, Krankheit und Hass.
Dahingetrieben von kurzem Verlangen
Verloren in Träumen von ewig und immer
Wollen sie besitzen – und da ist kein Verlass.
Verlass ist bei den flüchtigen Blicken
Beim Herzschlag und beim berauschenden Kuss
Beim Sternenflimmern und den Wellen im Fluss
Bei schmelzendem Schnee und verklungenen Musiken.
Glück wird nie sein und ist nie vorüber
Glück ist immer nur jetzt und hier
Deshalb bin ich, meine Liebste, so gerne bei dir
Und lass mich in deine Augen fallen.
Dein Gesicht ist das schönste von allen.

Dichtung und Wahrheit

Der arme Poet

Penthouse oder Mansarde?


Wenn es mit dem Geldverdienen wieder einmal gar nicht klappt, einem obendrein liebe Kolleginnen und Kollegen in den Ohren liegen, man möge ihnen doch Tipps geben, wie sie mit welchen Beiträgen bei welchem Sender, Verlag, …. (beliebig zu ergänzen durch andere Auftraggeber) landen und somit oder durch Inanspruchnahme öffentlicher Fördergelder instand gesetzt würden, ihre Rechnungen zu bezahlen, dann, ja dann ist es wieder einmal Zeit, sich in eine ruhige Ecke zu setzen mit einem Glas Rotwein, einer Zigarre oder einer Pfeife voll guten Rauchtabaks und etwas zu dichten.

Etwas, das niemandem gefallen muss, außer einem selbst, etwas das keinerlei Applaus noch sonst irgendeinen kurzfristige Nutzen verspricht, sondern einfach nur der Freude am Gelingenden dient. Natürlich ist diese Freude, diese kurzfristige Abwendung von Leistungsmessungen aus dem “Markt”, diese Hinwendung zu sich selbst auch von Nutzen, vermutlich sogar von ziemlich nachhaltigem. Sie erhöht die Lebenserwartung. Messbar ist das nicht, die Messung aber schon deshalb unsinnig, weil eine Lebenserwartung rein quantitativer Art, beziffert nach Lebensjahren, -wochen, –tagen, –stunden, –minuten, –sekunden ja zurück in die Falle der Leistungs- und Quotenwelt führte, geradewegs zur Zwangsvorstellung vom Pharmavertreter, der mit der Stoppuhr neben dem Sterbelager wacht.

Es ist Erwartung an Leben selbst – nur und ausschließlich am Wohlgefühl messbar, in der Welt zu sein, just mit den Erfahrungen und den Ausdrucksformen, die einem zu eigen sind.

Das ist der Nutzen des Dichters – oder?

Kiesel

Spiegelbild eines Felsens im See

Unsichtbar in der Tiefe - was?

Erschienst du mir ein wenig blass am Morgen?
Und strahltest nachts, mein Stern, in jedem Licht.
Warst du nur müde? Hieltest du verborgen
Ein schattiges Gespinst aus deinen Sorgen?
Die Sonne zeigt: du zeigtest sie mir nicht.

War ich es selbst, der deine Mienen trübte?
Zog ich die Folie über deinen Glanz?
Dein Wort war zögerlich, dein Blick Distanz.
Dein Kuss blieb stumm – du gabst ihn mir nicht ganz.
Dieweil ich mich in süßem Reden übte.

Du bist schon fort, eh’ ich mich’s recht versehen.
Versäumte ich, dein Bleiben zu erflehen?
War dir der Abschied leicht? Du bliebst nicht stehen
Und winktest kaum zurück. Ich blieb allein.
So macht aus Sonne und Vulkan das Meer den Stein.

Herbstnah

Blick über Blumen in den Wald

Abschiedsblüte

Der Wald beginnt nach Sterbenszeit zu duften
Die Blüten nicken Abschied vom Balkon
Im Fernsehn hören wir von großen Schuften
Den kleinen Gangstern geben wir Pardon.

Wir selbst begehen ja nur kleine Morde
Wir spucken ab und zu in ein Gesicht
Wir fühlen uns bestätigt von der Horde
Alleingelassen fühlen wir uns nicht.

Alleingelassen sind wir ganz alleine
Wie nachts ein Kind, des Mutter ging davon
Und nahm die Hand von ihm, die warme, feine
Und sichere Hand und den vertrauten Ton.

Wie welke Blätter sinken unsere Herzen.
Wir fliehn in Lärm und Licht und Witz und Braus.
In kalte Fesseln legt der Herbst das Haus
Und unsere Blicke flackern mit den Kerzen.
Wir sind in Not. Die Fenster werden trübe.
Der Arzt sagt: das sind depressive Schübe.

Lebewohl

Großmutter

Transparenz des Alterns

Die Sonne seh ich wandern durch mein Zimmer
Gesichte, Düfte, Laute lass ich ein
Ins träge, wolkenhafte Einsamsein.
So wünsch ich mir die Sommertage immer.

Im Schatten krummgewachsener Fachwerkgassen
Den Blättern lauschend unterm Lindenbaum
Schmeck ich den kühlen Quell im Fiebertraum
Kann deine weich und rauhe Hand erfassen.

Die Rosenblüten sagen: es ist Zeit
Und Gräser nicken uns ihr Lebewohl.
Was niemals blüht, ist keinem Tod geweiht
In jedem Augenblick ist Ewigkeit
Das Flüchtigste ist unser Ruhepol.

Dom zu Naumburg

Mosaikbild von anna Knauth 1855

Annas Fenster 1855

Du stiller Schatten. Kerzenduft, verbannt
Noch duftend nach verwehter Hoffnung
Heimlichen Wünschen, Träumen, barmender Verzweiflung
Nach meiner Ahne ahnendem Erschauern.

Du Stein. Du höchste Kunst in höchsten Nöten
Du Botschaft, wundersam und unerhört.
Du Friedensschauplatz, unruhvoller Hafen
So fern den Meeren, nah den Galaxien
So voll Gesichter, Stimmen, Sinfonien
Ich wünscht’ in dir den letzten Schlaf zu schlafen.

Fortsetzung folgt

Brunnen unterm Lindenbaum im Schwarzwald

Sommernacht - Lesenacht

Allen, die gekommen waren, war’s ein Vergnügen, allen, die mitgeholfen haben, eine gelungene Arbeit. Das „Badische Tagblatt“ bestätigte in einem Artikel am 21.8.  den Veranstaltern den Erfolg. Deshalb wird die Reihe „Leben Lesen“ fortgesetzt mit noch mehr guten Texten von hoffentlich vielen Interessierten Autoren, Geschichtenerzählern, Musikern.
from immediator.de
Leben Lesen am 19.8. 19 Uhr

Literaturabend im Schwarzwald

Jugendzeit und Sommernachtsträume

Der Erinnerung die Zügel lassen, träumen, was war – oder hätte sein können. Das ist der Stoff, aus dem Romane werden.

Wer Lust hatte, Geschichten zu hören, selbst eine Geschichte zu erzählen, war eingeladen zu einem Sommerabend mit Literatur und Musik, umgeben vom schönsten Schwarzwaldpanorama weit und breit. Immerhin 25 Literaturfreunde kamen, darunter der 90jährige Autor Georg Polomski, der mit seinem Humor in Gedichtform und durch eine ansteckend fröhlich vorgetragene Kurzgeschichte die Zuhörer beeindruckte. Gregor Goller las eigene Gedichte; besonnene Poesie wechselte mit Witzigem im Stil von Heinz Erhard.
Die Buchhandlung Wild präsentierte zum Thema passende Bücher; nach der Gesprächsrunde traf sich eine gesellige Runde in den nahe gelegenen „Eckbergstuben“, um weiter zu plaudern.
Der Abend war ein gelungener Auftakt zu weiteren Veranstaltungen dieser Art unter der Überschrift „Leben Lesen“
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Sommer

Rosenblüte, rot

Blühen und Vergehen

Sommer
Komm, meine Sonne, tränke meine Haut
mit Lichtgefühl, durchdringe meine Lider,
erweck die Düfte aller Sommer wieder
und alle Blüten, die ich je geschaut.

Mach aus der Zeit ein kosmisches Gewebe
und schmilz die Uhren ein zu schwarzem Schaum.
Zieh mich auf deiner Bahn zum Weltensaum,
mach mich zum Augenblick, in dem ich lebe.

Tags: Gedicht,