Banalama (Ostberlin 1985)

5
Frau, Ehemann im Auto
Mann Der Motor läuft wie ein Uhrwerk.
Frau In der Stadt sind die Knospen schon auf. Hier ist alles grau. Aber die Sonne
scheint.
Mann Wie ein Uhrwerk. Dem merkt man seine hunderttausend Kilometer gar nicht an.
Fahren will gelernt sein.
Frau In den Seen schwimmt noch Eis.
Mann Fahren will eben gelernt sein, verstehst du, dann hält auch der Motor durch.
Frau Ich freu mich so. Schade, dass Sandra nicht dabei ist.
Mann Sie ist ja gut aufgehoben.
Frau Ja.
Mann Der Motor läuft wie ein Uhrwerk.
Frau Du fährst eben gut.
Mann Ich könnte stundenlang fahren. Das ist meine Welt. Nur schneller müsste der
Wagen sein. Und schnittiger, moderner.
Frau Ein Mercedes.
Mann Ein Porsche. Und dann los! Rauf auf die Autobahn, und dann können uns alle mal
und uns kann keiner.
Frau Und Sandra streckt den Leuten am Heckfenster die Zunge raus.
Mann Ja.
Frau Aber eine Ohrfeige hättest du ihr nicht geben sollen.
Mann Mir ist die Hand ausgerutscht. Was schreit sie dauernd.
Frau Sie hat schlecht geträumt.
Mann Sie ist verwöhnt, weil du immer gleich hinläufst. Lass sie allein, wenn sie schreit,
damit sie sich daran gewöhnt.
Frau Ja. Sei du nicht mehr böse.
Mann Wir können sie ja öfter zu deiner Freundin geben. Am Wochenende. Ich würde es
schon bezahlen. Sie wünscht sich doch immer ein Kind.
Frau Der Motor läuft wirklich wie ein Uhrwerk.
Mann Jetzt bockt er. Mistkarre, elende.

Banalama (Ostberlin 1985)

4
Frau, Neuer, Beamtin, Kind
Beamtin (liest mehr oder weniger monoton einen mehr oder weniger genormten
Trauungstext ab) … Und nun frage ich Sie, Thomas Bernhard, wollen sie …
Kind (schreit von einem Punkt der Rede an)
Beamtin (hebt kaum die Stimme, ignoriert das Schreien. Wenn das zweite „ja“ gesprochen
ist, verstummt das Kind). Und so erkläre ich Sie für Mann und Frau.

Banalama (Ostberlin 1985)

3
Frau, Neuer, Kind, spät
Frau Ich
liebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdich …
Neuer Ich lieb dich auch. Für immer, immer und ewig. Du Süße.
Frau Komm.
Kind Mama.
Frau Wirst du meine Kleine auch mögen?
Neuer Wie heißt sie?
Frau Sandra. Meine kleine Sandra.
Neuer Meine kleine Frau.
Frau Wirst du sie auch mögen?
Neuer Aber natürlich. Sie gehört doch zu dir.
Frau Du gehörst auch zu mir.
Neuer Für immer. Immer und ewig.
Kind (schreit)

Banalama (Ostberlin 1985)

2
Dieselben später.
Bekannter Was machst du heute?
Frau Disko.
Bekannter Allein?
Frau —
Bekannter Soll ich nicht mitkommen.
Frau Ich gehe mit meiner Freundin.
Bekannter Mit der Blonden?
Frau —
Bekannter Warum soll ich nicht mitkommen? War ich nicht gut? Ich meine: im Bett. War ich
nicht gut im Bett? Warum willst du mit der Blonden?
Frau Geh jetzt.
Bekannter Ach so ist das. Zum Bezahlen war ich gut genug, aber dann: Wer hat den längsten,
was? Du Nutte. Du und die Blonde. Bei euch sieht man gleich, was ihr seid.
Frau Verschwinde.
Bekannter Das könnte dir so passen. Ich will was haben für mein Geld. Los, komm her.
Komm her. Ich weiß doch, was du willst. Komm her, du Miststück.
Kind (schreit)
Frau Lass los, das Kind.
Bekannter Das elende Balg.

Banalama (Ostberlin 1985)

1
Nacht. Bekannter, Frau, Kind (knapp 2 Jahre alt)
Kind Mama. Mama!
Frau Sei still.
Kind Mama. Mama!
Frau Es ist erst fünf, schlaf! Es ist erst fünf.
Kind Mama. Mama!
Frau Hör auf. Sei still. Sei endlich ruhig und schlaf. Es ist erst fünf, also lass mich in
Ruhe und schlaf, schlaf!
Bekannter Was hat sie denn? Vielleicht ist sie krank.
Frau Ach was. Es ist erst fünf. Um sechs bring ich sie in die Krippe. Sie soll schlafen.
Bekannter Komm.
Kind (schreit)

Moderne Märchen No. 4

Prinz kürt Aschenputtel

DSDS

Es war einmal ein Aschenputtel, das arbeitete hart für seine Halbschwestern und die Stiefmutter. Die waren nie zufrieden. Sie neideten dem Aschenputtel jedes Glück, sogar den Aufstieg ins Bett eines Prinzen. Aus Gier und Neid hackten sie sich die Füße kurz und klein. Da gurrten es die Tauben von allen Dächern und sie wurden berühmt.

Wie die Stasi im Westen agierte

Wie die Stasi eine Familie zersetzt: Susanne Schädlich
Am 25.März gab es in „blog.Literaturwelt“ einen Artikel zu Susanne Schädlichs „Immer wieder Dezember“. Die Rezension dazu (gestern in der SWR 2 „Buchkritik“ ausgestrahlt) gibt es jetzt auch zum Anhören und Download.
In SWR 2 „Leben“ war am 8.9.auch ein Gespräch mit susanne Schädlich zu hören.

Sommer


Komm, meine Sonne, tränke meine Haut
mit Lichtgefühl, durchdringe meine Lider,
erweck die Düfte aller Sommer wieder
und alle Blüten, die ich je geschaut.

Mach aus der Zeit ein kosmisches Gewebe
und schmilz die Uhren ein zu schwarzem Schaum.
Zieh mich auf deiner Bahn zum Weltensaum,
mach mich zum Augenblick, in dem ich lebe.