4
Frau, Neuer, Beamtin, Kind
Beamtin (liest mehr oder weniger monoton einen mehr oder weniger genormten
Trauungstext ab) … Und nun frage ich Sie, Thomas Bernhard, wollen sie …
Kind (schreit von einem Punkt der Rede an)
Beamtin (hebt kaum die Stimme, ignoriert das Schreien. Wenn das zweite „ja“ gesprochen
ist, verstummt das Kind). Und so erkläre ich Sie für Mann und Frau.
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Banalama (Ostberlin 1985)
3
Frau, Neuer, Kind, spät
Frau Ich
liebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdich …
Neuer Ich lieb dich auch. Für immer, immer und ewig. Du Süße.
Frau Komm.
Kind Mama.
Frau Wirst du meine Kleine auch mögen?
Neuer Wie heißt sie?
Frau Sandra. Meine kleine Sandra.
Neuer Meine kleine Frau.
Frau Wirst du sie auch mögen?
Neuer Aber natürlich. Sie gehört doch zu dir.
Frau Du gehörst auch zu mir.
Neuer Für immer. Immer und ewig.
Kind (schreit)
Banalama (Ostberlin 1985)
2
Dieselben später.
Bekannter Was machst du heute?
Frau Disko.
Bekannter Allein?
Frau —
Bekannter Soll ich nicht mitkommen.
Frau Ich gehe mit meiner Freundin.
Bekannter Mit der Blonden?
Frau —
Bekannter Warum soll ich nicht mitkommen? War ich nicht gut? Ich meine: im Bett. War ich
nicht gut im Bett? Warum willst du mit der Blonden?
Frau Geh jetzt.
Bekannter Ach so ist das. Zum Bezahlen war ich gut genug, aber dann: Wer hat den längsten,
was? Du Nutte. Du und die Blonde. Bei euch sieht man gleich, was ihr seid.
Frau Verschwinde.
Bekannter Das könnte dir so passen. Ich will was haben für mein Geld. Los, komm her.
Komm her. Ich weiß doch, was du willst. Komm her, du Miststück.
Kind (schreit)
Frau Lass los, das Kind.
Bekannter Das elende Balg.
Banalama (Ostberlin 1985)
1
Nacht. Bekannter, Frau, Kind (knapp 2 Jahre alt)
Kind Mama. Mama!
Frau Sei still.
Kind Mama. Mama!
Frau Es ist erst fünf, schlaf! Es ist erst fünf.
Kind Mama. Mama!
Frau Hör auf. Sei still. Sei endlich ruhig und schlaf. Es ist erst fünf, also lass mich in
Ruhe und schlaf, schlaf!
Bekannter Was hat sie denn? Vielleicht ist sie krank.
Frau Ach was. Es ist erst fünf. Um sechs bring ich sie in die Krippe. Sie soll schlafen.
Bekannter Komm.
Kind (schreit)
Revolution
Siehst du deine Aktien fallen?
Spürst du deine dünne Haut?
Tust du noch, wovor dir graut
Und schwimmst immer noch mit allen?
Bist du kollektives Wesen
Unverstört im gleichen Schritt
Willst nicht einsam sein, willst mit
Kannst noch nicht die Zeichen lesen?
Glaubst noch an die Chorgesänge
Und die Phrasenrituale?
Was erklang so viele Male
Bindet viele ans Gedränge.
Doch wo’s hindrängt, wird es enge.
Denn die Zukunft ist vom Wollen
All der gleichen Wünsche, Triebe
Längst schon derart zugequollen
Dass kein Platz mehr übrig bliebe
Gäbs nicht gegen diesen Frust
Das Prinzip GEWALT MACHT LUST.
Die Dreifaltigkeit der Kriege
Mordskarrieren, Lügensiege.
Schlag mit drein. Du bist dabei.
Mach dich von dir selber frei.
Ende der Angst

Heldentum überflüssig
Wer gewinnt den Frieden?
Kriege werden gewonnen.
Frieden ist das große Unentschieden
Schwer zu ertragen, wo Sieger gefragt sind
Und Preise winken, egal wie hoch der Preis.
Nicht siegen wollen ist pervers
In den Augen der Aasgeier
Die vom Verlieren leben und Tod.
Nicht siegen wollen, nur leben
Ist der Weg zurück
Zu den Pforten des Paradieses
Wo sowohl als auch ist
Und überall nirgends, kein Ziel, kein Versagen.
Wo Gott wohnt:
Ganz am Ende der Angst.
Verkehrte Welt
Des Abends wenn ich früh aufsteh
Des Morgens wenn ich zu Bette geh
Da krähet die Henne, da gackert der Hahn
Da fängt die Regierung zu denken an
Da rinnet der Regen zum Himmel hinauf
Die Bild- Zeitung gibt das Dreckschleudern auf
Ein jeglicher kehrt vor der eigenen Türe
Und der Papst empfiehlt Fromm’s neben frommer Lektüre.
Der Reiter schleppt heimwärts das müde Pferd
Richtung Futterkrippe – ist das wirklich verkehrt?
Wenn der Gaul mit der Peitsche den Reiter traktiert
Könnt sein, dass der etwas sensibler wird.
Könnte sein, dass in der „verkehrten Welt“
Manches vom Kopf auf die Füße fällt.
Mir wird also nicht das Herz beschwert
Wenn das Oberste sich zuunterst kehrt.
Am Abend des Tages der Selbstgewissen
Verlasse ich heiter das Ruhekissen
Versichert
Jemand erzählt mir vom labilen
Gleichgewicht, das wir umspielen,
Vom Klimatod und Gletscherschmilz,
Ozonloch, Zeoh-Keinerwills.
Er weiß dafür genau den Grund:
Die Erde ist nicht mehr gesund.
Doch Mars ist nah und Mond ist rund,
Wir werden emigrieren.
Sandstürme, Krater, Vakuum,
das macht uns nichts, wir sind nicht dumm:
die AOK wird’s finanzieren.
Wissen wohin
Willst du wissen — willst du nicht
Wo entlang die Wege führen
Willst du nur nach vorne stieren
Mit dem Köder vorm Gesicht?
Ach, die Leute werden schneller
Werden wilder, werden mehr
Nach dem Gelde drängt das Heer
Schlägt für Gulden, feilscht um Heller.
Rechts und links von all den Zügen
Liegen Leichen deiner Träume
Die verbrannten Paradiese
Müllbedeckte Rückzugsräume.
Aus dem Abfall wuchern Lügen
Wie so schön die Wettbewerbe
Wie so fair die Leistungsdaten
Wie so kühn die Heldentaten.
Glück ist Gold. Du kannst dich fügen.
Oder lieber innehalten
Deine wunden Füße fragen:
Lohnt das Ziel, die Last zu tragen?
Zähle deine Kummerfalten
Und dann gib dich nicht geschlagen.
Zukunft
Ich kann schon meine Tage zählen, wenn ich will
Denn mein Karriereplan ist ziemlich endlich
Und meine Umwelt sagt mir, deftig- ländlich:
Du hast die Zukunft hinter dir, sei still.
Das ist mir recht. Denn Zukunft ist ein Ding
Von dem zu wissen keine Freude ist
So lehrte uns der Heiland, Jesus Christ,
Der kannte sie, eh er am Kreuze hing.
Er wusste vorher, wie man ihn verriete
dass Niedertracht sein Leben enden ließ
Er nahm sein Los, die allerschlimmste Niete
Und starb als Sündenbock fürs Volk, das ihn verstieß.
Dass er es tat, ließ eine Welt erstaunen
Und feite manchen späteren Sündenbock
Dem lustvoll ausgerissen wurden die Kaldaunen
Den man im Stillen hing, erschlug vorm Lagerblock
Erschoss, verbrannt’ zum Gaudium der Masse
Auf dass Gottvater ihre Schuld erlasse.
Die Zukunft ist ein seltsam Ding geblieben
Von dem seit Angedenken eins nur sicher ist:
Wer je sich als ihr Herr beschrieben
Beschloss als Mörder seines Lebens Frist.
