Banalama (Ostberlin 1985)

8
Mann, Frau, Fernsehen, zum Schluss das Kind
Mann Wo kommst du jetzt her?
Frau Wo soll ich herkommen?
Mann Weißt du, wie spät es ist?
Frau Nein.
Mann Das Kind hat die ganze Nacht geschrieen. Wo warst du?
Frau Aus.
Mann Wo mit wem? Wo warst du aus? Du bist schwanger.
Frau Ich bin müde.
Mann Ich will wissen, was los ist.
Frau Lass mich, sonst schreit das Kind wieder.
Mann Ja. Es ist dein Kind und du treibst dich rum. Schwanger. Ich will wissen, was los
ist.
Frau Nichts. Du bleibst oft genug weg.
Mann Ich habe auch kein Kind.
Frau Nein. Für die Scheiße bin ich da. Für das Kind, für den Haushalt, fürs Bett. Wenn
du keine Lust hast, haust du ab. Dir ist alles egal. Ich bin dir egal, dein Kind ist dir
egal, sogar dein eigenes. Ich will auch noch etwas von meinem Leben haben.
Mann Und wer schafft hier die Kohle ran? Du? Du kannst doch nichts. Wer bist du
schon. Rumtreiben, das kannst du. Die Beine breit machen für andere. Wer weiß,
ob das Kind von mir ist.
Frau Du Schwein.
Kind (schreit)

Banalama (Ostberlin 1985)

6
Mann, Frau, Kind
Kind (schreit)
Mann Tür zu!
7
Mann, Frau, Fernsehen, später Kind
Frau Komm.
Mann Ich bin müde. Ich habe gearbeitet. Ich bin jetzt müde.
Frau Magst du mich nicht mehr?
Mann Doch. Aber ich bin zu müde.
Frau Immer bist du müde. Du magst mich nicht mehr.
Mann Ich muss arbeiten. Für dich, für das Kind.
Frau Du magst mich nicht mehr. Du magst das Kind nicht. Du hast es nie gemocht und
jetzt magst Du mich auch nicht mehr.
Mann Unsinn.
Frau Ich bin schwanger.
Mann Was?
Frau Ich bin schwanger.
Mann Du bist verrückt. Wieso? Seit wann weißt du das? Mein Gott.
Frau Du freust dich nicht einmal.
Mann Wir sitzen immer noch in der engen Wohnung. Es ist nichts da. Nichts ist da.
Noch ein Kind.
Frau Dein Kind. Ich wollte es, weil ich dachte, dass du mich liebst.
Mann Liebe, Liebe. Man muss erstmal was sein. Ohne Geld geht nichts. Und dieses
Loch von Wohnung. Ist eins nicht genug?
Kind Mama. Mama!
Mann Sei still. Ich will nicht noch ein Kind. Ich wollte überhaupt kein Kind. Jetzt ist
eines da, gut, aber das ist genug.
Frau Wohin gehst du?
Mann Ich muss hier raus.
Kind Mama. Mama!
Frau Sei still. Du. Alles machst du kaputt, an allem bist du schuld.

Banalama (Ostberlin 1985)

5
Frau, Ehemann im Auto
Mann Der Motor läuft wie ein Uhrwerk.
Frau In der Stadt sind die Knospen schon auf. Hier ist alles grau. Aber die Sonne
scheint.
Mann Wie ein Uhrwerk. Dem merkt man seine hunderttausend Kilometer gar nicht an.
Fahren will gelernt sein.
Frau In den Seen schwimmt noch Eis.
Mann Fahren will eben gelernt sein, verstehst du, dann hält auch der Motor durch.
Frau Ich freu mich so. Schade, dass Sandra nicht dabei ist.
Mann Sie ist ja gut aufgehoben.
Frau Ja.
Mann Der Motor läuft wie ein Uhrwerk.
Frau Du fährst eben gut.
Mann Ich könnte stundenlang fahren. Das ist meine Welt. Nur schneller müsste der
Wagen sein. Und schnittiger, moderner.
Frau Ein Mercedes.
Mann Ein Porsche. Und dann los! Rauf auf die Autobahn, und dann können uns alle mal
und uns kann keiner.
Frau Und Sandra streckt den Leuten am Heckfenster die Zunge raus.
Mann Ja.
Frau Aber eine Ohrfeige hättest du ihr nicht geben sollen.
Mann Mir ist die Hand ausgerutscht. Was schreit sie dauernd.
Frau Sie hat schlecht geträumt.
Mann Sie ist verwöhnt, weil du immer gleich hinläufst. Lass sie allein, wenn sie schreit,
damit sie sich daran gewöhnt.
Frau Ja. Sei du nicht mehr böse.
Mann Wir können sie ja öfter zu deiner Freundin geben. Am Wochenende. Ich würde es
schon bezahlen. Sie wünscht sich doch immer ein Kind.
Frau Der Motor läuft wirklich wie ein Uhrwerk.
Mann Jetzt bockt er. Mistkarre, elende.

Banalama (Ostberlin 1985)

4
Frau, Neuer, Beamtin, Kind
Beamtin (liest mehr oder weniger monoton einen mehr oder weniger genormten
Trauungstext ab) … Und nun frage ich Sie, Thomas Bernhard, wollen sie …
Kind (schreit von einem Punkt der Rede an)
Beamtin (hebt kaum die Stimme, ignoriert das Schreien. Wenn das zweite „ja“ gesprochen
ist, verstummt das Kind). Und so erkläre ich Sie für Mann und Frau.

Banalama (Ostberlin 1985)

3
Frau, Neuer, Kind, spät
Frau Ich
liebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdichliebdich …
Neuer Ich lieb dich auch. Für immer, immer und ewig. Du Süße.
Frau Komm.
Kind Mama.
Frau Wirst du meine Kleine auch mögen?
Neuer Wie heißt sie?
Frau Sandra. Meine kleine Sandra.
Neuer Meine kleine Frau.
Frau Wirst du sie auch mögen?
Neuer Aber natürlich. Sie gehört doch zu dir.
Frau Du gehörst auch zu mir.
Neuer Für immer. Immer und ewig.
Kind (schreit)

Banalama (Ostberlin 1985)

2
Dieselben später.
Bekannter Was machst du heute?
Frau Disko.
Bekannter Allein?
Frau —
Bekannter Soll ich nicht mitkommen.
Frau Ich gehe mit meiner Freundin.
Bekannter Mit der Blonden?
Frau —
Bekannter Warum soll ich nicht mitkommen? War ich nicht gut? Ich meine: im Bett. War ich
nicht gut im Bett? Warum willst du mit der Blonden?
Frau Geh jetzt.
Bekannter Ach so ist das. Zum Bezahlen war ich gut genug, aber dann: Wer hat den längsten,
was? Du Nutte. Du und die Blonde. Bei euch sieht man gleich, was ihr seid.
Frau Verschwinde.
Bekannter Das könnte dir so passen. Ich will was haben für mein Geld. Los, komm her.
Komm her. Ich weiß doch, was du willst. Komm her, du Miststück.
Kind (schreit)
Frau Lass los, das Kind.
Bekannter Das elende Balg.

Banalama (Ostberlin 1985)

1
Nacht. Bekannter, Frau, Kind (knapp 2 Jahre alt)
Kind Mama. Mama!
Frau Sei still.
Kind Mama. Mama!
Frau Es ist erst fünf, schlaf! Es ist erst fünf.
Kind Mama. Mama!
Frau Hör auf. Sei still. Sei endlich ruhig und schlaf. Es ist erst fünf, also lass mich in
Ruhe und schlaf, schlaf!
Bekannter Was hat sie denn? Vielleicht ist sie krank.
Frau Ach was. Es ist erst fünf. Um sechs bring ich sie in die Krippe. Sie soll schlafen.
Bekannter Komm.
Kind (schreit)

Revolution

Siehst du deine Aktien fallen?
Spürst du deine dünne Haut?
Tust du noch, wovor dir graut
Und schwimmst immer noch mit allen?
Bist du kollektives Wesen
Unverstört im gleichen Schritt
Willst nicht einsam sein, willst mit
Kannst noch nicht die Zeichen lesen?
Glaubst noch an die Chorgesänge
Und die Phrasenrituale?
Was erklang so viele Male
Bindet viele ans Gedränge.
Doch wo’s hindrängt, wird es enge.
Denn die Zukunft ist vom Wollen
All der gleichen Wünsche, Triebe
Längst schon derart zugequollen
Dass kein Platz mehr übrig bliebe
Gäbs nicht gegen diesen Frust
Das Prinzip GEWALT MACHT LUST.
Die Dreifaltigkeit der Kriege
Mordskarrieren, Lügensiege.
Schlag mit drein. Du bist dabei.
Mach dich von dir selber frei.

Ende der Angst

Heldentum überflüssig

Heldentum überflüssig

Wer gewinnt den Frieden?
Kriege werden gewonnen.
Frieden ist das große Unentschieden
Schwer zu ertragen, wo Sieger gefragt sind
Und Preise winken, egal wie hoch der Preis.
Nicht siegen wollen ist pervers
In den Augen der Aasgeier
Die vom Verlieren leben und Tod.
Nicht siegen wollen, nur leben
Ist der Weg zurück
Zu den Pforten des Paradieses
Wo sowohl als auch ist
Und überall nirgends, kein Ziel, kein Versagen.
Wo Gott wohnt:
Ganz am Ende der Angst.

Verkehrte Welt

Des Abends wenn ich früh aufsteh
Des Morgens wenn ich zu Bette geh
Da krähet die Henne, da gackert der Hahn
Da fängt die Regierung zu denken an

Da rinnet der Regen zum Himmel hinauf
Die Bild- Zeitung gibt das Dreckschleudern auf
Ein jeglicher kehrt vor der eigenen Türe
Und der Papst empfiehlt Fromm’s neben frommer Lektüre.

Der Reiter schleppt heimwärts das müde Pferd
Richtung Futterkrippe – ist das wirklich verkehrt?

Wenn der Gaul mit der Peitsche den Reiter traktiert
Könnt sein, dass der etwas sensibler wird.
Könnte sein, dass in der „verkehrten Welt“
Manches vom Kopf auf die Füße fällt.
Mir wird also nicht das Herz beschwert
Wenn das Oberste sich zuunterst kehrt.

Am Abend des Tages der Selbstgewissen
Verlasse ich heiter das Ruhekissen