Wissen wohin

Willst du wissen — willst du nicht
Wo entlang die Wege führen
Willst du nur nach vorne stieren
Mit dem Köder vorm Gesicht?

Ach, die Leute werden schneller
Werden wilder, werden mehr
Nach dem Gelde drängt das Heer
Schlägt für Gulden, feilscht um Heller.

Rechts und links von all den Zügen
Liegen Leichen deiner Träume
Die verbrannten Paradiese
Müllbedeckte Rückzugsräume.
Aus dem Abfall wuchern Lügen
Wie so schön die Wettbewerbe
Wie so fair die Leistungsdaten
Wie so kühn die Heldentaten.
Glück ist Gold. Du kannst dich fügen.

Oder lieber innehalten
Deine wunden Füße fragen:
Lohnt das Ziel, die Last zu tragen?
Zähle deine Kummerfalten
Und dann gib dich nicht geschlagen.

Zukunft

Ich kann schon meine Tage zählen, wenn ich will
Denn mein Karriereplan ist ziemlich endlich
Und meine Umwelt sagt mir, deftig- ländlich:
Du hast die Zukunft hinter dir, sei still.
Das ist mir recht. Denn Zukunft ist ein Ding
Von dem zu wissen keine Freude ist
So lehrte uns der Heiland, Jesus Christ,
Der kannte sie, eh er am Kreuze hing.
Er wusste vorher, wie man ihn verriete
dass Niedertracht sein Leben enden ließ
Er nahm sein Los, die allerschlimmste Niete
Und starb als Sündenbock fürs Volk, das ihn verstieß.
Dass er es tat, ließ eine Welt erstaunen
Und feite manchen späteren Sündenbock
Dem lustvoll ausgerissen wurden die Kaldaunen
Den man im Stillen hing, erschlug vorm Lagerblock
Erschoss, verbrannt’ zum Gaudium der Masse
Auf dass Gottvater ihre Schuld erlasse.
Die Zukunft ist ein seltsam Ding geblieben
Von dem seit Angedenken eins nur sicher ist:
Wer je sich als ihr Herr beschrieben
Beschloss als Mörder seines Lebens Frist.
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Der menschliche Makel

Wir kommen in die Welt befleckt mit Blut
Und unsre Hände zucken nach dem warmen Roten
Die Bilder reißen unsere Augen auf
Kälte deckt unsre Haut
Ins Leben trägt ein eigener geller Schrei
Darin ist Trennung. Eins wird zwei.

Durch Wachstum werden wir uns selber fremd.
Gewesen ist: Die eigenen Schmerzen tragen
Ein jegliches Erlangen ist Entsagen
Das Wirklichsein erstickt die Möglichkeit
Ein kleines Wissen tötet tausend Träume
Nur ein erfahrener Augenblick ein hoffnungsvolles Jahr.

Glück macht uns blind und unsere Schuld ist wahr.

Mondgesicht

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Mein Mond kommt übern Berg und schaut mich an
Ein Dunkel ändert seinen Sinn, die Wolken leuchten.
Kühl, silbern, kostbar übern Himmel hin
Verteilt das Sternenlicht sein zwinkerndes Gerätsel.
Kometen zieh’n und Schnuppen durch die Träume.
Kein Wunsch bleibt ungewünscht in dieser Nacht.
In diesen Fernen schwinden alle Nöte
In diesen Fernen stirbt uns nichts und nie
Erwacht ein Wesen uns die Welt zu lösen
In Glück und Räusche fleischlicher Begierde.
So trösten sie uns über den Verlust
Und den Verzicht und die versagten Wünsche
So oft wir wollen, und das ist zu oft
Um nicht des Universums letzten Winkel
Ganz zu erfüllen mit der Welt, von uns erhofft.

Komm, lieber Mond, eh alle Zukunft schwindet
Verstopft von unerfüllbarem Begehren
Du steinern klagendes Gesicht, komm, sieh mich an
Du sollst heut Nacht mich wieder hoffen lehren.

An den Hebeln

Sie drehen an den Schrauben
Und halten der Reden viel
Geld ist, woran sie glauben
Und Machterhalt das Ziel.

Ihr Blick geht in die Weite
Bis fast an den Tellerrand
Sie stehen dir zur Seite
In Stürmen, Flut und Brand.

Sie halten ihre Hände
Fest auf dem Portemonnaie
´s ist deins! Bist du am Ende
Dann rührt sie tief dein Weh.

Sie lutschen viele Wörter
Schön rund und glatt und hohl
Sie schmieden aus Phrasen Schwerter
Nur zu der Menschen Wohl.

Und wenn die Schwerter töten
Dann können sie nicht dafür
Du solltest für sie beten
Da draußen vor ihrer Tür.

Du hast ja nichts zu verlieren
Sie drückt die Führungslast.
Wieso lässt du sie spüren
Dass du kein Mitleid hast?

Wiegenlied

Komm, Trost der Welt, du stille Nacht
Auf deinen schwarzen Flügeln
Flieg ich dem knirschenden Getriebe weg:
Traumtief und sternenhoch, bin sonderbar
Von Hab und Gier befreit, ein Wolkenkind.
Mir fehlt nicht Lärm, Zerstreuung noch Applaus.
Ich habe, was der Welt am meisten fehlt
Wo Nacht und Traum mir meine Fesseln lösen.
Ich bin so gern ein luftiges Getier
Und werf mich meinen Lüsten ins Gesicht
Und schweife aus, verliere, rechne nicht.
Du stille Nacht, ich bin so gern in dir.
Komm, Trost der Welt, und wieg mich sacht.

Zug der Zeiten – ungefestigt

Alle Jahre, alle Monde
Zeigen mir die Wolkenzüge
Ihre sagenhaften Fratzen
Ihre kolossalen Schlachten
Rotdurchglüht und todesschwarz.
Wickeln mit lymphösen Binden
Klebrigfeucht die Frühlingsblüten
Wehen weg im kalten Ost.
Stauen sich zu Eisgebirgen
Mitten in der Sommerhitze.
Über den Gewittergipfeln
Schwingt die Sonne goldene Bänder
Und es tummeln sich die Nymphen
Nackt und rund an Brust und Hüften
Vor dem Mannsvolk in den Lüften.
So erschau ich, was ich lebe:
Ewig wiederholte Formen
Eine Welt verwehter Normen
Alles immer in der Schwebe.

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